Einzelne Autoren beleuchten die Entwicklung der UFA ab 1917
Damals in 1917 mitten im 1. Weltkrieg sollte der eigentliche Grund für solch ein Film-Monopol unter versteckter staatlicher Regie geheim bleiben. Die Öffentlichkeit, die Mitarbeiter und die reichsdeutsche Presse wußten recht wenig von den Machenschaften im Hintergrund und lobten ihre Arbeit und "ihr" Unternehmen, solange sie dabei waren.
Die Filmfabrik UFA kam dennoch ins Trudeln und wurde beinahe von den Amerikanern übernommen. Erst nach dem März 1933 kam der immense Wert solch eines Monopols richtig zur Geltung, wenn auch nur noch im negativen Sinne. Die einführende Seite beginnt hier.
.
Es war vor 1933 - der Jazz im deutschen Film
.
Friedrich Hollaender und die Filmmusik
Die Szene ist ein billiger Tingeltangel-Schuppen mit Namen Blauer Engel. Marlene sitzt auf der Tonne, zeigt ihre Beine und singt. Der Mann hinterm Klavier: Friedrich Hollaender.
Emil Jannings einmal ausgenommen, kennen die Schauspieler das Milieu, das sie spielen. Sie haben allesamt Kabarett- und Revue-Erfahrungen: Kurt Gerron, der im Film den Direktor gibt, ist in Trude Hesterbergs Wilder Bühne aufgetreten. Die Dietrich und Hans Albers wirkten bei der Nelson-Revue mit. Rosa Valetti ist eine berühmte Diseuse, der Mann am Klavier ehemaliger Hauskomponist in ihrem Cafe Größenwahn.
Friedrich Hollaender ist erblich vorbelastet. Vater Victor dirigiert und komponiert fürs Metropol-Theater. Bruder Felix ist Dramaturg bei Max Reinhardt. Friedrich beginnt seine Karriere mit Bühnenmusiken; seine eigentliche Domäne ist aber das Kabarett.
1927 - Das literarische Kabarett am Kurfürstendamm
Da trifft es sich gut, daß der berühmte Theatermann Reinhardt dem Zeitgeist gemäß sein literarisches Kabarett wieder aufzieht: Schall und Rauch. Und in der Komödie am Kurfürstendamm, ebenfalls unter Reinhardts Intendanz, kann er im Frühjahr 1927 mit dem Programm »Was Sie wollen« erstmals im großen Stil seine Vorstellungen realisieren. Ihm schwebt etwas Neues vor:
Mit der Form der »Revuette«, einer kabarettistischen Revue mit verbindender Rahmenhandlung, trennt er sich vom alten Nummern-Kabarett. Seine avantgardistische Experimentierfreudigkeit findet eine kongeniale Ergänzung, als Hollaender im Winter 1926/27 auf einer Fest-Gesellschaft in Berlin die junge Jazzband der Weintraub Syncopators hört.
Die "Weintraub Syncopators"
Er begeistert sie für eine Zusammenarbeit: Beginn einer einzigartigen Karriere, die sich anschließend international im gehobenen Showbiz fortsetzt. Und umgekehrt werden die Weintraubs ein nicht geringer Erfolgsfaktor für das weitere Schaffen Hollaenders.
In »Was Sie wollen« werden die Jazzer effektvoll eingesetzt: nicht als Begleitmusiker im Orchestergraben, sondern als artistische Attraktion auf der Bühne.
Hollaender wird vorübergehend der Pianist und Co-Leader der Band (neben ihrem Gründer Stephan >Steps< Weintraub); er beginnt, Arrangements für sie zu schreiben und organisiert ihre erste Schallplatten-Sitzung im Februar 1928 für das Odeon-Label der Lindström-Gesellschaft.
Die Revuen im Theater am Kurfürstendamm ausverkauft
Die Revuen »Das bist Du« und »Bei uns um die Gedächtniskirche rum« sind im Theater am Kurfürstendamm immer ausverkauft. Die sechs Weintraubs werden gefeiert als »die beste Jazzband von Berlin« (Berliner Börsen-Courier, 12.9.1927).
Es mangelt wahrlich nicht an Presse-Zitaten, die sich für die nächste Annonce eignen: »Beifall bis zum Trampeln«, registriert das Berliner Tageblatt, »eine spritzige, literarisch-politische Revue; musikalisch, textlich, darstellerisch reich dotiert«, begeistert sich der Rezensent.
Die B.Z. streicht besonders den Texter Hollaender heraus: »Seine Einfälle funkeln, seine Worte sitzen, kess, gelockert, pointiert, aus dem Leben gegriffen.« »Friedrich Hollaender und die Weintraub Syncopators« werden zu einem festen Begriff (so auf vielen Bällen der berliner Gesellschaft); sie zählen zu den Meilensteinen des Jazz in Deutschland. Später leitet der Komponist - unter seinem Namen als Leader - für Bühnenauftritte und Filmsynchronisation diverse eigene, von ihm zusammengestellte Bands.
.
1930 - Die Tonfilm-Musik und "Der blaue Engel"
Mit "Der blaue Engel" tritt die musikalische Avantgarde der zeitkritischen Revuen in Konjunktion mit dem Anfang der Tonfilm-Musik. Und wie Hollaender auf dem Theater musikalische Elemente in die szenische Gestaltung seiner Kabarett-Revuen einführt, so reflektiert er auch über die Möglichkeiten der Musik im Film, macht sie zum dramaturgischen Bestandteil.
Im Reichsfilmblatt führt er aus: »Sowohl die konkreten als auch die abstrakten Vorgänge der filmischen Darstellung drängen an und für sich immer nach Musikalität. Sie können sogar durch musikalischen Aufbau in ihrer Entwicklung stark gefördert und veredelt werden.« (10.5.1930)
Es findet keine Trennung statt zwischen den Songs, welche oft lediglich in die Handlung einmontiert werden, und der untermalenden Illustrationsmusik, wofür später oft zwei verschiedene Autoren verantwortlich zeichnen.
Ein Schlager bestimmte die Charakterrolle von Marlene Dietrich
Für sein Konzept kann Hollaender sein eigenes Beispiel als besten Beleg anführen: »Schon mit dem Schlager >Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt< war die Charakterrolle von Marlene Dietrich, der verführerischen Varietesängerin Lola Lola, so scharf umrissen, daß durch dieses Chanson eine klare Grundlinie für die Handlung gewonnen war. (...) Das gleiche Motiv in symphonischer Gestaltung begleitet die Handlung bis zur Katastrophe.«
Und Hollaender ist nicht nur der Komponist, sondern auch der Texter des Liedes, dessen englische Version »Falling in Love Again« ein internationaler Erfolg wird. Zudem gelingen ihm mit »Kinder, heut' abend, da such' ich mir was aus« und »Ich bin die fesche Lola« zwei freche Foxtrott-Nummern, die gern von den Kapellen gespielt werden und - zumindest für ein paar Saisons - beim Tanzvolk große Popularität genießen.
Es war kein Einmalerfolg
Daß "Der blaue Engel" kein singulärer Glückstreffer ist, beweist Hollaender kurz danach mit Einbrecher. Die Kriminal-Komödie mit dem Traumpaar Harvey-Fritsch sprüht geradezu vor musikalischem Einfallsreichtum. Der Film zeigt erneut seine Affinität zum hot-ambitionierten Jazz und zugleich sein melancholisch-ironisches Talent aus der Richtung des literarischen Kabaretts. Neben dem diskret-charmanten Slowfox »Eine Liebelei, so nebenbei - paßt nicht zu Ihnen, gnädige Frau« läßt er Willi Fritsch in einem >wilden< Fox-Titel zu der übermütigen Einsicht gelangen:
Ach wie herrlich ist es in Paris!
Die Frauen sind so süß
Und dennoch ist mir mies:
Jeden Abend Smoking oder Frack
So geht es Tag für Tag
Das ist nicht mein Geschmack:
Ich laß' mir meinen Körper schwarz bepinseln,
schwarz bepinseln
Und fahre nach den Fitschi-Inseln,
nach den Fitschi-Inseln!
Zu diesem Titel hottet in einer Szene auf einem >Bal au Negre< einer pariser >Neger-Bar< der berühmte Jazz-Klarinettist Sidney Bechet, der zur Zeit der Entstehung des Films als Attraktion im Palmensaal, dem Tanz-Casino des Haus Vaterland am Potdamer Platz, zum Dancing aufspielt.
Der Fachpresse entgeht nicht, daß in diesem Fall Musik und Regie sich gegenseitig inspirieren. »Dem Regisseur Hanns Schwarz gebührt das Verdienst, den Stil für diese neuartige Kombination von Lustspiel, Pantomime und Musik mit treffsicherem Instinkt gefunden zu haben. Sehr fein insbesondere einige Überleitungsszenen, wenn die Harvey in den Straßen von Paris ihren Wagen zum Rendezvous fährt - wenn sie das Treppenhaus hinauftänzelt. So erfaßt er mit starkem musikalischem Einfühlungsvermögen die Bewegungen der Musik und setzt sie in die tatsächliche der Szene um«, lobt Der Film.
Hollaender ist inzwischen ein gefragter Mann
Hollaenders Beitrag zu dem Erfolg bestätigt nur noch einmal seinen Rang als Filmkomponist: »Er bleibt ohne Zweifel der Begabteste seines Genres.«
Und deshalb ein gefragter Mann, der in diesen Jahren höchst produktiv ist. Hollaender schreibt die Musik zu den Filmen "Das Lied vom Leben", "Das Schicksal der Renate Langen", "Der Weg nach Rio", "Drei Tage Liebe", "Der Mann, der seinen Mörder sucht", "Ich und die Kaiserin" und vielen anderen. Für den Film "Die grosse Sehnsucht" komponiert er den flotten Foxtrott »Ich wünsch mir was ...«. Sich selbst kann er ebenfalls einen Wunsch erfüllen: ein eigenes Kabarett.
»Da macht Friedrich Hollaender, dieser kleine schwarze Mann, der ein so großer Kenner des Lebens und der Musik ist, macht dieser geniale Kerl, der aus dem Stehgreif, wenn sein Schicksal es will, die Pointe eines Menschenlebens packt und sofort in Text und Melodie fixiert, zwischen einem Luxus-Pleitepalast und einem pompösen Operettenhaus voll gespenstischer, überholter Operetten ein Kabarett auf, das Tingeltangel«, schreibt Manfred Georg 1931 in seiner Dietrich-Monografie.
Auch die Film-Branche nimmt Anteil.
»Noch sind Stühle und Tische wild über- und durcheinandergestellt. Aber die Flügel stehen schon richtig auf ihrem Platz, und das ist das Wichtigste für den kleinen lebendigen Mann, der Friedrich Hollaender heißt und sein >Tingel-Tangeh am 15. wiedereröffnen will. Gerade steht Hedi Schoop auf der Bühne, natürlich noch ohne Kostüm, und macht groteske Bewegungen. Unten, im Parkett, sitzt der kleine Mann, der sein eigener Direktor, Textautor, Komponist und Regisseur ist.«
(Film-Kurier, 10.9.1931)
Er weiß, worauf es beim Kabarett ankommt: auf die gut sitzende Pointe. Musik und Text müssen »karikierend Personen, Dinge, Gewohnheiten, Alltägliches formen und pünktlich auf die Sekunde ins Ziel gehen«. (Die Weltbühne, 2.2.1932)
Hollaender muß 1933 emigrieren
Das zweite Tingeltangel-Programm 1932 nennt sich »Höchste Eisenbahn«, und der Titel wird, von den Zeitläuften überholt, bald zum Galgenhumor, ja zur schaurigen Prophezeiung: Es ist Hollaenders letzte große Kleinkunst-Produktion in Deutschland, bevor er emigrieren muß.
Der berliner Boulevard des Kurfürstendamms, der Ende der 1920er Jahre kosmopolite künstlerische Begegnung ermöglicht, wird für die prominenten jüdischen Künstler zu einem »Boulevard der Dämmerung«.
Der Erfolg geht weiter - aber in den USA
Ihr Weg führt - von der Not gedrungen - weiter bis nach Los Angeles und Hollywood. Dort gestaltet Kollege Waxman, der als Franz Wachsmann einst Hollaender als Pianist bei den Weintraub Syncopators abgelöst hat, die Musik zu Sunset Boulevard (1950).
Die Regie bei dieser melancholischen Abrechnung mit Hollywoods eigenem Mythos führt Billy Wilder - ebenfalls ein Freund aus berliner Tagen. Damals verdient der noch sein Geld - dank guter Englischkenntnisse und Smoking - als Eintänzer im eleganten Hotel Eden und sammelt erste Filmerfahrungen bei der Ufa.
Billie Wilder ist z.B. Drehbuch-Coautor des Siodmak-Films "Der Mann, der seinen Mörder sucht", in dem Hollaender (als Vorsitzender des Ganovenvereins »Weiße Weste«) mit Pistole und Messer den Schlußchor dirigiert.
Hollaender kommt wieder zurück nach Deutschland
Fast zwei Jahrzehnte später, nach dem Ende des »Tausendjährigen Reiches« und des II. Weltkriegs, als Wilder den im zerbomten Berlin angesiedelten Film "A Foreign Affair" dreht, schreibt Frederick Hollander ihm die Musik. Marlene Dietrich singt im Nachtclub die Lieder »Black Market«, »Illusions« und »Ruins of Berlin«, und am Klavier sitzt wieder ihr Komponist und Textdichter.
Wilder holt den inzwischen nach Deutschland zurückgekehrten Freund 1961 noch einmal für die Berlin-Komödie "One, Two, Three" vor die Kamera. Als der amerikanische Coca-Cola-Kapitalist mit den drei russischen Kommissaren das ostberliner Grandhotel Potemkin betritt, intoniert das Orchester traurig »Yes, We Have No Bananas«.
Es wird dann doch ein heißer Abend, Lilo Pulver tanzt auf dem Tisch und legt einen umwerfend komischen Striptease hin, die Musik wacht auf und steigert sich in Khatchaturians feurigem »Säbeltanz«. Der Kapellmeister ist niemand anders als Friedrich Hollaender.
Ein Artikel von Marko Paysan
.

