Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917
Damals in 1917 mitten im ersten Weltkrieg sollte er eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim leiben. Die beteiligten Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren. Der Koloss kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe amerikanisch. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.
.
Filmfreunde ? - Freunde notgedrungen mitten im Krieg
.
Die Gründung der Ufa 1917
Zwei Gründungsszenarien der Ufa werden seit Jahrzehnten gehandelt:
1. Szenario:
.
- Ludendorff erkennt im zweiten Kriegsjahr, spätestens aber nach seiner Ernennung zum Ersten Generalquartiersmeister der Obersten Heeresleitung (OHL) am 28. August 1916, die Bedeutung filmischer Propagandaarbeit. Er richtet Anfang 1917 das Bild- und Filmamt (Bufa) ein, findet im Leiter der Militärstelle des Auswärtigen Amtes, Oberstleutnant von Haeften, und seinem persönlichen Referenten und Pressechef des Kriegsministeriums, Major Grau, zwei entschlußsstarke Mitarbeiter, verfaßt mit ihnen am 4. Juli 1917 ein Memorandum zur Situation des deutschen Films im Kriege, läßt Kontakte zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank Emil Georg Stauß herstellen, beauftragt ihn mit der Kapitalbeschaffung, überredet zaudernde Vertreter anderer Reichsministerien (Reichsschatzamt, Außenministerium, Ministerium des Innern), macht 7,5 (in anderen Darstellungen 8) Millionen Mark aus der Reichskasse flüssig und wird somit am 18. Dezember 1917 zum Vater der Ufa.
2. Szenario:
.
- Der umtriebige Bankier Emil Georg Stauß, mißtrauischer Beobachter der Krupp/Hugenberg-Gruppe und insbesondere ihrer eigennützigen propagandistischen Balkan- und Orient- Aktivitäten, erkennt die Zeichen der Zeit: Die Filmindustrie scheint ein lohnendes Nachkriegsgeschäft. Er läßt seine Beziehungen zu einschlägigen finanzkräftigen zukunftsorientierten Unternehmen, zum Kaiserhaus, zum Außenministerium spielen, findet endlich in Major Grau noch einen Vertrauten Ludendorffs. Er ist sich für nationalistisches Pathos nicht zu schade - das Kriegsende scheint nahe -, denkt aber im wesentlichen daran, wie an Gelder aus der Reichskasse heranzukommen sei, um das Risiko der Deutschen Bank möglichst kleinzuhalten.
Der 1918 frisch geadelte Dr. von Stauß wird zum Vater der Ufa.
.
Ein Blick in die amtliche Geburtsurkunde der Ufa
Statt Aporien der Filmgeschichtsschreibung zu erneuern, bietet sich ein pragmatisches Verfahren an: ein Blick in die amtliche Geburtsurkunde der Ufa, in die Eintragung ins Handelsregister am 14. Februar 1918:
- »Universum-Film Aktiengesellschaft Berlin. Gegenstand des Unternehmens: Betrieb aller Zweige des Filmgewerbes, insbesondere der Filmfabrikation, des Filmmietgeschäftes und des Filmtheatergeschäftes sowie Fabrikation und Handel jeder Art, der mit dem Film- und Lichtbildgewerbe im Zusammenhang steht. Innerhalb dieser Grenzen ist die Gesellschaft zu allen Geschäften und Maßnahmen berechtigt, die zur Erreichung des Gesellschaftszweckes notwendig oder nützlich erscheinen, insbesondere zum Erwerb und zur Veräußerung von Grundstücken, zur Beteiligung an fremden Unternehmungen gleiches oder verwandter Art, zur Errichtung von Zweigniederlassungen an allen Orten des In- und Auslandes sowie zum Abschluß von Interessengemeinschaftsverträgen mit anderen Gesellschaften. Grund- oder Stammkapital: Mark 25.000.000. Vorstand: Max Strauss, Berlin (Direktor).«
Lapidar und unzweideutig - eine Sensation für die Öffentlichkeit, die erstmals in der Geschichte des deutschen Films mit einem Filmkonzern konfrontiert ist, der, ausgestattet mit einem Grundkapital, das in seiner Dimension dem des größten europäischen Konzerns (Pathe) entspricht, horizontal und vertikal strukturiert, in allen Bereichen des Filmwesens den in- und ausländischen Konkurrenten Paroli bieten soll. Die wirklichen echten Väter sind nicht auszumachen, aber das Riesenkind ist da.
.
Der deutsche Film hat nur einen Anteil von 30%
Bei Kriegsbeginn 1914 ist der deutsche Film mit einem Anteil von 30% am Markt. Durch das Verbot, Filme der Ententemächte, die nach Kriegsbeginn produziert worden sind, zu zeigen, verschieben sich die Marktanteile zugunsten der dänischen und damit neutralen Nordisk-Film, denn die wenig kapitalkräftigen deutschen Gesellschaften vermögen die Lücke nicht zu füllen.
1916 ist ein gutes Fünftel der zensierten Filme im Verleih der Nordisk. Dies erzeugt Unmut bei sich patriotisch nennenden Kreisen; aber wie gegen eine Filmmacht aus einem neutralen Staat vorgehen, ohne die militärischen und politischen Interessen zu verletzen?
.
Die Ufa-Gründer sollen Ende 1917 die Lösung finden.
Als Ludendorff im August 1916 in die OHL berufen wird, findet er die deutsche Filmpropaganda in einem beklagenswerten Zustand - nur »dürftige Einrichtungen«, die »nicht den Namen Propagandaorganisation« verdienen.
Die Zentralstelle für den Auslandsdienst hat schon im Juli 1916 bemängelt, man habe im Ausland ganze 230.000m Film zeigen können, davon wiederum nur 100.000m Wochenschauen. Skepsis der deutschen Militärs gegen den Einsatz des neuen Mediums - man sieht in den Filmleuten eher potentielle Spione als wichtige Propagandisten -, Skepsis, herrührend aus der Erfahrung mit dem als eher unmoralisch angesehenen Spielfilm, behindert die Entwicklung der deutschen Filmproduktion.
.
Und wieder wird in Deutschland mit einem Verbot reagiert
Am 15. Dezember 1914 hat das preus-sisch-königliche Kriegsministerium in seiner Zensurverordnung bestimmt, daß alle Filme zu verbieten seien, »die infolge ihrer Oberflächlichkeit und Seichtheit in die jetzige ernste Zeit nicht hineinpassen«.
Filmproduzenten wie Messter, der in einer Denkschrift die Produktion von Spielfilmen als unerläßlich zur Finanzierung von Wochenschauen und Kriegsfilmen bezeichnet, können zwar ihre Vorbehalte äußern, doch ist damit die alltägliche Willkür der für die Zensur zuständigen lokalen Polizeibehörden nicht aufgehoben.
Die staatlichen Stellen in Frankreich reagieren klüger
Ganz anders verfahren die Ententemächte. Die staatlichen Stellen in Frankreich erkennen die Nützlichkeit des Mediums. Seit Juni 1915 darf an der Front gedreht werden, in vielen Fällen gelangen die Filme schon zwei Tage später in die Kinos. Ins Ausland werden die Wochenschauen kostenlos abgegeben. Der Markt im neutralen Ausland ist fest in der Hand der Entente.
.
Kriegsmüdigkeit und eine katastrophale Versorgungslage
Ludendorff und seine Berater, nun realistisch - insofern, als sie die Kriegssituation an der Front und in Deutschland als äußerst kompliziert werten (der Krieg im Westen ist in einen verlustreichen Stellungskrieg übergegangen, Kriegsmüdigkeit, Unmutsäußerungen bis hin zum politischen Widerstand in der Zivilbevölkerung, katastrophale Versorgungslage, im Reichstag wird offen über mögliche Kriegsziele gesprochen), erkennen, es kommt unter diesen Bedingungen auf das politisch-psychische Durchhaltevermögen an.
Das BUFA und 3.000 Filmtheater in Deutschland nutzen
Der gezielte Einsatz des Films zur moralischen Aufrüstung scheint sich anzubieten. Daß man die Massen erreichen könne, dafür böten die ungefähr 3.000 Filmtheater in Deutschland die Garantie. Um die Propagandaarbeit zentral zu steuern, plant Ludendorff (bzw. seine Berater) zunächst ein Reichspropagandaamt; doch Rivalitäten zwischen Regierung und militärischer Führung verhindern dies.
Ludendorff läßt bis Kriegsende diese Idee nicht ganz fallen, doch erst Goebbels verwirklicht sie. Immerhin gelingt den militärischen Stellen unter maßgeblicher Beteiligung der Militärabteilung des Auswärtigen Amtes (Leitung: von Haeften) die Gründung des Bild- und Filmamts (Bufa) am 30. Januar 1917.
Das Bufa, nachgeordnet der Militärischen Stelle des Außenministeriums, nicht aber dem Außenminister unterstellt, ist gleichsam die fünfte Kolonne der Militärs im Außenamt. (Ab 21. Januar 1918 wird es der Nachrichtenabteilung des Kriegsministeriums unterstellt.)
1917 - Das BUFA - ganz schnell 400 Mitarbeiter
Das Bufa vereint alle regierungsamtlichen und militärischen Film-und Presseabteilungen: das Photo- und Filmzensurbüro, das Pressebüro des Generalstabes und das Filmbüro des Auswärtigen Amtes. Schnell kann ein Stab von 450 Mitarbeitern rekrutiert werden, darunter zahlreiche Fachleute aus der Filmindustrie, die ihren Militärdienst nun branchenspezifisch ableisten können.
Die Aufgabe des Bufa ist es,
- »Filmstellen im Inland mit vollkommen eingerichteten Filmfabriken, sechs Filmstellen an der Ost- und Westfront sowie im Orient ins Leben zu rufen, die Truppen mit Bildern und Filmen zu betreuen, 900 Feldkinos zu bedienen und einen Auslandsdienst zu organisieren. (...)
- Das Bufa sichert sich nun die Vertriebsmöglichkeiten in den besetzten Gebieten, tritt in eine Abwehrstellung gegen die Deutsche Lichtbild-Gesellschaft (DLG), betreut die deutschen Wochenschauen, übernimmt seit 1918 die Verteilung des Rohfilmmaterials der Agfa, versieht wöchentlich das Ausland mit Bildern, Karten, Flugschriften, Filmen und ist bemüht, die Zensur aller aus- und einzuführenden Filme bei sich zu vereinigen. Das Bufa betreibt eine eigene Filmproduktion, indem es Filme in Auftrag gibt, stellt in eigener Kopieranstalt Theaterkopien her und sorgt für den Einsatz der Filme und ihre Verbreitung im In- und Ausland.«
.
Steuerung der Rohfilmverteilung sowie Papierzuteilung
Durch die Rohfilmverteilung und die gleichzeitige Übernahme der Papierzuteilung ist der staatliche Zugriff auf die Medien gewährleistet; die staatlich gelenkte Kriegswirtschaft (» Hindenburg-Programm «) hat einen zuvor kaum berücksichtigten Bereich erfaßt.
Die herausragende Stellung des Bufa, dem für 1917 immerhin 18 Millionen Mark aus dem Reichsetat zur Verfügung stehen, führt in der Öffentlichkeit zu dem Gerücht, man wolle die Filmindustrie verstaatlichen. Auf eine entsprechende Anfrage hin im Reichstag am 17. Oktober 1917 hin dementiert man, um das freie Unternehmertum nicht zu irritieren.
Man dementiert auch, weil ein starkes finanzielles Engagement aus der Reichskasse bei gegebener Mittelknappheit für ein derart dubioses Unternehmen wie den Film kaum ohne politischen Schaden würde vermittelt werden können. Verdeckt aber laufen die Vorbereitungen für eine staatliche Intervention auf Hochtouren.
.
Dennoch, es funktioniert nicht wie geplant
Unterdes beklagt das Bufa in einem »nur zum Dienstgebrauch« verfertigten 20seitigen Gutachten mit dem Titel »Der Propagandafilm und seine Bedingungen, Ziele und Wege« die unzureichende Wirkung des deutschen Propagandafilms im In- und Ausland.
Die Erwartungen des Publikums an den Film seien durch die Vorkriegssituation geprägt:
- »Die verfeinerte und elegante Pariser Theaterkultur mit ihren reizvollen Frauen und die trainierten Gestalten der Amerikaner sind von vornherein im Film ihrer Wirkung sicher, die dem französischen und amerikanischen Film seinen riesigen Welterfolg bringt... Es ist bereits ein Filmgeschmack geschaffen, der bestimmte Spielarten des Films bevorzugt, der längst die witzigen Pariser Kombinationen, die verlogenen Sentimentalitäten und die verblüffenden Aufmachungen des Yankee-Films zum willkommenen Maßstab der Unterhaltung gemacht hat und der bereits der Geschmack der ganzen Welt ist, als Deutschland sowie der Norden und Italien anfangen, Films zu erzeugen.«
Das Gutachten reflektiert den Erwartungshorizont, den ein effektiver Propagandafilm zu berücksichtigen habe; dieser müsse so geschaffen sein, »daß er den reinen Unterhaltungsfilm schlägt«.
.
Neu : Die Sehgewohnheiten der Filmbesucher ansprechen
Ziel der Gutachter ist also nicht die Produktion von Unterhaltungsfilmen mit propagandistischen (aktuell politischen) Inhalten, sondern der Propagandafilm, der Unterhaltungsbedürfnisse besser befriedigt, sich auf die Sehgewohnheiten der Filmbesucher einläßt.
Kriegsmüdigkeit darf jedoch als Begriff nicht in einem offiziösen Papier vorkommen; also kleiden die recht ernüchterten Beobachter der Filmszene ihre Vorschläge in die Worte:
»Je länger der Krieg dauert, desto empfindlicher wird der Zuschauer für alle Versuche zur Aufklärung und Belehrung, und um so mehr wird von Fall zu Fall zu prüfen sein, ob der Gegenstand innerlich sich auch an die Seele des Zuschauers wendet.«
Um besser an diese Seele heranzukommen, gilt es, so die Gutachter, qualifiziertere Autoren, Regisseure und Schauspieler für die Arbeit des Bufa zu gewinnen. Diese aber fühlen sich offenbar beim Unterhaltungsfilm ganz wohl.
Das Dilemma: der >reine< Spielfilm soll es nicht sein, der Propagandafilm kommt nicht sonderlich gut an, der Propagandafilm mit höherem Unterhaltungswert ist noch nicht in Sicht oder kann noch nicht die Massen ins Kino locken. Dennoch lobt der Bufa-Gutachter den ersten vom Bufa in Kommission übernommenen Spielfilm "Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner" (Marsfilm, 1917) ausdrücklich wegen seiner »phantasievollen Handlung«.
Die Inhaltsangabe läßt freilich kaum vermuten, er habe die Seelen der Zuschauer erreicht:
- »Die Herren vom anderen Stern landen just in Deutschland. Und reisen umher, zur Infanterie, zu den Ulanen, zur Feldartillerie, zu den U-Boot-Fahrern, zu den Luftschiff-Kriegern, zu den Rot-Kreuz-Stationen, zu den Fernsprechern und zu den Radfahrern. Und sie finden alles ausgezeichnet und alles großartig. Endlich stellen sie kategorisch fest: »Das deutsche Volk ist das beste Volk der Welt! Die deutschen Soldaten können nicht besiegt werden!«.
.
Die Publikumserfolge sind zu deutlich geschönt
Mag Der Kinematograph auch ständig von Publikumserfolgen der Bufa-Produkte berichten, bei der Reichsführung und der OHL ist man besser informiert. Klagen über die fehlende Aktualität (es dauert zuweilen Monate, bis die Bürokratie ihr Placet gibt) und dilettantische Machart der Propagandafilme erregen eher Belustigung als patriotische Gefühle.
Das Bufa aber vertreibt weiter seine etwa 300 Filme mit so vielversprechenden Titeln wie Die Abrichtung und Arbeit eines Blindenhundes, Pferde und Viehreichtum in Rumänien. An Spielfilmen hat man ganze 14 Titel im Verleih, darunter Dem Licht entgegen (über den Einsatz von Sanitätshunden) mit Ossi Oswalda und Leo Slezak, hergestellt von der PAGU - und bald schon im Verleihprogramm der Ufa.
Wie aber eine Propaganda jenseits des Bufa-Konzepts verbessern, wie finanzkräftige Unterstützer finden? Erfahrungen mit dem Bufa haben gezeigt, daß man so nur unzureichend an die Produktionsfirmen herankommt.
Ein glorreicher Sieg wird immer unwahrscheinlicher; es muß über einen Friedensschluß und die Nachkriegssituation nachgedacht werden. Propaganda würde auch dann eine wichtige Aufgabe bleiben; sie müßte aber über den nur militärischen Bereich hinaus ausgedehnt werden.
.
Die DLG kommt wieder ins Gespräch
Die Deutsche Lichtbildgesellschaft DLG hat ihre Wirksamkeit auf dem Balkan unter Beweis gestellt; warum also nicht eine Institution schaffen, die ein umfassenderes Konzept als das Bufa haben müßte? Einflußsphären sind in Europa zu sichern und auszudehnen, eines Tages wird man auch in den USA präsent sein müssen.
Major Grau und Oberstleutnant von Haeften ist es vorbehalten, ein Memorandum zu verfassen, das diese Probleme anpackt. Ludendorff unterschreibt und sendet es dem Kriegsministerium zu: Der »Ludendorff-Brief« ist geboren. Hier nun wird der Film nicht nur als »Aufklärungs-«, sondern als »Beeinflussungsmittel« definiert.
Von der »Macht des Bildes« ist die Rede. Dies alles ist zwar noch gebunden an die Realisierung der Kriegsziele, doch auch erweitert um Reflektionen über die Beeinflussung von Friedensverhandlungen und eine wünschenswerte Einwirkung auf das Ausland nach dem Krieg.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Verfasser des Memorandums mit dem »Beeinflussungsmittel« Film Ideen wie Propagierung deutscher Kultur, deutscher Lebensart, deutscher politischer und wirtschaftlicher Macht verbinden.
Ideen, die sich mit Begriffen wie Kunst, Unterhaltung, Ablenkung, Freizeit umschreiben lassen, sind in ihrem Weltbild nicht vorgesehen: denn warum sollen sie ausgerechnet in Kriegszeiten ihr Verhältnis zum dubiosen Medium ändern?
Geplant ist eine "patriotische Großtat" ......
Filmfreunde sind also zusammengetroffen, um eine patriotische Großtat zu verabreden. Endlich kann so auch ein ungeliebter ausländischer Konzern, die Nordisk, ausgeschaltet werden. Kaufen oder durch eine Vereinigung der wichtigsten deutschen Produktionsfirmen eine starke Gegenmacht aufbauen, die Nordisk und ihre deutschen Töchter »neutralisieren«? Die Antwort heißt: kaufen!
Die kapitalschwache deutsche Filmindustrie (das höchste Stammkapital weist die PAGU mit gerade 2,2 Millionen Mark auf), so ist man sicher, wäre nicht gram, wenn man sie mit einer Kapitaltransfusion belebte.
Es gibt keinen Hinweis darauf, daß die Geldgeber sich eine genauere Vorstellung von dem Aussehen der zukünftigen Produktion machen. Im ersten Arbeitsbericht der Ufa vom Jahresbeginn 1918 findet sich die Leerformel, man habe einen Zusammenschluß in der Filmindustrie schaffen wollen, »der einerseits ein lebenskräftiges und aussichtsvolles Wirtschaftsunternehmen darstellen sollte, andererseits die Garantien dafür bot, daß wichtige Aufgaben auf dem Gebiet deutscher Propaganda, deutscher Kultur- und Volkserziehung im Sinne der Reichsregierung gelöst werden.«
.
Der Ludendorff-Brief
.
An das Königliche Kriegsministerium, Berlin
Chef des Generalstabes des Feldheeres Gr.Hpt.Qu., d. 4. Juli 1917 M.J. Nr. 20851 P.
Der Krieg hat die überragende Macht des Bildes und Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt. Leider haben unsere Feinde den Vorsprung, den sie auf diesem Gebiet hatten, so gründlich ausgenutzt, daß schwerer Schaden für uns entstanden ist.
Auch für die fernere Kriegsdauer wird der Film seine gewaltige Bedeutung als politisches und militärisches Beeinflussungsmittel nicht verlieren. Gerade aus diesem Grunde ist es für einen glücklichen Abschluß des Krieges unbedingt erforderlich, daß der Film überall da, wo die deutsche Einwirkung noch möglich ist, mit dem höchsten Nachdruck wirkt.
Es wird deshalb zu untersuchen sein,
1. wie dieser Einfluß erzielt werden kann und
2. welche Mittel anzuwenden sind.
Zu 1. Die Stärkung der deutschen Werbemöglichkeiten hat sich im Film
a) auf die Einwirkung der Filmversorgung im neutralen Ausland und
b) auf eine Vereinheitlichung der deutschen Filmindustrie zu erstrecken, um nach einheitlichen großen Gesichtspunkten eine planmäßige und nachdrückliche Beeinflussung der großen Massen im staatlichen Interesse zu erzielen.
Zu a)
Außer der feindlichen Filmindustrie besitzt in den neutralen Ländern die Nordische Gesellschaft besonderen Einfluß. Diese Gesellschaft hat sowohl in Skandinavien als auch in Deutschland und der Schweiz zahlreiche erstklassige Filmtheater. Die Nordische Gesellschaft ist somit für die deutsche Propaganda eine Macht, die schon dadurch großen Schaden anzurichten vermag, daß sie in ihrem Verhalten Deutschland gegenüber feindlich auftreten kann. Hinzu kommt noch, daß die Nordische Gesellschaft zur Zeit in der Lage ist, Filme nach Rußland zu bringen.
Was dieser Einfluß, sofern er im deutschfreundlichen Sinne durchgeführt wird, bedeuten kann, läßt sich bei der leichtbeweglichen Volks Stimmung, die augenblicklich in Rußland herrscht, kaum abwägen. Zu bedenken ist ferner, daß aller Wahrscheinlichkeit nach Skandinavien den Schauplatz für die künftigen Friedensverhandlungen abgeben wird. Gerade zu dieser Zeit bedarf es der besonderen Anstrengungen der deutschen Propaganda, um eine wirkungsvolle Aufklärung zu erzielen und manche für den Friedensschluß hindernde Auffassung zu beseitigen. Aus diesem Grunde ist es zur Durchführung der Kriegsaufgaben eine unabweisliche Notwendigkeit, schnellstens einen unmittelbaren Einfluß auf die nordische Gesellschaft zu suchen. Das einfachste und beste Mittel besteht darin, daß die Hauptanteile der Nordischen Gesellschaft käuflich übernommen werden. Gelingt das nicht, so muß eine andere Form des Anschlusses gesucht werden, die darin besteht, daß das Interesse der Nordischen Gesellschaft am deutschen Filmmarkt in höherem Maße ausgenutzt wird. Möglich ist eine derartige Vereinbarung nur, wenn es gelingt, die deutsche Filmfabrikation so zu vereinheitlichen, daß sie der Nordischen als eine geschlossene Vortragsmacht entgegentritt.
Zu b)
Abgesehen von der Erzielung eines vertraglichen Verhältnisses zur Nordischen Gesellschaft gibt es noch andere Gründe, die es erfordern, daß die deutsche Filmindustrie zu einem einheitlichen Ganzen zusammengeschlossen wird. Je länger der Krieg dauert, desto notwendiger wird die planmäßige Beeinflussung der Massen im Inland. Es müssen deshalb alle in Betracht kommenden Werbemittel systematisch zur Erreichung des Erfolges benutzt werden. Bei dem Film hat bisher nur eine gelegentliche Beeinflussung der Volksstimmung stattgefunden. - Hinzu tritt das Bestreben mancher Kreise, den Film für ihre Sonderzwecke zu verwenden.
So haben die Schwerindustrie in der Deutschen Lichtspiel-Gesellschaft und die Alldeutschen in der Gesellschaft für künstlerische Lichtspiele »Deutsche Kunst« eine Stelle geschaffen, die zu einer Zersplitterung in der Beeinflussung durch den Film führen muß. Ferner kommt noch der sehr tätige Ausschuß für Lichtspielreform in Stettin in Betracht, der bereits eine Kulturfilmgesellschaft gegründet hat.
Jede dieser Gruppen sucht, die Filmindustrie durch große Aufträge an sich zu reißen, so daß die Durchführung der Firmaufgaben des Bufa gefährdet ist. Auch aus diesen Gesichtspunkten heraus ist es dringend erforderlich, daß die deutsche Filmindustrie vereinheitlicht wird, um nicht eine wirkungsvolle Kriegswaffe durch Zersplitterung wirkungslos zu machen.
.
Zu 2.
Welche Mittel sind aufzuwenden? Da faktisch zur Beeinflussung einer Gesellschaft nur die absolute Majorität erforderlich ist, so bedarf es nicht immer des Ankaufs sämtlicher Anteile. Bekannt werden darf aber nicht, daß der Staat der Käufer ist. Die gesamte finanzielle Transaktion muß durch eine fachkundige, einflußreiche, erfahrene, zuverlässige und vor allen Dingen der Regierung unbedingt ergebene private Hand (Bankhaus) erfolgen.
Die Unterhändler dürfen in keiner Form wissen, wer der wirkliche Auftraggeber des Beauftragten ist. Bei einer Beteiligung von etwa 55% des Gesellschaftskapitals würden für die Nordische Gesellschaft in Kopenhagen etwa 20 Millionen Mark und für die deutschen Filmfabriken etwa 8 Millionen Mark aufzuwenden sein.
An deutschen Filmfabriken kommen insbesondere in Betracht:
- 1. die Deutsche Bioskop-Gesellschaft
- 2. die Messter-Film GmbH.
- 3. die Eiko-Film GmbH.
- 4. die Projektions A.G.-Union
- 5. die Deutsche Mutoskop und Biograph GmbH.
- 6. die Nationalfilm GmbH, und andere.
Wenn man beachtet, welche Summen das Ausland für Filmpropaganda ausgibt, so erscheint die vorstehende Forderung als durchaus gering. Es darf nur daran erinnert werden, daß im Lauf des letzten Vierteljahres von Seiten der Entente außerordentlich hohe Summen, über 100 Millionen Mark, für Propaganda-Zwecke bewilligt wurden, von denen der größte Teil für die Filmwerbung Verwendung findet.
Die Verwirklichung der vorstehenden Ausführungen betrachte ich als dringende Kriegsnotwendigkeit und ersuche um baldige Durchführung durch das Bild- und Filmamt. Ich wäre dankbar, wenn ich über das dort Veranlaßte in geeigneter Form unterrichtet werden könnte. Ich füge hinzu, daß es sich um werbende Ausgaben handelt.
I.A.. gez. Ludendorff
.
Der Vertreter der Deutschen Bank ist jetzt gefordert
Es ist eine offene Frage, wann Emil Georg von Stauß als Vertreter der Deutschen Bank beginnt, die möglichen Perspektiven einer starken deutschen Filmindustrie zu bedenken. Wenig wahrscheinlich dürfte die Version sein, die - inspiriert durch eine entsprechende Formulierung im » Ludendorff-Brief« - davon ausgeht, Stauß habe innerhalb weniger Monate die nötigen Kapitalien beschafft und Schwer- und Elektroindustrielle sowie Reedereien dafür gewonnen, sich auf das Abenteuer Film einzulassen.
Und jetzt wird gelogen und vertuscht was das Zeug hielt
Nachdem das Auswärtige Amt diskret beim Reichsamt des Innern darum gebeten hat, »im Interesse unserer Auslandspropaganda den Kampf gegen die "Nordische Filmcompagnie" zurückzustellen«, gelingt der entscheidende Coup: die deutschen Töchter der Nordisk gehen in eine von deutschem Kapital majorisierte Firma über; daß die Nordisk im Tausch ein dickes Paket Ufa-Aktien erhält, muß der Öffentlichkeit ebenso vorenthalten werden wie die Reichsbeteiligung.
Diese wiederum darf nicht zur Kenntnis der Nordisk gelangen; also bedient man sich für die Verhandlungen mit der Nordisk eines Strohmanns: Max Strauss, Direktor der deutsch-schwedischen Grammophonbaugesellschaft Karl Lindström AG.
Als dann auch der Kauf der Projektions-AG »Union« und des Messter-Konzerns arrangiert ist, kann am 18. Dezember 1917 die Universum-Film AG gegründet werden.
.
Und es wurde sehr geschickt vertuscht und geheim gehalten
Wie die Aktienpakete der 25 Millionen Stammkapital genau verteilt sind, ist bis heute nicht ausreichend aufgeschlüsselt worden. Lipschütz gibt 1932 an, Nordisk, Deutsches Reich und ein »Finanzkonsortium unter Führung der Deutschen Bank« hätten über je ein Drittel des Stammkapitals verfügt, Kreimeier (1992) bleibt eine genauere Aufschlüsselung schuldig.
Sicher ist nur, daß weder die Deutsche Bank noch die Nordisk noch das Reich als Aktiennehmer auftreten. Offiziell wird vielmehr folgende Aktienverteilung lanciert:
.
- Jacquier und Securius o.H.: 6,6 Mill. Mark;
- Wassermann o.H.: 3,5 Mill. Mark;
- Kommanditgesellschaft Schwarz, Goldschmidt und Co.: 6,3 Mill. Mark;
- Carl Lindström AG: 0,6 Mill. Mark;
- Fürst von Donnersmarck'sche Generaldirektion: 6,0 Mill. Mark;
- Dr. Robert Bosch: 2,0 Mill. Mark.
.
Hingegen zeigt die Zusammensetzung des Aufsichtsrats an, wer die zukünftige Strategie kontrollieren will:
- Vorsitzender ist Emil Georg von Stauß von der Deutschen Bank,
- seine Stellvertreter Landrat a.D. Ernst Gerlach (Generaldirektion des schlesischen Hüttenbetriebs Henkel-Donnersmarck) und
- der Elektroindustrielle Dr. Robert Bosch;
- außerdem Guidotto Fürst von Henkel-Donnersmarck,
- Herbert M. Gutmann (Dresdner Bank),
- Kommerzienrat Max von Wassermann (Bankhaus A. E. Wassermann),
- Kommerzienrat Paul Mamroth (AEG),
- Geheimer Kommerzienrat Hermann Frenkel (Bankhaus Jacquier und Securius),
- Oberregierungsrat Dr. Wilhelm Cuno (Hamburg-Amerika-Linie; später Reichskanzler),
- Geheimer Oberregierungsrat Carl Joachim Stimming (Norddeutscher Lloyd),
- Direktor Jacob Goldschmidt (Bankhaus Schwär, Goldschmidt und Co.; später Direktor der Nationalbank),
- Konsul Salomon Marx (Grammophonbaugesellschaft Karl Lindström AG),
- Carl Bratz (Kriegsausschuß des Deutschen Jute-Großhandels) und
- der Stellvertretende Direktor der Deutschen Bank, Johannes Kiehl.
.
und mit dabei sind zwei Strohmänner der Regierung
Frenkel und Wassermann sind Strohmänner, die die Reichsbeteiligung zu vertreten haben; zudem haben sich die Gründer in einem geheimen Kontrollvertrag verpflichtet, »gegen alle Maßnahmen zu stimmen, die den Regierungsvertretern, die zu Sitzungen eingeladen werden müssen, nicht recht sind.«
Als Vertreter der Regierung, die zu den Sitzungen des Aufsichtsrats und des am 15. Januar 1918 konstituierten Arbeitsausschusses (Vorsitz: von Stauß, Stellvertreter: Gerlach, Bosch, weitere Mitglieder: Gutmann, Goldschmidt, Bratz, Kiehl) zu laden sind, werden benannt:
von Haeften (Militärische Stelle des Auswärtigen Amtes), Major van den Bergh, Major Grau (Kriegsministerium), Walther (Reichsschatz-tum), von Jakobi (Reichsamt des Innern). Die Kontrolle scheint gesichert; aber was bedeutet Kontrolle für die Arbeit relativ autonomer Produktionsgesellschaften unter dem Ufa-Dach, die auch weiterhin ihre eingeführten Markennamen - »Union«, »Messter«, »May« - beibehalten?
.
Die UFA fängt an - mit vier Melodramen .....
So erscheinen im ersten Ufa-Programm unter anderem von der Union: vier Melodramen mit Pola Negri, sechs Komödien mit Ossi Osswalda, zwei Komödien mit Ernst Lubitsch, zwei phantastische Filme mit Paul Wegener; vom Messter-Konzern: acht Komödien mit Henny Porten; von Joe May: zwei Abenteuerfilme, vier bis sechs romantische Mia May-Filme; außerdem sechs Detektivfilme mit Lotte Neumann und sechs Komödien mit Fern Andra.
Bleibt zu klären, warum - wie in fast allen Darstellungen der Ufa-Gründungsphase kolportiert - Ludendorff bei der Vorlage dieses Programms getobt haben soll, gleiches aber vom Aktionär Stauß nicht übermittelt wird. Es muß wohl an der Perspektive liegen. Bankier Stauß kann gelassen und über das Kriegsende hinaus im Amt bleiben, General Ludendorff nicht.
Ein Artikel von Manfred Behn
.
