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April 1999 - Ein Brief mit einem Familien-Rückblick

An den Förderverein Berliner Stadtschloß

Sehr geehrter Herr v. Boddin,

herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen vom 24.3.99. Sie ermuntern mich damit, nun endlich zu tun, was ich schon lange vorhatte. Immer wieder mal bekunde ich Ihrem Förderverein, daß mir die Wiedererrichtung des Berliner Stadtschloßes sehr am Herzen liegt.

So sende ich Ihnen heute eine Sammlung von Bildern und Berichten aus meinem Archiv zu, von denen ich annehme, daß sie für den Förderverein Berliner Stadtschloß von Interesse sein könnten. Gibt es bei Ihnen schon ein Archiv ?

Zur Zeit stelle ich eine Dokumentation über meine Familie zusammen, die sich bis ins 18. Jahr- hundert zurückverfolgen läßt. Ich weiß nicht, wie weit Ihre Intentionen gehen, aber ich würde gern - da ich keine Enkelkinder habe - diese Dokumentation an geeigneter Stelle für die Zukunft aufbewahrt wissen.

Immerhin verdeutlicht die Sammlung die bewegte Existenz einer ganz normalen bürgerlichen Familie des Deutschen Reiches in den Zeitläuften der mitteleuropäischen Geschichte. Infrage käme vielleicht das neugegründete Haus der Deutschen Geschichte, aber lieber wäre mir der Erhalt im Archiv eines wiedererrichteten Berliner Schloßes. Ich will Ihnen das Auf und Ab der Familie Bartosch - hauptsächlich während der vergangenen hundert Jahre - hier kurz schildern und hoffe, daß es Sie nicht langweilt.

Die Bartoschs kommen aus dem Königreich Böhmen

Mein ältester feststellbarer Urahne, Vâclav Bartoš, lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Nové Hrady/Neuschloß, Bezirk Hohenmauth, Diäzöse Königgraetz im Königreich Böhmen, Deutsches Reich, Habsburgische Lande.

Mein katholischer Großvater, Rudolf Bartoš, war 1868 ebenfalls in Neuschloß geboren, kam von dort über Wien nach Berlin und betrieb als "Schuhmachermeister aus Wien" (das war für die damalige Zeit etwas besonderes, denn er konnte die echten Budapester Schuhe machen) selbständig eine Werkstatt.

In Berlin heiratete er die ebenfalls aus Böhmen stammende Josefine Pick (gem. Heiratsurkunde "mosaischer Religion"). Mein Vater Ernst wurde 1893 in Berlin geboren.

Interessant sind schon mal die Stempel auf seiner Geburtsurkunde:

  • 1) K.P.R, Standesamt für die Vereinigten Standesamtsbezirke Berlin I.u.II. - Altstadt und Friedrichstadt
  • 2) Oberpräsident der Provinz Brandenburg und von Berlin in Charlottenburg.


Er besuchte die noch heute in der Joachimsthaler Straße befindliche Schule und erhielt die erste Kommunion 1907 in der St. Ludwigs-Kirche in Wilmersdorf.

Ernst , der Preuße war dennoch österreichischer Staatsbürger

Obwohl mein Vater ein Urberliner mit typisch preußischer Mentalität war, besaß er durch seinen Vater die österreichische Staatsbürgerschaft.

Mein Vater und mein Großvater wurden im Ersten Weltkrieg von Berlin aus ins Heer der k.u.k.- Monarchie nach Böhmen eingezogen. Zuletzt war mein Vater im k.u.k.- Monturdepot in Brunn am Gebirge bei Wien. Am 17. Dezember 1918 wurde er von dort in seine Heimatstadt Berlin entlassen mit einem Urlaubsschein: "Dauernd beurlaubt infolge allgem. Demobilisierung".

Am 25.10.1921 erhielt er nach Beantragung die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt, wurde offenbar von den Tschechen, zu deren Staatsgebiet Böhmen nunmehr gehörte, ausgebürgert, erhielt aber zuvor - Ordnung muß sein - mit Datum vom 2.8.1921 von der tschechischen Regierung die Entlassung aus dem Militärdienst in der k.u.k.-Monarchie.

Am 24.1.1935 dann verleiht der Bundesminister für Landesverteidigung im Namen der österreichischen Bundesregierung meinem Vater die "österreichische Kriegserinnerungsmedaille" !

Mutter hatte die preußische Staatsangehörigkeit

Meine aus der Mark Brandenburg stammende Mutter mußte für die Heiratsunterlagen eine Staatsangehörigkeits-Bescheinigung erbringen. Gemäß einer Urkunde von 1926 besaß sie nicht etwa, wie man meinen könnte, die deutsche, sondern die Preußische Staatsangehörigkeit !

Die Hochzeit meines katholischen Vaters mit meiner preußisch-evangelischen Mutter fand kirchlich in der evangelischen Dorfkirche zu Deetz an der Havel, dem Geburtsort meiner Mutter, und standesamtlich in Berlin-Charlottenburg statt.

1928 wurde ich (Günter) in Berlin als österreichischer Staatsbürger geboren . . .

Als ich 1928 in Berlin-Charlottenburg geboren wurde, war ich ebenfalls österreichischer Staatsbürger. Konnte ich preußischer getauft werden als in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ? So geschehen am 30. September 1928, und somit bin ich evangelisch.

Meine Großmutter jüdischer Abstammung starb - so makaber das klingen mag - gerade noch rechtzeitig im Jahre 1934. 1935 ließ sich mein Vater noch einmal ausdrücklich von Wien die österreichische Staatsbürgerschaft bestätigen.

Ich besitze seit dieser Zeit eine Urkunde, die mir ein "Heimatrecht" in Wien bescheinigt, was immer das bedeuten mag. 1938 okkupierte Hitler Österreich. Als mein Vater am 13.11.1938 die Ausländerstelle des Arbeitsamtes Berlin darauf hinwies, daß sein "Befreiungsschein" ablaufe, erhielt er die lapidare Auskunft: "Sie werden hier als Reichsdeutscher geführt. Erneuerung nicht erforderlich." Somit waren wir Deutsche.

Im Wehrpaß meines Vaters vom 21.10.1943 steht: "Staatsangehörigkeit Deutsches Reich".

Vater Ernst Bartosch war "Verlagsrevisor" in Berlin

Mein Vater war als "Verlagsrevisor" in Berlin im Zeitungsverlag Scherl tätig und u.k. gestellt. Bis zur Besetzung unseres Wohngebiets im Berliner Norden am Schillerpark durch die Rote Armee am 24.4.1945 versah mein Vater seinen Dienst in der Innenstadt beim Verlag Scherl. (Ich besitze noch die letzte Zeitung "Panzerbär", die er mitbrachte.)

Von Berlin nach Ostpreußen und zurück in den Krieg

Ich war Schüler einer Oberschule im Bezirk Wedding, die sich trotz der Nazizeit noch ganz als preußisch-humanistisches Gymnasium verstand, obwohl sie nun den strammen, jedoch nicht unpreußischen Namen Mackensen-Schule trug.

Nachdem wir mit unserer Schule 1943 nach Lötzen in Ostpreußen verlegt worden waren, wurde ich mit meinen Klassenkameraden am 7.1.1944 im Alter von 15 Jahren als Soldat mit der verharmlosenden Bezeichnung "Luftwaffenhelfer" in Berlin zum Kriegsdienst einberufen. Wir marschierten von unserer Schule in eine Flakbatterie am S-Bahnhof Tegel.

Auf einmal war ich in einem ehemaligen Gebiet der k.u.k.- Monarchie, in Marburg an der Drau

Wenige Wochen später wurden wir verlegt, ohne zu wissen wohin. Mein Kriegseinsatz fand nun wo statt ? In einem ehemaligen Gebiet der k.u.k.-Monarchie, in Marburg an der Drau ! Damals war der Landzipfel von Jugoslawien abgetrennt und als Untersteiermark dem Großdeutschen Reich angegliedert worden (heute: Maribor in Slowenien).

Damit mag es der Familiengeschichte genug sein. Nur noch eines: 1969, im Alter von 76 Jahren, verkörperte der Urberliner und preußisch-deutsche Österreicher mit der deutschen Staatsangehörigkeit Ernst Bartosch für einen Tag bei der Eröffnung des Lokals "Wiener Rutschn" in Berlin den Kaiser Franz Joseph von Österreich.

Mit freundlichen Grüßen

Günter Bartosch - geschrieben 1999

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