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"Das gab's nur einmal" - Der deutsche Film von 1912 bis 1945

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesen beiden Filmbüchern gibt es jede Menge Hintergrund- Informationen über das Entstehen der Filme, über die Regisseure und die kleinen und die großen Schauspieler, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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IST DIE UFA PLEITE ?

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Die UFA ist doch nicht saniert

Schon wenige Monate nach der Gründung der Parufamet ist es klar: die UFA ist nicht saniert, die UFA befindet sich in einer katastrophaleren Lage als je zuvor. Die UFA ist im Begriff, erdrosselt zu werden. Man kann sich ausrechnen, wie lange es dauern wird, bis sie ihre Pforten schließen muß.

Zumindest Herr von Stauß kann es sich ausrechnen. Er ist ja schließlich Bankier, und der ob seiner Ruhe und Überlegenheit in geschäftlichen Fragen vielgerühmte Mann wird zum ersten Mal in seinem Leben von Panik erfaßt.

Er sieht sich schon angeprangert als Verräter, der die UFA an die Amerikaner auslieferte. Was werden die Zeitungen über ihn schreiben? Was wird der Aufsichtsrat der Deutschen Bank über ihn sagen? Herr von Stauß begibt sich auf Reisen.

Er verhandelt in Frankfurt, Köln, Düsseldorf, München. Er versucht, die Schwerindustrie für die UFA zu interessieren. Die Schwerindustrie ist denkbar uninteressiert. Die I.G.-Farben zeigen vorübergehend Interesse, sagen aber im letzten Moment wieder ab. Herr von Stauß eilt verzweifelt in die Wilhelmstraße. Kann die Regierung nicht vielleicht einspringen ...?
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Verhandlungen mit dem Reichswirtschaftsministerium.

Wieviel braucht Herr von Stauß für die UFA ? Er braucht die vier Millionen Dollar, also rund siebzehn Millionen Reichsmark, die er den Amerikanern schuldet. Man handelt ihn auf fünfzehn Millionen herunter.

Das Reichswirtschaftsministerium wäre bereit, der UFA einen Kredit von fünfzehn Millionen einzuräumen, allerdings nur unter gewissen Bedingungen. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Endlich ist es so weit, daß der Vertrag unter Dach und Fach gebracht werden kann.

Just einen Tag vorher tritt die Reichsregierung zurück. Der Reichswirtschaftsminister, der unterschreiben wollte, ist nur noch ein Reichswirtschaftsminister a. D. Der neue Minister denkt nicht mehr daran, einen Vertrag zu unterschreiben, den sein Vorgänger geschlossen hat.

Alles, was sein Vorgänger aus dem anderen Kabinett getan hat, ist, natürlich, verkehrt gewesen.
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Ullstein, der größten Zeitungs-Verlag Europas will nicht

Herr von Stauß wird bei Ullstein vorstellig, dem größten Zeitungs- und Buchverlag Europas. Die fünf Brüder Ullstein, die mit der „Berliner Illustrierten", der „BZ am Mittag", der „Praktischen Berlinerin", den „Ullstein-Schnittmustern" und den „Ullstein-Büchern" Vermögen verdienen, könnten die UFA wieder auf die Beine stellen. Aber sie wollen nicht.

Dr. Bausback wendet sich an den Verlag Mosse, der das Berliner Tageblatt herausgibt. Mosse winkt ab. Warum soll er sein gutes Geld schlechtem Geld nachwerfen?

Alle diese Verhandlungen werden geheim geführt. Zwar ist es ein offenes Geheimnis, daß die Tage der UFA gezählt sind. Aber über offene Geheimnisse spricht man nicht, zumindest nicht offen.
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Und dann spricht es einer doch offen aus - Ludwig Klitzsch

Er sagt: „Niemand wird die UFA kaufen! Die UFA ist doch restlos pleite! Daran ist kein Zweifel!" Er sagt es in einer Gesellschaft, er sagt es in einer Aufsichtsratssitzung, er sagt es im bekannten Restaurant Kempinski.

Er sagt es so laut, daß es jeder hören kann. Er sagt es mit stark sächsischem Akzent. Er - das ist ein mittelgroßer, etwas rundlicher Herr mit blondem, sorgfältig gescheiteltem Haar, das schon etwas dünn wird - mit einer dunklen Hornbrille, ein Mann, der sehr solide aussieht und vielleicht ein wenig spießig. Er heißt Ludwig Klitzsch.

Klitzsch ist Direktor des Scherl-Verlages

Dort werden bedeutende Zeitungen, unter anderem der Lokal-Anzeiger und die Nachtausgabe, gedruckt. Und Klitzsch ist seit langem am Film interessiert. Um es genau zu sagen: eigentlich war es Klitzsch, der Herrn von Stauß zur Gründung der UFA getrieben hatte.

Klitzsch, vor dem Weltkrieg Propagandafachmann in einem Leipziger Zeitungsverlag, hatte Anfang 1916 in einem Vortrag vor hohen Offizieren, Beamten und Vertretern der Wirtschaft die Gründung einer Propagandastelle vorgeschlagen, die mit Filmen, aber auch mit anderen Mitteln im Ausland für deutsche Produkte werben sollte.

Er wurde dann Chef einer solchen Stelle, der Deutschen Lichtspiel-Gesellschaft, DLG genannt, die hauptsächlich auf dem Balkan große Erfolge hatte. Der Direktor der Deutschen Bank, Emil Georg Stauß, dem die deutschen ölinteressen damals besonders am Herzen lagen, war schon aus diesem Grunde an allem interessiert, was sich auf dem Balkan abspielte.
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Die DLG, eine getarnte Propagandazentrale der Schwerindustrie

Und als er begriff, daß die DLG nichts anderes war als eine getarnte Propagandazentrale der Schwerindustrie, begann sie ihm auf die Nerven zu gehen, und er suchte nach einem Weg, ihr Konk urrenz zu machen und sie vom Balkan zu vertreiben.

Das alles ist nun rund zehn Jahre her. Damals hat Stauß die UFA gegründet, um die DLG zu bekämpfen. Aber die UFA, die ursprünglich auch eine Propagandawaffe sein sollte, wurde eine große Filmgesellschaft.

Und jetzt, zehn Jahre später, schickt Herr von Stauß seinen Direktor Bausback zu Ludwig Klitzsch in den Scherl-Verlag, um ihn zur Rede zu stellen, weil er schlecht über die UFA gesprochen hat.

Erregte Unterhaltung zwischen Dr. Bausback und Ludwig Klitzsch. Das heißt, nur Dr. Bausback regt sich auf. Scherl-Direktor Klitzsch bleibt ganz ruhig. „Sie erzählen in der ganzen Stadt herum, daß die UFA pleite ist!" „In der ganzen Stadt? Das ist wohl etwas übertrieben ..."

„Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, so etwas zu sagen?" „Ist denn die UFA nicht pleite?" „Natürlich nicht!" „Nanu! Aber um so besser!" „Ich werde es Ihnen beweisen!" „Ich glaube es Ihnen ja!" Wie kann Dr. Bausback beweisen, daß die UFA im Geld schwimmt? Er macht Direktor Klitzsch ein Angebot.
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Aus der DLG war nämlich die Deulig AG geworden

Dem Scherlverlag angegliedert ist nämlich die Deulig AG, die nichts anderes ist als unsere gute alte Bekannte, die DLG, und die sich im wesentlichen auf die Herstellung von Wochenschauen beschränkt. „Ich bin bereit, die Deulig zu kaufen!" sagt Dr. Bausback zu Klitzsch. „Was Sie nicht sagen!" antwortet dieser in seinem besten Sächsisch.

Jedenfalls macht das Angebot nicht den geringsten Eindruck auf ihn. Er weiß ja: Bausback kann die Deulig nicht kaufen. Das Gespräch verläuft im Sande. Als Herr von Stauß hört, daß Dr. Bausback sich erboten hat, die Deulig AG zu kaufen - natürlich nur, um Verlagsdirektor Klitzsch zu bluffen - hat er den Einfall seines Lebens.
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Der Einfall seines Lebens - die UFA verkaufen

Wenn schon die UFA nicht die Deulig AG kaufen kann, warum sollte die Deulig nicht die UFA kaufen? Oder besser: Warum sollte Klitzsch, warum sollte Scherl nicht die UFA kaufen?

Natürlich kann der Direktor des Scherlverlages die UFA nicht kaufen. Aber hinter Klitzsch steht ein anderer, und der könnte es. Dieser Mann ist einer der heimlichen Könige Deutschlands, wenn nicht Europas: Alfred Hugenberg.
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Alfred Hugenberg ist bereits sechzig Jahre alt

Um diese Zeit ist Alfred Hugenberg bereits sechzig Jahre alt, ein kleiner Mann, eher schmal, mit weißen Haaren, die ganz kurz geschnitten sind und bürstenartig emporstehen, einer Brille, einem komischen Schnurrbart. Eigentlich ist alles ein wenig komisch an diesem Mann. Nur er selbst ist nicht komisch.

Aber dieser Hugenberg ist eine Figur, die, erfände sie der Autor eines Films, vom Publikum als „unwahrscheinlich" verworfen werden würde. Dieser kleine, putzige Mann, der angezogen ist, als müsse er eine Familie von fünf Köpfen mit dem Gehalt eines zweiten Buchhalters ernähren, hat vermutlich zwanzig Seelen in seiner Brust.

In seiner frühesten Jugend wollte er Dichter werden, war Dichter, schrieb dieses und jenes, und seine Oden waren recht gewagt, ja erotisch!

Während des Studiums verkehrte er mit Frank Wedekind und anderen Künstlern, Schriftstellern und Malern, die samt und sonders antibürgerlich waren. Und war doch selbst ein Bürger, war der spießigsten einer. Ein gescheiter Jurist, ein hervorragender Bankmann, ein begnadeter Organisator, ein Mann mit fast untrüglichem Instinkt für Politik.
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Alles in allem: Alfred Hugenberg ist ein Genie.

Er baute aus dem Nichts ein Riesenreich und wurde schuldig daran, daß Deutschland später in die Hände Hitlers fiel ...

Hugenberg studierte Jura, war mit fünfunddreißig Jahren Bankdirektor in Posen, wurde Vortragender Rat im Preußischen Finanzministerium, verließ den Staatsdienst und übernahm die Leitung der Berg- und Metall-Bank in Frankfurt am Main.

Damals, er war Anfang vierzig, kam er durch seine Stellung dauernd in engsten Kontakt mit den Ruhrindustriellen. Er lernte Krupp von Bohlen kennen, der ihn knapp zwei Jahre später zum Vorsitzenden des Direktoriums der Kruppwerke machte.

Die meisten hätten sich mit dieser einmaligen Stellung begnügt. Aber für Hugenberg war sie nichts als ein Mittel zum Zweck, als die Position, von der aus er Deutschland zu erobern gedachte. Direktor bei Krupp, das bedeutete Einblick in die geheimsten Geheimnisse der Ruhrindustrien. Das bedeutete ungeheure Beziehungen. Das bedeutete die Möglichkeit, sich in wenigen Jahren ein riesiges Vermögen zu schaffen.
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Und es bedeutete: Macht.

Noch während des (1. Welt-) Krieges kaufte Hugenberg den Berliner Scherlverlag auf, holte sich Ludwig Klitzsch, auf den er durch jene Rede Anfang 1916 aufmerksam geworden war, und machte ihn zum Generaldirektor.

Und mit dem Scherlverlag als Kernstück errichtete Hugenberg seinen eigenen Hugenberg-Konzern, der ihn zum mächtigsten Mann in Deutschland machte. Daß der Krieg verloren war, wußte er früher als die anderen.

Das bedeutete für ihn nicht Feindschaft zu denen, die ihn verloren hatten. Im Gegenteil: Hugenberg war Konservativer, also Gegner der Republik, war Monarchist, der den Kaiser unter allen Umständen wieder auf den Thron zurückbringen wollte. Und natürlich war er gegen alle politischen Parteien, die die Macht der Schwerindustrie in Frage stellen konnten.

Infolgedessen half er beim Aufbau der Deutschnationalen Volkspartei, ließ sich in die Nationalversammlung und später in den Reichstag wählen.
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Politik wurde Hugenbergs große Leidenschaft

Politik wurde seine große Leidenschaft, aber auch jetzt vermied er es, große Reden zu halten, und beschränkte sich auf die Arbeit hinter den Kulissen. Denn Hugenberg liebte das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit nicht. Er blieb am liebsten im Schatten.

Er bleibt es auch jetzt. Klitzsch berichtet von dem Angebot des Herrn von Stauß. Ist Hugenberg daran interessiert, die UFA zu kaufen? Klitzsch kann nicht zu dem Geschäft raten, denn es ist kein Geschäft. Hugenberg ist trotzdem interessiert. Klarer als die Ullsteins oder Mosse erkennt er, daß eine große Filmgesellschaft, ähnlich einem Zeitungsverlag, eine Waffe ist, mit der man Einfluß gewinnt.

Klarer als seine Zeitungskonkurrenten begreift er, wie wichtig dieser Einfluß einmal werden kann; daß eine Zeit heraufkommen wird, in der Sein oder Nichtsein von der Größe des Einflusses abhängen.
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Und Hugenberg sah anfänglich in Hitler keine Gefahr

Als sich Hugenberg entschließt, die UFA zu kaufen, denkt er wohl noch nicht daran, daß ein Mann namens Adolf Hitler, Chef einer kleinen, durch und durch korrupten und insolventen Partei, ihn und seine Stellung einmal bedrohen und die liberalen Ullsteins und Mosse vernichten könnte.

Hugenberg ist entschlossen, die UFA zu kaufen. Aber das weiß vorläufig nicht einmal Klitzsch. Hugenberg, der geschickteste und gerissenste Verhandler, weiß, daß der Preis der UFA sehr viel höher sein würde, wenn die Gegenseite ahnte, daß er entschlossen ist, zu kaufen.
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Zuerst läßt er die Bücher der UFA prüfen.

Der Bücher der UFA? Die UFA ist ja nur die Dachgesellschaft für zahllose kleinere und größere Gesellschaften. Ein ganzes Heer von Buchprüfern ist nötig, um Klarheit über den wahren Stand der Dinge bei der UFA zu schaffen.

Hugenberg braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was die Buchprüfer finden werden. Aber je länger kontrolliert und geprüft wird, je länger er zögert, um so schlechter werden die Nerven derer, die verkaufen wollen, verkaufen müssen. Um so günstiger wird der Preis.

Klitzsch eröffnet die Verhandlungen, indem er ohne viel Umschweife erklärt, daß er selbst nicht die geringste Lust habe, sich an der UFA die Finger zu verbrennen.

„Aber Sie kennen ja Herrn Dr. Hugenberg! Sie wissen, daß er ein national denkender Mann ist. Und er sieht es als seine nationale Pflicht an, alles zu tun, damit die Amerikaner die größte deutsche Filmgesellschaft nicht völlig in die Hand bekommen!"
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Die Worte „nationale Pflicht" sind gefallen.

Sie werden noch oft fallen. Freilich: mit der „nationalen Pflicht" ist das so eine Sache. Hugenberg ist bereit, seine „nationale Pflicht" zu tun, aber zu viel Geld darf diese Pflicht nicht kosten.

„Sie können die UFA für 74.500.000 Mark haben!" erklärt Herr von Stauß. „Das ist kein Preis für das, was Sie bekommen!" Ludwig Klitzsch macht eine Bewegung, als wollte er sich erheben: „Das ist viel zuviel!" erklärt er.

Sind die Verhandlungen gescheitert? Nein, sie beginnen erst. Sie dauern insgesamt zwei Wochen.
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Zwei Interessen prallen diamentral aufeinander

Das Problem des Herrn von Stauß: Wie soll er dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank klarmachen, daß die Deutsche Bank Millionen und aber Millionen bei der UFA verlieren wird?

Das Problem des Direktors Klitzsch: Wie kann er die von der Pleite bedrohte UFA möglichst billig ramschen?

Herr von Stauß ist im Nachteil: er muß verkaufen. Klitzsch ist im Vorteil: er muß nicht kaufen. Er redet zwar immer von seiner „nationalen Pflicht", aber jeder weiß: Hugenberg wird kaufen, wenn ihm der Preis günstig erscheint, Hugenberg wird nicht kaufen, wenn Stauß mit dem Preis nicht heruntergeht.

Klitzsch klagt: „Rund hundertzwanzig Millionen haben die Amerikaner über die Parufamet bereits aus Deutschland herausgeholt!" Aber: „Herr Dr. Hugenberg betrachtet es als seine nationale Pflicht, zu verhindern, daß das so weitergeht!" fügt Klitzsch würdevoll hinzu. „Dann soll er die UFA kaufen!" bemerkt Herr von Stauß erbittert. „Sie können nicht verlangen, daß Herr Dr. Hugenberg sich ruiniert!"
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Am Ende kommt es, wie es kommen muß. Hugenberg kauft

Hugenberg erhält die UFA für 27.750.000 (Renten-) Mark. Und nur rund die Hälfte muß bar eingezahlt werden. Die Deutsche Bank, die mehr als fünfundzwanzig Millionen in die UFA gesteckt hat, bekommt knapp elf Millionen Mark
zurück - und die auch nicht etwa in bar, sondern in Form von Genußscheinen, die sich verzinsen.

Sie bleibt also weiterhin am Geschäft beteiligt - und somit auch - das ist der Pferdefuß - am Risiko. Übrigens zahlt Hugenberg keineswegs mit eigenem Gelde. Er selbst steckt nur drei Millionen in das Unternehmen. Dafür bekommt er allerdings Aktien mit zwölffachem Stimmrecht - und besitzt so die absolute Majorität.

Die UFA wird am 21. April 1927 verkauft

Der Vertrag wird am 21. April 1927 perfekt. Hugenberg wird Aufsichtsratsvorsitzender, Klitzsch wird Mitglied des Aufsichtsrats und als solcher in die Geschäftsleitung delegiert, später Generaldirektor. Ein neuer Wind weht.

Das „Haus Vaterland" am Potsdamer Platz, eines der wertvollsten Grundstücke der UFA, wird verkauft. Die Direktoren der UFA müssen ihre luxuriösen Büros verlassen und andere, weniger elegante Arbeitsräume in der Kochstraße beziehen - in einem Haus, das aussieht wie irgendein anderes Haus.

Die UFA ist wie ein reicher Mann, der sein Vermögen verloren hat und vom Vorderhaus in das Hinterhaus umsiedeln muß. Eine neue Epoche beginnt. Die UFA wird einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen.

Trotzdem: etwas ist zu Ende gegangen, etwas ist unwiederbringlich verloren. Das Besondere, das Einmalige.
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Die UFA war bisher ein großes Abenteuer.

Jetzt wird sie ein solides Geschäftsunternehmen. Das hört sich an, als wollte man sagen: Was bis jetzt geschah, muß unter dem Sammelbegriff Jugendtorheiten abgebucht werden; was bis jetzt geschah, sollte besser vergessen werden ...

Ach, wenn es so einfach wäre! Gewiß, die UFA war bisher kein seriöses Unternehmen - wenigstens nicht das, was Buchhalter und Buchprüfer unter seriös verstehen.

Gewiß, es wurden Fehler begangen, es wurde viel Geld hinausgeworfen, es geschahen gelegentlich sogar Dinge, die mit gutem Grund strafrechtlich verfolgt werden konnten.
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Die Bosse der UFA waren korrupt bis zum geht nicht mehr

Wo immer Klitzsch etwas tiefer in die Mysterien der UFA-Geschäfte eindringt, findet er Korruption oder doch zumindest massenhaft Beispiele für eine recht "problematische Geschäftsethik".

Er stellt fest, daß "gewisse Leute" viel zu hoch bezahlt wurden, und auch warum sie so hoch bezahlt wurden. Sie mußten nämlich von ihren Gehältern Prozente abgeben - an diejenigen, die sie bezahlt hatten.

Er findet heraus, daß gewisse Leute ihr Gehalt zweimal einsteckten, daß unzählige Prozesse gegen die UFA liefen und daß die UFA sie wahrscheinlich alle verlieren würde.
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Was wäre die UFA ohne die Besessenen geworden ?

Ja, die Männer, die verantwortlich waren für das, was die UFA geworden war - eine Gesellschaft, die große und künstlerisch bedeutende Filme herstellt, die Davidson, Pommer, von den Joe May, Ernst Lubitsch, Fritz Lang gar nicht zu reden, waren wohl in des Wortes strengster Bedeutung keine seriösen Kaufleute gewesen.

Aber sie waren etwas anderes. Sie waren besessen. Sie glaubten an den Film. Sie waren bereit, dem Film alles zu opfern - ihre Zeit, ihre Gesundheit, ihr Leben. Sie konnten nicht ohne Film leben. Und der Film konnte nicht ohne sie leben. Zumindest galt das für die Jahre vor 1927.

Der deutsche Film wäre niemals so groß geworden, wären seine Geschicke von Beginn an von seriösen Männern wie Hugenberg und Klitzsch gesteuert worden. Denn sie hätten den Film, der in den Kinderschuhen steckte, nicht ernst genommen, und sie hätten recht daran getan. Der Film war nicht ernst zu nehmen, solange er in den Kinderschuhen steckte.
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Von nun an ist eine vernünftige Planung gefragt

Aber er brauchte am Anfang Liebe, wie ein Kind Liebe braucht, das viel zu schwach fürs Leben ist. Der Film brauchte die Begeisterungsfähigkeit der Menschen, die mit ihm groß wurden, die ihn groß machten; er brauchte die Besessenen, die das Abenteuer liebten.

Nun also ist er gewissermaßen großjährig geworden. Nun treten die Besessenen ab, und an ihrer Stelle erscheinen die seriösen Kaufleute, die vernünftige Verträge machen, diese vernünftig einhalten und die dafür sorgen, daß Budgets aufgestellt und nicht überschritten werden.

Als Paul Davidson "die Nielsen" und "die Negri" geholt hatte

Erinnern wir uns noch des kleinen Paul Davidson, der mit Gardinen groß wurde und der, wann immer er ein Filmatelier betrat, sofort auf die Kulissenfenster zueilte, um festzustellen, ob die Gardinen sachgemäß angefertigt und aufgehängt waren?

Paul Davidson hatte Asta Nielsen nach Deutschland gebracht, hatte die Negri gemacht, Lubitsch gemacht - und viele andere. Er war ein Produzent der alten Schule. Er begnügte sich nicht damit, vor einem mächtigen Schreibtisch zu sitzen und die Dinge auf sich zukommen zu lassen, möglichst per Telefon. Er wollte immer mitten drin in den Dingen sein.

Er war so filmwütig, daß er nachts nicht schlafen konnte. Oder er wachte mitten in der Nacht auf und hatte plötzlich eine Idee. Eine Idee? Die Idee! Obwohl es ein oder zwei Uhr morgens war, stürzte er zum Telefon, um Lubitsch anzurufen, und Lubitsch war nicht etwa ungehalten über die nächtliche Störung. Er fing Feuer.

Er war ganz begeistert. Er rief ins Telefon: „Das muß ich sofort Jannings sagen!" Und er rief Jannings an. Auch der äußerte keinerlei Befremden darüber, daß man ihn aus dem besten Schlaf geholt hatte. Wenn Lubitsch so aufgeregt telefonierte, dann mußte es wohl etwas besonders Wichtiges sein! Lubitsch sagte: „In einer halben Stunde treffen wir uns bei Davidson!"

Und in einer halben Stunde trafen sie sich dort. Sie hatten schnell Hose und Jackett über den Pyjama gezogen, sie waren unausgeschlafen und unrasiert, ihr Haar blieb wirr und zerzaust. Sie saßen um den Tisch herum und besprachen die neueste Idee Davidsons. Frau Davidson, die natürlich auch geweckt wurde, braute Kaffee und machte Brote zurecht, und plötzlich war die Nacht vorbei, der Tag graute, und keiner fühlte sich müde. Alle hatten das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Dann ging Lubitsch nach Amerika. Davidson war untröstlich darüber.
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„Lubitsch hat mich verraten!"

Hundertmal sagte er mit bitterem Tone zu Jannings: „Lubitsch hat mich verraten!" Lubitsch hatte Davidson natürlich nicht verraten. Er ging nach Amerika, weil er dort größere Chancen sah. Aber Davidson, der mit Recht Lubitsch als sein Geschöpf ansah, hatte nun niemanden mehr, mit dem er nächtelang diskutieren konnte. Davidson konnte das nicht verwinden.

Er sah düster in die Zukunft. Als er Jannings im Atelier besuchte, während er den Film „Nju" drehte, meinte er: „Ich weiß nicht, wie das werden soll ..." Und immer wieder: „Ich weiß nicht, wie das werden soll!" Jannings war erstaunt.

Hatte Davidson Sorgen? Er, der so viele Jahre große Gelder verdiente? Nein, Davidson hat keine Geldsorgen. Es geht ihm gut. Er könnte sich zur Ruhe setzen. Aber das ist es ja gerade: er will sich nicht zur Ruhe setzen! Er hat tausend Ideen, die er ausführen möchte.
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Seitdem Lubitsch fort ist, gehts mit Davidson anwärts

Aber seitdem Lubitsch fort ist, kann er sie nicht mehr ausführen. Das einzige Instrument, auf dem er spielen kann, ist seiner Hand entrissen. Anfang 1927, also noch bevor das Regime Hugenberg-Klitzsch beginnt, erklärt er plötzlich, er wolle aus der UFA ausscheiden. Jedenfalls wird das später gesagt. Aber, was mußte geschehen, um den Mann, der für den Film, im Film lebt, zu einer solchen Erklärung zu bringen?

Vielleicht haben die Herren von Stauß und Bausback ihm gegenüber ähnliche Erklärungen fallen lassen wie in den Unterhaltungen mit Erich Pommer. Jedenfalls wird es nicht an Winken gefehlt haben.
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Paul Davidsons Ende

Und das macht Davidson innerlich fertig. Bei der geringsten Erregung bekommt er Herzschmerzen, und der Schweiß rinnt ihm in Strömen über Gesicht und Rücken. Er ist unglücklich, weil er einsam ist. Bei der UFA nimmt man zur Kenntnis, daß Davidson gehen will.

Niemand versucht den Mann, der dem deutschen Film Weltgeltung verschaffte, zu halten. Er ist nicht mehr nötig. Man braucht ihn nicht mehr. Und er verschwindet.

Am 11. Juni 1927 erhängt er sich an einem Bettpfosten in seinem Sanatoriumszimmer auf dem Weißen Hirsch. Keine Zeitung erwähnt das. Erst am 18. Juli - also fünf Wochen später - bringt der „Börsenkurier" als einziges Blatt die Notiz:

„Wie wir erst heute erfahren, verstarb Paul Davidson an einem Herzschlag!" Nur wenige Eingeweihte kennen die Wahrheit. Die Männer, die mehr wissen, die wissen, wer Davidson gewesen ist, Ernst Lubitsch und Emil Jannings, erfahren das Furchtbare in Hollywood und sind von der Nachricht tief erschüttert.
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Der Mann der Stunde ist Ludwig Klitzsch - „König Ludwig"

Der Mann der Stunde ist jetzt also Ludwig Klitzsch oder, wie er bald allgemein in der UFA genannt wird: „König Ludwig". Er steht vor einer schweren Aufgabe. Er soll die UFA sanieren. Er soll das Unternehmen unter allen Umständen rentabel machen.

Er entschließt sich, Tochtergesellschaften, die sich als unrentabel erwiesen haben, abzustoßen oder zu liquidieren. Er zentralisiert die Leitung in großen Arbeitsgruppen, führt tägliche Direktionssitzungen ein, kündigt überflüssigem Personal - und hat eine ungewöhnlich scharfe Nase dafür, wer überflüssig ist.

Er weiß auch, wen er braucht. Und er denkt nicht daran, die Gehälter derer, die für die UFA wichtig sind, zu beschneiden. Im Gegenteil. Er kann in solchen Fällen sehr großzügig sein.

Nur in einem Punkte ist er gar nicht großzügig: er erklärt, daß ein Film auch nicht eine Mark mehr kosten darf, als er der ursprünglichen Kalkulation zufolge kosten soll.

Und er sieht auch keinen Grund dafür ein, warum die UFA, wie bisher, anderen Filmgesellschaften Aufträge zur Herstellung von Filmen erteilen soll. Es ist ja klar, daß keine Firma ohne Profit arbeitet. Diesen Profit kann die UFA selbst einstecken.
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Generaldirektor Klitzsch sagt überhaupt nicht zu viel

„In zwei, drei Jahren werden wir nur noch UFA-Filme herstellen!" erklärt Generaldirektor Klitzsch. Und es wird sich zeigen, daß er damit nicht zu viel gesagt hat. Er sagt überhaupt nicht zu viel. Er sagt eher zu wenig - zumindest wenn man den Leuten glauben darf, die seit Jahren in der UFA sitzen, und deren Schicksal nunmehr von ihm abhängt.

Am Anfang glauben sie, leichtes Spiel zu haben - nur allzu leichtes Spiel. Denn zwei Dinge sind sofort klar:

Erstens: Ludwig Klitzsch hat nicht allzu viel Zeit für die UFA. Er kann nur über die Hälfte des Tages verfügen. Er bleibt nämlich Generaldirektor bei Scherl. Er muß weiter dafür sorgen, daß der riesige Zeitungsverlag auf Touren läuft, eine Aufgabe, die früher seine ganze Zeit in Anspruch genommen hat.

Zweitens: Er versteht nicht viel vom Film. Er weiß nicht, ob ein Film gut ist oder schlecht. Er weiß nicht einmal, ob man aus einem Drehbuch einen guten Film machen kann. Er hat nur eine laienhafte Vorstellung von dem Können der Schauspieler und Schauspielerinnen. Das einzige Gebiet, auf dem er wirklich als Fachmann gelten kann, ist die Propaganda, und er ist ein großartiger Geschäftsmann.
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Die UFA hat wieder Kredit. - Wieder?

Und dann kommt der Tag, da er befriedigt feststellen kann: die UFA wird allgemein als seriöses Unternehmen anerkannt.

Sie zahlt ihre Rechnungen auf den Tag. Es gibt keine Wechsel mehr, von denen niemand weiß, wann und wie sie bezahlt werden. Infolgedessen hat die UFA wieder Kredit. Wieder? Eigentlich zum ersten Mal.

Denn mit Ausnahme der Deutschen Bank des Herrn von Stauß hat keine Bank in Deutschland jemals viel Vertrauen zur UFA gehabt. Eine Filmgesellschaft - das war in den Augen der Bankiers etwas Unseriöses.

Mit einer Filmgesellschaft machte man keine Geschäfte! Wie konnte man auch, da eine solche Firma einigen Schauspielern für ein paar Wochen, in denen sie Faxen machten, wahre Vermögen zahlte! Jetzt ist das alles anders.

„Wenn Klitzsch diesen Leuten für einen einzigen Film, für ein paar Wochen Arbeit große Gelder oder kleine Vermögen zahlt, dann wird er schon wissen, was er tut!" sagen nachdenklich die Herren Bankiers.
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Und Klitzsch weiß, was er tut!

Er arbeitet sich unglaublich schnell in das Filmgeschäft ein, bringt es fertig, daß - allerdings nach enormen Abschreibungen - schon die erste Bilanz der UFA aktiv wird. Und sie bleibt in den nächsten Jahren aktiv, obwohl gerade die nächsten Jahre eine Revolution bringen werden, die das gesamte Filmgeschäft gefährdet.
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Die Revolution kommt unaufhaltsam - der Tonfilm

Noch während Klitzsch dabei ist, die UFA zu konsolidieren, experimentiert man in Amerika bereits mit einer ganz neuen Art Film: dem Tonfilm.

Ernst Hugo Corell wird zur UFA geholt

Seinen wichtigsten Mitarbeiter holt sich Klitzsch erst noch in die UFA. Das ist Ernst Hugo Corell.

Ernst Hugo Corell ist ein großer, breiter Herr mit dunklem Haar und rötlichem Schnurrbart. Er ist ein richtiger Herr, im Gegensatz zum biederen Klitzsch und dem possierlichen Hugenberg. Er sieht ausgezeichnet aus. Er hat die besten Manieren.

Seine Mitarbeiter, die ihn jahrelang kennen, können sich nicht entsinnen, daß er auch nur ein einziges Mal eine in der Filmbranche so beliebte Szene gemacht hat. Warum auch?

Er kann leise und bestimmt ganz genau dasselbe sagen, was die anderen herausbrüllen müssen. Er kann eine Entscheidung mit der gleichen Selbstverständlichkeit treffen, während er geruhsam hinter seinem Schreibtisch sitzt, andere aber wie wütende Löwen in ihren Arbeitszimmern auf und ab stapfen.

Ernst Hugo Corell kommt aus dem Elsaß, dort war er in einer kleinen Stadt Amtsanwalt. Nach menschlicher Voraussicht wäre er auch Beamter geblieben, hätte sich vermutlich hinaufgedient, wäre früher oder später Staatsanwalt in einer großen deutschen Stadt geworden.

Es kam anders.

Rein zufällig geschah es, daß Corell sich gelegentlich mit Filmen beschäftigen mußte; Der Vater besaß nämlich zahlreiche Grundstücke in der kleinen Stadt, in der die Familie lebte, und auf dem einen stand ein Kino.

Und da der Besitzer nicht immer pünktlich seine Miete zahlte, stellte sich Corell die Frage, wie vertrauenswürdig ein Mann war, der mit Filmen zu tun hatte, und kam, zumindest fürs erste, zu keinem sehr erfreulichen Ergebnis.

Nach der Niederlage von 1918 fiel das Elsaß wieder an Frankreich zurück. Die Familie Corell, die sich Deutschland verbunden fühlte, mußte auswandern. Natürlich hatte der Amtsanwalt als Beamter das Recht auf eine gleichwertige Stelle irgendwo in Deutschland.
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Diese „Brüder aus dem Elsaß"

Aber er begriff bald, daß die „Brüder aus dem Elsaß" in Deutschland durchaus nicht populär waren. Sie waren eben - Flüchtlinge. Man ließ sie es überall spüren. Und Corell spürte es sehr stark, fühlte sich unglücklich im Amt und beschloß, sich nach etwas anderem umzusehen.

Nach etwas anderem? Was hatte er denn gelernt mit Ausnahme der Juristerei? Nun, er hatte ein wenig in den Film hineingerochen. Das war eine neue Industrie. Eigentlich konnte man noch nicht von einer Filmindustrie sprechen, bei gutem Willen von einer Filmbranche.

Corell kam in der Filmbranche unter und wurde schließlich Direktor einer Firma, die sich Phöbus-Film AG. nannte. Das war eine der vielen Filmgesellschaften, die damals in Deutschland aus dem Boden schossen.
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Die Phöbus-Film AG - Woher das Geld dazu kam ?

Woher das Geld dazu kam, blieb unklar. Später ergab es sich, daß ein gewisser Kapitän zur See Lohmann Geld in das Unternehmen gesteckt hatte aus einem Geheimfonds, der eigentlich zu anderen Zwecken bestimmt war, nämlich zur Finanzierung der nach dem Versailler Vertrag verbotenen Spionage.

Auch der Name des damals offiziell noch nicht mit der Spionage verbundenen Korvettenkapitäns Wilhelm Canaris fiel. Nur wenig sickerte durch, denn die Männer um Lohmann hielten dicht. Aber es darf als wahrscheinlich angenommen werden, daß Lohmann das Geld in den Phöbus-Film steckte, um es zu verdoppeln, zu verdreifachen, zu verzehnfachen.

Er hielt diese Anlage für eine „todsichere Sache". Und es darf auch als sicher angesehen werden, daß Lohmann und Canaris nicht für sich selbst spekulierten, sondern eben, um aus den relativ geringfügigen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, Millionenbeträge machen und die verbotene Spionage groß aufziehen zu können.
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Die Spekulation mit den Film-Millionen mißglückte.

Die Phöbus, weit davon entfernt zu florieren und, wie es die geheimen Geldgeber gehofft hatten, gewaltige Gewinne abzuwerfen, war bald verschuldet, mußte ihre Zahlungen einstellen.

Es kam zu dem berühmten „Phöbus"-Skandal - mit sensationellen Veröffentlichungen in der Presse, mit peinlichen, enthüllenden Debatten im Reichstag.

Es stellte sich heraus, daß das Reichswehrministerium der Phöbus Geld auf allerlei Umwegen hatte zugehen lassen: über eine dritte Firma, die Aktiengesellschaft Lignose, die ihrerseits Heereslieferungsverträge hatte.

Ferner sorgten die Herren in der Bendlerstraße (dort war die Zentrale der Reichswehr) dafür, daß die Phöbus Einfuhrkontingente für ausländische Filme bekam, damals so gut wie bares Geld - und dies war ein höchst problematisches Geschäft, abgewickelt über das Reichswirtschaftsministerium.

Schließlich beauftragte man die Phöbus, einige Marinefilme zu drehen, atemraubende Werke, die dann niemand spielen wollte, wie: „Stapellauf und Probefahrt der ,Barbara'". Oder: „Besuch des Linienschiffes 'Hessen' in Danzig". Der Reichstag geriet ob der Enthüllungen in gewaltige Aufregung. Die Linke tobte, die Rechte schwieg betroffen.
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Corell wird neuer Produktionschef der neuen UFA

Es spricht für Corell, daß er, Direktor der Phöbus-Filmgesellschaft, der allerdings zur Zeit der Enthüllungen schon bei der UFA war, von diesem ganzen Skandal völlig unberührt blieb, daß auch die schärfsten Gegner und Kritiker der dunklen Phöbus-Transaktion Lohmanns ihn nicht angriffen.

Ja, daß er, der bis zu seinem Eintritt in die Phöbus-Film AG. mit Filmen nichts zu tun hatte und als Jurist auch von Filmen nichts zu verstehen brauchte, sehr schnell als ein guter Filmmann galt, als einer, der etwas verstand, und auf dessen gesundes Urteil man sich verlassen konnte.

Diesen Mann holte sich Klitzsch und machte ihn zum Produktionschef der neuen UFA. Das war die Stellung, die früher Pommer innegehabt hatte. Und schon der Vergleich mit diesem besten deutschen Filmproduzenten müßte für Ernst Hugo Corell tödlich sein.

Er war es nicht. Denn Corell war eben eine große Persönlichkeit. Er steckte sicher nicht voll von neuen Ideen, wie der kleine Davidson, er war kein Mann, der, wie Pommer, Schauspieler und Regisseure entdeckte, kein Produzent von umwerfender künstlerischer Begabung, von Genie ganz zu schweigen; aber ein glänzender Organisator, ein vorzüglicher Jurist, ein liebenswürdiger Unterhändler, einer, dessen Persönlichkeit Probleme, die unlösbar schienen, nur dadurch, daß er sie formulierte, daß er die Dinge beim Namen nannte, in allgemeines Wohlgefallen auflöste.
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Corell war der richtige Mann zur rechten Zeit

Corell war genau der Mann, den Klitzsch und Hugenberg brauchten: einer, der zu repräsentieren verstand, der einen gewissen Sinn für Qualität hatte und wußte - viel besser als Klitzsch es wußte -, daß gute Filme ein Prestigegewinn sind.

Und Prestige war, auch wenn die Buchhalter es nicht in die Bilanz einsetzen konnten, gerade für eine Filmgesellschaft der Jahre damals unendlich wertvoll und nötig. Klitzsch verwandelte die UFA in ein solides Geschäftsunternehmen. Corell gab der UFA ein neues Gesicht, eine neue Gestalt.
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