Sie sind hier : Startseite →  Kino- / Film-Historie→  Die UFA (Universum Film AG)→  Die Universum Film AG Biografie→  Die Universum Film AG Biografie 22

Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917

Damals in 1917 mitten im 1. Weltkrieg sollte der eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim bleiben. Die Öffentlichkeit, die Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren.
Die Filmfabrik UFA kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe von den Amerikanern übernommen. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch nur noch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.

.

Mann im Dunkel

.

Geheimrat Alfred Hugenberg - Der Chef vom Scherl-Verlag

.

.
»Putzig« kommt der ältere Herr manchen Zeitgenossen vor: wie ein Hamster; gedrungen, mit Bürstenhaarschnitt und weißem Schnauzbart erinnert er andere an den typischen deutschen »Oberlehrer«.

Doch bei genauerem Hinsehen will der berliner Korrespondent der wiener "Neuen Freien Presse" in dem runden Gesicht mit den kleinen dunkel gefaßten Brillengläsern auch einen Zug zur Verschlagenheit entdecken, die »Oberlehrern« abging.

Eine »unansehnliche« Erscheinung - so leitet er sein Porträt des gerade nach knapp fünfmonatiger Amtszeit zurückgetretenen Wirtschafts- und Landwirtschaftsministers der deutschen Reichs- und preußischen Landesregierung Alfred Hugenberg am 28. Juni 1933 ein.
.

Vorher noch gelobt und "gesegnet", dann entlassen

Kurz zuvor sind dem 69jährigen Hugenberg noch zahlreiche öffentliche Glück- und Segenswünsche zuteil geworden. Jetzt aber scheint »seine« Zeit vorbei. Er sei »eine tragische Persönlichkeit«, schreibt der nationalsozialistische Völkische Beobachter, die Zeitung der jetzt allein erlaubten Partei, aus diesem Anlaß.

Er habe »nie >Glück< gehabt«, unverschuldet laste auf ihm »der Fluch jener unschöpferischen Generation, die nach Bismarck kam, (...) die das Reich verspielt hat und dann die Republik von Weimar gemacht« hat. Die Besten dieser Generation, darunter er, seien »Patrioten der guten Stube« gewesen, die »nicht auf die Straße hinausgegangen« seien, so daß sie das Volk nicht hätten führen können wie jetzt der »Führer« Adolf Hitler.

Diese Charakterisierung trifft nur zum Teil. Gewiß, bis Mitte der 1920er Jahre zieht der Chef eines unüberschaubaren Pressekonzerns seine Fäden lieber »in der Stille«, wie er selbst gesteht, und er gilt allgemein als »Mann im Dunkel«.

Doch dann beginnt er, den Schleier um sich ein wenig zu lichten; öffentlich wirbt er für sich als Politiker, und auch über Ziele und Mechanismen seines »nationalen« Presseimperiums läßt er Auskunft geben.

1933 würdigen ihn wohlmeinende Kommentare als »natürlichen Bundesgenossen« und »Wegbereiter« Hitlers; erst nach 1945 sagt man eher abschätzig, er sei dessen »Steigbügelhalter« gewesen.
.

Hugenbergs Sicht auf den "Führer"

Das »Führer«-Problem z.B. sieht Hugenberg schon lange ähnlich wie die Nationalsozialisten. »Weil wir nur >Gewählte< haben«, hat er 1925 geschrieben und 1927 veröffentlicht, »haben wir keine Führer. Wer sich anmaßen sollte, zu führen, wird ja nicht wiedergewählt«.

Ein Versuch von politischen Freunden, ihn, ähnlich wie später Hitler, vom neuen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ohne Reichstagsbilligung zum Reichskanzler bestellen zu lassen, ist damals gerade gescheitert.

1928 wird er dann zum Vorsitzenden der konservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gewählt, deren Reichstagsfraktion er seit 1920 angehört. Allerdings schweigt er dort meistens. Muß er öffentlich reden - eine »Centnerlast« für ihn, wie er einmal vertraulich gesteht -, liest er seinen Text schwunglos ab und wirkt gehemmt. Doch er weiß, was im Trend liegt, und versucht, sich selbst als politischer »Führer« zu profilieren.
.

Die Rede Hugenbergs am 2. September 1929

Am 2. September 1929 beschwört er am Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald 10.000 Zuhörer:

  • »Seht das Schwert da oben! Das Schwert Hermanns des Befreiers! Wir armen Deutschen von heute - wir haben kein Schwert. Wir haben es uns entwinden lassen - trotz aller Siege - nicht weil wir besiegt sind - nein, weil wir den gleichen Neid und Haß und die gleiche Untreue zum Führer haben hochkommen lassen, die den siegreichen Befreier Hermann zu Boden streckten.
  • Woher kommt uns ein Schwert? Es muß blank und neu wieder herauswachsen aus unseren gereinigten Herzen. Wir wollen nicht zu Sklaven volksfremden auswärtigen Kapitals werden. Wir wollen uns das alte Bauernziel, den freien Menschen auf freier Scholle, nicht nehmen und von niemandem die gottbegnadete deutsche Seele rauben lassen. Wenn wir auch mit dem Schwerte für diese Ziele nicht kämpfen können, so können wir doch mit der Härte unserer Herzen und der Stärke und Beständigkeit unseres Willens dafür kämpfen. Wir wollen den Pariser Tributplan nicht! Wir wollen die Lüge der deutschen Kriegsschuld nicht mehr hören! Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!«

.

1919 in Versailles - die Alleinschuld des Deutschen Reichs

Zu dieser Kundgebung eingeladen hat der »Reichsausschuß für das deutsche Volksbegehren« gegen den Young-Plan, der in einem zweiten Anlauf - einen ersten hat es 1924 mit dem Dawes-Plan gegeben - die Reparationslasten regulieren soll, die dem Deutschen Reich 1919 in Versailles von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges auferlegt worden sind, nachdem ihm die Alleinschuld am Kriege zugesprochen worden ist.

Bis 1988 sollen die aufgelaufenen Geldschulden, an denen Deutschland zu ersticken droht, in einem komplizierten System von Zahlungen an das Ausland und von Krediten aus dem Ausland getilgt werden. (Anmerkung: Der Satz macht keinen rechten Sinn.)

Im Prinzip kämpfen alle gegen alle anderen ....

Das ist der DNVP und auch den Nationalsozialisten Anlaß, nicht nur gegen diesen Plan, sondern auch gegen die deutsche Republik, deren »Erfüllungspolitiker« diese Schmach hinzunehmen bereit sind, die Volksmeinung mobil zu machen. Den »nationalen Willen« zu bekunden, um die Republik zu Fall zu bringen, ist ihnen jedes Mittel recht, auch die sonst als lästige Feinde eingestuften Kommunisten, die dieser Initiative beispringen, um damit dem Republiksturz und der von ihnen erwarteten sozialistischen Revolution näher zu kommen.

1929/30 mißlingt der Coup; und auch als sich unter führender Mitwirkung Hugenbergs 1931 die DNVP und der Stahlhelm (der konservative Traditionsverband der Weltkriegssoldaten) unter Beteiligung der Nationalsozialisten als »nationale Opposition« in der »Harburger Front« demonstrativ zusammenschließen, rückt das Ziel nicht näher.

Noch sperren sich der Reichspräsident und auch manche Konservative in Hugenbergs eigener, unter seinem Vorsitz geschrumpften Partei, die Nationalsozialisten hoffähig zu machen. Erst am 30. Januar 1933 widersetzt sich Hindenburg nicht länger, den Massenagitator Adolf Hitler zum Kanzler zu ernennen. Hugenberg gilt als »Wirtschaftsdiktator« in der neuen Regierung, die nach seinen Vorstellungen auch ein Kabinett von Fachleuten sein sollte.

Hugenbergs wirtschafts- und sozialpolitische Überlegungen

Hugenberg beläßt es nicht bei den deutschtümelnden Phrasen von 1929. Ende 1932 veröffentlicht er noch einmal wirtschafts- und sozialpolitische Überlegungen, die - im Rückblick vielleicht stärker als dies zeitgenössisch möglich ist - erkennen lassen, was Hugenberg von den nationalsozialistischen Vorstellungen trennt - oder umgekehrt: wie weit nationalsozialistische Politik seinen Ansichten folgt.

Die »Entproletarisierung« des Arbeiters, seine »seelische Eingliederung in die Volksgemeinschaft deutscher Bürger« hat er als Ziel eines anstehenden weltgeschichtlichen Aktes proklamiert: der »Wiederversöhnung von Kapital und Arbeit« nach sechzig Jahren Klassenkampf als Krieg im Innern, der erwachsen sei aus der unbegriffenen Entwicklung von Industrie und Technik und der in der aktuellen Weltwirtschaftskrise seinen Höhepunkt habe. Mussolini, der »Duce« der italienischen Faschisten, sei bereits auf einem Weg, der ähnlich auch in Deutschland gegangen werden müsse.
.

Elemente der Hugenbergschen Vision sind:

.

  • - Ein deutscher von ausländischen Kapitaleinflüssen freier Nationalstaat,
  • - ein deutsches Volk, bestehend aus möglichst vielen bodenständigen Eigentümern, die nicht nur durch die gemeinsame Sprache als Individuen verbunden, sondern auch über Familien oder »Geschlechter« als juristische Personen zusammengeschlossen wären,
  • - eine Wirtschaft, die, in Selbstverwaltungskörpern gegliedert, selbst herkömmliche Funktionen der staatlichen Polizeigewalt in ihrem Bereich verantwortlich wahrnehme und in der zwischen Unternehmern und Betriebsräten (»Werksgewerkschaften«) die Löhne und Gehälter dezentral ausgehandelt würden,
  • - eine Regierung aus sechs bis zehn obersten Richtern oder Schlichtern, die »alles kennen, aber frei von jedem Interesse« seien und die »vielleicht nur ein König finden, schützen und auf ihrer Höhe halten« könne.


Im Rückblick kann dieses Bild, das er in dem Satz zusammenfaßt, »nur die nationale Wirtschaft« sei »ein wirklicher Organismus«, den nicht Spekulanten, sondern nur persönlich verantwortliche Unternehmer steuern dürften, teils rückwärtsgewandt, teils utopisch anmuten; allenfalls in der Wirtschaftsordnung des »Dritten Reiches« wurden einige dieser Vorschläge ansatzweise Wirklichkeit.
.

Hugenbergs Idee von »Wirklichem Frieden«

Doch weniger als diese Vision sind es begleitende Feststellungen oder Parolen, die Hugenbergs Nähe zum Nationalsozialismus signalisieren, wenn er auch erklärtermaßen das »Gegenteil von Sozialismus« anstrebt, mit dem es einigen Nationalsozialisten anfangs durchaus ernst ist.

»Wirklicher Frieden« kann Hugenberg zufolge »nur auf der Grundlage vollster Freiheit der hochwertigen Völker aufgebaut sein« (Hervorhebung von mir - A.S.); hier kann die Wendung von den Deutschen als überlegener »germanischer Rasse« anknüpfen, die auch Hugenberg gelegentlich benutzt.

Die industrielle Erschließung des »platten Landes«, die er 1930 noch als Aufgabe der Wirtschafts- und Steuerpolitik genannt hat, wird 1932 zur sozialpolitischen Aufgabe, die neben Industrie-Aussiedlung und -Dezentralisation auch die »Entwicklung der menschenleeren Räume, die das Volk ohne Raum noch besitzt, (die) Erweiterung des Lebensraumes« (Hervorhebung im Original) umfassen soll, wie er, sicher nicht nur mit Rücksicht auf damals populäre Schlagworte, 1932 schreibt. Noch 1918 hat er sich selbst für die deutsche »Ostland«-Besiedlung engagiert.

Die größte sozialpolitische Aufgabe soll die Förderung des Kinderreichtums sein, »eines der höchsten völkischen Güter«, wie er schon 1930 betont. »Den sich zerfleischenden sogenannten Klassen der marxistischen Lehre« will er die »Klasse der Eltern« entgegensetzen, »in der Zeit des herrschenden Sozialismusrecht eigentlich die Klasse, auf der alles hertrat«.

Beiläufige Polemiken gegen Gewerkschafts-»Bonzen« in den »sozialen Einrichtungen« und ihren neuen Palästen, gegen »Simulanten«, die die Renten- und Krankenkassen schädigen, gegen die Großstädte als »Brutstätten des Bolschewismus« und gegen die »bolschewistische Kulturpolitik« und die »Ausrottung der Religion«, die nicht nur die Grundlagen von Sitte und Moral, sondern auch von Arbeit und Wirtschaft untergraben würden, geben jenem weitverbreiteten Unbehagen Ausdruck, von dem am Ende auch die Nationalsozialisten profitieren.
.

Hugenberg spricht von jenem weitverbreiteten Unbehagen

Die Nazis nutzen es jedoch nur in bestimmter Auswahl für ihre Zwecke. Die religiöse und Kirchenbindung der Bevölkerung zum Beispiel suchen sie gewissermaßen durch die Steigerung des Nationalismus ins Religiöse abzulösen. Bei Hugenberg dagegen ist die Nation im Kern immer eine Gemeinschaft arbeitender Menschen, die im Wettbewerb mit anderen und im Kampf gegen andere nationale Gemeinschaften steht.

Daß es »in allererster Linie« die Unternehmer sein sollen, »die sich ihren Marxismus völlig abgewöhnen müssen«, scheint eine für Hugenberg am Ende der Weimarer Republik charakteristische Formulierung.

Diese maßgeblich von Sozialdemokraten und Gewerkschaften gestützte Republik gilt ihm als lebendiger »Marxismus« oder »Sozialismus«, von der sich die Unternehmer trotz diverser Autonomie-Demonstrationen seinen Vorstellungen zufolge noch nicht hinreichend freigemacht haben, um selbst das Ruder in die Hand zu nehmen.

Die sich hier zeigende Schroffheit auch den eigenen Standesgenossen gegenüber ist wohl eines jener Handicaps, die Hugenberg in seinen Kreisen nie voll zum Zuge kommen lassen. Vorbehalte ihm gegenüber werden hier unterschiedlich begründet.

»Beschränktheit des Blicks« wird ihm vorgeworfen, Sturheit, derer er sich auch selbst rühmt, und Mangel an taktischem Kalkül. »Der in seinem Denken durchaus realpolitische Mann ist blickbeschränkt in bezug auf Verbindungen und Wege, sobald er vom Denken und Wollen zur Tat übergeht« - in diesem Satz eines Insider-Kommentars von 1928 ist vielleicht die Skepsis ihm gegenüber am treffendsten formuliert.
.

Hugenbergs Lebensweg ab 1865

Ein Mann mit eigenbrötlerischen Neigungen, nicht ganz frei von Sonderlingsattitüden - nicht wenige Züge und Stationen in Hugenbergs Lebensweg passen zu dieser Charakterisierung. 1865 in Hannover als Sohn eines städtischen Beamten geboren, der es später bis zum königlich-hannoverschen Schatzrat bringt, liegt auch für Alfred Hugenberg zunächst eine ähnliche Karriere nahe.

Im Alter von 21 Jahren legt er nach Studien in Göttingen und Heidelberg in Berlin sein erstes juristisches Staatsexamen ab, studiert dann noch einmal zwei Jahre in Straßburg Nationalökonomie, um dort mit einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlich umfangreichen Dissertation über die innere Kolonisation in Nordwestdeutschland promoviert zu werden.

Freunde schon aus Kindertagen, mit denen er lange verbunden bleibt, pflegen dichterische Neigungen, und auch er selbst ist anfangs nicht frei davon. Doch 1890 beginnt er, sich politisch zu engagieren.

Anlaß ist der Sansibar-Vertrag, in dem das Deutsche Reich die ostafrikanische Insel gegen Helgoland von England eintauscht. Unter seiner maßgeblichen Mitwirkung entsteht der Alldeutsche Verband, der die öffentliche Meinung für eine kräftige nationale Politik mobilisieren soll und bald zu einer Agentur auch des völkischen Antisemitismus in gutbürgerlichen Kreisen wird.

Der zunehmende Wunsch nach deutscher »Weltmachtpolitik«, der die Entwicklung des deutschen Kaiserreichs nach Bismarcks Rücktritt begleitet, wird durch solche Agitiationsverbände - neben dem Alldeutschen Verband vor allem der Flottenverein - nachhaltig geweckt und stimuliert.

Doch Hugenberg, bis 1903 Vorstandsmitgleid, wirkt hier eher als Organisator denn als Propagandist. Auch an der antijüdischen Hetze beteiligt er sich nicht selbst, unterbindet sie aber auch nicht erkennbar.
.

Weiter im Leben Hugenbergs ab 1907

Ende 1907 quittiert er den Staatsdienst aus finanziellen und aus »ebenso sehr auch - ich weiß nicht, ob ich sagen soll, geschäftliche(n) oder ideelle(n)« Gründen, wie er an einen Vorgesetzten schreibt.

Sein Schwiegervater, der nationalliberale Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, Ernst Adickes, hat ihm die Mitgliedschaft im Vorstand der Frankfurter Berg- und Metallbank vermittelt, die als Zentrale des internationalen Merton-Konzerns fungiert.

  • Anmerkung : Demnach hatte er vor 1907 eine Frankfurterin geheiratet.


Doch er bleibt nur eineinhalb Jahre hier. Stört ihn neben der geringen Besoldung im Ministerium, daß er ihm zweckmäßig und politisch begründete Vorhaben nicht durchsetzen kann, weil, wie er meint, zunehmende Landtagsmacht und Gruppeninteressen Regierungsvorhaben zur Enteignung von Großgrundbesitzern für Siedlerstellen behinderten, so ist es bei Merton die ihm gering erscheinende Aussicht, »in einer kurzen Zahl von Jahren soviel zurückzulegen, daß ich damit eine gewisse Unabhängigkeit gewönne«, wie er einem Freund mitteilt.

Solche Möglichkeit sieht er offensichtlich, als er zum 1. Oktober 1909 seine Tätigkeit als Vorstands-Vorsitzender der Fried. Krupp AG aufnimmt. Hier, in der »Waffenschmiede« des Deutschen Reiches, bieten sich auch Gelegenheiten, auf die Regierung Einfluß zu nehmen.
.

Einer der »Superreichen« wird er allerdings nicht.

Es ist auch weniger die Position des Managers des noch als Familienbetrieb geführten Kruppschen Unternehmens als die ihm dabei zuwachsende Fülle von Kontakten zu anderen Industriellen und von Funktionen in ihren Interessenverbänden, die Hugenberg in den folgenden Jahren zu jenem mächtigen »Mann im Dunkel« werden lassen, von dem bereits die Rede war.

Seit 1911 gehört er dem Direktorium des Centralverbandes Deutscher Industrieller an, seit 1912 ist er Vorsitzender des Vereins für die bergbaulichen Interessen, seit 1913 Vorsitzender der Vereinigung von Handelskammern des von der Schwerindustrie bestimmten niederrheinisch-westfälischen Industriebezirks, um nur die wichtigsten Organisationen zu nennen, die er bald für seine Ziele mobilisieren kann.

Für seine sozialpolitischen Vorstellungen findet er nicht zuletzt in der Firma Krupp Resonanz, in der patriarchalisch- fürsorgliche Tendenzen nicht unbekannt sind. Wohnungseigentum für Werksangehörige und am Ende sogar die Ausgabe von Belegschaftsaktien gehen auf seine Anregungen zurück. Überdies fördert er hier wie generell die wirtschaftsfriedlichen (»gelben«) Gewerkschaften.
.

Dnan kam der 1. Weltkrieg

Als politisch erfolgreicher wird man sein Engagement für die deutsche Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg ansehen können, die die Reichsführung daran hindern soll, Frieden zu suchen, als seit 1916 die Aussicht auf einen Siegfrieden mehr und mehr schwindet.

Auf Einladung Hugenbergs trifft sich im Oktober 1914 ein Kreis prominenter Industrieller, um einen Vortrag des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Heinrich Claß, anzuhören, dem Hugenberg nach wie vor verbunden ist und weiterhin bleibt.

Diese Veranstaltung gibt den Anlaß für eine Denkschrift, die sechs führende Wirtschaftsverbände ein halbes Jahr später der Regierung einreichen und diese von der Zweckmäßigkeit einer annexionistischen Politik zu überzeugen suchen. Auf Dauer in deutsche Hände gelangen sollen u.a. einerseits die französischen und belgischen Industrieregionen, andererseits ländliche Siedlungsgebiete östlich der Reichsgrenzen vom Baltikum bis zur Ukraine, für die sich Hugenberg besonders interessiert.

Er verfolgt diese Ziele so intensiv, daß er nicht davor zurückscheut, gegen den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zu mobilisieren, als diesem Mäßigung angeraten scheint.
.

1912 ist er der Chef der Spendengelder

In die Lage, persönlich mehr und mehr die politische Meinungsbildung beeinflussen zu können, ist Hugenberg gekommen, seit er 1912 im Bergbaulichen Verein auf eigenen Vorschlag zur Auskunfts-, Kontroll-und Koordinationsstelle für die Vergabe von Spenden wird, die von den schwerindustriellen Unternehmen erbeten werden.

1913 gelingt es ihm darüber hinaus, Emil Kirdorf und Hugo Stinnes, zwei der mächtigsten deutschen Kohle- und Stahl-Konzern-Chefs, zu Freunden zu gewinnen, um mit ihnen als »Dreimännerausschuß« die Ruhrindustrie zu lenken.

1916 kommt Wilhelm Beukenburg dazu, und noch im selben Jahr geben die jetzt vier Herren ihrer Zusammenarbeit auch eine rechtliche Form in der Wirtschaftlichen Gesellschaft, die als Geldsammelstelle für den Zechenverband dienen soll. Die Mittel sollen dazu verwandt werden, »den auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet drohenden Gefahren wirksam entgegenzutreten«.
.

Entstehung des »Hugenberg-Konzerns«

Eingesetzt werden die Spenden-Gelder allerdings eindeutig vor allem für den Aufbau eines Unternehmens, das wenige Jahre später allgemein »Hugenberg-Konzern« genannt wird, obwohl Hugenberg selbst, formal betrachtet, nur der praktisch unkontrollierte Geschäftsführer dieses im Kern nach Stiftungsgrundsätzen verfaßten, vielfach verschachtelten Geflechts von Kapitalgesellschaften ist.

Den Grund dazu hat Hugenberg zwei Jahre zuvor mit einer windigen und nicht ganz risikolosen »Anzeigenvermittlungsstelle« gelegt.
.

Der Zweck war »die Beeinflussung der Inlands-Tagespresse«

Zurückgreifend auf schon 1912 von ihm entwickelte Pläne, werden im Frühjahr 1914 die Ausland GmbH und als deren Tochtergesellschaft die Ausland Anzeigen GmbH gegründet. Aufgabe dieser Firmen ist es, die Werbeanzeigen schwerindustrieller Konzerne zu bündeln und an Zeitungen zu leiten, deren Auswahl nicht in der Hand der einzelnen Auftraggeber liegt.

Die Mitgliedskonzerne haben sich schriftlich zum Beschreiten dieses Wegs verpflichtet. Aus internen Unterlagen geht hervor, daß Hugenberg - zumal nach Beginn des Weltkriegs-überhaupt nicht daran denkt, für die Schwerindustrie durch Annoncen im Ausland zu werben.

Der »eigentliche Zweck«, sagt er intern 1917, sei »die Beeinflussung der Inlands-Tagespresse«. Geschäftsführer der Ausland GmbH wird Dr. Andrew Thorn-dike, ein Mitarbeiter Hugenbergs im Mer-ton-Konzern, der Vater des späteren Ufa-und DEFA-Regisseurs. 1917 wird die Ausland Anzeigen GmbH in Allgmeine Anzeigen GmbH (ALA) umbenannt.

Die Hintergründe dieser Initiative sind vielschichtig. Neben dem persönlichen Motiv des nach wie vor kapitalarmen Hugenberg, politisch Einfluß zu nehmen, ist es vor allem das nicht gerade positive Image, das die Schwerindustrie bietet.

Die Banken und die verarbeitenden Industrien verfügen über weitaus bessere Verbindungen zur bürgerlichen Presse, in der liberale Blätter vor allem in den Großstädten vorherrschen. Das Image der Schwerindustrie aufzubessern, indem sie für ihre auch politischen Gedanken offene Zeitungen durch Anzeigen wirtschaftlich an sich bindet, ist ein Kalkül Hugenbergs; daß er dies nicht nur direkt zu erreichen sucht, sondern auch durch die Gewinnung von Inserenten aus den verarbeitenden Industrien und anderen Wirtschaftszweigen, genügt einem weiteren: der Schwerindustrie die Meinungsführung in der Industrie insgesamt zu sichern. Zentral für diese Strategie ist, zu mächtigen Konkurrenten wie den Konzernen von Mos-se und Ullstein, die auch über Anzeigenagenturen verfügen, in Distanz zu bleiben.
.

Die Taktik der Unterwanderung durch Kapitalbeteiligungen

Im Feld der Nachrichtenagenturen und Korrespondenzen dagegen, das die Ausland GmbH auch zu bestellen sucht, verzichtet Hugenberg nicht auf die Taktik der Unterwanderung durch - zuweilen verdeckte -Kapitalbeteiligungen, für die ihm stets persönliche Freunde zur Verfügung stehen und die oft erst allmählich in der Wirkung erkennbar sind. Doch auch die Subvention einzelner Blätter schließt die wirtschaftliche Gesellschaft nicht aus, obwohl die direkte Förderung erklärtermaßen nicht angestrebt wird.

»An der Zeitung darf kein Geschäftsinteresse kleben. - Für nichts bin ich meinen Freunden aus dem Ruhrgebiet dankbarer als dafür, daß sie von vornherein diesem Gedankengang gefolgt sind«, schreibt Hugenberg im Rückblick. »Eine große Zeitung kann auf die Dauer ihren Kristallisationspunkt nur in einer Idee finden.« Die Ideen, denen die von ihm wirtschaftlich kontrollierte Presse dienen soll, sind für ihn der »nationale Gedanke und die Wiederdurchsetzung des Persönlichkeitsgedankens in Kultur und Wirtschaft«, die nicht nur durch den Sozialismus, sondern mehr noch »durch eine unklare Richtung und Verwirrung der öffentlichen Meinung« bedroht seien.
.

Die Hugenberg-Gruppe übernimmt 1916 den Verlagskonzern August Scherl

Dies in großem Stil umzusetzen, ist der Hugenberg-Gruppe erst möglich, seit sie im Mai 1916 den Verlagskonzern August Scherl übernommen hat, der eine Reihe von Zeitschriften und Zeitungen, darunter den Berliner Lokal-Anzeiger, die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung (1912 : 224.000; nach 1918: ca. 250.000) herausgibt.

Am Beispiel dieses Blattes ließe sich detailliert schildern, wie die auch diesmal verdeckt eingetretenen neuen Eigner versuchen, das Blatt auf ihre politische Linie zu bringen, die sich gegen die Tendenz zur Verständigung mit den Kriegsgegnern richtet, die sie beim Kanzler und sogar beim Kaiser wahrnehmen.

Durch Hinweise auf eventuellen Auflagenrückgang und geschickt formulierte Kompromißhaltungen gelingt es den übernommenen Redakteuren, das Blatt auf einem Kurs zu halten, der das »Fahrwasser der alldeutschen Presse«, wie einer von ihnen sagt, meidet, aber auch nicht vor ihm warnt.

Diese Haltung kennzeichnet fortan einen Großteil der »Hugenberg-Presse«. Daß es ihm um eben diesen alldeutschen Kurs geht, läßt sich an einer Episode im September 1917 aufweisen:

Im Dezember 1916 wird die Deutsche Lichtspielgesellschaft e.V. (DLG) im Rahmen des »Hugenberg-Konzerns« gegründet, und Hugenberg persönlich bittet nun den Chef der Gutehoffnungshütte, Paul Reusch, um einen Zuschuß für 3-5 »Durchhaltefilme«, die die DLG fertigen soll.

Solche Bemühungen angesichts der sich zuspitzenden Kriegslage nach dem Hungerwinter 1916/17 hindern Hugenberg gut ein Jahr später ebensowenig wie seine erklärte Gegnerschaft zum »Sozialismus«, mit Vertretern der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften die Zentrale Arbeitsgemeinschaft (ZAG) zur Überführung der Kriegs- in eine Friedenswirtschaft vorzubereiten, sich in ihren Zentralvorstand wählen zu lassen und sie öffentlich als »gesundesten Ausdruck« der »sozialen Entwicklung« anzupreisen.

Andere Industriemanager, Gustav Stresemann vor allem, der sich später als Kanzler und Außenminister profiliert, sind da zurückhaltender, obgleich oder weil auch für sie die von Hugenberg geforderte »Freiheit der Wirtschaft« ein wichtiges Ziel ist.
.

Angeblich kein Zynismus, sondern allein Zweckmäßigkeit

Aber für Hugenberg liegt in seinem Verhalten offensichtlich kein Zynismus, sondern allein Zweckmäßigkeit der schwerindustriellen Interessenvertretung in politisch schwierigen Situation. Zwar hat er die Firma Krupp (Essen) zum 1. Januar 1919 verlassen, um sich ganz seinem Presse-Imperium (in Berlin) zu widmen, der schwerindustriellen Verbandsarbeit bleibt er jedoch weiterhin, wenn auch nicht immer konfliktfrei, verbunden; mehrere Konzerne haben ihn in ihre Aufsichtsräte berufen.

1928 kontrolliert er ca. ein Fünftel der deutschen Tagespresse. 1917 hat er besonders für kleine Provinzzeitungen eine Finanzierungsgesellschaft gegründet, die deren Überleben auch in schwierigen Zeiten der Weimarer Republik sichert.
.

Das Denken vom Wert der Nation und des Privatbesitzes

Was sein Denken und Handeln stärker motiviert, fanatische Überzeugung vom Wert der Nation und des Privatbesitzes oder blanke Machtfixierung - wer mag das angesichts solcher Sätze wie der folgenden, die er im März 1919 in der Deutschen Nationalversammlung vorbrachte, entscheiden?

»Steuern vertreten für den dummen Deutschen, der sich ohne Notwendigkeit diese Niederlage und diesen Frieden auf den Nacken lud, von nun an die Stelle des täglichen Brotes. Ich fürchte, daß das Reich daran entzwei geht, da es sich zum Gerichtsvollzieher der Feinde gegenüber all seinen Gliedern gemacht hat, und hätte in diesem Falle lieber gesehen, daß der Feind es zerschlagen hätte, damit wenigstens die Sehnsucht nach einem Dritten Reich bei Auseinanderfall des Zweiten in den Herzen der Deutschen zurückgeblieben wäre«.

Nach all dem, was über sein Wirken in der Folgezeit bekannt ist, ist dies keine rhetorische Entgleisung in einer aufgeregten Debatte. Im Januar 1934, inzwischen nur noch Reichstagsabgeordneter, schreibt er an Hitler:

»Die Gefahr der Herrschaft der Kommunisten und Minderwertigen, der tägliche Anblick der verwüstenden Tätigkeit der Sozialdemokratie und die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Sturzes des Zentrumsturmes, wie ihn schon Bismarck ersehnt hat, standen Ihnen wie mir vor einem Jahr ausschlaggebend vor Augen. Ich muß sie heute dazu beglückwünschen, daß Sie diese Mächte ausgeschaltet und ihnen, wie ich hoffe, die Mittel zur Wiedererstarkung genommen haben.«

Gegen Ende seines einsamen Lebens - er stirbt 1951 - und nach dem Ende des »Dritten Reiches« soll Hugenberg einmal gesagt haben: »Der Radikalismus ist eine Lebensgefahr für jeden Staat.« Seinen eigenen »radikalen Nationalismus« wird er kaum damit gemeint haben. Im offiziellen Entnazifizierungsverfahren wird er 1949 als »Mitläufer« eingestuft.

Ein Artikel von Arnold Sywottek
.

Ein treuer Diener seines Herrn

.

Ludwig Klitzsch, Hugenbergs Spitzenmanager

Er hat das gestrandete Flaggschiff der deutschen Filmindustrie wieder flottgemacht: Ludwig Klitzsch saniert im Auftrag der neuen Eigentümer die Ufa und leitet eine umfassende Reorganisation des verschachtelten Konzerns ein.

Er ist ein Management-Genie, und er beweist Durchsetzungsvermögen. Dabei mischt er sich in künstlerische Belange nicht ein, scheint sich dafür auch nicht zu interessieren: Der Mann an der Spitze des wichtigsten deutschen Filmunternehmens hat sich um Film immer nur unter politischen und ökonomischen Aspekten gekümmert.

Mit der Übernahme durch die Hugenberg-Gruppe wird der Vorstand entsprechend den neuen Machtverhältnissen umgebildet.

Als »Delegierter des Aufsichtsrates« fungiert der Leiter des Scherl-Verlags: ein Generaldirektor, der diesen Titel nicht für sich beansprucht. Die Branche begrüßt sein Engagement, »denn Herr Klitzsch hat die notwendige Fühlung mit der Industrie schon seit Jahren - seine Persönlichkeit und seine Leistungen auf organisatorischem Gebiet sind bekannt«, meint der Film-Kurier, 22.4.1927.
.

Ludwig Klitzsch und die Bilderbuch-Karriere

Hinter ihm liegt eine Bilderbuch-Karriere: Bei dem Leipziger Verlag J. I. Weber hat er sich in zwölf Jahren emporgearbeitet: vom Annoncenwerber zum Direktor und Zeitschriften-Herausgeber. Kurz vor Kriegsbeginn, als in Wirtschaftskreisen erstmals über eine deutsche Filmpropaganda diskutiert wird, tut sich der junge Mann mit Engagement und weitsichtigen Konzepten besonders hervor.

Als kaufmännischer Direktor der Deutschen Übersee-Dienst GmbH mischt er bei der Deutschen Lichtbild-Gesellschaft mit, verfaßt Denkschriften und hält markige Reden. Am Ende steht immer die gleiche Forderung: Es sei notwendig, den ausländischen Hetzfilmen von deutscher Seite etwas entgegenzusetzen.

So auch bei seinem Vortrag 1917 im Sitzungssaal des Berliner Abgeordnetenhauses. Unter den Zuhörern befinden sich Seine
Durchlaucht Prinz Albert von Schleswig-Holstein, der Generalleutnant von Bonin, zahlreiche Staatsminister und Regierungsräte, Vertreter diverser Dienststellen: vom Reichskolonialamt bis zum Reichspostamt.

Die Lichtbild-Bühne, 48/1917 berichtet, »daß die Zahlen, mit denen Herr Direktor Klitzsch operierte, zumindest durch ihren Umfang imponierten. Im übrigen entziehen sie sich genauerer Kontrolle.«

Das Fachblatt ist deutlich weniger beeindruckt als die anwesenden Exzellenzen und vermerkt kritisch, der Vortrag sei »reichlich mit der bekannten Verachtung durchsetzt, die gewisse politische Kreise für unsere jetzigen Feinde nur allzu gern zur Schau tragen«.
.

Chauvinismus und Patriotismus

Chauvinismus ist das Schmiermittel, um die Filmpläne in Gang zu bringen, und auf die gewissen Kreise kommt es an: Klitzsch versteht es, an den Patriotismus zu appellieren, die Industriekapitäne und Wirtschaftsbosse in die nationale Pflicht zu nehmen.

Bei der Ufa-Gründung kommt Geheimrat Hugenberg zwar noch nicht zum Zuge, aber die hier praktizierte Methode erweist sich als Erfolgsrezept beim Auf- und Ausbau seines Presseimperiums: Man holt sich das Kapital von der Schwerindustrie und liefert ihr dafür Zeitungen. Klitzsch ist der richtige Mann für Hugenberg - er macht 1920 den Vierzigjährigen zum Generaldirektor seines Scherl-Verlags.
.

»Diese deutschen Filmproduzenten sind gerissen.«

Sieben Jahre später, im April 1927, herrscht er - ohne seine Stellung im Zeitungsverlag aufzugeben - zusätzlich noch über den Filmkonzern. Eine schwierige Aufgabe erwartet ihn dort:

Soll die Ufa eine Überlebenschance haben, müssen so schnell wie möglich die Parufamet-Verträge gelöst werden. Noch im Juli 1927 reist Klitzsch in die Höhle des Löwen und erreicht in zähen Verhandlungen sein Ziel.

Legendär sein Auftritt bei dem Bankett, das Will H. Hays, der allgewaltige Chef der amerikanischen Produzenten- und Verleiher-Organisation, im New Yorker Ritz Carlton Hotel gibt. Natürlich geht es in den Tischreden um das Kontingentgesetz, und ebenso natürlich plädieren die Amerikaner für die Aufhebung der Importbeschränkungen.

»Endlich erhob sich Klitzsch und hielt eine Rede in mühsamem Englisch. Er hätte gerade so gut deutsch reden können, denn alles, was er sagte, war >nein<, und das bedeutet dasselbe in jeder Sprache.«

Das US-Branchenorgan Variety kann bei allem Sarkasmus dem Ufa-Direktor seinen Respekt nicht versagen: »Diese deutschen Filmproduzenten sind gerissen.« Klitzsch kehrt als Sieger nach Berlin zurück.

Wie immer, wenn jemand nicht zuhause ist ....

Während seiner Abwesenheit hat man gegen ihn polemisiert und intrigiert. Die Vorgeschichte: Eine Woche nach seiner Entmachtung tritt der frühere Generaldirektor Bausback auch als Vorsitzender der Spio, der Spitzenorganisation der deutschen Filmindustrie, zurück, und wie selbstverständlich übernimmt der neue Ufa-Chef die Funktion beim Interessenverband.

Nicht nur der Film-Kurier begrüßt den Wechsel: »Die Industrie verspricht sich von den Beziehungen des Herrn Klitzsch zu den politischen und wirtschaftlichen Machtgruppen sowie den Behörden, Parlamenten und Parlamentariern und der Presse außerordentlich viel.«

Kaum hat sich der Spio-Vorsitzende nach Amerika eingeschifft, wird ihm in der heimischen Presse unterstellt, er vertrete »die Privatinteressen der Majoritätsinhaber der Ufa zuungunsten der Interessen der übrigen deutschen Filmindustrie«.

Aber Klitzsch macht auf dem Bankett keinen Knicks vor den Amerikanern, und auf der Rückreise tut er noch ein übriges: Er geißelt in einem Telegramm die »Hetzfilme« der Metro und greift dabei sogar die eigene Parufamet-Verleihorganisation an. Der Spio-Vorsitzende erweist sich als guter Deutscher; die Kritik an ihm verstummt. Zudem organisiert Klitzsch einen Feldzug gegen die (nach Meinung der Branche viel zu hohe) Lustbarkeitssteuer und demonstriert damit auch, daß Ufa-Interessen identisch sind mit den Interessen aller deutschen Produzenten, Verleihfirmen und Kinobesitzer.
.

Klitzsch und die UFA dominieren ziemlich ungeniert die SPIO

Der Filmkonzern dominiert ziemlich ungeniert den Verband: Die Ufa ist in allen Sparten extra vertreten, hat also mehr als eine Stimme, muß aber auch entsprechend viel beitragen zur Finanzierung des Verbands. Auf den Sitzungen des Ufa-Vorstands wird über die Politik der Spio entschieden.

Dafür ein Beispiel, entnommen dem Protokoll vom 4. Dezember 1931: »Es wird beschlossen, bei den Neuwahlen der Spio die bisher bestehende Besetzung des Vorstandes aufrecht zu erhalten. Die Herren Klitzsch, Correll, Meydam und Scheer als ordentliche und die Herren Somlö und Goldschmidt als stellvertretende Vorstandsmitglieder sollen demnach wiedergewählt werden.« Und so geschieht es.

Kompetenz beweist Klitzsch auch bei Personal-Entscheidungen. Er engagiert Correll und holt Pommer aus Hollywood zurück. Daneben geht dagegen der Versuch, den früheren Ufa-Direktor Siegmund Jakob regreßpflichtig zu machen: Die Gerichte entscheiden gegen den Filmkonzern, weil das ruinöse USA-Geschäft durch Aufsichtsratsbeschlüsse gedeckt war, zudem die Generalversammlung dem scheidenden Vorstand Entlastung erteilt hatte. Danach hakt Klitzsch das Kapitel Vergangenheit ab und wendet sich der Zukunft zu.
.

Klitzsch ist enorm lernfähig

Er unternimmt mehrere Studienreisen nach Amerika, und bei der Ufa-Tagung am 28. Juli 1930 verkündet er die Umstellung auf den Tonfilm. Im Juni 1931 ernennt Hugenberg seinen treuen Gefolgsmann auch offiziell zum Generaldirektor der Ufa.

Der Spitzenmanager ist auch Spitzenverdiener: Er bezieht ein Monatsgehalt von 7.500 RM, eine jährliche Aufwandsentschädigung von 30.000 Mark und noch einmal denselben Betrag als Dispositionsfonds, über den er keine Rechenschaft ablegen muß. Neben diesen festen Bezügen kommt ein lukrativer Bonus: drei Prozent des Reingewinns, den die Ufa jährlich an ihre Aktionäre ausschüttet.

»Mit dem Jahr der Machtergreifung beginnt für den deutschen Film eine vollkommen neue Entwicklungsperiode«, doziert Klitzsch auf einer Tagung der Reichsfilmkammer. Der Generaldirektor von Scherl und Ufa legt das Treuegelöbnis zum Führer ab, hält als Deutschnationaler aber Distanz zur NSDAP. Am 30. Januar 1933 schreibt er an den Geheimrat Hugenberg: »Über die voraussichtliche Liquidität unseres Verlagsunternehmens mache ich mir ständig Gedanken -und Sorgen.«
.

Hugenberg wird Minister unter Hitler - für ganz kurze Zeit

An eben diesem Tag tritt Hugenberg als Minister in das Kabinett Hitler ein, und neben den Finanzproblemen muß sich Klitzsch bald mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Otto Kriegk, Chefreporter des Scherl-Verlags, berichtet am 25. April seinem Chef: Ein »unerträglicher Druck der Unsicherheit über die politische Entwicklung« belaste das Haus, »eine Stimmung der Verzweiflung« lähme die Redaktionen.

»Vor uns steht die Möglichkeit, daß Herr Geheimrat Hugenberg plötzlich aus dem Kabinett austritt und die Führung unseres Hauses unter den heutigen, schon an vielen Stellen geschaffenen Umständen einfach in die Hand eines gewaltsam eingesetzten Kommissars der N.S.D.A.P. übergeht.«

Einen Monat später - am 27. Juni, dem Tag der Selbstauflösung der Deutschnationalen Volkspartei - reicht Hugenberg seinen Rücktritt ein; im Gegenzug beläßt Hitler den Unternehmen Scherl und Ufa zunächst ihre Selbstständigkeit.
.

"Klitzsch" versteht sein Handwerk ..... aber

»Aber von Kunst versteht er leider garnichts«, notiert Goebbels nicht ganz zu Unrecht in seinem Tagebuch. (Den Namen des Ufa-Generaldirektors schreibt der Promi konstant falsch.) 1937 spitzt sich der Konflikt zu. »

Klitzsch sträubt sich mit Händen und Füßen. Aber es hilft ihm nichts«, heißt es am 20. Februar. Am 8. März holt Goebbels sich Rückendeckung beim Führer, am Tag darauf konferiert er mit dem Beauftragten für das Filmwesen:

»Winkler setzt mir den Status der Ufa auseinander. Klitzsch und Hugenberg wollen uns regelrecht übervorteilen. Aber ich bin nun nicht mehr so dumm.«
.

Goebbels als Intrigant mit Schadenfreude

Als flankierende Maßnahme startet Goebbels eine Kampagne. »Ich weise die Presse an, den Generalangriff gegen die Ufa anzusetzen. Gleich heute geht das los bei der Kritik des Filmes Menschen ohne Vaterland. Die Ufa wird sich wundern.«

Während das Scherl-Blatt Berliner Lokal-Anzeiger am nächsten Morgen blauäugig von lebhaftem Beifall bei der Uraufführung berichtet, geht das Berliner Tageblatt unter der Überschrift »Geschäft und politisches Gewissen« mit den Filmleuten scharf ins Gericht. Der Völkische Beobachter nimmt die Premiere zum Anlaß, frontal gegen die Konzernspitze zu schießen.

Die Lektüre der Zeitungen hebt Goebbels' Stimmung, euphorisiert ihn geradezu. »Das knallt nur so. Die Presse hat also gut funktioniert«, freut er sich. Tags darauf notiert er: »Gestern: bei der Ufa große Bestürzung. Dieser Presseangriff kam zu plötzlich. In kurzer Zeit werde ich sie haben. Die Hugenberger müssen kapitulieren.«

Einen Tag später, ungläubig staunend: »Klitzsch ist verrückt geworden. Will den Kampf. Soll ihn haben.« Doch schon am 13. März kann er konstatieren: »Ufa mürbe geschossen. Verkauf nur noch eine Frage kurzer Zeit. Mein Bombardement hat also gewirkt. Klitzsch ganz zerschlagen. Das hätte er billiger haben können.« In der Ufa-Zentrale herrsche große Panik. Genüßlich vermerkt er: »Das liebe ich. Ich werde die Herren schon kirre machen.«

Die selbstgerechte und eitle Pose des Propagandaministers verstellt den Blick: Nicht der auftrumpfende Nazi und die gleichgeschaltete Presse haben den Generaldirektor in die Knie gezwungen. Sondern ein Organisationsgenie - Winkler, gestützt vom Regime - hat ein anderes Organisationsgenie - Klitzsch, dessen Patron Hugenberg entmachtet ist - besiegt. Bei den Verkaufsverhandlungen versucht er, das Beste für seinen Herrn herauszuholen. Unter anderem wird vereinbart, daß Scherl die Herstellung aller Filmdrucksachen durchführt und das Scherl-Blatt Die Filmwelt als Programmzeitschrift besondere Förderung erfährt.
.

Ein Eigentor von Goebbels - Klitzsch nicht leicht zu ersetzen

Auch zeigt sich, daß Klitzsch gar nicht so leicht in der Ufa-Leitung zu ersetzen ist: Er bleibt Generaldirektor - bis auf weiteres. Außerdem gefällt Goebbels die von Klitzsch formulierte Denkschrift zur Errichtung einer Filmakademie.

»Eine sehr solide Arbeit. Nun können wir gleich anfangen. Die Ufa arbeitet zuverlässig. Sie hat eben einen führenden Kopf.« Ja, verglichen mit den anderen Schlampläden erscheint dem Minister die Ufa geradezu als ein »Juwel«.

»Ich spiele mit dem Gedanken, Klitzsch nicht nur nicht abzusetzen, sondern ihm auch noch die Tobis zu unterstellen.«

Es kommt anders. Am 22. Dezember 1942 teilt Klitzsch Hugenberg seinen Entschluß mit, »aus der jetzigen Halbheit meiner Stellung herauszukommen, die sich aus der Entwicklung der letzten 12 Monate und auch aus meinem unbefriedigenden Verhältnis zu Herrn Dr. Winkler ergibt«.
.

Klitzsch ist die Intrigen leid

Bei den Feierlichkeiten zum Ufa-Jubiläum, dem Betriebsappell am 3. März 1943, legt er den Vorsitz im Vorstand nieder und übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat, ist also nicht mehr mit dem täglichen Geschäftsgang befaßt. An sich ist vereinbart, daß die Ufa keinen neuen Generaldirektor ernennt, doch ein paar Monate später hat Fritz Kaelber diese Funktion inne.

Verbittert kommentiert Klitzsch in einem privaten Schreiben an Hugenberg den weiteren Verlust seiner Macht: »Der ganze Vorgang ist ein sogenanntes >Begräbnis 1. Klasse<, das einem Wunsche des Herrn Bürgermeister Dr. Winkler entspricht. Seine seit etwa zwei Jahren laufenden Bestrebungen, mich auszuschalten, kommen damit zu einem gewissen Abschluß.«
.

Eine gesunde Abfindung - wenn auch unbefristet

Die Neuregelung ist für den aufs Abstellgleis geschobenen Wirtschaftsboß ein guter Anlaß, seinen bei Kriegsbeginn ausgesprochenen Verzicht auf die ihm zustehenden Bezüge zurückzunehmen. (Winkler bestätigt ihm mit Datum vom 9. November 1943: »Ihre Gesamtberatung des Ufa-Film-Konzerns ist eine so umfassende, daß sie billigerweise nicht ohne Vergütung geleistet werden kann. Ich stelle Ihnen deshalb einen Betrag von jährlich 60.000 RM ab 1.4.1943 zur Verfügung.«

Klitzsch erhält vierteljährlich einen Verrechnungsscheck über 15.000 RM, den letzten quittiert er am 10. Januar 1945.) Der Brief an Hugenberg schließt: »Ich habe bei der Neugestaltung das Gefühl, daß man zunächst die Absicht hat, mir durch freundschaftliche Behandlung die neue Situation zu erleichtern. Hoffentlich hält das aber auch an; denn die Vereinbarungen sind unbefristet, können daher jeden Tag aufhören.«

Klitzsch und die Liste seiner Ämter

Die Liste seiner Ämter ist immer noch lang genug: Aufsichtsratsvorsitzender der Universum Film-AG, der Afifa, der Ufa-Filmkunst, der Deutschen Filmvertriebs GmbH, der Deutschen Wochenschau sowie der Filmkreditbank, stellvertretender Vorsitzer des Aufsichtsrates der Ufa-Film GmbH, der Deutschen Filmtheater GmbH und der Film-Unione in Rom. Außerdem ist er »Wehrwirtschaftsführer«.

(Eher eine private Hilfeleistung dokumentiert ein Schreiben vom Ende Juli 1942, archiviert im Hugenberg-Nachlaß:

»Sehr geehrter Herr Geheimrat! In Erledigung Ihres geschätzten Schreibens vom 20.ds.Mts. habe ich veranlaßt, daß Ihnen eine weitere Sendung Klo-Papier noch im Laufe dieses Monats zugeht. Ende August und September erhalten Sie dann nochmals eine Sendung mit je 25 Rollen. Ich hoffe nicht, daß der Krieg solange dauert.«)

Unermüdlich berichtet er seinem Patron, der sich auf Gut Rohbraken bei Rinteln verkrochen hat, von den Ereignissen in Berlin. Neben den Bombenschäden beschäftigt ihn vor allem die »Sorge über den gesundheitlichen Abfall unserer leitenden Herren«.
.

Gesundheitlich angeschlagen im Juli 1944

Klitzsch selbst geht es auch nicht gut: Er leidet an einer Nervenerkrankung mit häufigen Kopfgefäßkrämpfen, liegt ein halbes Jahr im Sanatorium. Im Juli 1944 schickt er ein ärztliches Attest an Winkler: Er ist reiseunfähig und muß auf seinem Rittergut Sternhagen bleiben, versichert aber, trotzdem regelmäßig die Ufa-Akten zu bearbeiten.

Das Nachspiel ist kurz. Am 15. Juli 1945 wendet er sich an die Militär-Regierung in Flensburg. »Zunächst bemerke ich, daß ich der Partei trotz meiner bekannten Stellung in Presse und Film nicht angehört habe, 64 Jahre alt und in zweiter Ehe mit einer Dänin verheiratet bin.«

1946-1949 - Die makabre Mache mit den "Persilscheinen"

Die "Hugenberg-Leute" stellen sich gegenseitig Persilscheine aus - mit Erfolg: Im Entnazifizierungsverfahren wird Klitzsch Anfang 1949 in die Gruppe V - Mitläufer - eingestuft. Er kämpft um die Freigabe des Ufa-Vermögens, versucht vergeblich, wieder ins Pressegeschäft einzusteigen.

Mit Hugenberg tauscht er lange Briefe aus; einziges Thema dieser Korrespondenz ist die Frage, wie das einstige Vermögen vor der Beschlagnahme durch die Alliierten zu retten sei.

Die politische Verstrickung des deutschnationalen Medienkonzerns mit dem NS-Regime hat er nie reflektiert. Ein dreiseitiges Typoskript, eine auf den 17. Juni 1949 datierte Rechtfertigungsschrift, behandelt den »beispiellosen Leidensweg der Ufa« während der Nazi-Diktatur.

»Der Film war durch die Machtergreifung nur mehr ein Mittel zur Erreichung staatspolitisch wünschenswerter Ziele geworden«, klagt er. »Der Gedanke an Wirtschaftlichkeit und Rentabilität, der Endzweck jedes wirtschaftlichen Seins, trat bei einer solchen Auffassung zurück.«

In anderen Kategorien konnte er nicht denken. Ludwig Klitzsch stirbt 1954, knapp drei Jahre nach dem Tod seines Herrn Hugenberg.

Ein Arikel von Michael Töteberg
.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2006 / 2026 - Deutsches Fernsehmuseum Filzbaden - Copyright by Dipl.-Ing. Gert Redlich - DSGVO - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - Tag und Nacht, und kostenlos natürlich.