Ein Bildband mit einer fast lückenlosen Biografie von 12 Jahren
Die 12 Jahre der Nationalsozialisten haben die ganze Welt "verdreht". So viele Tote hatte noch nie ein diktatorisches Regime zu verantworten. Hier wird in den Jahren um 1980 biografisch aufgearbeitet, wie es die "Deutschen Normalbürger" erlebt oder auch nicht erlebt hatten und vor allem, wie es dazu gekommen war. Hintergrund in 2026 ist die aktuelle Entwicklung 80 Jahre danach - nicht nur wieder in Deutschland - sondern auch in den USA und in Russland und in weiteren Ländern dieser Welt. Hier wird nichts verklärt oder beschönigt oder verniedlicht. Die Wahrheit ist daher nicht immer angenehm oder gefällig. Die einführende Seite beginnt hier.
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Generation im Gleichschritt
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Hitlers Vision der deutschen Jugend .....
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- Anmerkung : Hitler war ein zugereister Österreicher, er war gar kein Deutscher und machte sich Gedanken über die "Deutsche Jugend". Diese Wahrheit auszusprechen war bei Todesstrafe verboten, extrem gefährlich - igendwo ausgesprochen zu werden. Das zu sagen war schlichtweg Selbsmord.
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- »Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muß weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muß das alles sein. Schmerzen muß sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend .....«
Diese Vision Hitlers, der schon in »Mein Kampf« vom »Heranzüchten kerngesunder Körper« als Ideal der Erziehung gesprochen hatte, sollte wegweisend sein für die Staatsjugend im Dritten Reich, der bei der Machtübernahme ganze 100.000 Jugendliche angehörten - das waren etwa zwei Prozent der organisierten Jugend in der Weimarer Republik.
Kerntruppe der »Hitler-Jugend« (HJ) war die 1925 entstandene »Großdeutsche Jugendbewegung«, die während des Parteitags der NSDAP 1926 in Weimar parteiamtliche Weihen empfing. Auf Vorschlag des fränkischen Gauleiters Julius Streicher nannte sich die Parteijugend »Hitler-Jugend, Bund Deutscher Arbeiterjugend« und wurde organisatorisch der »Obersten SA-Führung« unterstellt.
Zur selben Zeit bildeten sich die ersten Schülergruppen der NSDAP sowie die »Nationalsozialistischen Schwesternschaften«, die schließlich 1930 als »Bund Deutscher Mädel« (BDM) offiziell in den Parteiapparat eingegliedert wurden.
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Baldur von Schirach - »Reichsjugendführer der NSDAP«
Im Oktober 1931 ernannte Hitler den bisherigen Führer des NS-Studentenbundes zum »Reichsjugendführer der NSDAP«. Baldur von Schirach, im Range eines SA-Gruppenführers, formte die HJ so recht nach dem Geschmack Hitlers als Synthese von Wehrbewegung und Jugendbewegung - letztere hatte gegen Ende der Weimarer Republik erheblichen Anhang gefunden.
- Anmerkung : Anfänglich wurden die Adligen von der NSDAP nicht besondersgemocht, bis man erkannte, daß man sie brauchte. Auf einmal waren im NS-Staat Adlige an allen Ecken und Enden zu finden.
Neben den üblichen Heimabenden, den gemeinsam unternommenen Fahrten und Jugendlagern stand zu diesem Zeitpunkt die Agitations- und Demonstrationsarbeit für die Partei im Vordergrund.
Die HJ hatte von ihrem größten Konkurrenten, der Sozialistischen Arbeiterjugend, ganz konkrete sozialpolitische Vorstellungen übernommen, die mit dem völkisch-nationalen Gedankengut der NS-Führung verschmolzen wurden.
Das Motto war die »wehrhafte sozialistische« Jugend, die die nationale Revolution erkämpfen will. Hammer und Schwert, auf rotem Grund gekreuzt, dienten als Wappen.
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Echte Jugendarbeit gab es kaum
Von eigentlicher Jugendarbeit konnte in den Jahren des »Kampfes und des Aufbaus« nicht die Rede sein - anders als bei den bürgerlichen und sozialistischen Jugendbünden stand der »Kampf um die Macht im Reich« im Vordergrund. Die totale Abhängigkeit von der Partei sollte ein wesentliches Merkmal der HJ bleiben. Der spätere Reichsjugendführer Axmann: »Die HJ ist groß geworden als Gliederung der Partei - sie hatte stets den gleichen Weg und das gleiche Schicksal«.
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Der »Reichsjugendtag der NSDAP« 1932 in Potsdam
Einen Vorgeschmack auf das Auftreten der HJ in der Öffentlichkeit gab der »Reichsjugendtag der NSDAP« 1932 in Potsdam. Baldur von Schirach wollte in Erwartung des bevorstehenden »Sieges« über die Republik von Weimar eine Heerschau seiner Jugend präsentieren, die zu diesem Zeitpunkt etwa 40.000 Mitglieder zählte und einen nicht unbeträchtlichen Kreis von Sympathisanten um sich scharte.
In Potsdam strömten am 1. und 2. Oktober erstmals 100.000 Jungen und Mädchen zusammen. Bei Feuerwerk und Großem Zapfenstreich feierte man den Aufbruch in ein glänzendes Jahrtausend, Hitler persönlich nahm den siebenstündigen Vorbeimarsch der Jugendlichen ab - die propagandistische und psychologische Wirkung dieser Gemeinschaftserlebnisse war (für die teilnehmenden Jugendlichen) ungeheuer groß.
Das erhabene Gefühl, »dabeigewesen zu sein«, erfaßte auch die bloßen Sympathisanten - spontane Beitrittserklärungen überfluteten die Organisation. Die Partei dankte auf ihre Art und stiftete für alle diejenigen, die bis zum 2. Oktober 1932 in die HJ eingetreten waren, das »Goldene Hitler-Jugend-Abzeichen«, einen in Gold gefaßten Rhombus.
In einer Beschreibung der ersten Massendemonstration seiner »Bewegung« schildert von Schirach auf treffende Weise die herrschende Atmosphäre:
- Der Jugendliche »steht nicht mehr allein. Er wird Teil einer Millionengemeinschaft. Überall, wo die Fahnen der Hitler-Jugend wehen, hat er seine Kameraden, seine Brüder und Schwestern, die in einem Glauben gebunden, in einer Weltanschauung geeint, in einer Organisation zusammengefügt sind. Es ist ein herrliches und wunderbares Erlebnis, dessen deutsche Jugend teilhaftig wird.«
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Die Jugend sollte ein »herrliches Erlebnis« haben
Mit der Machtübernahme war klar, worauf das Unternehmen abzielte, denn von nun an sollten alle jungen Deutschen an diesem »herrlichen Erlebnis« teilhaben dürfen, oder mit Schirachs Worten: »Wie die NSDAP nunmehr die einzige Partei ist, so muß die HJ die einzige Jugendorganisation sein.«
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- Anmerkung : Stimmt - hatten sie auch, ganz speziell an der Ostfront in Russland und in Stalingrad. Alleine der Vater des Autors Gert Redlich saß mit 21 Jahren unverwundet (also körperlich gesund) gaz oben in Finnland in der Etappe. Die seelischen Schäden konnte man ja nicht sehen.
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Die im »Reichsausschuß deutscher Jugendverbände« organisierten Weimarer Jugendverbände hatten zum Zeitpunkt der Machtübernahme insgesamt mehr als fünf Millionen Mitglieder.
Am 5. April 1933 ließ Schirach die Geschäftsstelle des Reichsausschusses durch einen HJ-Trupp im Handstreich besetzen und sämtliche Akten beschlagnahmen; den Vorsitzenden zwang er zum Rücktritt. Damit war der Generalangriff der HJ auf alle konkurrierenden Jugendverbände eröffnet.
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Jüdische und sozialistische Verbände wurden verboten
Die jüdischen und sozialistischen Verbände (Sozialistische Arbeiterjugend, Kommunistischer Jugendverband Deutschlands) wurden aus dem Reichsausschuß ausgeschlossen und letztere zusammen mit den sie tragenden Parteien schon bald darauf verboten.
Die rechtsstehenden Organisationen Bismarck-Jugend und Hindenburg-Jugend gingen großenteils geschlossen in die HJ über. Die politisch nicht gebundenen unabhängigen Jugendbünde organisierten sich angesichts der drohenden Gleichschaltung im »Großdeutschen Jugendbund« unter Admiral von Trotha und hofften, durch ein Lippenbekenntnis zum neuen Staat um die Auflösung herumzukommen.
Doch eine Verfügung Hitlers ernannte von Schirach am 17. Juni 1933 zum »Jugendführer des Deutschen Reiches«, dessen erste Amtshandlung die Auflösung des Großdeutschen Jugendbundes war.
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Widerstand ? Die jungen konnten nicht, die alten trauten sich nicht
Ernsthafter Widerstand gegen die Gleichschaltungsmaßnahmen ist kaum bekannt geworden - wie sollten sich auch Jugendliche wehren, deren Führer glaubten, das Gebot der Stunde erkannt zu haben und sich, wie General Vogt, der vormalige Leiter des Reichsausschusses, der HJ zur Verfügung stellten und mit dem Goldenen Ehrenzeichen belohnt wurden.
Admiral Trotha ließ sich 1936 zum »Ehrenführer der Marine-Hitler-Jugend« befördern - die Auflösung der unabhängigen Jugendverbände war nach dem bewährten Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche über die Bühne gegangen.
Eine Zeitlang durfte die »Reichsschaft Deutscher Pfadfinder« noch ein Eigendasein fristen, dann wurde sie ebenso aufgelöst und integriert wie die Landjugend (Juli 1935) und die Sportjugend (Juli 1936).
Bereits Ende 1933 kam zwischen dem evangelischen »Reichsbischof« Müller und von Schirach ein Abkommen zustande, das vorsah, die 800.000 Mitglieder der evangelischen Jugend Deutschlands in die HJ einzugliedern. Die evangelische Jugendarbeit blieb auf den rein seelsorgerischen Bereich beschränkt.
Siegesgewiß rief von Schirach 1934 im Hamburger Stadtpark unter dem Jubel von 150.000 angetretenen Jugendlichen aus: »Wir erkennen kein Sonderrecht in einem jungen Deutschland an, in dem es nur ein Recht gibt, das Recht des Staates.«
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Doch, es gab da etwas wie Widerstand
Einzig die katholische Jugendbewegung ließ sich nicht gleichschalten; der energische Widerstand ihrer Führung und das spätere Reichskonkordat zwischen dem Vatikan und dem nationalsozialistischen Staat verhinderten die Auflösung ihrer Organisation.
Ihre Arbeit wurde dennoch durch vereinzelte, regionale Terrorüberfälle, durch Arbeitsbeschränkungen für ihre Mitglieder und die dauernde propagandistische »Bearbeitung« stark behindert - niemand sollte bei den kommenden großen Aufgaben »im Abseits« stehen.
Im Jahr der Machtübernahme schwillt die Mitgliederzahl der HJ auf 2,3 Millionen an, ein Jahr später sind es bereits über 3,5 Millionen. Für ihre künftige Organisationsform gilt das Hitler-Wort:
- »Eine große Idee kann nur dann zum Ziele geführt werden, wenn eine festgefügte und straffe, mit konsequenter Härte durchgeführte Organisationsform der Weltanschauung die Gestalt gibt.«
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Über den Aufbau der HJ bis zur letzten Jungschar
Entsprechend hierarchisch und bis hinein in die letzte Jungschar aufs genaueste reglementiert ist der Aufbau der HJ:
- Das »Deutsche Jungvolk« (DJ) in der HJ umfaßt die 10-14jährigen Jungen, deren Eintritt jahrgangsweise jeweils zum 20. April (»Führers Geburtstag«) zu erfolgen hatte.
- Die eigentliche »Hitler-Jugend« erfaßt die 14-18jährigen Jungen, die ab dem 18. Lebensjahr in die entsprechenden Gliederungen der Partei eintreten »dürfen«.
- Die 10-14jährigen »Jungmädel« entsprechen mit ihrer Organisation dem Jungvolk.
- Der »Bund Deutscher Mädel« in der HJ nimmt die 14-18jährigen Mädchen auf.
- Das angegliederte Werk »Glaube und Schönheit« erfaßt die 17-21jährigen Mädchen.
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Anfänglich fehlten der HJ die entsprechenden Führungsspitzen
Dieses Aufbauschema war ab Mitte 1933 verbindlich, doch fehlten der HJ die entsprechenden Führungsspitzen, denn die Mehrzahl der Anhänger, die sich während der »Kampfzeit« bei Saal-und Straßenschlachten, beim Plakatkleben und Zettelverteilen ihre Sporen verdient hatte, erwies sich für Führungsaufgaben als ungeeignet.
So wurde 1934 zum »Jahr der Schulung und inneren Ausrichtung« erhoben. Die Vereinheitlichungstendenzen innerhalb der Jugend waren weitgehend abgeschlossen, und von Schirach entsprach mit seinen Anforderungen an die künftigen Funktionäre exakt Hitlers alter Vision:
- »Der Jugendführer braucht, abgesehen von guten historischen, politischen und rassenbiologischen Kenntnissen, ein beachtliches Körpertraining.«
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Zentrales Anliegen der HJ- und der BDM-Arbeit - Körperertüchtigung
Die Körperertüchtigung wurde zum zentralen Anliegen der HJ- und der BDM-Arbeit. Bei den durchgeführten Schulungskursen sollte ein Drittel der Zeit auf geistige Betätigung, der Rest auf körperliche Ertüchtigung verwendet werden.
Ab 1934 wurden Leistungsabzeichen verliehen und Bann-, Gebiets- und Reichssportwettkämpfe ins Leben gerufen. Die einzelnen Unterorganisationen erhielten Dienstbücher, um einen einheitlichen Ausbildungsstand zu gewährleisten.
Bis zum August 1934 wurden in 287 Dreiwochenlehrgängen über 12.000 HJ-Führer und knapp 25.000 Jungvolkführer ausgebildet. 15.000 Führer hatten an Sportlehrgängen teilgenommen, für die Ausbildung des Nachwuchses an weiblichen Führern standen drei Gauverbandsschulen und 16 Gauschulen zur Verfügung.
Zur Vereinheitlichung der ideologischen Schulung strahlten alle Rundfunksender einmal wöchentlich die sogenannte »Stunde der jungen Generation« aus, eine Sendung, die von der Reichsjugendführung gestaltet wurde.
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Der »Reichsberufswettkampf«
Der »Reichsberufswettkampf« wurde neben dem Sport das wichtigste Betätigungsfeld der HJ. Gemeinsam mit der Reichsregierung und der Arbeitsfront richtete sie für die Jugendlichen aller Berufe und Betriebe berufliche Leistungswettkämpfe aus.
Auch für diese Veranstaltungen mußte die Rassenlehre als ideologische Grundlage herhalten, denn »gerade hier erlebt die Jugend im Nationalsozialismus die Wiedergeburt jener nordisch bestimmten Auffassung, in der Arbeit als Höchstwert gesunden Lebens gilt«.
Von Schirach verkündete mit Pathos die neue Marschrichtung:
- »Das Symbol der Bünde war die Fahrt, das Symbol der HJ ist der Reichsberufswettkampf«
- gedacht war das Ganze als eine große Demonstration »für die Ehre der Arbeit und für die deutsche Arbeiterschaft«. Immerhin nahmen schon am ersten Wettkampf 500.000 Jugendliche teil, fünf Jahre später waren es bereits 3,5 Millionen.
Nachdem in den ersten Februartagen die Sieger der örtlichen Wettkämpfe feststanden, ging es im März mit dem Gauwettkampf weiter, und die Gausieger schließlich trafen im April an einem zentralen Ort zusammen - am 1. Mai durfte der Reichssieger Adolf Hitler die Hand schütteln.
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Die »Pimpfenprobe« für die Kleinsten
Was für die Großen die Bewährung im Beruf war, war für die Kleinsten, die »Pimpfe«, die sogenannte »Pimpfenprobe«: In den ersten Monaten seiner vierjährigen Zugehörigkeit zum Jungvolk mußte der Pimpf 60 Meter in 12 Sekunden laufen, 2,75 Meter weit springen und den Schlagball mindestens 25 Meter weit werfen können.
Nach Ableistung einer anderthalbtägigen Fahrt, dem Auswendiglernen von Horst-Wessel-Lied und HJ-Fahnenlied waren noch die sogenannten »Schwertworte« zu sprechen:
- »Jungvolkjungen sind hart, schweigsam, tapfer und treu. Jungvolkjungen sind Kameraden. Der Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre.«
Die Aufnahmezeremonie, bei der das Treueversprechen gegeben werden mußte, lag zu diesem Zeitpunkt für den Pimpf schon lange zurück. Sie fand grundsätzlich am Vorabend des 20. April statt, mit Fahnen und Fanfaren:
- »Ich verspreche, in der Hitler-Jugend allzeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zum Führer und unserer Fahne.«
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»Tarnen und Anschleichen« und Schießübungen
Ausbildungsziel war das DJ-Leistungsabzeichen. Sportliche und wehrpolitische Übungen beherrschten den Stundenplan. In trauter Nachbarschaft zu Sprung-, Lauf- und Wurftraining fanden sich »Tarnen und Anschleichen«, Schießübungen mit dem Luftgewehr, Zeltlager, Kenntnis des parteiamtlichen Lebenslaufs Hitlers, .......
- Anmerkung : Im "Pareiamtlichen Lebenslauf" war der östereichische Geburtsort "Braunau im Inn" nicht enthalten. Wer das aber so unverblümt aussprach, der war bereits in großer Lebensgefahr.
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....... dazu die nationalen (deutschen) Feiertage und ihre Bedeutung, sechs HJ-Lieder und fünf Fahnensprüche, so zum Beispiel diesen:
- »Wer auf die Fahne des Führers schwört,
- hat nichts mehr, was ihm selber gehört.«
Der vierjährige Dienst in HJ und BDM sah im Prinzip eine ähnliche, dem Jahrgangsalter entsprechende Körperertüchtigung und ideologische Schulung vor - die Leistungsabzeichen wurden in Bronze, Silber und Gold verliehen.
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Die ganz gezielte einseitige ideologische Ausrichtung
Was sich gegenüber der bündischen Jugend geändert hatte, war vor allem die einseitige ideologische Ausrichtung - Uniformen und Heimabende, Fahrten, Lageraufenthalte, die Lieder und Riten, das alles hatte es bereits früher gegeben und war auch für die Anhänger der Pfadfinder-Bewegung nichts Neues.
Die Mitgliederzahl der HJ wuchs unaufhörlich. Die lautstarke Propaganda machte nicht Halt vor Schule, Betrieb und Elternhaus - die Lockungen waren groß: Getragen von einer Welle nationaler Begeisterung in den ersten Jahren nach 1933, beseelt von dem Verlangen, in der Gemeinschaft Gleichgesinnter Verantwortung zu tragen, im Drang nach Aktivität, nach Einsatz und Bewährung strömten die Jugendlichen der HJ zu, so daß sie 1936 einen Mitgliederstand von sechs Millionen verzeichnen konnte.
- Anmerkung : Wie aus anderen Beschreibungen hervorgeht, war da auch "ein wenig" Zugzwang dabei, in der Schule ausgestoßen zu werden, wer nicht "freiwillig" in die HJ eintreten wollte. Für viele war es nicht freiwillig. Denn selbst die Eltern konnten darunter leiden, wenn die Kinder nicht so wollten.
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1935 - zum »Jahr der Ertüchtigung« erkoren
Ein Jahr zuvor - Schirach hatte es zum »Jahr der Ertüchtigung« erkoren - hatten bereits 3,5 Millionen Jugendliche am »Reichssportwettkampf« teilgenommen.
1936 war dann auf von Schirachs Befehl das »Jahr des deutschen Jungvolks« - alle Jungen und Mädchen des Jahrgangs 1926 sollten für die HJ geworben werden.
Vier Wochen lang lief die »Erfassung« auf Hochtouren, vor allem die Lehrer in den Schulen wurden zur Werbung herangezogen, auf Elternabenden wurde für die nötige »Stimmung« gesorgt, und wenn das alles nichts half, bat man die Eltern zum sogenannten Einzelgespräch - ab und zu auch bei der GESTAPO.
- Anmerkung : Die Mutter des Autors Gert Redlich - Varia Schandl - hatte Glück. Unser Opa Eduard hatte immer noch seinen tschechischen Paß und keinen "Deutschen" und und damit war unsere Mutter (Baujahr 1919) nur eine halbe Deutsche und wurde irgendwann von der BDM- "Aquisition" übersehen und konnte in die höhere Handelsschule gehen.
Das Ergebnis war beinahe perfekt: 95 Prozent des Jahrgangs wurden »erfaßt«. Am Abend des 1. Dezember triumphierte von Schirach: »Der Kampf um die Einigung der Jugend ist beendet«.
Das am selben Tag verabschiedete Gesetz über die Hitler-Jugend legalisierte lediglich im nachhinein, was längst Wirklichkeit war:
- »Die gesamte deutsche Jugend innerhalb des Reichsgebiets ist in der Hitler-Jugend zusammengefaßt. Die gesamte deutsche Jugend ist außer in Elternhaus und Schule in der Hitler-Jugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen.«
Der harte und kompromißlose »Einigungsfeldzug« schien in der Tat abgeschlossen, und in einer zweiten Ansprache an die Eltern gab sich von Schirach versöhnlich:
- »Den Marschallstab der Jugend trägt jeder Pimpf in seinem Tornister ..... Wer von frühester Jugend an in diesem Deutschland Adolf Hitlers seine Pflicht erfüllt, tüchtig, treu und tapfer ist, braucht um seine Zukunft keine Sorge zu haben.«
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25. März 1939 - Die »Jugenddienstverordnung«
Den letzten Akt des Schauspiels bildete die sogenannte »Jugenddienstverordnung« vom 25. März 1939, mit der alle »Jugendlichen vom 10. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr« verpflichtet wurden, "freiwilig" in der HJ Dienst zu tun.
Die Eltern waren gehalten, ihre Kinder bis zum 15. März des Kalenderjahres, in dem sie zehn Jahre alt wurden, zur HJ zu melden - wer »dieser Verordnung vorsätzlich zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu 150 Reichsmark oder mit Haft bestraft .....«
Wir kommen der globalen Überschrift jetzt nahe ....
Hitlers grauenhafte Vision einer lückenlosen Erfassung der deutschen Jugend war damit Realität geworden:
- »Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes, als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum ersten Male überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter... Und was dann... noch an Klassenbewußtsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben...«
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Und sie wurden nicht mehr frei .......
Und sie wurden nicht mehr frei, denn das Regime bereitete sich fieberhaft auf den Krieg vor und richtete dementsprechend den Nachwuchs für die Wehrmacht ab: zum Beispiel als zukünftige Kraftfahrer und Funker bei Motor-HJ (1938: 102.000 Mitglieder) und Nachrichten-HJ (1938: 30.000 Mitglieder); besonders beliebt war die Marine-HJ, bei der bis 1939 über 60.000 Jungen das Seesportabzeichen erwarben.
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- Anmerkung : Als der Vater des Autors Gert Redlich mit seinen 20 Jahren Ende 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde, hatten andere indoktrinierte gleichaltrige Kameraden das große Saufen für den Sieg ausprobiert. Unser Vater hatte es gerochen oder gesteckt bekommen, wer bei den Funkerprüfungen (Morsen) der ehemaligen Nachrichten-HJ mit sehr-gut abgeschnitten hatte, der kam in die Etappe - zwar weit weg von zuhause - nach Finnland oder Nordafrika, aber nicht nach Russland. Von Stalingrad war ja noch überhaupt keine Rede. Und unser Vater soff nicht, sondern übte mit einem Kameraden Namens Schallenberg "morsen", die ganzen Abende bis zur Prüfung. Als ich 14 Jahre alt war, hatten wir seinen alten Kriegskameraden bei uns zu Besuch - aus dem Ruhrpott nach Wiesbaden. Er war verwundet worden, unser Vater nicht. Alle anderen aus dieser Truppe von über 100 waren in Russland gebleiben - aber diesmal unfreiwillig.
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Der HJ-Landdienst und die alljährliche »Erzeugerschlacht«
Der HJ-Landdienst hatte sich die Aufgabe gestellt, junge Menschen »mit dem bäuerlichen Lebenskreis zu verbinden«; im September 1939 arbeiteten bereits 25.000 Jungen und Mädchen im Landdienst, vornehmlich auf den großen Gütern "Ostelbiens".
Daneben organisierte die HJ den Ernteeinsatz bei der alljährlichen »Erzeugerschlacht« - daß auch solche Aktionen im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen gesehen werden müssen, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, daß allein 1942 über zwei Millionen Jugendliche beim Einbringen der Ernte halfen.
1934 wurde zusätzlich das »Landjahr« eingeführt: Nach der achten Volksschulklasse »durften« Jungen und Mädchen ein neuntes Jahr auf dem Land verbringen; die Mädchen halfen im Haushalt und betreuten die Kinder, die Jungen arbeiteten auf dem Hof und auf den Feldern.
Im BDM, der 1937 2,8 Millionen Mitglieder umfaßte, wurden die Aktivitäten entsprechend der vom Regime propagierten Rolle der Frau aufgeteilt: An Heimabenden saßen die Mädchen - im Idealfall mit blondem Zopf oder Gretchenkranz um die Stirn - beisammen und widmeten sich der Einübung ihrer Rolle als Frau und Mutter, auch wurden handwerkliche Fähigkeiten erlernt; der Besuch von BDM-Hauswirtschaftsschulen, die Ausbildung von »Gesundheitsdienstmädeln« durch besondere BDM-Ärztinnen, die Einweisung in die Sozial- und Fürsorgearbeiten standen bei den weiblichen Jugendlichen an erster Stelle.
Zu den wichtigsten »Einsätzen« gehörte bis 1939 die Teilnahme an offiziellen Parteiveranstaltungen und Propagandaaufmärschen, die Durchführung von Sammlungen für das »Winterhilfswerk« und die »Nationalsozialistische Volkswohlfahrt« (NSV) sowie von Kleider-, Altpapier-, Heilkräuter- und sogar Laubsammlungen.
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Der Krieg änderte alles
Der Krieg wies allen Formationen der HJ neue Aufgaben zu, die vielfach mit großem Enthusiasmus in Angriff genommen wurden. Getreu dem Wahlspruch eines HJ-Liedes »Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not« wurde der Einsatz in Wirtschaftsbetrieben und Arbeitskommandos verstärkt und Hilfsdienst bei Post, Bahn und Polizei verrichtet; die technische Hilfe konzentrierte sich auf den Melde-, Luftschutz-und Feuerwehrdienst, ferner forderte die Partei vermehrte Kurier- und Wachdienste.
Der HJ-Streifendienst befand sich bereits seit 1934 im Aufbau; ab 1938 wurde er nach einem Abkommen mit dem »Reichsführer SS«, Heinrich Himmler, weiter perfektioniert und diente von nun an verstärkt als Nachwuchsorganisation für »SS-Verfügungstruppen, Totenkopfverbände und Junkerschulen«.
Doch noch war der Krieg weit, noch kamen die Lieder »Gott ist der Kampf und der Kampf unser Blut, und darum sind wir geboren« unbefangen von den Lippen, noch durften die Mädchen im BDM-Werk »Glaube und Schönheit« bäuerlicher Berufsertüchtigung, der Pflege von Musik, Werkarbeit, Gymnastik und Gesundheitspflege nachgehen: alles für den späteren aufopfernden Dienst an der Volksgemeinschaft - die Bewährungsprobe, die das Regime ihnen allen zugedacht hatte, stand noch bevor.
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»Stark und schön will ich meine Jugend ...«
Diese Vision Hitlers, der schon in seinem Buch »Mein Kampf« vom »Heranzüchten kerngesunder Körper« als Ideal der Erziehung geschwärmt hatte, war wegweisend für die Staatsjugend des Dritten Reiches (53).
Das Führerprinzip, nach dem Staat, Partei und Gesellschaft geordnet waren, sollte auch und gerade für die Jugend gelten (54). So lautete die Verpflichtungsformel, die jeder Pimpf bei der Aufnahme in das »Jungvolk« am Vorabend des 20. April, des Geburtstages des »Führers«, zu sprechen hatte:
- »Ich verspreche, in der Hitler-Jugend allzeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zum Führer und unserer Fahne.«
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Das Hauptaugenmerk galt dabei den Lehrern
Hitlers Absicht einer lückenlosen Erfassung der deutschen Jugend machte auch vor der Schule nicht Halt. Das Hauptaugenmerk galt dabei den Lehrern, die schon beim morgendlichen Fahnenappell (55) ihre Schüler auf das System einzuschwören hatten.
Ab 1937 wurde das dreigeteilte Schulsystem der Weimarer Republik vereinheitlicht und Konfessionsschulen abgeschafft. Dafür unterrichtete man die Mädchen in der Kunst, einen Speisenplan vitamin- und kaloriengerecht zusammenstellen zu können (56).
Da die Körperertüchtigung ein zentrales Erziehungsziel der Nationalsozialisten war, wurde schon früh damit begonnen. Selbst die Kleinsten wurden in die »Bewegung« eingereiht und mußten, wie hier zur 75-Jahr-Feier der Deutschen Turnerschaft in Coburg (57), beim Abspielen des Horst Wessel-Lieds mit Hitler-Gruß dem Regime ihre Referenz erweisen. Dort, wo keine modernen Turngeräte zur Verfügung standen, improvisierte man die Mutproben (58).
Der Eintritt in die Hitler-Jugend
Der Eintritt in die Hitler-Jugend erfolgte im Alter von zehn Jahren. Das »Deutsche Jungvolk« in der HJ umfaßte die 10- bis 14jährigen, die sogenannten »Pimpfe«. Schon im Jahr der Machtübernahme sind mehr als 2,3 Millionen Jugendliche in der Hitler-Jugend organisiert.
Intensive Werbemaßnahmen (60) lassen diese Zahl bereits 1934 auf 3,5 Millionen wachsen. Was für die Großen die Bewährung im Beruf war, ist für die »Pimpfe« die sogenannte »Pimpfenprobe«. In den ersten Monaten seiner vierjährigen Zugehörigkeit zum Jungvolk muß der Pimpf 60 Meter in 12 Sekunden laufen, 2,75 Meter weit springen und den Schlagball mindestens 25 Meter weit werfen können.
Die Aufnahmeprüfung des Pimpfs bestand unter anderem im Aufsagen nationalsozialistischer Grundbegriffe, der »Schwertworte« (»Jungvolkjungen sind hart, tapfer und treu...«), im Rezitieren aller Verse des Horst Wessel-Lieds, im Kartenlesen und der Teilnahme an Geländeübungen und in der Beteiligung an diversen Sammlungen.
Später gehörten dann Ehrenwachendienste am 9. November (59) und Kleinkaliberschießübungen (61) zum »Dienstalltag« der Pimpfe. Mit Geländemärschen, der Verlegung von Fernsprechleitungen und dem Umgang mit Luftgewehren wurde die paramilitärische Ausbildung des Jungvolkes vervollständigt.
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Und jetzt gehört alles dem Führer
Dem »Führer« Adolf Hitler wurde in einem der fünf Fahnensprüche die gesamte Persönlichkeit übereignet (62):
- »Wer auf die Fahne des Führers schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.«
Dem vierjährigen Dienst im Jungvolk schloß sich ein ebenso langer in der Hitler-Jugend an. Auch hier wurde vor allem Wert auf Körperertüchtigung und ideologische Schulung gelegt. Seit 1935 konnte man sich nur sehr schwer der Erfassung durch die Hitler-Jugend entziehen. Kritische Eltern, die ihre Zustimmung zum Beitritt ihres Kindes verweigerten, wurden in Einzelgesprächen »überzeugt«.
Das Ergebnis: Bald waren 95 Prozent eines Jahrgangs »erfaßt«. Körperlich, geistig und sittlich sollten nach den Vorstellungen des »Reichsjugendführers« Schirach die jungen Leute im Sinne des Nationalsozialismus zum Dienst an der »Volksgemeinschaft« erzogen werden.
Dies geschah dann auch: ob in Zeltlagern auf dem Tempelhofer Feld im Juni 1934 (63), bei Geländemärschen in ein Ferienlager (65) oder beim »römischen Wagenrennen« in einem Gemeinschaftslager in Erkner bei Berlin (64).
Diese Jugend lernte in der Tat nichts anderes »als deutsch denken, deutsch handeln«.
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Die Adolf-Hitler-Schulen und die "Napolas"
Besonders geeignete Schüler, die Mitglied der Hitler-Jugend waren, einen guten Gesundheitszustand und ihre rein »arische« Abstammung nachweisen konnten, wurden in die Adolf-Hitler-Schulen aufgenommen.
Im Vordergrund stand die Körperertüchtigung, nicht die geistige Beweglichkeit. Die Jungen sollten »zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und schnell wie Windhunde« sein.
Daneben gab es bereits seit März 1933 die "Nationalpolitischen Erziehungsanstalten" (Napola), deren Vorbild die alten preußischen Kadettenschulen waren. Seit 1936 wurden diese Schulen (zuerst 3; 1938 bereits 21) von der SS geführt.
Ihre Absolventen schlugen meist militärische Laufbahnen ein, was angesichts von »Sauberkeit und Ordnung«, die dieser Erzieher beim »Schrankappell« vorfindet (69), kein Wunder ist.
Daneben gehörten paramilitärische Übungen zum Alltag der Napolas (66) und Wehrertüchtigungslager, die während des Krieges eingerichtet wurden und in denen man nicht nur marschierte (67), sondern auch im Schießunterricht (68) und anderen militärischen Übungen unterwiesen wurde.
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Die Erfassung der Jugend war lückenlos bis zum RAD
Die lückenlose Erfassung der Jugend hörte mit dem Ausscheiden aus der Hitler-Jugend keineswegs auf. Die nächste Etappe war der Reichsarbeitsdienst (RAD) oder das Ableisten der Wehrpflicht.
Der Reichsarbeitsdienst war ursprünglich dazu eingerichtet worden, Arbeitsplätze zu schaffen. Nachdem die Wirtschaft sich wieder erholt hatte und Hochkonjunktur herrschte, stopften die Dienstverpflichteten die entstehenden Engpässe auf dem Arbeitsmarkt.
Mit einem Minimum an Kosten erzielte das Regime ein Maximum an propagandistischer Wirkung. Sichtbares Zeichen des RAD war der Spaten, mit dem auch beim Hissen der Flagge (70) und auf Wache (72) salutiert wurde. Zu allen Arbeiten wurden die Arbeitsdienstleistenden herangezogen, auch zur Aufforstung einer Wanderdüne bei Ossecken (71).
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Besonders traurig - auch die Studenten machten mit
Nicht nur die gleichgeschalteten Jugendbünde standen bedingungslos - von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen - hinter Hitler und seiner »Bewegung«, auch die Studenten machten mit. In strammer Haltung stehen Mitglieder des Berliner NS-Studentenbundes im Saalbau Friedrichshain bei einem Eröffnungsappell (73).

