Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917
Damals in 1917 mitten im ersten Weltkrieg sollte er eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim leiben. Die beteiligten Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren. Der Koloss kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe amerikanisch. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.
.
Der Reichspräsident bei Anna Boleyn
.
30. September 1920 - Ebert, Lubitsch und die Statisten
Ergebenst lädt die Projektions-AG »Union« Journalisten und Politiker per Telegramm zu einem Ereignis ein: »Donnerstag mittag zwölf Uhr findet bei gutem Wetter in Tempelhof die große Aufnahme mit viertausend Komparsen statt.« Es ist der 30. September 1920. Ernst Lubitsch dreht auf dem Freigelände den Hochzeitszug für Anna Boleyn.
Am folgenden Tag berichtet der Film-Kurier:
- »Gestern mittag machte der Reichspräsident Ebert mit einem stattlichen Gefolge Anna Boleyn seine Aufwartung. Der Repräsentant der Republik bei einer Königin, wenn auch bei einer historischen, bei der unglücklichen Gemahlin des 8. Heinrich von England. Königliche Luft umweht diese arme Bäckerstochter, die das Opfer ihrer Schönheit wurde, aber auch wieder ein modern demokratisch anmutender Zug: sie war trotz allem doch nur eine Bäckerstochter ... Anna Bullen wurde Königin; das geschah im Jahre 1532. In der Westminsterabtei fand die Trauung statt.
- Den Festzug sahen wir gestern. Zu diesem Zwecke war auch der Reichspräsident der Einladung des Ufa-Konzerns nach ihrer grandiosen Filmstadt in Tempelhof gefolgt. Mit größter Anteilnahme folgte er den Erklärungen, die ihm die Generaldirektoren Bratz und Davidson abgaben, und den Erläuterungen, die Meister Lubitsch als Herr von einem viertausend Köpfe zählenden Statistenheer machte.
- Im schlichten Arbeitsanzug, den Hals von keinem Kragen beengt, um die volle Gewalt der Stimme einsetzen zu können, häufig das Sprachrohr an den Lippen, stand dieser mit einigen Hilfsregisseuren und den Aufnahmeoperateuren auf einem hohen Holzstapel, auf einer Art Scheiterhaufen, der glücklicherweise nicht loderte, und gebot den Massen.
- Der Durchblick auf die Westminsterabtei, die bunten Menschenmassen, der Festzug, in dem die Geistlichkeit in Ornat, die gewappnete Ritterschaft, der Adel in großem Prunk, die Hofdamen in vollem Staat einherschritten, ergaben zusammen ein sehr farbenfrohes und belebtes Bild, das auch auf dem Zelluloidstreifen seine Wirkung tun wird. Henny Porten ist Anna Boleyn. Jannings ist Heinrich VIII. Sie in mädchenhafter Unschuld und Lieblichkeit, er mit dem Ausdruck brutaler Sinnlichkeit und herrischen Selbstbewußtseins.
- Ein Prestigefilm! Er soll dem Ausland zeigen, was die deutsche Filmindustrie für Fortschritte gemacht hat. Wir hoffen, daß es der Fall sein wird. Henny Porten, angestrengt von der dauernden Arbeit, aber entzückend in ihrem durch nichts besiegbaren Charme, saß, bis die Reihe an sie kam, in ihrem Automobil, von Bewunderern umschwärmt.
- Mit den Hauptdarstellern wechselte der Reichspräsident herzliche Worte. Dann begab er sich mit seinem Gefolge und den geladenen Journalisten nach den genuesischen Straßen, wo Direktor Lippmann einige Aufschlüsse über den von Paul Leni inszenierten Gloriafilm "Die Verschwörung in Genua" gab. Der Reichspräsident brachte auch diesem Film lebhaftes Interesse entgegen, der einen beachtenswerten Zeitausschnitt aus dem dauernden Kampf zwischen Demokratie und Absolutismus darstellt.
- In der Messter-Kantine vereinigte man sich später zu einem kleinen Imbiß. Eberts Erscheinen rief unter dem Statistenheer große Bewegung hervor.«
(L.K.F., Film-Kurier, 1.10.1920).
.
Die Hinweise auf die Filmmonarchie und die reale Republik
Die Hinweise des Autors Lothar Knut Fredrik auf die Filmmonarchie und die reale Republik sind von vornehmer Zurückhaltung. Für die Stimmung unter den Statisten interessiert er sich wenig, er hält sie für »bewegt«. Im Bericht des Kinematograph, zehn Tage später, liest sich das etwas genauer:
- »Die im Hintergrund aufgestellte Blechmusik intoniert einen Marsch, und in unabsehbarer Fülle entrollt sich der großartige Hochzeitszug, inmitten einer jubelnden, tücherschwenkenden Menge. Mit nur einer Probe hat alles gut geklappt. Ebert schmunzelt vergnügt wie immer und unterhält sich interessiert mit den Hauptdarstellern, die in ihrer leichengelben, violetten und roten Schminke einen merkwürdigen Anblick bieten.
- Inzwischen werden Vorbereitungen zu einer zweiten Massenaufnahme gemacht. Die Volksmenge soll die Postenketten durchbrechen und den Platz vor der Kirche überfluten. Probe wird nicht gemacht. >Aber daß mir keiner in den Apparat sieht und daß keiner lacht.< Auf ein verabredetes Signal geht die Drängelei los, ergießt sich ein Strom von Menschen, dahinter Kavallerie, die nachdrängt, um die Menge zu zerstreuen. Aber ach, sie haben doch in den Apparat geguckt und haben doch gelacht. Und zur Strafe müssen sie die ganze Geschichte nochmal machen. Lange Gesichter, die Reiterei schmollt, streikt, will den Ritt die Treppe hinunter nicht noch einmal riskieren. Es kommt daher bei der nun folgenden zweiten Aufnahme zu einem kleinen Zwischenfall. Die Lanzenträger und Reiter stehen mit einmal wie die Mauern. Lubitsch rast, aber er kehrt geschickt den Spieß um: >Das haben sie ausgezeichnet gemacht, meine Herrschaften, gerade so wollte ich es haben. Bitte, noch einen Augenblicke. Da der Effekt versagt, kommt wieder Leben in die Masse, wütend drängt und stößt alles vorwärts. Jetzt ist das Bild echt, besser konnte es gar nicht sein.
- >Schluß. Zurück zu den Gruppenführern.< In fast militärischer Form vollzieht sich die Auflösung des Volkshaufens, der sich schwatzend in die Ankleideräume zurückzieht. Da die Glashäuser für einen solchen Massenbetrieb nicht ausreichen, ist eine Anzahl Möbelwagen bereitgestellt, in denen die Metamorphose sich schnell vollzieht. Schon auf dem Wege dahin fangen viele an, sich einzelner Kleidungsstücke zu entledigen. Da kommt unter den bunten, kulturhistorischen Fetzen manch schäbiger Kittel zutage, offenbart sich Großstadtelend unter malerischer Hülle. Das Heer der Arbeitslosen scheint ein starkes Kontingent gestellt zu haben, und es mag kein leichtes Stück Arbeit gewesen sein, das alles zusammenzuhalten.«
(L.B., Der Kinematograph, 10.10.1920).
.
Im Kinematograph über die Zusammensetzung der Delegation
Mit dieser Schilderung ist der Autor Ludwig Brauner sicher ein Stück näher an der Realität. Die Arbeitslosenquote nach dem Weltkrieg hat 1920 einen neuen Höchststand erreicht, das soziale Netz ist noch nicht geknüpft. Der Aufmarsch wichtiger Politiker bei den Tempelhofer Filmaufnahmen muß die Stimmung in der Tat sehr bewegt haben. Im Kinematograph wird über die Zusammensetzung der Delegation berichtet:
- »Außer dem Reichspräsidenten Ebert sah man auch den Reichswirtschaftsminister Scholz, den preußischen Finanzminister Lüdemann, den Präsidenten der preussischen Landesversammlung, Leinert, mit einer Anzahl von Abgeordneten, einige Staatssekretäre, mehrere Ministerialräte, die Spitzen der Berliner Finanzwelt, unter ihnen Dr. Gwinner, Dr. Wassermann, Dr. Heinemann und Direktor Goldschmidt. Von der Berliner Künstlerschaft skizzierte Professor Corinth mit flüchtigem Stift markante Bilder aus der Überfülle der prächtigen Schau. Das Direktorium der Ufa, die Generaldirektoren Davidson und Bratz, gaben Auskünfte nach allen Seiten; es war ein großer Tag, der Hunderten einflußreicher Persönlichkeiten einen höchst lehrhaften Einblick in das Schaffen der Filmindustrie bot.«
.
