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Das Fernsehen in Deutschland bis zum Jahre 1945
(04) Der Start

Selten ist ein technisches Verfahren so geschickt und so publikumswirksam gestartet worden wie das Fernsehen in Deutschland. Der Deutschen Reichspost gebührt das Verdienst, daß sie sich als erste Fernmelde-Hoheitsbehörde der Welt - unbeschwert von bürokratischen Bedenken - vorbehaltlos zum Fernsehen bekannt hat:

31. August 1928

Am 31. August 1928 gab das Reichspost-Zentralamt (RPZ) auf Veranlassung A. Kruckows, der von den Mihälyschen Vorführungen im Mai stark beeindruckt war, dem Erfinder Gelegenheit, seine mit nur 900 Bildpunkten und einer Bildgröße von 4x4cm arbeitende Apparatur dem Publikum während der 5. Großen Deutschen Rundfunkausstellung in Berlin auf dem Reichspost-Stand vorzuführen. Hier bildete der Fernseher gewissermaßen den Schlußstein einer Schau historischer Funkgeräte, und seine Wirkung wurde durch den Kontrast zu den alten Marine-Universal-Zellenempfängern MUZE und MATZ I noch erhöht.

Vor dem einfachen Bildschreiber, der in einer Art Dunkelzelt aufgestellt war, hatte die DRP vorsorglich Schranken anbringen lassen, so daß die Ausstellungsbesucher, die sich in einer vierfachen Schlange anstellten, das Fernsehbild durch die Lupe wenigstens einzeln betrachten konnten. (Bild 19). Der Diapositiv-Abtaster stand im Hintergrund und war für das Publikum nicht sichtbar.

Das Mihälysche Fernseh - System „verblüffte durch seine Einfachheit und bewies, daß der bildhafte Eindruck eines Gesichts mit sehr geringen Mitteln wiedergegeben werden kann" [170]. Es übte „eine besondere Anziehungskraft auf die Ausstellungsbesucher" aus, da „die Sichtbarmachung des Bildes im Empfänger ohne jedes photographische oder elektrolytische Verfahren im selben Augenblick stattfindet, in dem es vor dem Sender erscheint. Falls sich das Bild bewegt, muß auch die Bewegung im Empfänger sichtbar werden" [167].

Die Unvollkommenheiten der Wiedergabe

Auch W. Friedel betonte: „Die Bilder bewegten sich nämlich, zwar nicht im Sinne der Kinematographie, aber es wurde mit diesen Vorführungen doch bewiesen, daß das im Empfänger sichtbare Bild augenblicklich die Bewegungen wiedergab, die mit dem Original im Sender ausgeführt wurden ." [171].

Diese Bewegung des Fernsehbildes galt damals als ein willkommenes Mittel zur scheinbaren Erhöhung der Bildgüte. Unvollkommenheiten der Wiedergabe fielen erfahrungsgemäß dem Beschauer bei einem stillstehenden Bilde viel mehr auf als bei einem bewegten.

Deshalb ließ Mihäly die übertragenen Diapositive ständig von Hand oder durch ein Uhrwerk bewegen [172].

Filmbilder mit 96 Zeilen

Zur selben Zeit zeigte A. Karolus (Bild 20) bereits die Abtastung von Filmbildern mit 96 Zeilen durch einen Mechau-Projektor und eine Vierfach-Spirallochscheibe. Als Bildschreiber diente ebenfalls eine vierfache Nipkow-Spirale mit einer Schlitztrommel als Grobblende und einer Kerrzelle als Lichtventil (Bild 21). Die Bildgröße für subjektive Betrachtung betrug 8x10cm. Mit einem 96-teiligen Weillerschen Spiegelrad konnte Karolus 1928 das Kurzschlußbild bereits auf etwa 75x75cm projizieren [165]. „Für zusammengesetzte Szenen schienen damals 96 Zeilen unbedingt erforderlich" [173], [174].

Der Telefunken-Stand in der neuen Autohalle, auf dem der Karolus-Fernseher zum ersten Male der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, war so angelegt, „daß das Publikum an dem durch eine Glaswand abgeschlossenen Sender des Fernkinos und des Gleichlaufkinos vorbeigeführt wurde und danach den Fernseher im Betrieb beobachten konnte. Daran schloß sich dann in einem verdunkelten Gang ein Einblick in den Empfangsraum mit dem Spiegelrad-Projektor".

Telefunken - 25 Jahre drahtlose Technik

Diese Fernseh-Einrichtung von Karolus, mit deren Vorführung die Telefunken-GmbH. das 25. Jahr ihrer Tätigkeit auf dem Gebiete der drahtlosen Technik eröffnete, bildete eine „Hauptattraktion" der Funkausstellung 1928 [175]. „Wie sich jeder überzeugen konnte", so faßte damals eine Tageszeitung die Publikumsmeinung zusammen, war „das an sich vorzüglich ausgearbeitete System Karolus zu kostspielig und umständlich für den Hausgebrauch.

In richtiger Erkenntnis der praktischen Notwendigkeiten hatte v. Mihäly von Anfang an bei seinen Konstruktionen auf größte Einfachheit und Billigkeit gesehen, selbst auf Kosten der Bildschärfe, so entstand ein richtiger Volksapparat, der in seiner heutigen Vollendung den ersten Anforderungen vollauf genügen dürfte . . . Die Leistungen sollen, wie wir hören, den ausländischen Systemen im allgemeinen nicht nur entsprechen, sondern sie in manchem, besonders in der Einfachheit und Zuverlässigkeit der Bedienung erheblich übertreffen" [176].

1928 - G. Kette schreibt:

.Wesentlich nüchterner urteilte ein Jahr später G. Kette: „Es muß aber festgestellt werden, daß die auf der Ausstellung 1928 mit den Apparaten von Telefunken-Karolus und D. v. Mihäly vorgeführten Bilder so manchen Besucher in seinen Erwartungen vom Fernsehen enttäuschten, da die Bildwiedergabe selbst noch recht unvollkommen und lichtschwach war. Die Erwartungen waren jedenfalls auf Grund der schnellen und erfolgreichen Entwicklung der Funktechnik zu hoch geschraubt, so daß der Laie von dem neuesten Wunder der Funktechnik doch nur mehr oder weniger befriedigt war" [177].

Trotzdem verstand es Mihäly, das Interesse des deutschen Publikums am Fernsehen durch geschickte Presse-Vorführungen wachzuhalten.
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1929 - Das „Fernkino"

Am 20. Februar 1929 zeigte Mihäly in seinem Laboratorium die an sich bereits bekannte Abtastung von Filmen, das sogenannte „Fernkino", wobei es ihm gelang, durch Verwendung eines „Elektro - Lichttransformators" in Gestalt einer Wolfram-Punktlampe, der sogenannten „Superfrequenzlampe", Bilder zu erzielen, die etwa 70mal heller waren als die mit Neon-Lampen erzielten und die sich im Format 25 x 25cm auf einen Schirm projizieren ließen.

Der Mihälysche „Volksempfänger" (Bild 22) sollte sich an jeden vorhandenen Rundfunkapparat anschließen lassen, unter besonders günstigen Umständen sogar Detektorempfang (!) gestatten und nicht mehr als ein guter Lautsprecher, d. h. etwa 100.- RM kosten.

„Fachkenner des Fernsehgebietes" waren Anfang 1929 der Meinung, daß das Mihälysche „Telehor-System heute (also 1929) sicherlich von allen in- und ausländischen Rundfunk-Fernsehsystemen das System" sei, „welches praktisch am reifsten zur Einführung sein dürfte ..." Die Reichspost „habe mit diesem Apprat sehr eingehende Versuche gemacht ..." [174], weil er im Gegensatz zu der Karolus-Apparatur mit ihrem viel höheren Auflösungsvermögen nur ein Frequenzband von etwa 5.000Hz erforderte, während „die Erkennbarkeit der Bilder nicht wesentlich verschieden" gewesen sein soll [175].

1929 - Das Reichspostzentralamt baut Fernseh-Apparaturen

Das Fernseh-Referat IV G des Reichspostzentralamtes (RPZ) unter F. Banneitz hatte im Herbst 1928 mit dem Bau eigener Fernseh-Apparaturen begonnen.Die ersten Nipkow-Scheiben für 15, dann für 30 Zeilen wurden noch aus schwarzer Pappe geschnitten. Die Löcher mußten mit einer vierkantig [153] geschliffenen glühenden Nadel ausgebrannt werden. Anfang 1929 stellte man die Scheiben aus Membranblech her und stanzte die Löcher auf einer mit Teilkopf versehenen Drehbank mit einer Schuster-Ösenpresse aus.

Als modulierbare Lichtquelle diente anfangs eine gewöhnliche Bienenkorb-, später eine Flächen-Glimmlampe. Mangels jeglicher Unterlagen mußte man nach den technischen Angaben der Nipkowschen Patentschrift aus dem Jahre 1884 arbeiten. 1929 wurden beim Fernseh-Referat des RPZ, das inzwischen von anderen Aufgaben befreit worden war, die ersten Breitband-Verstärker und besondere Meß-Apparaturen zur systematischen-Untersuchung der Fernseh-Bauelemente entwickelt, so u. a. eine Lichtsirene zur Ermittlung des Frequenzganges von Photozellen. Um den kommerziellen Wert des Fernsehens nachzuweisen, baute G. Krawinkel Anfang 1929 die erste Gegenseh- oder Fernseh-Sprechanlage, während G. Ziebig die apparativen Voraussetzungen für einen Fernseh-Rundfunk schuf.

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