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Das Fernsehen in Deutschland bis zum Jahre 1945
(22) Fernseh-Theater

1935 - Ab März nur „einige Hundert Auserwählte"

Als am 22. März 1935 der Deutsche Fernseh-Rundfunk offiziell eröffnet wurde, um „im wahren Sinne des Wortes ein Volk zum Sehen aufzurufen", hatten nach Schätzung des damaligen Reichssendeleiters zunächst nur „einige Hundert Auserwählte Gelegenheit", am Fernseh-Empfänger die Eröffnungsfeierlichkeit mitzuerleben, weil vor einer endgültigen Klärung der noch offenen technischen Fragen keine Empfänger in den Handel gelangen durften.

Um anderseits das Publikum rechtzeitig für den Gedanken eines Fernseh-Rundfunks zu gewinnen, fiel der DRP die Aufgabe zu, in einigen Postämtern und anderen Diensträumen laufend Fernseh-Vorführungen mit Heim-Empfängern zu veranstalten, die es der breiten Öffentlichkeit ermöglichen sollten, an den Fortschritten des Fernsehens teilzuhaben.

Bei einer solchen Übergangslösung war natürlich niemals an einen späteren Gemeinschaftsempfang gedacht, den die DRP - unter ähnlichen Umständen - schon für den Fall des „Saalrundfunks" 1923 entschieden abgelehnt hatte.

9. April 1935 - Die erste öffentliche „Fernseh-Stelle"

Am 9. April 1935 richtete die DRP - zugleich mit der Einführung des ersten brauchbaren Personenabtasters - im Reichspostmuseum (Ecke Leipziger und Mauerstraße) die erste öffentliche „Fernseh-Stelle" 26) ein (Bild 125).

26) Nach Mitteilung von E. Müller-Fischer wurde diese erste Fernsehstelle unter Ausschluß der Öffentlichkeit bereits am 22.3.1935, am Tage der Proklamierung des deutschen Fernsenrundfunks, eröffnet. Im Schrifttum fand sich jedoch hierfür keinerlei Anhaltspunkt.

30 Personen vor zwei Telefunken-Heimempfängern FE IV

Sie bot Platz für etwa 30 Personen, die das Bild auf zwei Telefunken-Heimempfängern FE IV in einer Größe von etwa 18 x 22cm betrachten konnten. Der Eintritt war unentgeltlich. - Im Anfang zählte dieses erste deutsche Fernseh-Theater etwa 3.000 Besucher täglich [497].

Da den Museumsbesuchern jederzeit auch außerhalb der offiziellen Sendezeiten des Witzlebener UKW-Senders einfache Fernseh-Vorführungen geboten werden sollten, war die erste Fernsehstelle der DRP nicht nur für drahtlosen Empfang eingerichtet, sondern auch durch ein konzentrisches Kabel und eine Stichleitung über das Fernamt Berlin-Winterfeldstraße an das zwischen dem Studio Rognitzstraße und dem RPZ in Tempelhof ausgelegte Fernseh-Breitbandkabel angeschlossen.

Nur eineinhalb Stunden an wenigen Tagen offen

Aus „betrieblichen Gründen" war die Fernsehstelle im Postmuseum später allerdings nur noch Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10.30 bis 12 Uhr für das Publikum geöffnet. Zugleich mit der DRP richteten die RRG im „Hause des Rundfunks", Masurenallee, der Reichsverband der deutschen Rundfunkhändler in der Potsdamer Straße 123b eine öffentliche Fernseh-Stube ein, von denen die letzte jedoch vorwiegend kommerziellen Zwecken diente.
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Am 13. Mai 1935 eröffnete die DRP die erste öffentliche Fernsehstelle außerhalb Groß-Berlins im Postamt Potsdam, Am Kanal 16, mit einem Vortrag von H. Harbich in der OPD über das „Fernsehen über weite Entfernungen". „Die Übertragung sowohl von Filmen als auch der Bilder unmittelbar abgetasteter Personen gelang ausgezeichnet" [498].
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Erstmals Fernsehen von einem Schiff im Hamburger Hafen

Im Juni 1935 wurden die vom ersten fahrbaren Fernsehsender der DRP auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg ausgestrahlten 180zeiligen Fernsehbilder (Tonfilm-Szenen) in der Musikhalle, in Postämtern u. a. improvisierten öffentlichen Fernsehstellen empfangen und vorgeführt. Besonderen Eindruck hinterließ damals der Fernseh-Empfang auf dem im Hafen liegenden Hapag-Motorschiff „Caribia".

September 1935 - In Berlin weitere öffentliche Fernsehstellen

Da nach dem Brand der Berliner Funkausstellung im August 1935 die Sendungen des auf dem Dach des Fernamts Winterfeldstraße aufgestellten behelfsmäßigen Ersatzsenders nur in einem Umkreis von etwa 2km empfangen werden konnten, richtete die DRP im September 1935 in den Postämtern W 30, Geisbergstraße 2, und Schöneberg, Hauptstraße 27, öffentliche Fernsehstellen ein. Auch sie waren nur mit Heimempfängern ausgerüstet, und ihre Besucherzahl war dementsprechend begrenzt. Wegen des großen Publikumsandrangs mußte die DRP - vor allem nach der offziellen Wiederaufnahme des drahtlosen Sendebetriebs in Witzleben am 15. Januar 1936 - kostenlose Eintrittskarten ausgeben.

Das Publikum nahm lebendigen Anteil an den Vorgängen auf der winzigen Dunkelbühne. Oft wurden die Künstler von einer Fernsehstube aus angerufen und unterhielten sich mit dem Publikum. „Fürwahr, das ist ein fröhliches Fernsehen"„ schrieb eine Berliner Funkzeitung im Februar 1936 [499].

1936 - Mehrere neue Fernsehstellen kurz vor Beginn der Olympischen Spiele 1936

Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele 1936 - am 18.Juli - eröffnete die DRP eine Anzahl neuer Fernsehstellen in den Postämtern: Charlottenburg, Berliner Straße 62 (Bild 126), Norden, Artilleriestraße 10 (Postfuhramt) und Steglitz, Bergstraße 1. Kurz darauf folgten Fernsehstellen in den Postämtern: Neukölln, Richardstraße 119, Lichtenberg, Dottistraße 12, Pankow, Wollandstraße 134, und Reinickendorf-West, Berliner Straße 99.

15 improvisierte Vorführräume während der Dauer der Olympischen Spiele

Während der Dauer der Olympischen Spiele mußte die DRP neben diesen ständigen Fernseh-Stuben noch etwa 15 improvisierte Vorführräume einrichten, um dem Publikum die Teilnahme an den Wettkämpfen zu ermöglichen [500].

Wie groß das Interesse an jenen Fernsehübertragungen war, geht daraus hervor, daß die meisten Fernsehstellen fast immer wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen werden mußten.

Zu Beginn des Krieges zog die DRP die Mehrzahl der an Privatpersonen ausgeliehenen Fernseh-Dienstempfänger ein und stellte sie den Berliner Lazaretten zur Verfügung.

1941 - In Hamburg gab es 3 Fernsehstellen für je etwa 25 Zuschauer

In Hamburg standen dem Publikum 1941 für den Empfang der aus Berlin kommenden Fernseh-Drahtfunksendungen drei mit Heimempfängern ausgestattete Fernsehstellen für je etwa 25 Zuschauer in den Postämtern Jungfernstieg und Altona 1 sowie in der Fernsprech-Vermittlungs-stelle Eppendorf (52/53) zur Verfügung. Dazu kamen zwei mit Projektionsgeräten der Fernseh G.m.b.H. und der Telefunken G.m.b.H. ausgerüstete Großbildstellen für je etwa 60 Personen im Telegraphenamt und in der Vermittlungsstelle Große Allee (24).

1935 - Erste öffentliche Fernseh-Großbildstelle für 294 Zuschauer in Berlin

Im Herbst 1935 hatte die DRP in dem leerstehenden, 32 x 14 x 6,5m großen Saal des ehemaligen Handamtes „Hansa" - im Gebäude des Postamtes Berlin NW 27 (Turmstraße, Ecke Lübecker Straße) - die erste öffentliche Fernseh-Großbildstelle für 294 Zuschauer eingerichtet. Die Bilder wurden mit dem letzten, von der Fernseh A.G. ursprünglich an die RRG gelieferten Zwischenfilm- Groß- Projektionsgerät für 180 Zeilen auf etwa 3 x 4m projiziert. Es fanden in der Regel zwei Vorführungen in der Woche statt.

1936 - Während der Olympischen Spiele Zwischenfilm-Apparatur im Dauerbetrieb oft 5 bis 8

Während der Olympischen Spiele lief die Zwischenfilm-Projektions- Apparatur dagegen im Dauerbetrieb oft 5 bis 8 Stunden täglich. Wegen der hohen Betriebskosten wurde sie 1937 abgebaut und 1938 durch ein elektronisches Großbildgerät mit Braunscher Röhre für 80kV Anodenspannung ersetzt, das die 441zeiligen Bilder auf einen Schirm von 3,00 x 3,60 in projizierte (Bild 127).

1936 - Eine zweite Großbildstelle mit 120 Sitzplätzen

Eine zweite Großbildstelle mit einem 1,00 x 1,20m großen Bild eröffnete die DRP 1936 im Reichspostministerium in der Leipziger Straße. Der 18 x 9 x 3,60m große Raum bot Sitzplätze für 120 Zuschauer. Die Bildgröße konnte 1938 durch Einbau eines moderneren Telefunken-Gerätes, das mit einer Projektionsröhre für 50kV Anodenspannung arbeitete, auf 1,80 x 2,00m gesteigert werden. Von einem in der Nähe der Zuschauer aufgestellten Bedienungspult ließen sich Bildverstärkung, Grundhelligkeit und elektrische Schärfe des Bildes, Lautstärke des Tons und die Saalbeleuchtung regeln.

Über die technik der Fernseh-Großbildstellen

Da die Fernseh-Großbildstellen der DRP nicht nur für den öffentlichen Gemeinschaftsempfang der Fernsehrundfunk-Darbietungen, sondern auch zur Ausbildung des im Fernseh-Dienst beschäftigten Personals dienten, konnte man sowohl den Bild- als auch den Tonteil der Anlage je für sich auf verschiedene Betriebsarten umschalten.

Die Bild- und Tonspannung wurde den Großbildstellen gewöhnlich drahtlos und auf dem Kabelwege zugeführt, so daß jederzeit auch ein vom Fernseh-Rundfunk unabhängiges Programm gezeigt werden konnte. Die Zwischenfrequenz des Bildempfängers entsprach der Kabelträgerfrequenz 4,2 MHz. Den Ton erhielten die Berliner Großbildstellen über einen besonderen Drahtfunk-Kanal (315 kHz). Die von zwei Verstärkern zu je 20W gespeiste Lautsprecheranlage konnte ein Frequenzband von 16 (?) bis 10.000 Hz wiedergeben.

Die Höhe des Projektionsbildes wählte man etwa gleich dem fünffachen Abstand der ersten Sitzreihe vom Schirm, so daß für die Zuschauer die Zeilenstruktur des Bildes gerade nicht mehr erkennbar war. Die letzten Sitzreihen wurden in einem Abstand von etwa der vierzehnfachen Bildhöhe vom Schirm angeordnet.

Hochreflektierende Bildwände waren gefordert

Die Bildwände mußten das auffallende Licht der Projektionsröhre von etwa 0,5 Lumen/Zuschauer möglichst ökonomisch verwerten und es nur in die Richtung des Publikums reflektieren. Man erreichte dies durch regelmäßig ausgebildete optische Elemente, Linsen oder Spiegel, die in der Ebene des Bildschirmes lagen und kleiner waren als ein Bildpunkt, um die Struktur des Bildes nicht nachteilig zu beeinflussen [501].

Solche Linsenrasterschirme, die erstmalig 1938 von der Fernseh A.G. gebaut wurden, waren aus über 1.000 einzelnen Linsenrasterplatten mit je 2.500 torischen Elementen zusammengesetzt und ergaben gegenüber einer gewöhnlichen Kinoleinwand eine 15fache Bild-Helligkeit. Sie lieferten in einem Winkel von ±30° bis ±45° jedem Zuschauer ein annähernd gleich helles Bild mit einer Leuchtdichte von etwa 80 Apostilb [502].

1941 - Ein besonders repräsentatives Fernseh-Theater im Bechstein-Saal

Im Jahre 1941 mietete die Reichspost-Fernseh-Gesellschaft den unter Denkmalsschutz stehenden Bechstein-Saal (Bild 128) in der Linkstraße und baute ihn zu einem besonders repräsentativen Fernseh-Theater um.

Da die wertvollen Stuckreliefs an Decke und Wänden nicht beschädigt werden durften, mußte die RFG innerhalb des Bechsteinsaales eine mit Faserstoffplatten verkleidete, freitragende Holzkonstruktion aufstellen, die den eigentlichen Fernseh-Theaterraum für 200 Personen bildete (Bild 129).

Als Bildwand für das Telefunken-Großprojektionsgerät diente zunächst ein Rasterschirm (Bild 130) aus etwa 100 cm2 großen, mit Aluminiumfolie belegten Platten, deren Ebenen sich relativ zur Schirmebene je nach den Anforderungen des Zuschauerraumes verstellen ließen.

Später ging die RFG zu einem aus einer 1cm starken Spiegelglasplatte bestehenden Hohlspiegel-Schirm mit verschiedenen Krümmungsradien in der senkrechten und waagerechten Ebene über, der auf der Rückseite verspiegelt, auf der Vorderseite dagegen matt geätzt war [503].

Das Projektionsgerät des Bechsteinsaales wurde Anfang 1943 nach Garlitz bei Rathenow verlagert und entging dadurch der Zerstörung.
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1943 - Hamburg stellte den Betrieb ein, Berlin lief teilweise weiter.

Während die Hamburger Fernsehstellen den Betrieb Ende 1943 einstellen mußten, waren die Berliner Fernsehstuben und Großbildstellen - soweit sie noch vom Bombenkrieg verschont geblieben waren - zunächst weiterhin für das Publikum geöffnet.

Nach der Zerstörung des Berliner Fernsehsenders am 26. November 1943 wurden sie ebenso wie einige Lazarette - sofern dies technisch durchführbar war - etwa bis zum Herbst 1944 vom Studio Deutschlandhaus über Reportage- und Femsprech-Stichleitungen mit Fernseh-Drahtfunk versorgt.

Nach dem Zusammenbruch beschlagnahmte die Sowjetische Besatzungsmacht die noch erhaltengebliebenen Empfangs- und Projektionsgeräte der Berliner Fernsehstuben und Großbildstellen und transportierte sie ab.

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