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Diese Seite ist zum Verstehen für Nichtbeteiligte geschrieben

Nach 20 oder mehr Jahren kann man jetzt die damals vertraulichen Unterlagen zitieren und die Gedanken und Hintergründe auflisten (oder aufhellen).

In der EU war man sich über die Bedeutung der Informationstechnik und der Kommunikationstechnik, also des Fernsehens und der Mediangewalt weltweit bewußt. Und man hatte ja die EU ins Leben gerufen, damit die unter diesem Dach vereinten europäischen Staaten einen wirtschaftlichen Vorteil davon hätten.

Nachdem PAL fast in ganz Europa (und später auch hinter dem eisernern Vorhang) Standard geworden war, brauchte die europäische Industrie eine neues Zugpferd. Es waren handfeste Interessen der Europäer einschließlich Frankreichs, die nach Neuem "lechzten", also nach neuen verkaufbaren Produkten für ihre Industrie.

So wurde Mitte 1985 - Anfang 1986 im europäischen Einvernehmen das Eureka Technologie-Projekt für 10 Jahre "auf die Schiene" gehoben. Dann sollten die Grundlagen für alle "Teilnehmer" verfügbar sein. Eines von den über 270 Projekten war das EU-95 Projekt, das hochauflösende Fernsehen.

Das EU 95 Projekt umfasste einen 500 Millionen DM Etat.

Gleich zu Anfang möchte ich hier betonen, es war absolut von Anfang an ein "Technologieprojekt", also eine Machbarkeitsstudie. Es gab vorher keine wirklich ausgereifte handhabbare und allen Beteiligten vermitelbare Technologie, auch HDTV Technik der Japaner nicht. Den europäischen Technikern war schon aufgefallen, daß auch die Japaner nur "mit Wasser" gekocht hatten und daß bei den vielen Promotion Vorführungen durchaus getürkt wurde. Aber das machten alle so und fast alle wußten es, nur die Politiker nicht.

Anmerkung des Autors: Ich war 1982 auf der Cebit zu Gast bei der Firma RICOH. Wenn um 18.oo die Messhallen schlossen, ergossen sich täglich nach wenigen Minuten Unmengen kleiner Japaner über den relativ großen RICOH Messestand (eigene Halle) und fingen an, hektisch sämtliche (Messe-Vorführ-) Rotationsdruckmaschinen nahezu vollständig zu zerlegen und zu reingen. Am nächsten Morgen war der nächtliche Spuk jeweils wieder vorbei und alles war klinisch rein geputzt. Als ich völlig perplex meinen (deutschen) Gastgeber - den deutschen RICOH Verkaufsleiter - gefragt hatte, was das denn nun sollte, bekam ich zur Antwort: Ja glauben Sie denn, diese (unsere) Maschinen halten diesen Stress über mehrere Tage fehlerfrei durch ?


Das war mit ein Grund, daß Europa auf eigenen Füßen stehen wollte. So wurde ein auf damaligem Wissen beruhendes Pflichtenheft geschnürt, natürlich unter Einbeziehung der europäischen Firmen und Institutionen, die überhaupt das Knowhow hatten, da mitmachen zu können. Und es mußte von "der Industrie" auch ein Eigenanteil von 50% mit auf die symbolische "Waage" gelegt werden. Das alles wußte draußen fast keiner. Der jeweilige Erfinder oder spätere Patentinhaber wollte und sollte auch davon profitieren, daß er akribisch geforscht und entwickelt hatte und das Ganze auch mitfinanziert hatte. Er sollte später die (seine) Patenteinnahmen erhalten und behalten.

Dabei waren die Besten aus Europa.

Es gab 1985 eigentlich nur noch zwei große "Player" auf der Spielwiese, die ehemalige Robert Bosch Fernseh GmbH aus Darmstadt, gerade zu BTS umgetauft und die Philips Broadcast aus Breda Holland. Dazu kamen noch kleinere wie Thomson Broadcast aus Frankreich und Abteilungen der BBC. Aus Deutschland kamen dann noch andere Forschungseinrichtungen mit ins Boot, zum Beispiel das Heinrich Hertz Institut in Berlin. Die Monitorfachleute von Barco aus Belgien waren vermutlich auch dabei und eine Beamer "Schmiede" aus Italien gab es auch noch.

Die Aufgaben wurde nach Erfahrung und Qualifikation verteilt.

Die Fese (jetzt BTS) bekam einen großen "Batzen" ab, es stand ja immer noch der Name Bosch und Philips dahinter. BTS wollte eine HDTV (Plumbicon-) Kamera bauen und einen Studio-Mischer und einen HDTV-Recorder und weitere Arbeits-, Test- und Prüfgeräte sowie einen Normenwandler auf bestehendes SDTV, meist PAL und NTSC. Englische Firmen bewarben sich um den Taktgeber und weitere Signalgeneratoren.

Philips war gerade bei den Halbleiter-Chips als Aufnahme-Element (Scanner) einen großen Schritt weiter gekommen und hatte solch einen 1250er Chip fast fertig. Philips wollte eine der modernsten Kameras bauen. Auch Thomson wollte eine HDTV Kamera bauen.

Allen gemeinsam waren die definierten Schnittstellen zum Anschuß an den Fese/BTS Studiomixer. Was noch fehlte waren die Zoom-Optik(en). Schneider Bad Kreuznach stieg vermutlich aus Kostengründen aus dem (Zuschuss-) geschäft aus und überließ so das Feld den Japanern. Es war ja auch außer den Franzosen von Angenieux niemand Anderer mehr da. Rank Taylor Hobson machte in diesem Rennen unseres Wissens nach auch nicht mehr mit.

Das war in etwa der Stand von 1985/1986.

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