Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917
Damals in 1917 mitten im 1. Weltkrieg sollte der eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim bleiben. Die Öffentlichkeit, die Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren.
Die Filmfabrik UFA kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe von den Amerikanern übernommen. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch nur noch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.
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»Ton mehr aufdrehen - verstärken !«
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Guido Bagier über die 1926er Tri-Ergon-Abteilung der Ufa
Guido Bagier, 1888 in Berlin geboren, studiert bei Reger Komposition und bei Reimann Musikwissenschaft. Infolge einer Kriegsverletzung an der Westfront kann er seine Karriere als aktiver Musiker nicht fortsetzen und arbeitet als Musikkritiker und Dozent in Düsseldorf.
1922 geht er nach Berlin und kommt zur Ufa, zunächst - probehalber - als Produktionsleiter im Atelier Tempelhof. Als »Musikalischer Beirat« soll er sich dann um die musikalische Untermalung der Ufa-Produktionen kümmern, er komponiert u.a. die Premierenmusik zu Ludwig Bergers "Der verlorene Schuh". 1923 erhält er den Auftrag, für die Ufa-Direktion einen Bericht über die Chancen des Tonfilm- Verfahrens Tri-Ergon zu erstellen.
Hans Vogt, Joseph Massolle und Dr.Jo Engl haben etwas realisiert - den ersten funktionierenden Lichtonfilm.
1918 haben sich die drei deutschen Techniker Hans Vogt, Joseph Massolle und Dr.Jo Engl zusammengeschlossen und am 1. Juli 1919 das Laboratorium für Kinematographie (LfK) gegründet. Sie arbeiten gezielt an der Entwicklung eines funktionierenden Lichttonverfahrens (Nadelton-Filme, unter Verwendung von Schallplatten, hat es schon vor dem Ersten Weltkrieg gegeben).
Im Frühjahr 1920 spricht ihr Apparat sein erstes verständliches Wort: »Mikroampere«. Während die technischen Erfolge anhalten, sinkt durch ständigen Kapitalbedarf (hier hat er die aufkommende Inflation nicht benannt) der wirtschaftliche Anteil der Erfinder an ihren Patenten stetig.
Februar 1921 - Das »Tri-Ergon« Verfahren funktioniert leidlich
Der erste deutsche Lichttonfilm wird die Rezitation von Goethes »Sah ein Knab ein Röslein stehn« durch die Schauspielerin Friedel Hintze, die am 26. Februar 1921 aufgenommen wird. Sam Goldwyn, zu Gast aus Hollywood, ist von dem Film begeistert, doch Investoren halten sich zurück.
Am 17. September 1922 findet im Alhambra am Kurfürstendamm erfolgreich die erste öffentliche Vorführung der sich nun »Tri-Ergon« nennenden Gruppe statt.
- Anmerkung : Hans Vogt sieht das anders, die Vorführung war eben nicht erfolgreich - schreibt er in seinem Buch.
Trotz eines positiven Gutachtens von Bagier ziehen sich die Verhandlungen zwischen Ufa und Tri-Ergon hin und die Drei müssen verkaufen, weil die Geldgeber den Geldhahn zugedreht haben.
Und am 5. Juni 1923 gehen die Rechte an den Patenten an eine von schweizer Finanziers gegründete Tri-Ergon AG Zürich über. Die Erfinder sind nur noch Angestellte der auf ihren Ideen beruhenden Firma (falsch, nicht auf den Ideen sondern auf der Realisierung der vorhandenen Ideen basierende Entwicklung).
Mitte 1925 entschließt sich endlich die Ufa, mit der schweizer Tri-Ergon AG einen Vertrag zu schließen und eigene Experimente mit dem Tonfilm aufzunehmen. Künstlerischer Leiter der Tri-Ergon-Abteilung der Ufa wird Guido Bagier.
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Ein Roman mit dem Titel »Das tönende Licht« von 1943
Über die technische Entwicklung des Films und speziell seine Erlebnisse bei der Ufa verfaßt Bagier einen Schlüsselroman, den er 1943 unter dem Titel »Das tönende Licht« veröffentlicht. Die folgenden Aufzeichnungen sind (stark gekürzt) den »Notizen über die Arbeiten der Tri-Ergon-Abteilung der Ufa vom 1. Juli 1925 bis zum 1. April 1926« entnommen, die in Tagebuchform ausgeführt sind.
1. Juli 1925
Heute begann die Einführung der für die Leitung der neu gegründeten Tri-Ergon-Abteilung der Ufa verpflichteten Herren. Es sind dies außer mir, der ich für die sogenannte künstlerische Leitung verantwortlich sein soll, der Erfinder Joseph Massolle für den technischen Teil und ein Delegierter der Produktion in Babelsberg für das kaufmännische Gebiet. (...) Zunächst handelt es sich darum, die neuen Herren mit der Art der Aufnahme vertraut zu machen und einige besondere akustische Proben durchzuführen, um die Möglichkeiten des Verfahrens festzustellen. Diese Probeaufnahmen sollen in Babelsberg gemacht werden.
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12. Juli 1925
Nahezu zwei Wochen sind verflossen. Endlich ist eine Aufnahmeapparatur so weit fertiggestellt, daß diese nach Babelsberg transportiert werden konnte. Da es sich außerdem um mehrere schwere Akku-Batterien, sowie eine Vorführungsmaschine und viele technische Zusatzteile handelte, war für diesen Transport ein Lastwagen notwendig.
Der Ton ist also nicht so beweglich, wie die Bildkamera, aber, wie ich mich aus Edisons erster Zeit entsinnte, (...) wurde ja 1891 in der »schwarzen Marie« unter ähnlichen Verhältnissen gearbeitet. Allerdings verging damals ein Jahrzehnt, bis die erste bewegliche Bildkamera dastand. Ich hoffe, daß wir es mit dem tönenden Film nicht so schwer haben!
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16. Juli
In Babelsberg geht alles sehr langsam vorwärts, denn wir stoßen bei den Leuten des stummen Films auf den hartnäckigsten Widerstand. Man will von unseren »nutzlosen Experimenten« nichts wissen und ist derart mit den Aufnahmen eines im amerikanischen Stil gehaltenen Monumental-Films "Metropolis" beschäftigt, daß wir den Lieferwagen mit unseren Apparaten selbst ausladen und in einem entlegenen Schuppen provisorisch unterbringen mußten.
Ein Techniker schlief während der Nacht in dem Raum, da dieser nicht verschließbar war und Herr Massolle fürchtete, es könne seinen wertvollen Instrumenten etwas zustoßen. Es ist gut, daß bei der gegenwärtigen Hitze die Luft trocken ist, denn das Kathodophon muß sorgfältig vor Feuchtigkeit geschützt werden.
20. Juli
Wir konnten nicht einen Platz in Babelsberg finden, der für akustische Aufnahmen geeignet ist. Außerdem hat der sogenannte stumme Film die Eigentümlichkeit, die lauteste Angelegenheit der Welt zu sein. So werden wir uns anderwärts einen ruhigeren Ort suchen müssen, der nicht durch das Gebrülle der Aufnahmeleiter, das Klopfen und Hämmern der Bühnenarbeiter, die schrille Pfeife des Oberbeleuchters, das Gesurre der Scheinwerfer, das Gefauche der Maschinen und Traktoren gestört wird.
Man läßt uns gern ziehen, denn unsere Sache erregt Bedenken, - ja heftigen Kampf. Ich glaube, viele Leute fürchten den Tonfilm, weil er sie in dem gewohnten Trott des Filmdrehens stört. Man weist fernerhin vertraulich auf einen anderen Grund hin: Viele der Filmgesellschaften sind durch oder wegen eines weiblichen Stars entstanden.
Diese Damen fürchten mit Recht, daß, - wenn sie den Mund auftun und sprechen oder gar singen müssen, der Nimbus ihrer Schönheit und ihres Charmes verschwindet. Sie mögen recht haben, denn nichts ist enttäuschender, als derartige, in der Öffentlichkeit vergötterte Wesen in ihrem gewohnten Leben und Gehabe zu sehen.
Ich bin immer wieder froh, daß ich mich in diesen entlegenen Teil der Kinematographie rettete, und verschanze mich gern hinter den komplizierten Maschinen des Herrn Massolle.
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28. Juli
Nach vielen Fahrten kreuz und quer durch die Umgebung Berlins haben wir endlich in dem östlichen Vorort Weißensee den Platz gefunden, an dem wir uns niederlassen werden. Es sind verlassene alte Ateliers einer in Konkurs gegangenen Filmgesellschaft (von der Phöbus-Film ?? oder der May-AG ?? oder die May-Film-GmbH ?? oder die Vitascope ??), die wir beziehen wollen. Hoffentlich ist dies kein böses Vorzeichen! (...)
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- Anmerkung :Werfen Sie einen Blick in des Büchlein von Hans Vogt, einem der Tri-Ergon Entwickler. Hier wird es etwas anders berichtet.
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18. August
Endlich sind wir mit allen Apparaten, Maschinen und Zubehörteilen in Weißensee gelandet. Die ersten Aufnahmen in dem veralteten, verwahrlosten Atelier waren so schlecht, daß Herr Massolle mit Recht ablehnte, weiterhin dort zu arbeiten.
Besonders machte uns der Lärm der vielen Spatzen zu schaffen, die sich unter den Dächern eingenistet haben. Obwohl wir auf die Jagd gingen und eine Anzahl mit Schrot abschossen, traten immer gerade dann Störungen ein, wenn wir eine recht diffizile Sache aufnehmen wollten.
Da auch sonst die verfallenen Gebäude für einen größeren Aufnahmebetrieb nicht in Frage kommen, wurde von der Direktion beschlossen, für 200.000 Mark (andere Quellen sprechen sogar von 250.000.-) ein großes besonderes Tonfilmatelier zu bauen, das auf dem freien Gelände in Weißensee mit allen Einrichtungen für die Erfordernisse der Tonaufnahme errichtet werden soll. Unsere große Freude über diese unerwartete Mitteilung war verständlich.
Der Grund dieser Maßnahme sollte mir bald klar werden. Die Ufa steckt plötzlich viel Geld in den sprechenden Film, da man hört, daß man in Amerika dem Tonfilm große Chancen gibt. Namentlich macht Mr. Fox mit seinen Case-Patenten von sich reden, aber auch Lee de Forests Phono-Filmgesellschaft soll von neuem arbeiten. (...)
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30. August
Ich erhielt ein Schreiben, (...) daß drüben die General-Electric mit der Western-Electric-Gruppe, die wiederum mit der American Telephone and Telegraph Co. (ATT) zusammenarbeitet, die Gründung der Radio Corporation of America, mit der Abkürzung "R.C.A.", durchführte. An dieser Gellschaft ist auch die dritte große englische Firma, die Westinghouse-Electric Co. beteiligt (...).
Da der Western Electric die großen Anlagen der Bell-Telephon-Laboratories Research zur Verfügung stehen, die General-Electric ihre Leute in Schenectady hat, kann man sich vorstellen, was dieser Block bedeutet. Wäre es nicht auch für uns besser, wenn wir uns an die großen deutschen elektrischen Gesellschaften, die Siemens-Gruppe und AEG wenden würden?
Aber als ich diesen Gedanken nur andeutete, wurde er von den Tri-Ergon-Leuten heftig abgewiesen. Sie haben den Ehrgeiz, alles allein machen zu wollen. Ich kann dies begreifen, nachdem sie, wie Seeger ausplauderte, in den ersten Jahren bei einer Gesellschaft Seibt in Berlin nichts vorwärts kamen und auch in der Lorenz-AG, die sich intensiv auf dem Radiogebiet betätigt, für die Dauer keine rechte Fühlung fanden.
Nun kommt das Geld von Textilindustriellen aus der Schweiz, die bestimmt keine technischen Kenntnisse besitzen, aber, wie ich voraussehe, desto bessere Kaufleute sind. Wenn Herr Direktor Constam in den nächsten Tagen hier ist, wird sich ja vieles aufklären.
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18. September 1925
Gestern verließ Herr Constam Berlin. Die letzte Woche brachte sehr heftige und für alle Beteiligten unerfreuliche Verhandlungen, in deren Verlauf ich den Inhalt des Vertrages, den die Ufa am 31. Januar 1925 dieses Jahres abschloß, genau kennenlernte.
Danach erwarb die Ufa nur eine Lizenz für die Gebiete in Mitteleuropa, nicht aber für Italien, Frankreich, Skandinavien und Übersee. In sehr geschickter Weise verstand man, diesen Vertrag in der Form einer Option, die bis zum 31. Dezember des Jahres läuft, auf die ganze Welt auszudehnen.
Man sieht hier, welches Interesse Amerika an der Entwicklung des tönenden Films hat, und bereitet sich auf die Konkurrenz vor. Da es weder in Europa noch in den Staaten ein dem Tri-Ergon-Verfahren ebenbürtiges Tonfilmsystem gibt, hat die deutsche Ufa jetzt eine große Chance in der Hand.
Die Ufa verpflichtete sich ihrerseits, sogleich mit den Vorbereitungen zu einem abendfüllenden Film zu beginnen. Beweis dieser Absicht ist der Bau der Riesenhalle in Weißensee, der bald eine andere, ähnliche in Babelsberg folgen soll, wenn man erst einmal genügende Erfahrungen in der schwierigen akustischen Technik gesammelt hat.
Sodann übernimmt die Ufa die (Tri-Ergon-) Werkstatt in der Köpenicker Straße mit 24 Angestellten, um die Lampen für die Aufzeichnung und Wiedergabe, sowie die Projektoren, Statophone und alle Ersatzteile selbst herzustellen. Man wird sogleich 25 Tonbild-Vorführungs-Apparate bauen, als deren Grundlage die Type Magnifizenz-Krupp-Ernemann gewählt wurde, da sich bei dieser der Zusatzteil für den Ton am besten unterbringen läßt.
Übt die Ufa die Option am 31. Dezember 1925 aus, so wird der Vertrag über 18 Jahre laufen, also ungefähr der Laufzeit der hauptsächlichen Schutzrechte entsprechen. Die Kosten für die Patente soll die Tri-Ergon AG Zürich begleichen, da sie die Inhaberin dieser Rechte bleibt.
Mit diesem Vertrag sicherte sich die Ufa die Möglichkeit, den Tonfilm in der ganzen Welt zu beherrschen und die Amerikaner prinzipiell nicht nur auszuschalten, sondern von Deutschland abhängig zu machen. Alles das, was Deutschland bei der Entwicklung des stummen Bildes versäumte, kann jetzt nachgeholt werden.
Sehr unangenehm gestalteten sich die persönlichen Dinge, da das Schreiben des Herrn Massolle (jetzt bei der UFA) den Anlaß zu einer heftigen Kritik an der augenblicklichen Güte des Verfahrens gab.
Herr Massolle wurde durch die Art und Weise dieser Debatte derart getroffen, daß er selbst auf weitere Mitarbeit bei der Ufa verzichtete. An seine Stelle tritt ein anderer der drei Erfinder, Herr Dr. Jo Engl, ein Physiker, der sich vor allem mit dem wissenschaftlichen Teil der Erfindung befaßte. (...)
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15. Oktober 1925
Heute früh teilte mir Herr Deutsch, der sich stets Herr Direktor nennen läßt, mit, daß statt des geplanten Großfilms von unserer Abteilung vorerst nur ein "kleines Bild" mit Ton in einer Länge von ungefähr 1.200 Meter, das heißt einer Laufzeit von 45 Minuten, hergestellt werden solle. Man habe hierfür vier Gründe:
- 1. Das neue Atelier müsse auf seine Fähigkeiten hin ausprobiert werden, ehe man sich an einen großen Film heranwage.
- 2. Man müsse das technische Personal einarbeiten.
- 3. Man müsse sehen, ob man den richtigen »künstlerischen Stil« für den kommenden Tonfilm finde.
- 4. Man dürfe nicht zuviel Geld ausgeben, da nach den neuesten Richtlinien der Bank Sparen die Losung sei.
Herr Deutsch schloß pathetisch mit den Worten: »Meine Herren, ich erkläre Ihnen: auch so kann man zeigen, welche Bedeutung der Tonfilm für unsere Industrie und für die Welt hat!«
Ich bin sehr niedergeschlagen, denn nun wird aus den kühnen Plänen nur wieder eine halbe Sache! (...)
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18. Oktober
Es wurde uns befohlen, einen für die Weihnachtszeit geeigneten Stoff zu suchen, dessen Vorführungsdauer 20 Minuten nicht übersteigen darf. Wir sind also in das sogenannte »Beiprogramm« hereingerutscht - die Folge der Krise des stummen Films!
Wir begannen sogleich mit vielen Autoren zu verhandeln.
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23. Oktober
Nach tagelangem Suchen kam heute ein Vertrag mit einem Dichter, Hans Kyser, zustande. Er wird uns ein Drehbuch nach Andersens schönem Märchen »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« liefern. Die Handlung spielt in der Weihnachtszeit, so daß der Wunsch der hohen Direktion erfüllt wird. Allerdings ist durch diese Wahl der Film an eine bestimmte Zeit gebunden - ob dies für den Anfang geschickt ist?
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25. Oktober
Wir besichtigen das fertige Atelier in Weißensee. In kurzer Zeit ist hier Erstaunliches geleistet worden. Die Halle hat einen vorzüglichen Ton. Durch bewegliche Vorhänge kann der Hall je nach Wunsch vergrößert oder verkleinert werden. Auch eine Vorführung wird eingerichtet, damit wir täglich die Proben, oder, wie man im Film sagt, die »Muster« abhören können.
Wir haben Glück, daß der Etat dieses Baues vor Beginn der Krise bewilligt wurde, in der sich die Ufa befindet und die ständig zunehmen soll. Es müssen (in anderen Produktionen) Unsummen verschleudert worden sein. (...)
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30. Oktober
Wir haben das ausgearbeitete Manuskript mit der Kalkulation der Direktion zur Genehmigung eingereicht und hoffen, daß wir in zwei Tagen Bescheid bekommen, um mit der Arbeit beginnen zu können.
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3. November 1925
Noch keine Antwort auf unsere Kalkulation! Es soll drüben toll zugehen! Man spricht davon, daß eine amerikanische Gruppe die Ufa erwerben will. (...)
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20. November 1925
Da uns die Direktion immer noch keinen Bescheid gab - die Verwirrung im Picadillyhaus scheint täglich größer zu werden! -, forderte ich Herrn Deutsch auf, einmal drüben vorstellig zu werden. Nach einer halben Stunde tauchte er mit hochrotem Kopf wieder auf. Man schien ihn sehr heftig und ohne Ergebnis hinauskomplimentiert zu haben. (...)
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28. November
Endlich erhielten wir die Erlaubnis, den Film gemäß der vorgeschlagenen Kalkulation herzustellen. Es vergingen genau vier Wochen, seitdem wir unser Gesuch einreichten. Macht man sich denn gar keine Gedanken darüber, was es heißt einen ersten Tonfilm zu drehen? (...)
In drei Wochen soll eine Arbeit geschafft werden, für die wir die Ruhe dreier Monate benötigt hätten. Überdies kommt der Termin der Ausübung der Option für die Weltrechte in gefährliche Nähe!
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10. Dezember 1925
(...) Wir fangen nun morgen mit den Aufnahmen des Films an. Ich habe eine Musik von 120 Partiturseiten komponiert, die Stimmen werden soeben ausgeschrieben. Die Bauten in der großen Halle wirken sehr gut: Ein Weihnachtsmarkt mit Buden und Verkaufsständen, die Fassade eines großen Warenhauses, in dessen Fenster der Weihnachtsmann steht und durch einen Trick im Fiebertraum des Mädchens durch die Scheibe auf dieses zukommt, es an der Hand nimmt und auf den Weihnachtsmarkt führt, - rechts auf der Straße die Ecke, von der aus in das Gewirr des Verkehrs das kleine Mädchen seinen Ruf: »Kauft Schwefelhölzchen!« erschallen läßt, - sodann die ärmliche Stube der Mutter des Kindes mit dem Sterbebett. Dies alles ist das Pensum der ersten Drehperiode von zwei Tagen. (...)
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13. Dezember
Leider sind die Aufnahmen teilweise so mangelhaft, daß wir sie wiederholen müssen. Der Ruf: »Kauft Schwefelhölzchen!«, den wir wohl dreißig Mal in verschiedener Tonstärke und Klangfarbe ausprobierten, liegt immer noch nicht richtig in dem akkustischen Gesamtbild. Häufig ist auch die Musik zu stark, - das Blech habe ich fast ganz fortgestrichen, da es alles andere übertönt. Auch die Bässe sind zu holzig und zu hart. Man brauchte die vierfache Zeit, um dieses alles sorgfältig herzustellen, denn die Apparate sind gut, ja viel feiner, als die Menschen, die sie bedienen.
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15. Dezember
Wir haben die Aufnahmen der beiden ersten Tage wiederholt. Heute erschienen zwei Herren von der Theaterabteilung, die uns mitteilten, die Premiere unseres tönenden Films wäre auf den 20. Dezember, das heißt in fünf Tagen, im "Mozartsaal" (am Nollendoftplatz) angesetzt. Sie "frugen", ob sie den Film sehen könnten. Man sagte ihnen nicht, daß wir noch mitten im Drehen sind. In der Stadt weiß wirklich die eine Hand nicht, was die andere tut! (...)
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19. Dezember abends
Die sogenannte Uraufführungskopie war nicht zu gebrauchen. Die Kopieranstalt vergaß das Intervall, das heißt den Abstand von 16 Bildern zwischen Ton und Bild, damit beide synchron wirken. Nun muß alles neu gemacht werden. (...)
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20. Dezember nachmittags
Da die Kopiermaschine plötzlich einen Defekt hatte, verloren wir fünf Stunden. Ich fahre soeben mit der Kopie in die Stadt ins Theater. In einer halben Stunde soll die Premiere beginnen, zu der man die angesehensten Leute einlud - die internationale Presse, Wissenschaftler und Musiker. Und wir selbst haben die Kopie nicht einmal gehört - ich denke an den Nibelungenfilm, an Kriemhilds Rache !!
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21. Dezember 1925
Es ist alles aus - die ganze Arbeit war vergeblich. Ich muß dies noch kurz notieren, ehe ich mich todmüde schlafen lege. Ich kam gerade rechtzeitig in den Mozartsaal. Der Kulturfilm war zu Ende, - unser Film wurde in den besonderen Projektor eingelegt.
Die einleitende Musik erklingt laut und sauber aus den Lautsprechern. Der Ton war gut, obwohl, vielleicht in der Hoffnung, uns zu schaden, das lebendige Orchester sich vorher bei der Begleitung des Kulturfilms besonders ins Zeug gelegt hatte.
Das Bild blendet auf - das Mädchen in der Ecke der Straße, in dem Getriebe der Wagen und des Verkehrs -, lauter Applaus bei dem Geräusch der Straße, dem Hin und Her der Fußgänger, dem Gehupe der Autos. Deutlich klingt der Ruf des Mädchen: »Kauft Schwefelhölzchen!« über der Menge - die Zuschauer brechen in lauten Beifall aus.
Dann der Weihnachtsmarkt, auf dem Weihnachtsmann in der mächtigen Gestalt des alten Diegelmann, das Mädchen, die junge zwölfjährige Else von Möllendorf, herumführt. Die Ausrufe, die Leierkästen und Drehorgeln ergeben mit der musikalischen Untermalung des Orchesters einen seltsamen, berückenden Klang. Auch diese Szene geht vorüber.
Da, als die Wanderung des Kindes über die Schneefelder hin zur Krippe der Maria beginnt, höre ich plötzlich ein merkwürdiges Fauchen in den Lautsprechern, das rasch zunimmt. Ich renne hinauf in die Vorführkabine. Seeger hat soeben nach der ersten Rolle die anschließende nebenan im zweiten Apparat anlaufen lassen.
Er ruft mir zu: »Es muß hier etwas nicht in Ordnung sein!« Der Ton wird leiser und leiser - das Publikum unruhiger und unruhiger. Ich schreie Seeger zu: »Ton mehr aufdrehen - verstärken!« Seeger geht mit dem Potentiometer bis zur letzten Grenze - die Statophone geben statt Musik nur noch ein brüllendes Geräusch von sich.
Seeger ruft entsetzt: »Die Akkus sacken ab - es muß sich an ihnen jemand zu schaffen gemacht haben!« Und ein kräftiger Fluch folgt! Nun wird es entsetzlich: Unser wundervoller Schlußchor geht in dem Zischen und Geknatter der Lautsprecher unter -das Publikum beginnt mitzuspielen - es ertönen Zwischenrufe: »Schluß!« - und in einem Gemisch von Gelächter und Protestrufen endet die Vorführung!
Blaß und kaum seiner Sinne mächtig treffe ich draußen auf dem Gang den Erfinder Dr. Engl: »Es muß jemand in der Nacht bei den Batterien Kurzschluß verursacht haben - dies ist bewußte Sabotage!«
Aber niemand konnte an dem kläglichen Ergebnis etwas ändern. War es überhaupt möglich, den Schuldigen festzustellen?
Als ich mit Kapellmeister Wagner in das Vestibül hinausschlich - der große neue Amerikaner lief gerade drinnen an, mit schmetternder Jazzmusik begleitet! -, hörte ich, wie unbemerkt von uns ein Herr, der ein Ausländer zu sein schien, seinem Begleiter zuflüsterte: »Die Sache hat geklappt - der deutsche Tonfilm ist erledigt!« (...)
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30. Dezember 1925
(...) Ich ging heute in das Picadillyhaus. Man sah mich mit schadenfrohem Lächeln an - nur Herr von Monbart drückte mir sein Bedauern aus und murmelte etwas von »Schweinerei!«.
Ich suchte das Sekretariat auf: Der Produktionschef (Pommer ?) ist fristlos ausgeschieden - er soll bereits auf dem Weg nach New York sein.
Am 1. Januar 1926 erwartet man den Eintritt eines Bevollmächtigten der Bank, der als deren Vertrauensmann vorübergehend die Leitung der Geschäfte übernimmt. Er soll gleichfalls ein Bankier sein. In der Rechtsabteilung lachte man mich aus, als ich etwas vom sprechenden Film und der bis zum morgigen Tage, den
31. Dezember, auszuübenden Option für die Weltrechte Tri-Ergon vorbrachte.
Man hielt mich wohl für etwas verrückt - jetzt, in diesem Augenblick, da mein wunderbares Mädchen mit den Schwefelhölzchen ein solches Fiasko war -, jetzt, da das ganze Gebäude der Ufa wankte, sollte man ein derartiges Risiko eingehen? (...)
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1. März 1926
In dieser Nacht ist der Vertrag zwischen der Tri-Ergon AG, Zürich, und Mr. William Fox, New York, zustande gekommen. Mr. Fox erwirbt für die Dauer der Patente die sämtlichen Rechte des Tri-Ergon-Verfahrens für die Vereinigten Staaten von Nordamerika, trägt die Patentkosten und entrichtet bei Unterschrift des Vertrages a conto der zu zahlenden Lizenzen den Betrag von 50.000 Dollar.
Mr. Fox verpflichtet sich fernerhin, eine Tri-Ergon Ltd.-New York zu gründen, in welche die erworbenen Rechte mit 50% eingebracht werden, während die anderen 50% von amerikanischer Seite bar zu zahlen sind. Das Gründungskapital dieser Gesellschaft soll 2 Millionen Dollar betragen.
Deutschland hat seinen Weltanspruch auf den Tonfilm damit endgültig verloren. Wie sagte der ausländische Herr im Mozartsaal? - »Die Sache hat geklappt, - der deutsche Tonfilm ist erledigt!!«
Ein Artikel von Guido Bagier
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