Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917
Damals in 1917 mitten im 1. Weltkrieg sollte der eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim bleiben. Die Öffentlichkeit, die Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren.
Die Filmfabrik UFA kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe von den Amerikanern übernommen. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch nur noch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.
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Der Reichspräsident bei "Anna Boleyn" alias Henny Porten
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30. September 1920 - Ebert, Lubitsch und die 4000 Statisten
Ergebenst lädt die Projektions-AG »Union« Journalisten und Politiker per Telegramm zu einem Ereignis ein: »Donnerstag mittag zwölf Uhr findet bei gutem Wetter in Tempelhof die große Aufnahme mit viertausend Komparsen statt.« Es ist der 30. September 1920. Ernst Lubitsch dreht auf dem Freigelände den Hochzeitszug für Anna Boleyn.
Am folgenden Tag berichtet der Film-Kurier:
- »Gestern mittag machte der Reichspräsident Ebert mit einem stattlichen Gefolge Anna Boleyn seine Aufwartung. Der Repräsentant der Republik bei einer Königin, wenn auch bei einer historischen, bei der unglücklichen Gemahlin des 8. Heinrich von England. Königliche Luft umweht diese arme Bäckerstochter, die das Opfer ihrer Schönheit wurde, aber auch wieder ein modern demokratisch anmutender Zug: sie war trotz allem doch nur eine Bäckerstochter ... Anna Bullen wurde Königin; das geschah im Jahre 1532. In der Westminsterabtei fand die Trauung statt.
- Den Festzug sahen wir gestern. Zu diesem Zwecke war auch der Reichspräsident der Einladung des Ufa-Konzerns nach ihrer grandiosen Filmstadt in Tempelhof gefolgt. Mit größter Anteilnahme folgte er den Erklärungen, die ihm die Generaldirektoren Bratz und Davidson abgaben, und den Erläuterungen, die Meister Lubitsch als Herr von einem viertausend Köpfe zählenden Statistenheer machte.
- Im schlichten Arbeitsanzug, den Hals von keinem Kragen beengt, um die volle Gewalt der Stimme einsetzen zu können, häufig das Sprachrohr an den Lippen, stand dieser mit einigen Hilfsregisseuren und den Aufnahmeoperateuren auf einem hohen Holzstapel, auf einer Art Scheiterhaufen, der glücklicherweise nicht loderte, und gebot den Massen.
- Der Durchblick auf die Westminsterabtei, die bunten Menschenmassen, der Festzug, in dem die Geistlichkeit in Ornat, die gewappnete Ritterschaft, der Adel in großem Prunk, die Hofdamen in vollem Staat einherschritten, ergaben zusammen ein sehr farbenfrohes und belebtes Bild, das auch auf dem Zelluloidstreifen seine Wirkung tun wird. Henny Porten ist Anna Boleyn. Jannings ist Heinrich VIII. Sie in mädchenhafter Unschuld und Lieblichkeit, er mit dem Ausdruck brutaler Sinnlichkeit und herrischen Selbstbewußtseins.
- Ein Prestigefilm! Er soll dem Ausland zeigen, was die deutsche Filmindustrie für Fortschritte gemacht hat. Wir hoffen, daß es der Fall sein wird. Henny Porten, angestrengt von der dauernden Arbeit, aber entzückend in ihrem durch nichts besiegbaren Charme, saß, bis die Reihe an sie kam, in ihrem Automobil, von Bewunderern umschwärmt.
- Mit den Hauptdarstellern wechselte der Reichspräsident herzliche Worte. Dann begab er sich mit seinem Gefolge und den geladenen Journalisten nach den genuesischen Straßen, wo Direktor Lippmann einige Aufschlüsse über den von Paul Leni inszenierten Gloriafilm "Die Verschwörung in Genua" gab. Der Reichspräsident brachte auch diesem Film lebhaftes Interesse entgegen, der einen beachtenswerten Zeitausschnitt aus dem dauernden Kampf zwischen Demokratie und Absolutismus darstellt.
- In der Messter-Kantine vereinigte man sich später zu einem kleinen Imbiß. Eberts Erscheinen rief unter dem Statistenheer große Bewegung hervor.«
(L.K.F., Film-Kurier, 1.10.1920).
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Die Hinweise auf die Filmmonarchie und die reale Republik
Die Hinweise des Autors Lothar Knut Fredrik auf die Filmmonarchie und die reale Republik sind von vornehmer Zurückhaltung. Für die Stimmung unter den Statisten interessiert er sich wenig, er hält sie für »bewegt«. Im Bericht des Kinematograph, zehn Tage später, liest sich das etwas genauer:
- »Die im Hintergrund aufgestellte Blechmusik intoniert einen Marsch, und in unabsehbarer Fülle entrollt sich der großartige Hochzeitszug, inmitten einer jubelnden, tücherschwenkenden Menge. Mit nur einer Probe hat alles gut geklappt. Ebert schmunzelt vergnügt wie immer und unterhält sich interessiert mit den Hauptdarstellern, die in ihrer leichengelben, violetten und roten Schminke einen merkwürdigen Anblick bieten.
- Inzwischen werden Vorbereitungen zu einer zweiten Massenaufnahme gemacht. Die Volksmenge soll die Postenketten durchbrechen und den Platz vor der Kirche überfluten. Probe wird nicht gemacht. >Aber daß mir keiner in den Apparat sieht und daß keiner lacht.< Auf ein verabredetes Signal geht die Drängelei los, ergießt sich ein Strom von Menschen, dahinter Kavallerie, die nachdrängt, um die Menge zu zerstreuen. Aber ach, sie haben doch in den Apparat geguckt und haben doch gelacht. Und zur Strafe müssen sie die ganze Geschichte nochmal machen. Lange Gesichter, die Reiterei schmollt, streikt, will den Ritt die Treppe hinunter nicht noch einmal riskieren. Es kommt daher bei der nun folgenden zweiten Aufnahme zu einem kleinen Zwischenfall. Die Lanzenträger und Reiter stehen mit einmal wie die Mauern. Lubitsch rast, aber er kehrt geschickt den Spieß um: >Das haben sie ausgezeichnet gemacht, meine Herrschaften, gerade so wollte ich es haben. Bitte, noch einen Augenblicke. Da der Effekt versagt, kommt wieder Leben in die Masse, wütend drängt und stößt alles vorwärts. Jetzt ist das Bild echt, besser konnte es gar nicht sein.
- >Schluß. Zurück zu den Gruppenführern.< In fast militärischer Form vollzieht sich die Auflösung des Volkshaufens, der sich schwatzend in die Ankleideräume zurückzieht. Da die Glashäuser für einen solchen Massenbetrieb nicht ausreichen, ist eine Anzahl Möbelwagen bereitgestellt, in denen die Metamorphose sich schnell vollzieht. Schon auf dem Wege dahin fangen viele an, sich einzelner Kleidungsstücke zu entledigen. Da kommt unter den bunten, kulturhistorischen Fetzen manch schäbiger Kittel zutage, offenbart sich Großstadtelend unter malerischer Hülle. Das Heer der Arbeitslosen scheint ein starkes Kontingent gestellt zu haben, und es mag kein leichtes Stück Arbeit gewesen sein, das alles zusammenzuhalten.«
(L.B., Der Kinematograph, 10.10.1920).
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Im Kinematograph über die Zusammensetzung der Delegation
Mit dieser Schilderung ist der Autor Ludwig Brauner sicher ein Stück näher an der Realität. Die Arbeitslosenquote nach dem Weltkrieg hat 1920 einen neuen Höchststand erreicht, das soziale Netz ist noch nicht geknüpft. Der Aufmarsch wichtiger Politiker bei den Tempelhofer Filmaufnahmen muß die Stimmung in der Tat sehr bewegt haben. Im Kinematograph wird über die Zusammensetzung der Delegation berichtet:
- »Außer dem Reichspräsidenten Ebert sah man auch den Reichswirtschaftsminister Scholz, den preußischen Finanzminister Lüdemann, den Präsidenten der preussischen Landesversammlung, Leinert, mit einer Anzahl von Abgeordneten, einige Staatssekretäre, mehrere Ministerialräte, die Spitzen der Berliner Finanzwelt, unter ihnen Dr. Gwinner, Dr. Wassermann, Dr. Heinemann und Direktor Goldschmidt. Von der Berliner Künstlerschaft skizzierte Professor Corinth mit flüchtigem Stift markante Bilder aus der Überfülle der prächtigen Schau. Das Direktorium der Ufa, die Generaldirektoren Davidson und Bratz, gaben Auskünfte nach allen Seiten; es war ein großer Tag, der Hunderten einflußreicher Persönlichkeiten einen höchst lehrhaften Einblick in das Schaffen der Filmindustrie bot.«
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Ein dritter "Bericht" - oder war es Lobhudelei ?.
Der Schriftsteller Paul Eipper betreut zu Beginn der 1920er Jahre für den Gurlitt Verlag in Berlin den Maler Lovis Corinth bei einem Projekt. Er begleitet ihn auf verschiedenen Streifzügen durch die Stadt - so auch beim Besuch in Tempelhof, wobei Corinth Arbeitsstudien für eine Serie über Anna Boleyn betreibt. Eipper notiert damals in seinem Tagebuch:
- »Auf dem Tempelhofer Feld war große Bewegung. Heute sollte der Einzug in die Westminster-Abtei aufgenommen werden, und zu diesem Zweck hat man viertausend Arbeitslose in Kostüme gesteckt. Corinth lief zwischen dem Haufen der Lagerknechte mit den langen Lanzen, den Berittenen der Reichswehrtruppen in den altenglischen Kostümen, den Bürgersfrauen Englands und den Handwerkern in ihren Zunftkleidern hin und her und sagte: >Komisch, komisch, komisch!<
- Er wollte damit sagen, daß es ihm einen Eindruck mache und daß er darüber ärgerlich sei. Das Zeichnen gelingt ihm auch heute nicht, er war zu aufgeregt. Dazu kam, daß hier und da eine Militärkapelle postiert war, die Stimmung unter die Menschen bringen sollte.
- >Militärmusik macht mich sentimental, meinte er. (...) 4500 Menschen bildeten Spalier. Der Weg bis zum Kirchenportal hatte eine Länge von gut 500 Metern. Der Zug selbst bestand aus weiteren 1000 Personen. Auf seinem Gerüst stand wieder Corinths Liebling, der Schreier [gemeint ist Lubitsch], während die Hilfsregisseure hoch zu Roß die Masse in Bewegung zu bringen suchten. Wieder dieser Eindruck einer trägen Menge. Doch es genügte ein Funken, um daraus ein brodelndes Meer zu machen.
- Der Krönungszug war eben zum erstenmal bis zum Portal der Kirche heruntergeschritten, als mit Gefolge der Reichspräsident anrückte. Er stellte sich - man muß es zugeben - sehr bescheiden mit seinen Herren auf den Lehmhügel zu dem Generalstab der Ufa und sah wie einer der vielen Zuschauer neugierig auf das Bild.
- Die Arbeitslosen aber vergaßen, daß sie englische Bürger zur Zeit Heinrich VIII. sein sollten, und erinnerten sich an das Elend des Alltags. Es bildeten sich Gruppen, es wurde getuschelt, und Lubitsch brüllte mehr als je. Die Hilfsregisseure bekamen rote Köpfe und zerrten an ihren Gäulen, so daß die Tiere nervös wurden, aber es half alles nichts: als der Krönungszug zurückkam und die Menge nun durchs Tor der Stadt hineinfluten sollte, getrieben von der reitenden Garde des achten Heinrich, bildete sich vor dem Tor eine geschlossene Kette von Menschen, die >Nieder Ebert !< riefen und keinen der Nachfolgenden durchließen. Lubitsch hatte die Geistesgegenwart, die echte Erregung kurbeln zu lassen, war aber dann vollkommen machtlos.
- Die 4000 Menschen klumpten sich, und für heute mußten die Aufnahmen abgeschlossen werden. Ein Zwischenfall, der eine viertel Million gekostet hat und nicht vorgekommen wäre, wenn man nicht die Dummheit begangen hätte, die Arbeitslosen von 7 Uhr mit hungrigem Magen bis 11 Uhr in der recht heißen Sonne warten zu lassen.
- Corinth hat auch diesen Zwischenfall durchaus mit den Augen des Malers gesehen. Er erklärte, daß es ihm ganz einerlei gewesen wäre, wenn man ihn totgeschlagen hätte. >Mir war nur interessant zu sehen, wie es in den Leuten kochte, das hätte man malen müssen<, sagte Corinth und setzte sich in das Auto zur Anna Boleyn, um nach Hause zu fahren.
- Am Tor drängten sich immer noch die Menschen, das Auto ruckte schrittweise vor. Doch als man in dem Kostüm der Boleyn die Schauspielerin erkannte, machte man Platz. Frauen, die bis zu dieser Sekunde gemurrt und ihre Männer gegen Ebert aufgestachelt hatten, riefen: >Hoch, Henny Porten!<«
Das ist am 30. September 1920, als die Politik zur Ufa kommt, die Ufa das Volk erhitzt, und das Volk gegen die Politik murrt. Die Politik und das Volk treffen sich bei der Ufa selten so unmittelbar. - Die Premiere von Anna Boleyn findet am 12. Dezember statt: "als Wohltätigkeitsveranstaltung für notleidende Journalisten".
Ein Artikel von Hans Helmut Prinzler
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Die Veredelung des Kintopp (für die wohlhabende Oberschicht)
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Paul Davidson und die "PAGU"
Die PAGU, die Projektions-Aktiengesellschaft »Union«, ist die erste Kapitalgesellschaft in Deutschland, die auf den drei wichtigen Gebieten der Filmindustrie - Kino, Verleih, Produktion - gleichzeitig in größerem Stil tätig ist.
Gegründet wird die Union am 21. März 1906 als Allgemeine Kinematographen- Theater Gesellschaft, Union-Theater für lebende und Tonbilder G.m.b.H. (A.K.T.G.) in Frankfurt am Main von Paul Davidson.
Der am 30. März 1867 im ostpreußischen Loetzen geborene Kaufmannssohn Davidson kommt - wie sein späterer Star-Regisseur Ernst Lubitsch - aus der Konfektion. Angeregt durch die Filme des Illusionisten Melles, die er bei einer Paris-Reise sieht, eröffnet er im Juni 1906 in Mannheim das "Union-Theater", das erste feste Kinematographentheater der Stadt, »mit Holzbänken und Orchestrion«.
Das geschieht zu einer Zeit, »in der der Film eine Angelegenheit der Jahrmärkte und kleinster herumreisender Schausteller ist«, wie es in einem der zahlreichen Artikel heißt, die zu Davidsons 50. Geburtstag erscheinen.
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Am 4. Sept 1909 - das U.T.-Union-Theater am Alexanderplatz
Am 4. September 1909 eröffnet Davidsons AKTG, in deren Wappen sich die deutsche und die amerikanische Fahne kreuzen, ihr erstes Kino in Berlin: das "Union-Theater am Alexanderplatz", das »schönste Theater seiner Art in der Welt«, so die Eigenwerbung.
Das U.T., im großen Saal des Grand-Hotel eingerichtet, »soll eine Stätte der Unterhaltung sein für jung und alt, arm und reich« und setzt sich damit ab von den Ladenkinos, den Kintöppen der Vorstädte.
Es bietet neben den Filmprogrammen auch ein »vornehmes Theater-Restaurant« und ein »Theater-Künstler-Orchester unter Leitung des beliebten und bekannten Kapellmeisters Prasch aus Wien«.
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August 1910 - das U.T. "Unter den Linden 21"
Noch vornehmer geht es im zweiten U.T. zu, das am 20. August 1910 "Unter den Linden 21" seine Tore öffnet. Hans Schliepmann schreibt 1914 in seiner architekturgeschichtlichen Darstellung der Lichtspieltheater:
- »Seit man bemerkt, daß auch die >besseren Kreise< - zunächst incognito - den Kintopp aufsuchten, dachte man darauf, ihnen für höheres Geld auch elegantere Räume zu bieten. Konnte man die kleinen Theater mit Stehbierhallen vergleichen, so könnte man die ersten besseren Schöpfungen etwa im Scherz Zylinderdistillen zum Lichtbildnaschen heißen.«
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1910 - der Aktualitäten-Film Boxkampf Johnson - Jeffries
Ähnlich bedeutsam wie die »Veredelung« des Kientopps durch die U.T.-Lichtspieltheater ist, daß Davidson mehrere Banken als Finanziers seiner AG gewinnen kann und damit die Branche »seriös« macht. Indem er 1910 den Aktualitäten-Film Boxkampf Johnson - Jeffries als »Monopolfilm« anbietet und nicht wie bisher üblich als Kopie an die Schausteller vergibt, leitet er den für die Filmindustrie bedeutsamen Schritt von Verkauf zum Verleih ein.
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Ein bedeutsamer Schritt - vom Verkauf zum Verleih
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- Anmerkung : Dieses obige Datum muß hier besonders herausgehoben werden, denn es stellt das bislang grundlegende Geschäftsmodell der Filmproduzenten / Hersteller auf den Kopf.
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Davidsons Credo, wie es 1912 eine Broschüre der PAGU zur Eröffnung des U.T. im Bavariahaus Friedrichstraße, lautet: »Der Kunst im Film zu ungeahnten Wirkungen zu verhelfen, mit künstlerischen Films der Idee der >Lichtkunstspiele< zum Siege zu verhelfen.«
Ein weiterer Schritt im Versuch, dem Film die >gutbürgerlichen Kreise< als Publikum zu gewinnen, ist die Literarisierung der Filme durch die Mitarbeit prominenter Bühnenschriftsteller. Die PAGU erreicht »nach wiederholten Prüfungen unserer Vorschläge und nach Konferenzen, deren geistiger Inhalt allein für uns immer von Gewinn bleiben wird«, daß der Boykott des »Verbandes Deutscher Bühnenschriftsteller«, der die Arbeit der Mitglieder für den Film verbietet, aufgehoben wird.
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1911 - 56 Union-Theater in Deutschland
Insgesamt eröffnet Davidson im Laufe der Jahre 56 Union-Theater in Deutschland, aber auch in Brüssel, Wien und Budapest. 1911 zählt man 2,5 Millionen Besucher in den Kinos des Konzerns, 1912 waren es 4 Millionen und 1913 bereits 6 Millionen.
1909 wandelt er die AKTG in die PAGU um, mit einem Grundkapital von 250.000 Mark die erste Aktiengesellschaft der deutschen Filmindustrie.
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November 1912 - ein Kartellvertrag und eine neue Fabrik
Gleichzeitig - Davidson scheint die juristische Absicherung seiner ökonomischen und künstlerischen Entscheidungen wichtig zu sein - wird am 28. November 1912 zwischen der PAGU und dem Verband ein Kartellvertrag geschlossen, der zur Gründung des »Lichtspielvertriebs des Verbandes Deutscher Bühnenschriftsteller« führt, der »als Zweiggesellschaft der PAGU die literarische Werbearbeit leistet«. Im Februar 1913 verlegt Davidson den Sitz der Firma von Frankfurt nach Berlin und gliedert dem Konzern eine Fabrik zur Herstellung von Kinomaschinen an.
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Asta Nielsen kommt ins Spiel - Monopol für Deutschland
Seit 1911 hat der Union-Verleih auch seinen großen Star: Asta Nielsen. Nach dem Erfolg ihres ersten dänischen Films, Afgrunden (Abgründe), übernimmt Davidson das Monopol für Deutschland auf die Asta Nielsen-Urban Gad-Serien, indem er sich am 1. Juni 1911 an der Internationalen Film-Vertriebs-Gesellschaft beteiligt, die sich die europaweiten Rechte am Gespann Nielsen-Gad gesichert hat.
Ab Frühjahr 1911 arbeitet Asta Nielsen in Deutschland, Produzent ist die Deutschen Bioscop GmbH. Der Drehbeginn zum ersten Film der Nielsen-Serie 1912/13, "Der Totentanz" ist ein weiterer Markstein der Geschichte der deutschen Filmindustrie: Mit ihm wird das erste Glashaus auf dem Filmgelände der Bioscop in Neubabelsberg in Betrieb genommen.
Die Suffragette, mit dem die Serie 1913/14 eröffnet wird, hat am 12. September 1913 im U.T. Moritzplatz Premiere. Es ist zugleich der erste Film, der als Eigenproduktion der PAGU herauskommt.
Entstanden ist er in der Filmfabrik der Union in der Oberlandstraße, südlich des Tempelhofer Feldes, die im Frühjahr 1913 nach Vorschlägen Urban Gads direkt neben dem Zwillingsbau des Literaria-Glashauses errichtet worden ist.
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Januar 1913 - der dreijahres-Vertrag mit Max Reinhardt
Ein weiterer Coup in Davidsons Produktions-Strategie ist im Januar 1913 die Unterzeichnung eines Dreijahres-Vertrags mit Max Reinhardt.
- »Immer weiter und weiter steigt der Kinematograph hinauf zu den Höhen des Olymps, um sich den Stab seiner Mitarbeiter zusammenzustellen. Die berühmtesten Dichter gehören ihm bereits, die berühmtesten Schauspieler haben ihre Kräfte in den Dienst der Sache gestellt - jetzt will er sich auch den berühmtesten Regisseur leisten, den die Erde zur Zeit trägt, keinen Geringeren als Max Reinhardt, den Herkules des Deutschen Theaters!«
(Der Kinematograph, 29.1.1913).
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Sommer 1913 - zwei Reinhardt Filme
Und tatsächlich entstehen auch zwei Filme, die Reinhardt im Sommer 1913 mit einer Auswahl seiner Theatermitarbeiter in Venedig und an der Adriaküste dreht. "Eine venetianische Nacht" beruht auf einer schon auf der Bühne erprobten Pantomine seines Hausdichters Karl Vollmoeller, für "Insel der Seligen" schreibt Dramaturg Arthur Kahane mit Anklängen an den »Sommernachtstraum« eine Kombination aus moderner Farce und mythologischen Elementen, die reichlich nackte Busen schmucker Nereiden erfordern.
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Oktober 1913 - das neue Spitzenkino, das U.T. Kurfürstendamm
Mit diesem offensichtlichen Ferienscherz der Theatertruppe eröffnet Davidson am 3. Oktober 1913 sein neues Spitzenkino, das U.T. Kurfürstendamm.
Vermutlich wegen der eher flauen Reaktion bei Publikum und Presse kommt "Eine venetianische Nacht" erst 1914 ins Kino. Kurt Tucholsky schlägt inkognito als Peter Panter erbarmungslos zu:
- »Von der früheren Herrlichkeit ist nichts geblieben. Hilflos muß sich der Film fortwährend durch einen dummen Text unterbrechen lassen, den er dann ungeschickt und äußerlich mit gleichgültigen Bildern illustriert. Das Allerrealste kam grade heraus: wie sich einer die Hosen auszieht und einer hinfällt und einer die Hände ringt. Vom Geist dieses kleinen entzückenden Spiels spürtest du keinen Hauch.«
(Die Schaubühne, 23.4. 1914).
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1914 kommt es zur Krise.
Die Lichtbild-Bühne umschreibt es in ihrem Geburtstagsartikel höflich:
- »Alles war seiner Initiative entsprungen, alles ging auf seine Ideen zurück. Aber was einen großen persönlichen Vorzug bedeutet: Die Stützung einer grossen Organisation auf zwei Augen - das mußte in dem Augenblick verhängnisvoll werden, in dem besondere Umstände den Mann verhinderten, den gewaltigen Anforderungen an Arbeit und Kraft restlos zu entsprechen. Im Jahre 1914 war Davidson von allen Beratern verlassen, er befand sich in einer schweren Nervenkrise und ließ sich zu Transaktionen verleiten, die den gesunden Boden der >Union< erschütterten.« (31.3.1917).
Ein späterer Hinweis läßt vermuten, daß Davidson eine engere Zusammenarbeit mit Pathe anstrebt, von denen er einen Großteil seiner Verleih-Ware bezieht. Auch mit den Filmen der Nielsen-Gad-Serie 1913/14 gibt es Probleme. Die 1914 bereits fertiggestellten Filme kommen erst ab Herbst 1915 in die deutschen Kinos.
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1915 - Die Turbulenzen nach Kriegsbeginn ....... Davidson muß die Filmtheater an die Nordische Film Co. verkaufen
Als dann die Turbulenzen nach Kriegsbeginn hinzukommen, ist er gezwungen, die U.T.Kette an die Nordische Film Co. zu verkaufen, die im August 1915 die Kette auf zwei Firmen verteilt: die Union-Theater GmbH., die sich insbesondere um die berliner Kinos kümmert, sowie die U.T.-Provinzlichtspielhäuser GmbH (beide kommen am 23. Februar 1918 mit der Nordischen zur Ufa).
Paul Davidson widmet sich nun intensiv der Produktion, die in einer Randfigur der Reinhardtschen Theatertruppe einen neuen Star gewinnt: Ernst Lubitsch macht zunächst als Komiker vor, dann als Regisseur hinter der Kamera Karriere.
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Davidsons Filmpaläste - eine der drei Hauptsäulen der in 1917 neu gegründeten UFA
Der Union-Konzern ist dann bei der Gründung der Ufa eine der drei Hauptsäulen, auf denen der Konzern aufbaut. Ufa-Historiker Traub faßt die Transaktion zusammen:
- »Zum Erwerb der Union wurde ein Vertrag mit dem Bankhaus H. B. Hohenemser und Söhne, Mannheim, abgeschlossen, wonach bis zum 15.1.1918 Nominalaktien der Union in Höhe von 950.000 Mark gegen Barzahlung zum Kurs von höchstens 100% oder gegen Umtausch von Aktien der Universum-Film A.G. im Verhältnis 1:1 an die Gruppe Universum übergehen. Die Gruppe Universum verfügt außerdem aus Vorverhandlungen über 160.000 Mark Aktien der Union zu einem niedrigeren Einschätzpreis, so daß damit die Majorität des 2,2 Millionen betragenden Aktienkapitals der Union der Universum-Film A.G. zur Verfügung steht.«
Unter Beibehaltung des Markenzeichen »Union« sorgt das Gespann Lubitsch/Davidson für die ersten großen künstlerischen Erfolge des neuen Konzerns, nutzt das Konzept des »Inflationskinos«:
Aufwendige Produktionen wie Madame Dubarry und Anna Boleyn, die sich durch den Verkauf ins devisenfeste Ausland amortisieren.
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1920 - Lubitsch und die "Famous Players" in USA
Ende 1920 gründet Lubitsch, finanziell von Famous Players (der Vorläufer der Paramount Pictures) gedeckt, die Ernst Lubitsch-Film GmbH, an der sich Davidson als Gesellschafter beteiligt. Am 7. April 1921 bricht Davidson mit der Ufa, und wechselt von der "Union" zu Lubitsch, dessen Firma sich im April mit einigen anderen zur Europäischen Film-Allianz (EFA) zusammentut.
Das an sich vielversprechende Projekt scheitert jedoch nach wenig mehr als einem Jahr und zwei Filmen: "Das Weib des Pharao" und "Die Flamme". Während Lubitsch, sein weiblicher Star Pola Negri und andere die Angebote nach Hollywood wahrnehmen, bleibt Davidson in Berlin.
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Erich Pommer kommt zur UFA
Bei der Union/Ufa hat der Weggang Davidsons eine Lücke gerissen, die - nach einem farblosen Zwischenspiel mit dem vom Theater kommenden Arthur von Gerlach - erst durch Erich Pommer geschlossen werden kann, der durch die Fusion mit der Decla-Bioscop zur Ufa kommt.
Da die PAGU weiterhin juristisch als unabhängige Firma existiert, bemüht sich Davidson im August, seine alte Firma, deren Aktien er ein Jahr zuvor an die Ufa verkauft hat, zurückzukaufen. Er macht (gedeckt durch amerikanische Finanziers) am 3. August das Angebot, die Union mit allen Aktiva und Passiva gegen eine innerhalb von acht Tagen zu leistende Barzahlung von 20 Millionen Reichsmark zu übernehmen.
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abgelehnt
Diese Offerte wird jedoch auf der Generalversammlung der Firma aus formalen Gründen - sie sei zu spät eingetroffen, um auf die Tagesordnung gesetzt zu werden - und gegen den Widerstand einer eloquenten Gruppe von Fachleuten mit 1865 zu 27 Stimmen abgelehnt.
- Anmerkung : Auch hier wird mit keinem Wort erwähnt, daß im hintersten Hintergrund der UFA-Eigentümer die Reichsregierung mit ihren Strohmännern stand. Das alles war nach wie vor geheim zu halten.
Obwohl der Zustand der PAGU seit dem Fortgang Davidsons nach eigener Aussage des Direktors Kallmann auf allen Gebieten »ganz erbärmlich« ist und Davidsons Angebot alle anderen Sanierungskonzepte übertrifft wird, wird die Ablehnung in der Rede Kallmanns mit patriotischem Geklingel begleitet:
- »Die Barzahlungsofferte Davidsons ist (...) amerikanisches Geld und man kann es den Amerikanern nicht übel nehmen, daß sie die Valutakonjunktur ausnützen, wenn sie Leute finden, die sich auskaufen lassen. Auch der Ufa sind solche Offerten gemacht worden, wiederholt ist uns der Antrag gemacht worden, daß eine amerikanische Gesellschaft die Ufa übernehmen und große Summen dafür zahlen wolle. Es läge nicht im Interesse der deutschen Industrie, daß die wichtigen Industrien in fremde Hände übergehen.
- In Papiermark waren diese Anträge sehr glänzend. Der Aufsichtsrat würde sich jedoch niemals dafür aussprechen. Wir wollen im Interesse der deutschen Industrie weiterarbeiten und zeigen, was die deutsche Industrie aus eigener Kraft kann.«
In seiner Erwiderung betont Davidson:
- »Ich habe die Offerte ganz persönlich gemacht und stehe ganz allein dahinter, nicht mit einem Amerikaner, weil ich die Union wieder zu der alten Blüte emporbringen und ihr wieder den alten Ruf verschaffen will, den sie früher in der Welt genoß. Vom grünen Tisch können Geschäfte nicht geführt werden. Die Offerte der Ufa beläuft sich auf nur 7 1/2 Millionen, ich gebe 20 Millionen. Ich bin der Gründer der Union und weiß, welche Werte sie darstellt. Sie war seiner Zeit führend und ist heute nichts mehr. Wenn die Verschmelzung mit der Ufa zustande kommt, bleibt es jedenfalls bei dem heutigen kläglichen Stand.«
(Film-Kurier, 8.8.1922).
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Obwohl während der Versammlung Rechtsanwalt Frankfurter im Namen seines Klienten Ike Blumenthal ein weiteres Gebot von sogar 25 Millionen vorlegt, wird mit 1662 gegen 29 Stimmen die Fusion Ufa-Union beschlossen.
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Sept. 1924 - Die Paul Davidson-Film AG (D-Film) wird gegründet
Am 17. September 1924 gründet er die Paul Davidson-Film AG (D-Film), eine der zahlreichen »unabhängigen« Produktionsfirmen, die in enger Abhängigkeit von der Ufa existieren. Im Frühjahr 1927 beendet Davidson diese Verbindung.
Im Juli 1927 begeht er nach einem längeren Aufenthalt in einer Klinik Selbstmord (was von der Fachpresse diskret verschwiegen wird).
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März 1924 - die UFA pokert
Währenddessen veranstaltet die Ufa mit dem guten Namen der »Union« noch ein finanzpolitisches Spielchen: Am 23. März 1924 wird erneut eine Projektions-AG Union gegründet, die 1926 in Romanische Haus-Grundstücks-AG verwandelt wird und der Verwaltung des Grundstücks dient, auf dem sich der Gloria-Palast, Berlin, befindet.
Die alte Projektions-AG Union ist zwei Tage zuvor in Walhalla-Theater-Union AG umgewandelt worden. Die Union, die als Kino-Betrieb begonnen hat, eine Zeitlang die deutsche Filmgeschichte prägt, endet als Kino-Betrieb.
Ein Artikel von Hans-Michael Bock
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