Ein Bildband mit einer fast lückenlosen Biografie von 12 Jahren
Die 12 Jahre der Nationalsozialisten haben die ganze Welt "verdreht". So viele Tote hatte noch nie ein diktatorisches Regime zu verantworten. Hier wird in den Jahren um 1980 biografisch aufgearbeitet, wie es die "Deutschen Normalbürger" erlebt oder auch nicht erlebt hatten und vor allem, wie es dazu gekommen war. Hintergrund in 2026 ist die aktuelle Entwicklung 80 Jahre danach - nicht nur wieder in Deutschland - sondern auch in den USA und in Russland und in weiteren Ländern dieser Welt. Hier wird nichts verklärt oder beschönigt oder verniedlicht. Die Wahrheit ist daher nicht immer angenehm oder gefällig. Die einführende Seite beginnt hier.
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Kanonen statt Butter
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Das romantisierte »heldische« Sterben für Fahne und Führer
»Wir sind geboren, um für Deutschland zu sterben«, stand über der Eingangstür eines HJ-Heimes, doch das romantisierte »heldische« Sterben für Fahne und Führer schien bei Kriegsausbruch im September 1939 zunächst noch in weiter Ferne.
Aber die Jugend war vorbereitet: Feuersprüche und Fahnenlieder, Schwertworte und Verpflichtungsschwüre hatten längst ihre Wirkung getan, als der »Führer« sein Volk ans Gewehr rief und seine Soldaten in einen wahnwitzigen Eroberungskrieg schickte.
Die »Dritte Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Hitler-Jugend« erschien am 11. November 1939, als die deutschen Truppen bereits tief in Polen eingedrungen waren und die täglichen Nachrichten fast ausschließlich aus Siegesmeldungen bestanden.
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Ab November 1939 gab es die »Jugenddienstpflicht«
Von diesem Zeitpunkt an war es der Reichsjugendführung möglich, konsequent dafür zu sorgen, daß die »Jugenddienstpflicht« ordnungsgemäß abgeleistet wurde. Der Jahrgang 1923 wurde als erster zum Jugenddienst herangezogen, und gleichzeitig mußten sich alle zehnjährigen Mädchen und Jungen zum HJ-Dienst melden.
Die HJ durfte sich zunächst an der »Heimatfront« bewähren: Die Jungen trugen mit Begeisterung Zehntausende von Einberufungsbefehlen aus. Die Mädchen halfen beim Verteilen der neu eingeführten Lebensmittelkarten.
Von nun an (gemeint ist : seit Winter 1939) waren Verdunkelungsübungen und Probealarme des Luftschutzes an der Tagesordnung, auch das korrekte Anlegen der »Volksgasmaske« wollte gelernt sein.
- Anmerkung : Die Angst der NS-Reichsregierung findet man zwischen den Zeilen. Das Deutsche Reich ließ bereits 1936 etwa 1600 von den 8,8cm Flak-Geschützen bei Krupp in Essen bauen. Solche Flugabwehrkanonen läßt doch nur jemand - auf Vorrat - bauen, der echte Angst hat, daß die Anderen doch mal zurückschlagen könnten. Gleiches gilt doch auch für die oben drüber benannten "Verdunkelungsübungen und Probealarme des Luftschutzes".
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Die Jugend wird jetzt absolut und vollständig vereinnahmt
In erster Linie aber waren es Staat und Wehrmacht, die auf die Dienste der Jugendlichen zurückgriffen. - Hatten die Jungen bereits während des ersten Vierjahresplans Altmaterialsammlungen durchgeführt, so wurden sie jetzt systematisch eingesetzt, um auch die letzten Reserven an Altpapier, Alteisen, Kupfer, Stanniol, Blech oder gar Rasierklingen im Reich zusammenzukratzen. Diese Aktionen wurden zentral von der Reichs Jugendführung gesteuert.
Die BDM-Angehörigen bastelten Geschenke für die aus dem Polen-Feldzug »siegreich« heimgekehrten Verwundeten oder gingen, sofern sie über 18 Jahre alt waren, in den sozialen »Einsatz«: Über 300.000 halfen 1940 in Haushalten, 65.000 beim Roten Kreuz, 60.000 in Lazaretten und über 100.000 im Bahnhofsdienst.
Was als fröhlich-muntere »Sonderaktion« im Herbst 1939 begonnen hatte, wurde nun zum systematisch organisierten und gesteuerten Großeinsatz. Schon ehe es "richtig" losging, lief die Kriegsmaschinerie bereits auf vollen Touren.
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»Stellt alles über euer Volk!«
Der »Stellvertreter des Führers«, Rudolf Heß, hatte die neuen, ernsten Pflichten auf die Formel gebracht: »Stellt alles über euer Volk!«
1940 wurde zum »Jahr der Bewährung« ausgerufen - der Krieg gegen Polen war siegreich beendet, und der »Frankreich-Feldzug« stand vor der Tür.
Innerhalb des Reichsgebietes war vom eigentlichen Krieg wenig zu spüren, noch beherrschte die Luftwaffe des Reichsmarschalls Göring den deutschen Luftraum, noch blieben die deutschen Städte und Industriezentren von massierten Bombenangriffen verschont.
Doch der Einsatz Jugendlicher im Dienst des Krieges wurde weiter systematisiert, und die verstärkten Einberufungen zur Wehrmacht ließen viele Arbeitsplätze unbesetzt.
HJ und BDM konnten beweisen, daß sie bereit waren, sich mit Haut und Haaren für Volk und Vaterland einzusetzen: bei der Post als Briefträger, in der Wehrmacht beim Telefondienst und beim Ein- und Ausladen von Nachschub, in Geschäften und Betrieben beim Transport von Waren, in Alten- und Kinderheimen als Sozialhelfer, in Lazaretten, Krankenhäusern und Sanitätsstellen.
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Die »KinderlandVerschickung« gehörte zum »Kriegsehrendienst«
Zum »Kriegsehrendienst« gehörten weiter das Heranschaffen von Brennmaterial, hauswirtschaftliche Arbeit bei alleinstehenden Müttern und schließlich die große Bewährungsprobe: die Aktion »KinderlandVerschickung« (KLV).
Dieses Unternehmen, von der Reichsjugendführung als »größte soziale Aktion des Krieges« gepriesen, begann ab 1940/41 anzulaufen, als die deutschen Großstädte erstmals in die Reichweite der englischen Bombergeschwader gerieten.
Die Kinderlandverschickung wurde von der Reichsjugendführung organisiert und finanziert. Schirach prahlte Anfang 1941 damit, daß die Verpflegung um mindestens 20 Prozent besser sei als im Reich - die Lager innerhalb Deutschlands waren nämlich mittlerweile überbelegt, und man hatte damit begonnen, in den von »Volksdeutschen« besiedelten Gebieten Ungarns, Böhmens und der Slowakei neue Lager einzurichten.
Die Evakuierung erfolgte Jahrgangs- oder klassenweise, zu einem Lager gehörten etwa 30 bis 50 Jugendliche, deren Betreuung »NS-Vertrauenslehrer« übernahmen, die ausschließlich von der HJ und von der Partei ernannt wurden.
Allein Eltern aus Hamburg meldeten während des Krieges freiwillig mehr als 100.000 Kinder zur KLV an.
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Die stramme ideologische Ausrichtung der Kinder im Lager
Die Trennung vom Elternhaus erleichterte naturgemäß die stramme ideologische Ausrichtung dieser Kinder.
Die Lager unterstanden nicht der normalen Schulverwaltung, sondern Inspekteuren des NS-Lehrerbundes, und die HJ-Betreuer waren auf einer speziellen »Reichsführerschule KLV« ausgebildet worden.
Ab 1942 werden die Jugendlichen immer weitgreifender und unverblümter in das Kriegsgeschehen einbezogen. Um die Rekrutenausbildung abzukürzen, müssen alljährlich Zehntausende in den »Wehrertüchtigungslagern« ihren »K-Ausbildungsschein« erwerben:
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Jungendliche mußten ihren »K-Ausbildungsschein« erwerben
Unter der Leitung von HJ-Führern und Wehrmachtsoffizieren wird der Fronteinsatz geprobt, Schüler rücken klassenweise ein, berufstätige Jugendliche sind verpflichtet, den Lehrgang während ihres Urlaubs zu absolvieren. Für die Lager wurden Standorte ausgewählt, auf denen Geländedienst und Schießübungen »problemlos« durchgeführt werden konnten.
Der Öffentlichkeit blieb dies zwar nicht verborgen, doch man konnte sich dank der Entfernungen über den Ernst der Dinge hinwegtäuschen. Die Lager wurden aus Wehrmachtsbeständen verpflegt, zu Versorgungsengpässen kam es dabei kaum.
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Die Ernährungssituation für die »normale« Zivilbevölkerung
Ganz anders hingegen stellte sich die Ernährungssituation für die »normale« Zivilbevölkerung dar, denn schon seit Kriegsbeginn war schrittweise die Versorgung der »Heimatfront« mit Brennmaterial, Kleidung, Waren des täglichen Bedarfs und vor allem Lebensmitteln stark eingeschränkt worden.
Auch die Wohnverhältnisse hatten sich ab 1941/42 rapide verschlechtert. Schon in der Anfangsphase des Dritten Reiches waren auf dem Gebiet des Wohnungsbaus die Planungsvorgaben nie erfüllt worden, erst 1936 erreichte man wieder den ungefähren Stand von 1928/30, und 1938 lag der Zuwachs noch um etwa zehn
Prozent unter dem Niveau von 1929.
Ab 1940 (rund 100.000 neue Wohnungen) und 1941 (60.000) gingen die Zahlen im Wohnungsneubau rapide zurück, da das Bauhandwerk zunehmend für den Bau von Bunkern und die Reparatur von Kriegsschäden herangezogen wurde.
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Der schwindende Traum vom kurzen »Blitzkrieg«
Die Konsumgüterindustrie arbeitete zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend auf dem Niveau des letzten Friedensjahres, denn man ging davon aus, daß die »Blitzkriegs«-Strategie die Kampfhandlungen auf einen kurzen Zeitrum begrenzen würde. Aber bereits 1939 kam es bei Fleisch, Milchprodukten, Eiern und Fett zu beträchtlichen Versorgungslücken.
So erhielt der »normale« Konsument, der weder besonders schwer arbeitete noch Nachtdienst zu verrichten hatte, nur die halbe Menge der Friedensrationen.
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Schmackhaftes Brot, Textilien und Schuhe wurden rar
Brot war bis 1941 in ausreichender Menge vorhanden, doch ging seine Qualität derartig zurück, daß sogar die NS-Wochenzeitung »Das Reich« im Sommer 1942 offen davon sprach, daß die Bekömmlichkeit nachgelassen habe - es durfte in frischem Zustand nicht mehr verkauft werden.
Textilien und Schuhe konnten ebenfalls nur noch gegen Bezugsscheine ausgegeben werden; zwar besaßen die meisten Normalbürger zunächst einen gewissen Kleidervorrat, doch waren die in späteren Jahren produzierten Kleidungsstücke sowie das Schuhwerk von nur minderer Qualität.
Wer es sich erlauben konnte, beschaffte sich Ersatz auf dem »grauen« Markt - der Schleich- und Tauschhandel, obwohl offiziell verpönt, florierte.
Was unter Bewirtschaftung stand und nur auf Bezugsscheine abgegeben wurde, konnte gegen zusätzliches Geld »unter der Ladentheke« erworben werden.
- Anmerkung : Gleiches wiederholte sich ab 1947/48 in der Ostzone unter der russischen Verwaltung. Man nannte es die "Bück-Ware", nach der sich die Verkäufer hinter der Theke bücken mußten.
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Von jetzt an waren die Landwirte im Vorteil ....
Für die Mehrzahl der arbeitenden Menschen kam diese Möglichkeit jedoch gar nicht in Frage, denn ihnen fehlten ganz einfach die nötigen finanziellen Mittel.
Zwar läßt sich bis Ende 1942 bei den durchschnittlichen Stundenlöhnen eine konstante Steigerung beobachten, und darüber hinaus brachte die Erhöhung der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit auf knapp 50 Stunden (September 1941) zusätzliches Geld in die Lohntüte des Arbeiters, doch stiegen die Lebenshaltungskosten allein zwischen 1940 und Anfang 1943 um knapp zehn Prozent.
Für überhöhte Preise auf dem »freien« Markt war da nicht viel übrig, und was den Tauschhandel anging, so hatte der normale Durchschnittsbürger wenig anzubieten - dabei verlangten die Landwirte für die Abgabe von Lebensmitteln zunehmend hochwertige Gebrauchsgüter wie Silberbestecke, Porzellanservice oder Kleidungsstücke (Pelzmäntel, Kleider und Anzüge aus Stoffen, die noch aus »Friedenszeiten« stammten).
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Es gab geheime Lageberichte des SD und der SS
Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes (SD) der SS aus diesen Jahren sprechen eine deutliche Sprache.
- 6. November 1939: »Auf dem Lebensmittelmarkt halten trotz der Erhöhung des Butterkontingents die Klagen insbesondere aus den Industriegebieten über die ungenügende Fettzuteilung (Margarine, Speiseöl, Schmalz) weiterhin an. Als besonders schwierig wird die Lage nach wie vor für kinderreiche Familien bezeichnet .....«
- 18. März 1940: »Aus dem gesamten Reichsgebiet liegen Meldungen vor, die besagen, daß in der Bevölkerung große Mißstimmung über die Schwierigkeiten beim Einkauf bezugsscheinfreier Waren besteht. Hier handelt es sich vor allem um Nahrungs- und Genußmittel, Gemüse, Obst und Südfrüchte .....«
- 1. August 1940: »In den Stimmungsberichten der vergangenen Monate und Wochen ist ..... übereinstimmend zum Ausdruck gebracht worden, daß die Brotration von den Werktätigen, einschließlich derjenigen Gruppen, die eine Sonderbehandlung erfahren haben, wie Schwer-, Lang- oder Nachtarbeiter, als unzureichend angesehen wird...«
- 3. April 1941: »Über das Anstehen vor Pferdemetzgereien wird berichtet, daß sich in der letzten Zeit einzelne Leute bereits am vorhergehenden Tage um 20 Uhr angestellt hätten, um dann auch wirklich am nächsten Tage zu dem begehrten markenfreien Pferdefleisch zu gelangen.«
- 17. August 1942: »In den luftgefährdeten Städten des Westens, die oft mehrmals in der Nacht Luftalarm haben, wird seitens der Bevölkerung immer wieder der Wunsch nach einer zusätzlichen Lebensmittelzuteilung geäußert. Besonders kinderreiche Mütter klagen oft, daß sie bei der augenblicklichen Zuteilung außerstande seien, den nach Beendigung des nächtlichen Luftalarms sich stets einstellenden Hunger ihrer Kinder zu stillen.«
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Eine Aufstellung der konkreten Zahlen zeigt folgendes
In konkreten Zahlen sah die Versorgung des Normalkonsumenten folgendermaßen aus:
Zwischen September 1939 und Oktober 1942 fiel die wöchentliche Brotration von 2.400 Gramm auf 2.000 Gramm, die Fleischzuteilung sank von 700 auf 300 Gramm, bei Fett wurde die Zuteilung von 340 auf durchschnittlich 206 Gramm zurückgesetzt.
Schwer- und Schwerst- sowie Lang- und Nachtarbeiter erhielten jedoch zunächst weiterhin ausreichende Mengen an Lebensmitteln, denn ihr voller Arbeitseinsatz wurde für die Rüstungsindustrie gebraucht.
Bei diesen Gruppen kam es auch bis Ende 1943 kaum zu Versorgungsmängeln, denn für derart wichtige Arbeitskräfte wurde die Nahrungsmittelzufuhr aus den besetzten Gebieten forciert.
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In dieser Zeit begann der sichtbare Terror der GESTAPO
Zwar kann nicht davon ausgegangen werden, daß die Verlängerung der Arbeitszeit, die Verschärfung der Akkordarbeit und die ständigen Versuche, das Lohnniveau möglichst niedrig zu halten, von der Mehrheit der Arbeiter protestlos hingenommen wurden. Dennoch kam es zu keinem organisierten Widerstand gegen die Sozial- und Versorgungspolitik des NS-Regimes.
Der Druck der Gestapo und die totale Überwachung auch in den Betrieben verhinderten jegliche derartigen Aktivitäten. Wo es wirklich einzelne wagten, durch Arbeitsverweigerung oder Bummelei ihren Protest zu artikulieren - vor allem in den für die Rüstung wichtigen Betrieben -, schritt sofort die Gestapo ein, die sich seit Kriegsbeginn in allen Fällen von Arbeitsverweigerung für allein zuständig erklärt hatte.
Schon zwei Monate nach Kriegsausbruch wurden allein im Ruhrgebiet 1.000 Arbeiter wegen Bummelei und Arbeitsverweigerung angeklagt.
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Der staatliche Zwangsapparat gewährleistet die Arbeitsdisziplin
Wo die Arbeitsdisziplin durch den »Betriebsführer« mit den ihm zur Verfügung stehenden herkömmlichen Mitteln der Verwarnung oder des Lohnabzugs nicht gewahrt werden konnte, schaltete sich der staatliche Zwangsapparat ein.
Bereits 1940 hatte die Gestapo spezielle Konzentrationslager für arbeitsunwillige »Störenfriede« eingerichtet. Mit der »Verordnung zur Sicherstellung des Kräftebedarfs für Aufgaben von besonderer staatspolitischer Bedeutung« wurden Männer und Frauen verpflichtet, auf staatliche Anordnung hin eine neue Stelle anzutreten.
Diese Dienstpflichtverordnung vom Juni 1938 betraf zunächst nur rund 400.000 Arbeiter, die am Bau des »Westwalls« beteiligt waren, doch schon 1939 wurden insgesamt 1,3 Millionen Dienstverpflichtungen zur Aufrechterhaltung bzw. Steigerung der Rüstungsproduktion ausgesprochen.
Dennoch war man auch in späteren Jahren durchaus sparsam in der Anwendung dieses Zwangsmittels, denn die politische Führung machte sich keinerlei Illusionen darüber, wie unpopulär derartige Maßnahmen in weiten Kreisen der Arbeiterschaft waren - und man brauchte Ruhe an der Arbeitsfront, um den militärischen Nachschubhunger der Wehrmacht befriedigen zu können.
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Die freiwilligen ausländischen Arbeiter - vorerst
Bis Kriegsbeginn war die Zahl der ausländischen Arbeiter auf etwa eine halbe Million gestiegen. Dabei handelte es sich in erster Linie um Polen und Italiener, die aufgrund freiwilliger Verpflichtungen nach Deutschland kamen.
Dennoch blieben viele Arbeitsplätze unbesetzt, denn die Mobilisierung der Frauen für den »Ehrendienst« in der Rüstungsindustrie scheiterte kläglich. Die von Goebbels während des Krieges inszenierte Aktion »Deutsche Frauen helfen siegen« brachte kaum nennenswerte Ergebnisse.
Aus den SD-Berichten vom Mai 1941:
- »In Dresden seien »von 1250 zu einer Werbe-Veranstaltung geladenen Frauen nur sechshundert erschienen, von denen wiederum sich nur 120 zur Übernahme eines Arbeitsplatzes bereit erklärt hätten .....
- Ebenso sind in Dortmund nach übereinstimmenden Meldungen ..... bisher keine praktischen Erfolge bezüglich des freiwilligen Arbeitseinsatzes der deutschen Frau bekannt geworden.«
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Die unfreiwilligen ausländischen Arbeiter - meist Polen
Eine gewisse Entspannung der Arbeitsmarktlage, vor allem in der Landwirtschaft, brachte der Einsatz von Kriegsgefangenen aus Polen und Frankreich. 1942 arbeiteten auf deutschen Höfen bereits über eine Million Polen, von denen die wenigsten freiwillig gekommen waren.
Die Aktionen zur Anwerbung von Arbeitskräften, die die deutschen Behörden in den besetzten Gebieten durchführten, waren weitgehend erfolglos geblieben - nur rund 80.000 Polen hatten sich gemeldet.
Nach diesem Fehlschlag wurde rücksichtslos rekrutiert. Neben den Kriegsgefangenen machten auch arglose Bürger unfreiwillig Bekanntschaft mit deutschen Sicherheitskräften. Wahllos wurden im besetzten Polen Männer und Frauen, Jugendliche, Arbeiter, Bauern und Intellektuelle auf offener Straße aufgegriffen, Kino- und Kirchenbesucher sahen sich unvermittelt in Transportzüge nach Deutschland verfrachtet.
Den Polen folgten 1940 Franzosen und Belgier, Holländer, Norweger und Luxemburger, 1941 Griechen und Jugoslawen. Im Mai 1941 hatte sich die Gesamtzahl der ausländischen Arbeiter auf 1,75 Millionen erhöht, hinzu kamen rund 1,25 Millionen Kriegsgefangene.
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Unter den denkbar schlechtesten Bedingungen leben ....
Die Ausländer lebten in Deutschland unter den denkbar schlechtesten Bedingungen in eigens errichteten Barackenlagern; die Kosten für Nahrung und Logis wurden von ihrem ohnehin kargen Lohn abgezogen, soziale Leistungen gab es kaum.
Doch ohne ihre erzwungene Mithilfe hätte das NS-Regime zu weit schärferen Disziplinierungs- und Dienstverpflichtungsmaßnahmen gegenüber der eigenen Arbeiterschaft und den Frauen greifen müssen.
Hitlers Befürchtung vom November 1939:
»Hinter mir steht das deutsche Volk, dessen Moral nur schlechter werden kann«, traf nicht in dem von ihm erwarteten Maße ein. Das Regime konnte in den ersten Kriegsjahren sowohl die Ernährung sicherstellen - wenn auch die allerorten beklagten Versorgungsmängel das Gegenteil vermuten ließen - als auch den Arbeitskräftebedarf der Industrie decken.
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Im Mai 1943 - 6,3 Millionen ausländische Arbeitskräfte
Im Mai 1941 betrug die Zahl ausländischer Arbeitskräfte rund drei Millionen, ein Jahr später waren es bereits über vier Millionen und im Mai 1943 6,3 Millionen.
Sie stellten damit ein Sechstel der gesamten arbeitenden Bevölkerung, und ohne sie wäre die deutsche Kriegswirtschaft schon zu diesem Zeitpunkt zusammengebrochen.
Vor den Augen der deutschen Arbeiter schufteten diese Zwangsrekrutierten unter besonders gefährlichen Bedingungen und ohne ausreichende Ernährung. Durch die harte körperliche Arbeit, etwa in Steinbrüchen oder beim Freimachen der Straßen von Trümmerschutt, wurde ihre Zahl ständig dezimiert - neue Zwangsrekrutierungen in den besetzten Ländern folgten auf dem Fuß.
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Deutschland und die Deutschen machten sich keine "Freunde"
Einen ungefähren Eindruck von dem traurigen Los dieser Menschen gibt ein Brief Alfred Rosenbergs, des »Reichsministers für die besetzten Ostgebiete«, an General Wilhelm Keitel:
- »Von den 3,6 Millionen Kriegsgefangenen sind heute nur noch einige Hunderttausend voll arbeitsfähig. Ein großer Teil von ihnen ist verhungert oder durch die Unbilden der Witterung umgekommen.«
Fast jedes Dorf hatte seine Polen und Russen, die oft in Ställen und Erdlöchern hausten - jeglicher Kontakt mit den »slawischen Untermenschen« war verboten.
In jeder kleineren Stadt mit Industrie befand sich ein Lager mit ausländischen Zivilverschleppten oder Kriegsgefangenen, dessen Existenz auch der Bevölkerung nicht verborgen bleiben konnte.
Von tätigem Mitleid oder stiller Unterstützung für diese aller Rechte enthobenen Menschen ist nur wenig bekannt geworden. Der Grund dafür liegt in erster Linie sicherlich in den scharfen Sicherheitsvorkehrungen und der Strafandrohung durch Gestapo und örtliche (systemunterstützende) Polizei, außerdem hatte zweifellos die jahrelange ideologische Arbeit der NS-Gewaltigen ihre Wirkung getan.
Die lange Indoktrination von den Untermenschen
»Fremdarbeiter«, vor allem soweit sie aus dem slawischen Raum stammten, galten in der Tat vielen Deutschen als minderwertige Menschen, denen man kaum mehr lassen mußte, als sie zur dürftigsten Existenzsicherung benötigten. Und oft bekamen sie nicht einmal das.
Am schlimmsten traf es die Polen, für die von Göbbels äußerst diskriminierende Maßnahmen erdacht wurden. Sie waren zum Tragen eines besonderen Kennzeichens (»P«) an ihrer Kleidung verpflichtet, sie durften keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, der Besuch von Gottesdiensten, Kinos, Theatern war ihnen untersagt, die Zuteilung von Lebensmitteln beschränkte sich auf das Existenzminimum.
»Im Falle des Todes ist... die Überführung der Leiche in die Heimat für ausländische Arbeitskräfte untersagt. Bei der Inaussichtstellung einer späteren Überführung sind Polen ausgenommen .....«
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Die Moral an der »Heimatfront« bis Ende 1942
Die Moral an der »Heimatfront« war bis zum Ende des Jahres 1942 weitgehend ungebrochen. Wer nicht heimlich Feindsender abhörte, konnte kaum ahnen, daß sich das militärische Blatt für Deutschland längst gewendet hatte.
Wer nicht zwischen den Zeilen der Wehrmachtsberichte zu lesen wußte, wer sich lediglich von Wochenschau, Volksempfänger und »Völkischem Beobachter« beziehungsweise dessen Ablegern in der Provinz einlullen ließ, der verfiel nur zu leicht der Propagandalüge von einem baldigen »Endsieg«.
Die meisten Menschen nahmen die Entbehrungen des Alltags mehr oder weniger bereitwillig hin, immer im Vertrauen auf ein baldiges Ende -ein siegreiches Ende für Deutschland. Die Zukunft, das »Danach«, wurde schon öffentlich besprochen, quasi »goldene Zeiten« sollten anbrechen.
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Lügen über Lügen, die ganze Zeit ....
In der Wochenzeitung »Das Reich« schwärmte ein Hans Schwarz van Berk, wie schön das Leben werde, wenn der nahende Sieg endlich komme:
Angesichts der Ruinen und Mauerreste in den Städten könne man zwar nicht mehr »aus dem Vollen« schöpfen wie früher, doch der Kampf um »den Platz an der Sonne«, der dem deutschen Volk gebühre, lohne den höchsten Einsatz - man wisse ja schließlich auch, wofür:
»Was man im Kriege um des Krieges willen lernt, hat man insgeheim schon für den Frieden gewonnen ..... Warum sollte es einem unserer namhaften Werke schwer fallen, statt etwa 50 Sturmgeschütze dann 50 Bagger im Monat zu produzieren? Selbstredend wird man Dachbinder, Fensterrahmen, Türen, Geländer, Herde, Bauplatten am laufenden Band herstellen und in Taktstraßen bauen ..... Alles in allem wird ein Haus etwa im Jahre 1945 wesentlich schneller und billiger hochkommen als noch 1939.«
Geschrieben wurde dies zu einer Zeit, als die deutschen Städte zunehmend von den alliierten Bombern angegriffen wurden, als sich die realen Aussichten, den Krieg siegreich für Deutschland zu beenden, weiter verschlechtert hatten.
Die Prophezeiung schmucker, neuer Häuser für die heimkehrenden Soldaten und ihre Familien war angesichts der nahenden Katastrophe einer der Strohhalme, nach denen viele Deutsche griffen, um ihre düsteren Ahnungen zu vertreiben.
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Hier die Texte zu den Bildern und Fotos
Am 1. September 1939,4.45 Uhr, marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein - der Zweite Weltkrieg hat begonnen. Nur zwei Tage später erklären England und Frankreich Deutschland den Krieg, nachdem die Forderung beider Länder nach einem Rückzug der deutschen Truppen nicht erfüllt worden ist. Für die deutsche Zivilbevölkerung ist das Kriegsgeschehen noch weit, die, Jahre der Blitzkriege und -siege beginnen.
Dennoch werden in den Großstädten erste Vorbereitungen für die Errichtung von öffentlichen Schutzräumen und Luftschutzkellern getroffen (114).
Die Angehörigen des »Reichsluftschutzbundes« können mi| ihrer martialischen Ausrüstung noch zu Sammlungen für das » Winterhilfswerk« eingesetzt werden (116), denn die englischen Bomber gefährden noch keine deutsche Großstadt.
Die Hitler-Jugend wird aber schon auf eine ihrer kommenden Aufgaben vorbereitet: »Sportliche« Wettkämpfe unter der Gasmaske (115) und Einsätze im Rahmen von realistischen Luftschutzübungen (117) lassen den Bombenalltag näherrücken.
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weitere Fotos
Mitte Oktober 1939 kehren erste Truppenteile der Wehrmacht aus dem siegreich beendeten Polen-Feldzug in ihre Garnisonen zurück und werden, wie hier in München (118), von der Bevölkerung teilweise stürmisch begrüßt.
Die Verluste der Wehrmacht halten sich in Grenzen: Lazarettzüge führen die über 30 000 Verwundeten in die Heimat zurück (119), über 10.000 Soldaten sind gefallen, 3000 werden vermißt.
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- Anmerkung : Andere Historiker sprechen von über 20.000 gefallnen, die aber über Jahre unter Androhung der Todesstrafe verheimlicht wurden.
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In den Großstädten geht das Leben fast normal weiter, nur Verdunkelungsübungen und Sandsäcke als Schutz vor Brand- und Splitterbomben vor den öffentlichen Schutzräumen (120) weisen auf den Krieg hin.
Durch die Einführung der Bezugsscheinpflicht Ende August 1939 können die wichtigsten Grundnahrungsmittel, Kleider und Brennstoffe nur noch gegen Berechtigungsscheine erworben werden. Die Lebensmittelkarte (121) wird Grundlage einer ausreichenden Versorgung. Fleisch, Fett und Brot sind streng rationiert und sichern dem »Normalverbraucher« gerade noch das Existenzminimum.
Als die deutschen Städte von 1941 an in die Reichweite der Bomberströme geraten, werden Hunderttausende von Kindern in ländliche Gegenden verschickt (122). Die »Kinderlandverschickung« erleichterte auch den Einsatz von Frauen in der Rüstungsindustrie (123). Um die schlechter werdende Ernährungslage zu verbessern, soll auf Grünflächen Gemüse angebaut werden, wie hier am Berliner Gendarmenmarkt (124).
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