Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917
Damals in 1917 mitten im 1. Weltkrieg sollte der eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim bleiben. Die Öffentlichkeit, die Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren.
Die Filmfabrik UFA kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe von den Amerikanern übernommen. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch nur noch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.
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Nie wieder Fritz Lang!
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Ein schwieriges Verhältnis und sein Ende
»Für sie schien die Ufakrise nicht zu existieren«, schreibt Erich Kettelhut in seinen Erinnerungen. Metropolis war fertiggestellt, und das Paar Fritz Lang/Thea von Harbou begann unverzüglich mit dem nächsten Projekt.
»Sie disponierten, als gehe auch in Zukunft alles seinen alten Gang weiter und auch die Zusammensetzung des Stabes würde sich nicht ändern.«
Doch schon bald darauf verläßt der wichtigste Mann, der früher die Wünsche des Künstlers gegen die Leute von der Deutschen Bank im Ufa-Vorstand durchgesetzt hat, den Filmkonzern: Erich Pommer wird, nicht zuletzt wegen des Metropolis- Finanzdesasters, geschaßt. Die neuen Herren in der Ufa-Zentrale wollen am liebsten auch den verschwenderischen Star-Regisseur loswerden.
Die UFA hat einen Vertrag mit Lang
Aber es gibt einen Vertrag. Direktor Bausback, noch aus der alten Vorstandsriege und der einzige, der Kontakt zu Lang hat, wird beauftragt, mit dem Regisseur über die Lösung des Vertragsverhältnisses zu sprechen. Der Versuch mißlingt.
Man muß einen anderen Weg finden, und vielleicht braucht man auch gar nicht auf den Meister zu verzichten. Es gilt eben nur, so Rechtsanwalt Donner auf der Vorstandssitzung, eine Konstruktion zu finden, »um die Ufa vor Überschreitungen der Kostenvoranschläge durch Herrn Lang zu schützen«.
Die Idee ist nicht neu, man praktiziert sie mit zahlreichen Auftragsproduzenten: Der Künstler gründet eine eigene Gesellschaft, die Fritz Lang-Film GmbH; die Ufa steigt als Coproduzent ein und bekommt dafür das fertige Produkt.
So lassen sich die Kosten besser unter Kontrolle halten, und vor allem: Der Regisseur ist selbst verantwortlich, sollte er beim nächsten Mal wieder den Etat überziehen. Das eigene Risiko wird eingegrenzt, möglichst ganz abgewälzt. Lang, der sonst doch nichts von Ökonomie versteht (oder verstehen will), ist jedoch clever genug, sich den juristischen Beistand von Profis der Branche zu holen.
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Die Anwälte basteln für den neuen Vertag an einer Zwitterkonstruktion
Er läßt sich bei den komplizierten Vertragsverhandlungen von der Agentur Fellner & Somlo vertreten. Die Anwälte basteln an einer Zwitterkonstruktion: Die neu gegründete Fritz Lang-Film GmbH bringt lediglich ein Viertel der Produktionskosten als Eigenmittel auf; das finanzielle Engagement der Ufa geht über die üblichen Verleih-Vorschüsse weit hinaus, wobei wiederum zu bedenken ist, daß man zum Teil in die eigene Tasche wirtschaftet: Gedreht wird in Neubabelsberg, die Ateliernutzung stellt die Ufa der Lang-Film GmbH in Rechnung.
Wer von beiden Vertragspartnern welche Rechte erhält, wann Langs Gewinnbeteiligung einsetzt (nach Abzug der von der Ufa getragenen Herstellungskosten, der Verleihspesen und einem Prozentsatz ihrer Gesamtkosten), darüber wird zäh gerungen. Aber schließlich kommt der Vertrag zustande.
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Zwei neue Filme sind sodann ausgemacht
Zwei Filme sind ausgemacht, der erste ist "Spione". Und gleich gibt es Ärger. Lang macht, sehr zum Verdruß der Ufa, bereits Reklame für den Film in den Fachzeitschriften, da kennen die Herren von der Konzernspitze noch nicht einmal das Manuskript.
Da er nun sein eigener Produzent ist, weigert sich Lang, der Ufa das Drehbuch vorzulegen - doch wie soll man ohne dessen Kenntnis die Kalkulation überprüfen? Gleichzeitig fordern Fellner & Somlo weitere 30.000 Mark für die Vorbereitungsarbeiten, was den Unmut der Vorstandsetage nicht gerade besänftigt. Der erste Krach ist da, die Rechtsabteilung wird eingeschaltet.
Währenddessen verkauft Langs Firma schon Auslandsrechte: Die englische Kinoauswertung des noch nicht gedrehten Films geht an W. & F. London gegen Zahlung einer Garantiesumme von 12.500 Pfund Sterling.
Lang versucht die UFA auszutricksen
Die Ufa wird schlichtweg übergangen - wie kommmt sie jetzt an das Geld, das ihr eigentlich zusteht? Einklagen will man die Ansprüche nicht, sondern die Eingänge aus dem Lizenzvertrag verrechnen mit den von der Ufa aufzubringenden Produktionskosten. Wieder ein Fall für die Rechtsabteilung.
Nach monatelangem Tauziehen liegt Mitte Oktober 1927 endlich das Manuskript vor. Der Vorstand sieht seine Befürchtungen bestätigt:
»Herr Grieving teilt mit, daß das Drehbuch für diesen Film noch viel zu umfangreich sei. Auch enthalte die Kalkulation verschiedene Posten, wie eine Vergütung von monatlich 5.000 RM für Herrn Fellner, die wir nicht anerkennen können. Es wird beschlossen, vor Bereinigung dieser Fragen keine weiteren Zahlungen zu leisten.«
Es dauert einen Monat, dann liegt eine akzeptable Kalkulation auf dem Tisch. Die Herstellungskosten bis zum Höchstbetrag von 886.000 RM werden genehmigt.
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Der Etat wird mit 1 Million nicht allzu arg überzogen
Diesmal überzieht Lang nicht allzu arg den Etat: Er kommt mit einer Million aus. Es gibt die übliche Aufregung vor der Premiere: "Spione" wird erst drei Tage vor der Uraufführung fertig und muß nach Meinung der leitenden Herren gekürzt werden; auch gibt es Streit, weil die Lang-Film GmbH sich weigert, die Hälfte des Reklame-Etats zu übernehmen: Das sei allein Sache des Verleihs.
Wichtiger als solche Querelen: Der erhoffte Erfolg an der Kinokasse hält sich in Grenzen, und die Kritik reagiert zurückhaltend: Von dem neuesten Werk des genialen Filmschöpfers ist man eher enttäuscht, er habe diesmal nur »virtuos hingeworfenen Kriminalschund« produziert.
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Der zweite vertraglich vereinbarte Lang-Streifen .....
Der zweite vertraglich vereinbarte Lang-Streifen, darüber herrscht Einigkeit bei allen Beteiligten, soll ein Sensationsfilm werden, ein Sciencefiction-Knüller wie "Metropolis". Doch viel mehr als den Titel "Frau im Mond" kennt man in der Ufa-Zentrale nicht. Der Künstler läßt wieder einmal alle im Ungewissen, die Geschäftsleute werden langsam nervös.
Die Atelierdisposition gerät ins Wanken, denn Lang hat sich immer noch nicht auf den Drehbeginn festgelegt. Die Rechtsabteilung droht mit einer Schadensersatzklage, da bequemt sich der Regisseur, seinen Agenten auf die Vorstandssitzung am 2. Oktober 1928 zu entsenden.
Fellner trägt Inhalt und Besetzung des Filmprojekts vor und erklärt, man werde in zwei Monaten ins Atelier gehen, könne aber auch schon früher anfangen. Die anwesenden zehn Herren nebst ihrem Anwalt sind zunächst sprachlos, dann beißen sie sich an einer Besetzungsfrage fest: Sie äußeren Bedenken gegen den Schauspieler Fritz Rasp.
»Herr Fellner wird daher gebeten, mit Herrn Lang darüber nochmals Rücksprache zu nehmen, weil Rasp zu unsympathisch wirke.« (Der Regisseur läßt sich nicht reinreden, Rasp spielt die Rolle.)
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1929 - Der Fim soll 1.132.000 Mark kosten
Drei Wochen später liegt demselben Gremium endlich ein Kostenvoranschlag vor: 1.132.000 Mark und damit deutlich mehr als die vertraglich festgeschriebene Summe von 800.000.
Zähneknirschend wird, »da mit einem außergewöhnlichen Film gerechnet wird«, der Kostenvoranschlag gebilligt. Nein, ein leichter Partner ist der berühmte Regisseur für den Filmkonzern nicht gerade. Gut ein halbes Jahr vor Drehbeginn von Frau im Mond, im Mai 1928, hat Lang bereits wegen eines neuen Vertrages - mit
für ihn günstigeren Bedingungen - bei Direktor Correll vorgefühlt.
Als dieser den Wunsch beim Zusammentreffen des reduzierten Vorstands - Generaldirektor Klitzsch ist gerade auf Amerikareise - vorträgt, geraten die Herren ins Schwitzen: ein glatter Erpressungsversuch. Auch wenn der Regisseur Zugeständnisse macht, der Ufa nun freie Hand beim Auslandsvertrieb zusichert, die Versammlung hat doch »sehr erhebliche Bedenken«.
Trotzdem will man sich darauf einlassen, wie im Protokoll nachzulesen ist: »Im Hinblick auf die zurzeit noch bestehende Notwendigkeit, Fritz-Lang-Filme zu haben, wird jedoch beschlossen, grundsätzlich den Abschluß des in Aussicht genommenen Vertrages zu genehmigen, falls Herr Klitzsch zustimmt.«
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Klitzsch bleibt standhaft und sagt nein
Der Generaldirektor verweigert seine Zustimmung. Zwischen Berlin und New York werden Telegramme gewechselt - Correll plädiert für Lang, Klitzsch bleibt standhaft. Zunächst solle Lang seine alten Vertragsverpflichtungen erfüllen und »Frau im Mond« fertigstellen statt neue Forderungen zu stellen.
Doch Correll bringt das Thema immer wieder auf die Tagesordnung. Dem Produktionschef ist bewußt, warum er sich für Lang engagiert: Seit Murnau Deutschland verlassen, ist der Mann mit dem Monokel der einzige Regisseur von internationalem Renommee, den die Ufa im Moment vorzuweisen hat. Auch wenn beide Seiten pokern, man bewegt sich doch in Richtung Kompromiß.
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Die Story des Films ist billigste Kolportage
Der Vorstand legt die Marschroute neu fest: Regiehonorar für Lang höchstens 100.000 RM sowie 25% am Reingewinn des Films. Und Herr Fellner, der als Produktionsleiter ebenfalls engagiert werden muß, soll mit 50.000 als letztem Angebot zufrieden sein. Auf dieser Basis wird am 8. März 1929 der Vertrag unterschrieben.
Während der gewiefte Agent für ihn verhandelt, steht der Regisseur im Atelier und inszeniert ein utopisches Märchen. Es geht um eine Weltraumexpedition; 40 Waggonladungen Sand, von der Ostsee herbeigeschafft, bilden die Kraterlandschaft des Mondes.
Die eigentliche Story ist billigste Kolportage, Illustrierten-Kitsch - eben typisch Thea von Harbou. Längs Interesse gilt offenbar etwas anderem: Ihn faszinieren die technischen Möglichkeiten der Zukunft.
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Lang läßt eine 12 Meter Rakete bauen
Er hat das Buch >Die Rakete zu den Planetenräumen< von Hermann Oberth gelesen; den Wissenschaftler und dessen Assistenten Willy Ley zieht er als Berater zu den Dreharbeiten hinzu. Er will visionäre Bilder, aber keine wilde Utopie<; das Raumschiff, zwölf Meter hoch, läßt er nach Anweisung der Experten bauen.
Für die eindrucksvollste Filmpassage, das Herausfahren und den Abschuß der Rakete, erfindet er gar den Countdown. Vier Jahrzehnte vor dem ersten bemannten Raumflug zum Mond gedreht, wirken die Bilder von den Startvorbereitungen fast wie Dokumentaraufnahmen.
Lang, verliebt in sein Riesenspielzeug, kümmert sich nicht um die Finanzierung seiner Raketen-Träume. Ein Reporter schildert die Atmosphäre während der Dreharbeiten:
»Mit imponierender Ruhe dirigiert der Regisseur Fritz Lang die Aufnahmen. Trotzdem jede Minute soundsoviel hundert oder vielleicht tausend Mark kostet, kann ihn nichts in seiner Gemütsruhe stören. Seine Gattin Thea von Harbou sitzt in einem Klubsessel, der sich absonderlich genug in dieser unwirklichen Mondlandschaft abnimmt, neben ihm.«
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Schon wieder gibt es bei der UFA ein böses Erwachen
Für den Vorstand gibt es ein böses Erwachen. Das Protokoll vermerkt am 8. Februar 1929: »Herr Correll teilt mit, daß der Film, der auf 1.132.000 RM kalkuliert war, um 150.000 überschritten werden soll.«
Nach längerer Diskussion wird dies genehmigt. Einen Monat später zeichnet sich ab: Auch das wird nicht reichen. Der Vorstand zieht die Notbremse: Am 15. März wird die fällige Zahlung an die Fritz-Lang-Film GmbH storniert.
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Jetzt ist die Kalkulation bei 1,6 Millionen RM
Correll läßt Ermittlungen anstellen, das Ergebnis: Selbst unter Berücksichtigung aller möglichen Einsparungen dürfte der Etat nochmals um 150.000 Mark überschritten werden, die Produktion also knapp 1,6 Millionen RM verschlingen. Lang genug hatte man sich an der Nase herumführen lassen, nun reicht die Ufa Klage auf Schadensersatz ein.
Die laufenden Dreharbeiten können ohne größeren Schaden nicht unterbrochen werden, also verständigen sich die streitenden Parteien auf folgendes Agreement: Da dringend Geld gebraucht wird, zahlt die Ufa 100.000 RM, behält sich aber das Recht auf Rückforderung und Berechnung von Zinsen vor.
Im Gegenzug verpflichten sich Fellner & Somlo, den Conrad Veidt-Film "Braut Nr. 68" in den Ufa-Ateliers Neubabelsberg zu den üblichen Mietpreisen zu drehen. Die Öffentlichkeit erfährt davon nichts.
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Und genau jetzt revolutioniert der Tonfilm die Filmkunst
Gleich nach der Fertigstellung scheint der utopische Film schon hoffnungslos veraltet: Der Tonfilm revolutioniert die Filmkunst. Lang scheint zunächst nicht abgeneigt, Frau im Mond nachzusynchronisieren. Doch plötzlich widersetzt er sich allen derartigen Plänen und führt künstlerische Gründe an. Der Rhythmus des Films würde zerstört.
Der Vorstand ist verzweifelt, macht aber das beste draus: Die Premiere wird auf Mitte Oktober 1929 festgesetzt.
- »Dieser Termin soll unter allen Umständen eingehalten werden, um Wirkung und finanziellen Erfolg des Films nicht dadurch zu gefährden, daß sein Anlaufen in der Zeit des allgemein und lebhaft einsetzenden Tonfilmgeschäftes erfolgt.«
Die Presse-Propaganda läuft auf Hochtouren, und die deutschen Rundfunksender, ein absolutes Novum, übertragen live die Uraufführung. Am Reklame-Etat hat man nicht gespart (50.000 RM), auch wenn die Idee, Leute mit Fernrohren auf die Straße zu stellen, verworfen wird.
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Lang und die Ufa - Sponsoren der deutschen Raumschiffahrt
Bleibt noch als spezieller Werbegag Prof. Oberth. Lang und die Ufa lassen sich in der Öffentlichkeit als Sponsoren der deutschen Raumschiffahrt feiern: Sie wollen die Versuchsrakete des Professors finanzieren, der inzwischen eine Abschußrampe auf der Greifswalder Oie (wo ist denn das ?) gebaut hat.
(Erst wollte er die Rakete in Babelsberg starten, aber nach den ersten mißglückten Experimenten hatte der Vorstand Angst bekommen und im Juli beschlossen, »derartige Versuche auf unseren Grundstücken, wo es auch immer sei, oder in deren Nähe nicht zuzulassen«.)
Die Kosten für diese PR-Aktion belaufen sich auf 7.500 RM (was die Ufa durch die Vergabe des Film- und Fotomonopols wieder hereinzubekommen hofft). Als sich der Raketenstart immer weiter hinauszögert und damit vom längst erfolgten Kinostart abkoppelt, zieht man die Finanzierungszusage klammheimlich zurück: Den Werbeeffekt hat man bereits ausgenutzt, nun kann man drauf verzichten und das Geld sparen.
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Der angeleierte Presserummel übertönt die seriöse Kritik
Der Presserummel übertönt die seriöse Kritik, die von dem neuesten Lang-Streifen durchweg enttäuscht ist: ein Riesenbluff, leer und inhaltslos, eine maßlose Verschwendung von Arbeitskraft und Geld, so der allgemeine Tenor der Rezensionen. Die Kritik zielt auch auf die Ufa: »Wie lange noch will die größte deutsche Filmgesellschaft ihre Millionen an solchen Seifenschaum verpulvern?«
Vehement verteidigt den Film nur eine Zeitung: Im Nazi-Blatt "Der Angriff" wird Lang hochgelobt zum »europäischen Antipoden des Amerika-Films«; seine Kritiker werden rüde abgefertigt als Moskautreue Journaille: »In jeder Ufa-Kritik vollbringt diese dritte Garnitur der kleinasiatischen Schreibergilde einen politischen Abort, um dem verhaßten Hugenberg >das Geschäft zu vermasseln<.« Im Oktober 1929 werden derartige Hetzartikel aus der Nazi-Presse noch nicht allzu ernstgenommen.
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Die schmutzige Wäsche wird später gewaschen.
Drei Wochen nach der Premiere fällt der Vorstand am 11. November eine Entscheidung: »Aufgrund der Kostenüberschreitungen Frau im Mond, insbesondere der NichtVerwendung gedrehter Szenen in der endgültigen Fassung des Films sowie der Weigerung Fritz Langs, Tonfilme herzustellen, wird beschlossen, den Vertrag II vom 8. März 1929 fristlos aufzukündigen, von ihm vorsorglich zurückzutreten und ihn wegen Irrtums anzufechten.«
Wieder Arbeit für die Rechtsabteilung. Der Prozeß um die Schadensersatzforderung wird per Vergleich im Februar nächsten Jahres beigelegt: Lang erhält 100.000 RM und verzichtet dafür auf seine Gewinnbeteiligung.
Die Ufa ist ihren einstigen Star-Regisseur endgültig los.
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Schon wieder ein Irrtum bei der UFA
Die Herren in der Vorstandsetage glaubten wohl, jetzt auf Fritz Lang verzichten zu können, zumal der ja nur ein Stummfilmregisseur war.
Da hatten sie sich gründlich geirrt: Gleich mit seinem ersten Tonfilm "M" erweist sich Lang als Könner, der die technische Innovation zu Kunst macht. "M" wird produziert von einer kleinen, unabhängigen Firma, die Nero-Film des Seymour Nebenzahl. Für die Ufa ist das Kapitel Lang abgeschlossen, der Regisseur zu einer Unperson geworden.
»Mit Rücksicht auf die früheren Differenzen und die damit zusammenhängenden großen Verluste für die Ufa soll mit Fritz Lang keine geschäftliche Verbindung mehr aufgenommen werden«, heißt es kategorisch. An den Rand dieses Protokolls, datiert 14. Juni 1932, fügt Generaldirektor Klitzsch eigenhändig hinzu: »Im übrigen ist beschlossen worden, daß sämtliche leitenden Herren der Ufa L. mit >kühler Reserve< behandeln!«
Ein Artikel von Michael Töteberg
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Kein Rokokoschloß für Buster Keaton
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Erich Mendelsohn baut das Universum-Kino
Die Firma Prox Immobilien offeriert im September 1975 ein interessantes Objekt in der exklusiven Citylage Berlins.
>Das unbelastete Grundstück ist mit einem abrißreifen Altbau bebaut<, heißt es im Angebot. Doch die Spekulanten können ihr Geschäft - als Kaufpreis werden fünf Millionen genannt - nicht unbemerkt über die Bühne bringen.
Professor Julius Posener, Architektur-Historiker an der Akademie der Künste, alarmiert die Presse; die aufgeschreckten Kommunalpolitiker sprechen von einem Skandal. Schließlich handelt es sich bei dem Gebäude, das unbedenklich der Spitzhacke zum Opfer fallen soll, um das "Universum Kino am Lehniner Platz", das allgemein als erstes Musterbeispiel eines modernen Lichtspieltheaters gilt.
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Wir gehen zurück ins Jahr 1928
Die letzte, bisher unbebaute Lücke im Kurfürstendamm wird 1928 geschlossen: Die Woga (Wohnbaugenossenschaft AG) hat das Grundstück erworben und erteilt dem Architekten Erich Mendelsohn den Auftrag für einen fünfgeschossigen Wohnkomplex inkl. Läden, einem Theater (dem Kabarett der Komiker) sowie einem Kino.
Mendelsohn gelingt ein großer Wurf: Statt der üblichen Prachtbauten, den mit allerlei Zierrat ausgestatteten Filmpalästen, die luxuriös wirken sollen und doch nur eine billige Imitation konventioneller Theater-Bauten darstellen, konstruiert er einen neuen Kino-Typ: sachlich und schnörkellos, trotzdem formschön und kühn in der dynamischschnittigen Linienführung der Fassade und der Innenräume.
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In 1930 erschetnt das Buch über Erich Mendelsohn
In dem 1930 erschienenen Buch >Erich Mendelsohn. Das Gesamtschaffen des Architekten< skizziert er seine Arbeit:
- »Lichtspieltheater der Ufa für 1800 Personen. Äußerer Aufbau aus der Grundrißdisposition entwickelt. Vorgebauter zweigeschossiger Ladenkranz, Eingangs- und Kassenhalle, Zuschauerhaus mit leicht geneigtem, nach hinten sich verjüngendem Schildkrötendach, Aufzugsschacht der Bildleinwand, Entlüftungsschacht mit schmalem, zum Kurfürstendamm vorgezogenem Reklameturm.«
Der bewußte Verzicht auf Glitzer und Ornamente steht für die Emanzipation der neuen Kunstform: Der Film ist den Kinderschuhen entwachsen, er ist jung und modern, er braucht keine Anleihen beim Theater, sondern ist auf der Höhe des Zeitgeistes: Neue Sachlichkeit.
Funktional und ohne Schnörkel auch der Innenraum. »Schwebende Decke, konzentrisch in Leuchtrippen aufgelöst. Gehäuse der mechanischen Orgel in den Schwung der Rangkurve einbezogen, also Konzentration des Zuschauers auf die Bildfläche nach Art einer photographischen Kamera.«
Was hier in dürren Stichworten umrissen wird, bringt der Architekt am Tag der Eröffnung auf eine griffige Formel: »Kein Rokokoschloß für Buster Keaton.«
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Das neue Kino - von Anfang an ein Sorgenkind der Ufa
Das architektonische Meisterwerk ist jedoch von Anfang an ein Sorgenkind der Ufa. Die Verhandlungen mit der Woga zögert man hinaus, versucht in der Zwischenzeit, vergeblich, die amerikanischen Partner Paramount und M-G-M an dem Projekt zu beteiligen. Schließlich wird am 5. Mai 1927 der Vertrag unterzeichnet.
Doch am liebsten will man das noch im Bau befindliche Kino gleich wieder abstoßen. Am 23. April nächsten Jahres wird offiziell der Beschluß gefaßt, »daß gegen eine Abgabe dieses Theaters an Dritte, sofern dies nicht eine sowjetrussische Tendenzen folgende Gruppe ist, keine grundsätzlichen Bedenken bestehen«. Nur: es gibt keinen Interessenten.
Ohne großes Engagement wird auf den Vorstandssitzungen der Fortgang der Bauarbeiten verfolgt, und selbst als die Eröffnung kurz bevorsteht, ist die Stimmung eher unterkühlt.
»Es wird erörtert, ob eine Festlichkeit veranstaltet werden soll«, heißt es lakonisch im Protokoll vom 13. September 1928. »Die Meinungen darüber sind geteilt.« Direktor Lehmann hat grundsätzliche und finanzielle Bedenken, doch Correll kann sich durchsetzen.
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Das Probem ist die Lage am Ende vom Kudamm
Seine Idee verursacht keine zusätzlichen Kosten: Das Universum wird eröffnet mit der Uraufführung von Looping the loop, die Premierenfeier fällt zusammen mit den Einweihungsfestivitäten.
Das Universum liegt am weniger attraktiven Ende vom Kudamm, vielleicht ist auch schlicht kein Platz mehr in der Berliner Kinolandschaft für ein neues Großkino. Durch gezielte Werbemaßnahmen hofft man, die ausbleibenden Besuchermassen doch noch anzulocken.
»Um das Theater in dem zahlungskräftigen Publikum seiner engeren und weiteren Umgebung noch besser einzuführen«, beschließt gut drei Monate nach der Eröffnung der Vorstand, eine »Spezialreklame« an sämtliche privaten Telefoninhaber im Berliner Westen zu verteilen. Offensichtlich haben solche Aktionen nur wenig Erfolg.
In der Bilanz der Theater-Abteilung bleibt das Universum immer ein Negativposten, der mit einem Verlust von ca. 50.000 Mark jährlich zu Buche schlägt. Kein Wunder, daß in regelmäßigen Abständen darüber diskutiert wird, ob man das Universum - es gehört sowieso nicht zu den Uraufführungstheatern des Konzerns - nicht besser aufgeben sollte.
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1935 - Die UFA soll das Kino halten
Ab 1935 kann der Mietvertrag jährlich zum 1. Oktober gekündigt werden. In diesem Jahr plädiert Grau dafür, das Kino zu halten — mit Blick auf die Olympiade:
Das Universum ist »das dem Stadion nächstgelegene Ufa-Theater«, mit einer erhöhten Besucherzahl sei zu rechnen. Im nächsten Jahr argumentiert er mit den Plänen der Stadt, das U-Bahn-Netz auszubauen. Die Vorstandsherren wollen ihren politischen Einfluß geltend machen:
- »Die Bestrebungen zum Weiterbau der Untergrundbahn über die Station Uhlandstr. hinaus sollen in geeigneter Weise durch die Ufa unterstützt werden, da durch die Verlängerung dieser Linie eine Hebung der Besucherzahl des Universum zu erwarten ist.«
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Ein genialer Tausch - das Universum gegen den Tauentzien-Palast
Das Problemkino im Ufa-Theaterpark wird unterdessen auch für andere Zwecke genutzt: als Synchronstudio, z. B. für den Film Savoy-Hotel 217. (Dafür fallen dann auch einmal die ersten regulären Kino-Vorstellungen aus.) Am l.Juni 1937 kann Grau endlich eine akzeptable Lösung präsentieren: Die Ufa tauscht das Universum gegen den Tauentzien-Palast der Tobis.
Aus Universum wird Luxor-Palast und dann Halensee-Palast
Der Mendelsohn-Bau heißt nach dem Besitzer-Wechsel 1937 Luxor-Palast und wird 1943 nochmals umbenannt in Halensee-Palast. Im Bombenhagel der letzten Kriegsmonate wird das Kino stark beschädigt; der Innenraum brennt völlig aus.
Aus dem Halensee-Palast wird 1950 das "Capitol"
Bei der Wiedereröffnung 1950 sind aus einem Filmtheater zwei geworden: Aus dem ehemaligen Kassenraum wird das Studio, aus dem verkleinerten Saal das Capitol. Doch der Abwärtstrend ist nicht mehr zu stoppen: Nach dem großen Kinosterben wird aus dem ehemaligen Musterbau ein Musicaltheater, schließlich ein heruntergekommener Tanzschuppen. Sein Schicksal scheint besiegelt.
Doch das "Universum" wird vor der Abrißbirne gerettet: Die Schaubühne zieht vom Halleschen Ufer zum Lehniner Platz. Zuvor muß das marode Gebäude jedoch gründlich saniert werden. Es stellt sich heraus, daß die Statik zu wünschen übrig läßt, die alte Konstruktion schadhafter ist als vermutet, der Raum den Erfordernissen des Theaters nicht entspricht.
Von einem Umbau kann man kaum sprechen: Eigentlich wird das "Universum" abgerissen und neu aufgebaut. Dabei geht man mit geradezu denkmalpflegerischer Sorgfalt an die Arbeit; selbst architektonische Details - wie die unterteilten Bandfenster oder die Messing-Türgriffe - werden akribisch rekonstruiert.
Sogar die alte Ziegelei, die vor 35 Jahren von Mendelsohn beauftragt worden ist, spürt man auf und läßt sie Repliken der Original-Steine anfertigen. Die Kosten der dreijährigen Bauzeit, ursprünglich auf 40 Millionen DM geschätzt, übersteigen bald das Doppelte.
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Die Eröffnung die Schaubühne im Herbst 1981
Im Herbst 1981 eröffnet die Schaubühne ihr neues Haus mit Peter Steins Inszenierung der >Orestie< des Aischylos. Der von Jürgen Sawade geleitete Umbau, der die historischen Vorgaben geschickt verbindet mit dem Wunderwerk der neuesten Bühnentechnik, wird international gerühmt im Feuilleton wie in den Architektur-Fachzeitschriften.
Die Rettung des Universums hat nur einen Schönheitsfehler: Das einstige Musterbeispiel für den neuen, modernen Kino-Typ ist kein Filmtheater mehr, sondern eine Schauspielbühne.
Ein Artikel von Michael Töteberg
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