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Heinz Fricks Biografie "Mein Gloria Palast" ist in 14 Kapitel gegliedert.

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(3) Staatliche Bildungsanstalt in Naumburg an der Saale

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Ostern 1922 - wir sollen in eine Internatsschule

Ostern 1922 teilte Mama uns unvermittelt mit, daß wir auf ein Alumnat nach Naumburg a. d. Saale kommen würden. Es gehörte bis 1920 zu den acht Kadetten-Voranstalten, die auf Grund des Versailler Vertrages aufgelöst wurden. Im gleichen Jahr hatte Preußen sechs der früheren Kadettenanstalten in Internatsschulen vom Typ der Staatlichen Bildungsanstalt (stabila) umgewandelt. Über diese plötzliche Wende waren wir keineswegs erfreut. Die Idee hierfür war Mama schon früher in Groß-Mölln gekommen, als wir manchmal Zöglinge aus dem benachbarten Korps in Köslin eingeladen hatten und unser Vater mit den Erziehern Segelpartien machte.

April 1922 - Eine Fahrt in der 4. Klasse

An einem trüben Apriltag bestiegen wir zu Viert den Bummelzug am Anhalter Bahnhof. In der vierten Klasse rollten wir Jungen einer ungewissen Zukunft entgegen. Am Frühnachmittag kamen wir an, eine Taxe brachte uns zu der Anstalt. Eine rote Mauer mit einem schmiedeeisernen Zaunaufsatz umgab das Gelände. Nach der Meldung bei dem Pförtner betraten wir das ehemalige Kommandeurhaus, das damals als Dienstwohnung für den Direktor diente.

Der Anstaltsleiter empfing uns kurz. Es fiel mir auf, daß sein rotes Gesicht einen merkwürdigen Kontrast zu seinem blauen Cheviotanzug bildete, der stark glänzte. Der Chef übergab uns an einen Major von Block, der die Aufsicht über die Oberabteilung (OA) führte, der wir zugeteilt wurden.

Von ihm erfuhren wir, daß die Anstalt zwei OA's - Ost und West - mit zusammen über 200 Schüler umfaßt.

Der militärische Titel war immens wichtig

Der Ex-Major wurde noch mit seinem militärischen Titel angesprochen. Er trug eine leicht abgeänderte Uniform ohne Biesen und ohne Litzen, Reithosen und hohe Stiefel. Er war sehr liebenswürdig zu Mama, ganz Kavalier der alten Schule und seine etwas schnarrende Stimme störte nicht.

Er führte uns durch das Gebäude mit seinen umfangreichen Einrichtungen. In dem Bogen des Hauptportals fiel mir eine mystisch leuchtende Glasmalerei auf, die den preußischen Gardestern mit der Inschrift zeigte: »Suum cuique«. Es klang wie eine Kurzform für einen kategorischen Imperativ.

Eigentlich sah es aus wie ein Gefängnis

Die beiden Oberabteilungen hatten je zehn Stuben. Zwischen zwei Schülerstuben lag jeweils eine Erzieherwohnung, die Wohn- und Schlafraum enthielt. Das gesamte Innere des Hauses und die Einrichtung waren von spartanischer Einfachheit. Die Wände mit Öl gestrichen und ohne Bilder. In den Stuben schlichte Tische und Stühle, braune schmale Spinde mit Namensschildern. Ein hohes wackliges Stiefelregal gehörte zu der Ausstattung.

Eine Waschecke enthielt eine Emailleschüssel mit Kanne und Wassereimer. Daneben Besen, Handfeger und Schaufel. Über diesem Komfort hing ein großer Spiegel. Das ganze Haus verbreitete einen Hauch von Strenge und Kälte. Es wurde noch mit Gas beleuchtet. Die Schüler trugen zum Teil die rot gefütterten blauen »Waffenröcke« aus der Kadettenzeit, die zu Ziviljacken mit schwarzen Holzknöpfen umgearbeitet waren. Dazu lange schwarze Hosen mit Gummisteg.

Mein Bruder Hans war scheinbar pfiffig

Hans war bei der Aufnahmeprüfung in Latein so gründlich durchgefallen, daß Mama ihn am nächsten Tag wieder nach Berlin mitnehmen mußte. Ich vermute, daß er es absichtlich so eingerichtet hatte. Außerdem war er schon am Ankunftstag in eine mächtige Keilerei mit seinem Stubenältesten geraten, als er dessen Anordnung nicht unverzüglich befolgen wollte. Genützt haben ihm seine Manöver nicht, denn er kam in ein Almunat nach Norddeutschland.

Klaus weinte in der ersten Zeit öfters, weil er Heimweh hatte und ihm die Umstellung so schwer fiel. Ferner konnte er die bisweilen recht rauhen Spaße der Mitschüler nicht ertragen.

Erziehung fast wie beim Militär

Jeden Stadturlaub mußten wir schriftlich beantragen. Ohne Angabe von Gründen konnten die Erzieher die Anträge ablehnen. Widerspruch war unerwünscht. Die häufige Antwort eines Erziehers klingt mir heute noch in den Ohren: »Halt den Mund! Ich habe Dich nicht aufgefordert, etwas zu Deiner Verteidigung anzuführen!« Zack-Zack.

Den Stadturlaubsschein mußten wir beim Pförtner abgeben - einem ehemaligen Unteroffizier von der Gardedukorps in Potsdam - um passieren zu können. Vor sieben Uhr abens mußten wir zurück sein, um an dem gemeinsamen Abendbrot teilzunehmen.

Schrille Glockenzeichen zum Appell

Manchmal schrillte ein Glockenzeichen für einen Appell. Dann traten wir vor unseren Stuben an und die vor der Front stehenden Stubenältesten meldeten dem Oberabteilungsältesten, einem Primaner, die Stärke ihrer Belegschaft. »Stube 1 mit zehn Mann zur Stelle. Einer beurlaubt, einer Lazarett.« »Stube 2 mit zwölf Mann vollzählig.« Nachdem der OA-Älteste dem Erzieher vom Dienst die Gesamtmeldung erstattet hatte, gab dieser dienstliche Anordnungen bekannt. Als einmal unser Religionslehrer und Hauspfarrer mit einer brennenden Zigarre zum Appell kam, ging im zweiten Glied Gemurmel los: »Zigarre aus, Zigarre aus!« Der Pfarrer wurde blaß und warf seine Havanna mit Bauchbinde aus dem Parterrefenster auf ein abgeräumtes Blumenbeet.

Vor dem Essen - ein Gebet

Zu den Mahlzeiten klingelte es. Wir traten vor den Stuben an und rückten in zwei Reihen, natürlich ohne Gleichschritt, in den Eßsaal. Vor dem Mittagstisch hatte der »UvD« -Bezeichnung für den längst abgeschafften Unteroffizier vom Dienst - ein Gebet zu sprechen. Danach gab der Erzieher das Kommando »Setzen!« Wir saßen auf Bänken ohne Rückenlehnen. An jedem Tisch nahm auf einem Stuhl ein Studienrat Platz.

Die Essen waren karg. (Es war die schlimme die Nachkriegszeit)

Die Abendgerichte besonders dürftig. Zwei Quarkschnitten und ein Becher Tee konnten uns nicht sättigen, zumal wir fast täglich Sport trieben. Gab es aber mal Bratkartoffeln, erhielten wir nicht genug. Von einem bestimmten Termin an gab es sonnabends zwei Butterbrote und Kakao. Ein Festtag für uns!

Der Kakao war zwar mit einer uns unbekannten, leicht sandigen Substanz angereichert, aber er schmeckte uns und wir konnten die Tischkannen nachfüllen lassen. Hierzu »stemmte« der jeweilige Stubendienst den leeren Behälter hoch. Dann kam einer von dem vierköpfigen Eßsaaldienst der Schüler, um die Kanne abzuholen und sie von dem »Knux«, dem Küchenchef, auffüllen zu lassen. Dieser Dienst hatte einen Extratisch neben der Speisenausgabe.
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Postillon d'amour - Wir waren um die 12 bis 14 Jahre alt.

Wenn der Chef verhindert war, wurden Ausgabe und Nachfüllen von einer »Knux-kalle« ausgeübt. Hierbei ergaben sich günstige Gelegenheiten, um zwischen den Mädchen und Zöglingen zarte Bande zu knüpfen. Wenn ein Teilnehmer vom Saaldienst nicht interessiert war oder die betreffende Maid nicht seinen »psychoerotischen Anforderungen« genügte, konnte er sich als Postillon d'amour betätigen. An Anwärtern fehlte es nicht.
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Als unsere Schummelei auffiel

Nachdem der Kakao eingeführt war, schnallten sich viele von uns am nächsten Sonnabend Feldflaschen unter die Jacken und füllten sie bei Tisch heimlich mit dem begehrten Getränk. Der hohe Verbrauch, der hierbei entstand, fiel natürlich in der Küche auf. Als wir am Samstag danach wieder mit unserer Originalabfüllung abrückten, mußten wir auf dem Flur haltmachen. Zwei Erzieher kontrollierten uns und beschlagnahmten die Feldflaschen. In Zukunft beschränkte sich der zugeteilte Nachschlag auf einen Becher pro Schüler.

1,50 Taschengeld pro Monat (Reichsmark)

Wir hatten ständig »Kohldampf«, und es herrschte die unschöne Sitte, daß manche Kameraden sich von anderen einen »Abbiß« von den Stullen geben ließen, die sich die glücklichen Empfänger von Futterpaketen bereiten konnten. Bei dem benachbarten Bäcker Lützkendorf kauften wir Kuchenkrümel, Randstücke und altbackenes Brot zu ermäßigten Preisen. Bei uns ging keine Krume verloren.

Da wir nur 1,50 Taschengeld pro Monat bekamen, waren unseren Käufen Grenzen gesetzt. Wenn unsere Studienräte aber ermittelten, daß unsere Ausgaben diesen Etat überschritten, wurden die Eltern schriftlich ermahnt, uns keine Extra-Zuwendungen zu machen. Aus erzieherischen Gründen sollten keine sozialen Unterschiede herausgestellt werden. Das Erhalten von Paketen dagegen war gestattet. Es war üblich, daß man einen Teil der »Fressalien« an seine Stubenkameraden abgab.

In der Kadettenanstalt war das "Sie" Vorschrift

Die Erzieher wurden von uns in der dritten Person angeredet. Von den alten Lehrern wurden öfters schon die Sextaner gesiezt, weil dies auf der Kadettenanstalt Vorschrift war.

Es gab auch einen Arzt

Für Erkrankte stand uns ein Arzt, der »Assi« zur Verfügung. Er untersuchte
und ordinierte im sogenannten »Revier«. Der längst pensionierte, ehemalige Kinderarzt wohnte in der Stadt und war nur stundenweise für uns tätig. In seiner Art war er ein Genius. Er benötigte niemals einen Medikamente-Katalog. Jod, Mixtura solvens, Kampferspiritus, Trikotschlauchbinde und Rizinusöl gehörten zu seinen täglichen Verordnungen. Unsere festangestellte Krankenschwester assistierte ihm.

Für Bettkranke hatten wir ein eigenes Lazarett. Wir ließen uns gern dort einweisen, weil es mit besserer Verpflegung verbunden war, wir auf diese Weise schwänzen konnten, und schließlich der Lazarettgehilfe über einen Vorrat von Mikosch-Witzen (was war das ??) verfügte.

Die Vorschriften Abends zwischen 9-10 Uhr

Rauchen war erst ab Obersekunda von 9-10 Uhr abends auf den Stuben gestattet, falls eine schriftliche Erlaubnis der Eltern vorlag.

Die Zöglinge von Sexta bis Untersekunda mußten um 9 Uhr zu Bett gehen. Hierzu sprach der »UvD« das Gebet: »Nun ist es Nacht, wir gehen zur Ruh und schlafen dankbar ein. Gott, lieber Vater, wache Du für uns, denn wir sind Dein.« Manche Lehrer verlangten auch das »Vater unser«. Der Diensthabende rief uns »Gute Nacht«, wir antworteten auf die gleiche Weise.

Als wir uns einmal über einen Studienrat geärgert hatten, weil er die Strafversetzung eines beliebten Schülers verfügt hatte, verweigerten wir ihm die Erwiderung und blieben stumm. Obwohl wir ihn nicht dazu beauftragt hatten, entschuldigte sich der spätere Minister Hans Joachim von Merkatz, der damals Primaner war, bei dem Doktor.

Der UvD hielt von 9-10 Uhr auf dem Schlafsaal Wache, es durfte nicht gesprochen werden und es herrschte absolute Nachtruhe. Die Gasbeleuchtung verbreitete ein blaues Notlicht. Um 10 Uhr mußten die älteren Mitschüler ihre Betten aufsuchen. Mit ihnen kam der Erzieher vom Dienst, der in einer verglasten Kabine im Saal schlief.

Um 7 Uhr früh gings los

Um 7 Uhr früh wurden die doppelte Saaltür und die Verbindungstür zum Waschraum ruckartig von einem Hausbeamten aufgerissen. Fast gleichzeitig verließ der Erzieher sein Kabinett und rief: »Aufstehen!«

Er durcheilte die beiden Gänge zwischen den drei Bettreihen. Wir waren ruck-zuck auf den Beinen und gingen in den Waschsaal. An das kalte Wasser hatten wir uns schnell gewöhnt. Wenn sich die »Neuen« nach Ostern nicht gleich damit abfinden konnten, half ihnen der Stubenälteste auf die Sprünge und tauchte ihre Köpfe feste in das kühle Naß.

Wirklich wie beim Militär

Um 7.30 Uhr gab es zum Frühstück Roggenmehlsuppe. Um 8 Uhr begann der Unterricht. Die Lehrer wurden stehend empfangen. Nachdem der Primus die Klassenstärke gemeldet hatte, durften wir uns auf Anordnung setzen. Die erste Stunde wurde mit einem Gebet begonnen.

Wenn der Lehrer für Französisch gute Laune hatte, rief er beim Betreten des Schulzimmers: »Chantons!« Wir stimmten an: »J'avais un camarade ...«

Eine schlimme Vorahnung - aber erst viel später

Niemand ahnte, daß wir nach fünfzehn Jahren tatsächlich viele unserer Kameraden verloren haben würden. Manche Zöglinge, die damals dankbar waren, wenn sie auf einer Fahrt zu einem deutschen Soldatenfriedhof im Ausland die Gräber ihrer Väter aufsuchen konnten, lagen später unter der fremden Erde im »Feindesland«.

Eine Klappstulle aus »Mammut«

In der großen Pause gab es eine Klappstulle, deren Belag häufig aus »Mammut«, einer gestampften Masse aus Erbsen, Kartoffeln und einer nicht definierbaren Zutat oder aus Quark bestand.

Nach dem Mittagessen hatten wir für Schulaufgaben zweieinhalb Stunden Arbeitszeit, während der wir nur mit Erlaubnis des Stubenältesten kurz und leise sprechen durften. Der Erzieher hielt während dieser Zeit die Verbindungstüren zu unseren beiden Stuben geöffnet. Wir konnten uns mit Fragen an ihn wenden und wurden von ihm inspiziert. Wer laut memorieren wollte, konnte dies nach »Abmeldung« auf dem Flur tun. Als ich mir bei einer solchen Gelegenheit auf dem Korridor eine geschenkte Zigarette ansteckte, wurde ich ertappt. Mein Sonntagsurlaub für eine Geburtstagsfeier wurde gestrichen.

Nach der Einnahme des Vesperbrotes mit Marmelade oder Kunsthonig und einem Becher Malzkaffee hatten wir bis zum Abendbrot Freizeit. Diese Stunde verbrachten wir mit Sport, Lektüre, Proben für Schüleraufführungen, Basteln und Brettspielen.

Putz- und Flickstunde!

Jeden donnerstagabend hörten wir auf dem Flur die lang gezogene Stimme des UvD: »Putz- und Flickstunde!«

Darauf nahm der jeweilige Stubendienst unsere Wasserkanne, um aus der Küche im Keller vorbereitetes Salmiakwasser zu holen. Damit bürsteten wir unsere Kleidung aus. Einige Kameraden hatten sogar Fertigkeiten im Strümpfestopfen erworben. Das Annähen von Knöpfen gelang bald. Ich erinnere mich an einen Mitschüler, der einen Dreifuß besaß und Stiefel besohlen konnte.

Eigentlich wollten wir ausbüchsen - mit 12 Jahren

Wer sich in der Anstalt beschweren wollte, durfte dies erst vierundzwanzig Stunden nach dem betreffenden Vorfall tun. Danach sah die Sache schon ganz anders aus, weil man genügend Abstand zu dem Vorgang gewonnen hatte.

Als Klaus sich nach einem Jahr noch nicht richtig eingelebt hatte, machte ich ihm den Vorschlag, unsere Sachen bei einem Altwarenhändler zu verkaufen, Fahrkarten zu besorgen und nach Berlin auszukratzen.

Ich konnte mir nicht vorstellen, daß man zwölfjährige Kinder mit Gewalt in eine über 200 Kilometer entfernte Schule zurückbringen würde. Für solch Vorhaben fehlte meinem Bruder der Mut. Oder war es schon Besonnenheit, die ihn davon abhielt, und ich verwarf den Plan.

Wir waren zwei unter vielen Waisen

Den anderen Zöglingen ging es vielfach nicht besser. Nicht wenige hatten ihre Väter im Krieg verloren. Die meisten waren durch die Inflation verarmt. Das Internatsleben bedeutete für alle eine große Umstellung.

Da unser Haus verkauft war, mußten wir die ersten Sommerferien in Berlin verbringen und gerieten dadurch in bedrückte Stimmung. Grunewald und Wannsee boten nur einen dürftigen Ersatz für den Ostseestrand. Dank der Generosität eines Bekannten unserer Familie hatten wir später das große Glück, die meisten Ferien auf dessen Schloß im Harz verbringen zu können.

Juli 1922 - Ferien auf einem Schloß im Harz

Den Zeitungen entnahmen wir im Urlaub, daß die Rathenaumörder etwa zehn Kilometer von der STABILA (= Staatlichen Bildungsanstalt in Naumburg) entfernt, auf der Burgruine Saaldeck ihr verdientes Ende fanden. Der Attentäter Kern wurde von einem Hilfspolizisten bei einem Feuergefecht getötet. Darauf beging Fischer Selbstmord. Die Helfershelfer kamen mit kurzen Gefängnisstrafen davon. Den ersten Sonntag nach den Ferien benutzten wir, um an den Ort des Geschehens zu fahren und uns von den Einheimischen darüber berichten zu lassen.

Ende der Ferien - zurück in Naumburg/Saale

Einesteils waren wir ganz froh, daß die Ferien beendet und wir wieder in Naumburg waren. Im Kreis der Kameraden, im Rhythmus der Anstalt traten unsere persönlichen Sorgen zurück. Wir hatten Grund, uns über die vorbildlichen Sportanlagen des Internats, seine Flußbadeanstalt und die Boote auf der Saale zu freuen. Die Landschaft war von besonderem Reiz. Man muß versuchen, aus jeder Lage das Beste zu machen.

Klaus hatte im Unterricht keine Probleme, während ich in Mathematik ein Versager war. Das ging soweit, daß der Lehrer, Dr. Altstetter, mich aufforderte, seinen Stunden fernzubleiben und während dieser Zeit in unserem Botanischen Garten spazieren zu gehen. Ein seltsamer Pädagoge, der mich dem Gespött meiner Mitschüler preisgab.

Mein Erlebnis mit einem toten Mädchen

In der äußeren Ecke dieser Gartenanlage befand sich das Grab eines jungen Mädchens, die sich dort vor Jahren aus unglücklicher Liebe zu einem Kadetten erschossen hatte. Mit Erlaubnis der Stadt ist sie auf unserem Gelände begraben worden, worum die Eltern gebeten hatten. Als ich in meiner erzwungenen Freiheit verwelkte Blumen von dem Grabstein entfernte und sie durch frische Blüten ersetzte, tauchte ausgerechnet unser Schuldirektor mit seiner Morgenzigarre auf. Ich mußte ihm meinen unglaubhaft anmutenden Aufenthalt erklären, denn er hatte vermutet, daß ich den Unterricht schwänzen und dort eine Art Totenkult treiben würde. Darauf forderte er mich auf, ihm in das Klassenzimmer zu folgen und er übergab mich an Dr. Altstetter.

Unser Mathelehrer war ein beispielloser Zyniker

Diesem war es sichtlich peinlich, daß seine »Erziehungsmaßnahme« durchkreuzt worden war. Meine Teilnahme an den Mathematikstunden hatte der Direktor wieder hergestellt. Meine mangelhafte Begabung konnte dadurch nicht beseitigt werden. Der Studienrat war ein beispielloser Zyniker. Als ich wieder einmal eine Algebrafrage nicht beantworten konnte, ging er auf mich zu, musterte mich mit höhnischem Kopfschütteln und sagte: »Ihre Fliege sitzt ja wieder prima, aber darüber im Kopf, da sitzt bei Ihnen nichts. Sie können sich doch als Krawattenbinder bei Wertheim bewerben. In einem Gymnasium haben Sie nichts zu suchen.« Ausgerechnet bei dieser Firma, von der die Berliner witzelten: »Kauf nicht bei Wertheim, da gehst du ohne Wert heim«.

Ein Mitschüler wurde mit ähnlichen Komplimenten bedacht: »Mensch, Glombig, für Leute mit Ihren Geistesanlagen ist unsere Anstalt nicht gedacht, mit Ihrer schönen Handschrift können Sie doch als Schreiber in eine Margarinefabrik eintreten. Wenn Sie Sonntag Urlaub nach Bad Kosen bekommen, können Sie gleich bei ihrer Mutter bleiben. Eine Aufwendung öffentlicher Mittel ist bei Ihnen nicht gerechtfertigt.«
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Politische Betätigung war verboten

Politische Betätigung und die Zugehörigkeit zu solchen Verbänden waren uns verboten. Unser Mitschüler Schnaffke war trotzdem heimlich einem konservativen Ordensbund beigetreten und wurde sogar zum Bannerträger seiner Formation ernannt. Als diese Organisation einen öffentlichen Appell in der Stadt durchführte, mußte Schnaffke Farbe bekennen und mit wehender Fahne antreten. Keiner von uns hätte ihn verpetzt - sowas war verpönt - und die Erzieher hätten wahrscheinlich weggesehen, wenn sie ihm begegnet wären. Der Bannerträger hatte aber das Pech nach der Veranstaltung von politischen Gegnern überfallen zu werden, die ihn verprügelten. Er mußte sich im Krankenhaus verbinden lassen und dadurch erfuhr unser Direktor von der Sache. Der Schüler mußte aus dem Orden austreten und kam mit einer schriftlichen Verwarnung davon.

Erste Erfarungen der Kameraden mit Mädchen

Schnaffke blieb von weiterem Pech nicht verschont. Er verehrte eine auffallend hübsche Lyzealschülerin. Man sah die beiden gelegentlich durch die Stadt radeln. Züchtig, wie es sich geziemt, zog sie dabei unaufhörlich den Rock übers Knie. Einmal kamen sie an einem Haus vorbei, an dessen Gartentür ein Schild prangte: Roswitha Mehlhorn - staatlich geprüfte Hebamme. Unser Zögling deutete auf den Hinweis und fragte seine Begleiterin aus Scherz: »Wann wollen wir denn unsere bestellen?« Darauf trat die Primanerin halb bestürzt, halb wütend, mit voller Kraft in die Pedale und ward nicht mehr an seiner Seite gesehen.

Unser Erlebnis mit unserem Pfarrer Dr. Unverzagt

Ein Original unter den Erziehern war der Pfarrer Dr. Unverzagt. Über seine bildhaften sowie pathetischen Formulierungen mußten wir häufig lachen.

Als er einmal von dem Bibelwort sprach, daß es schwer ist, »wider den Stachel zu locken«, fragte der Schüler v. R. mit harmlosen Gesichtsausdruck, ob das Wort nicht »Löken« heißt? Der Geistliche erwiderte, daß ihm die Frage unverständlich sei, da es sich hier um völlig verschiedene Begriffe handelt.

Der Tertianer gab zur Antwort, daß wir doch gelegentlich von dem Herrn Pfarrer als »Löken« bezeichnet werden! Der Doktor stutzte einen Augenblick und rief dann mit Emphase: »Von R. ich hätte nicht gedacht, daß der alte Potsdamer Stadtadel zum Mob der Gasse herabsinkt!«

Ein Schüler rief: »Stubendienst, lachen!« Der Pfarrer: »Wer war das?« Als sich keiner meldete, wiederholte Dr. Unverzagt: »Wer war das? Sofort aufstehen!« Keiner meldete sich. Der Pfarrer verfügte: »Die ganze Klasse hat heute eine Stunde Nachsitzen!«

Aus organisatorischen Gründen konnte die angekündigte Buße nicht am gleichen Tag durchgeführt werden. Der Klassenprimus benutzte den Aufschub, um sich zu entschuldigen. Der Pfarrer setzte die rechtlich ohnehin zweifelhafte Kollektivbestrafung aus.
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Auch ein Pfarrer wollte standesgemäß "leben"

Sobald der Geistliche keine bildhaften Redewendungen benutzte, konnten seine Satzprägungen mal danebengehen. Auf dem Appellplatz gab er der soeben angetretenen OA bekannt: »Morgen ist in den Stuben auf besondere Ordnung und peinliche Sauberkeit zu achten. Es kommt ein hoher Beamter aus dem Kultusministerium und geht bei uns durch.« Über das schallende Gelächter war Dr. Unverzagt zunächst irritiert, aber dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Ein Satz von ihm stimmte uns nachdenklich: »Der Sonnenschein des Idealismus macht keine kalte Stube warm.«

Der Doktor war von gleichbleibender Höflichkeit und ein Herr mit vorbildlichen Allüren. Er zog vor der Zeitungsfrau genau so tief den Hut wie vor dem Schuldirektor. Er schätzte Niveau, legte Wert auf Maßanzüge, seidene Krawatten mit Nadel und steife, blütenweiße Manschetten. Er bewohnte mit seiner Frau eine gediegene Villa mit gepflegtem Garten. Als ihm eine Pfarrei in der Stadt angeboten wurde, lehnte er sie ab, weil er nicht die düstere, in einer Gasse gelegene Dienstwohnung mit Gasbeleuchtung beziehen wollte.

Als er aus ähnlichen Gründen eine Pfarrstelle in Merseburg nicht annahm, wurde er in das Frauengefängnis einer norddeutschen Stadt versetzt. Ein solcher Posten war nicht nach seinem Sinn.
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Ein Schwenk in die Zukunft in 1936

1936 traf ich den Geistlichen bei einer Vorführung von »Traumulus« und er lud mich anschließend zu einem Glas Riesling ein.

Bei dieser Premiere in Berlin beehrte Emil Jannings den Nachwuchsschauspieler Hannes Stelzer mit einer sehr freundlichen Geste. Er stellte uns den Darsteller mit den Worten vor: »Ich mache Sie hier mit meinem neuen Kollegen, Hannes Stelzer, bekannt. Sie werden noch viel von ihm hören.«

Die Laufbahn des jungen Künstlers wurde zum allgemeinen Leid jäh beendet. Während des Krieges meldete er sich zur Luftwaffe und fand 1944 bei einem Übungsflug den Tod.

Ein Abstecher zu unseren damaligen Hausdamen

In der Anstalt waren drei Hausdamen beschäftigt, die keine Lehrbefugnis besaßen. Ihre Erziehungsmaßnahmen beschränkten sich auf Kontrolle der Schulaufgaben, pädagogische Anleitung und Hofaufsicht. Sie wohnten in den üblichen Erzieherwohnungen. Dienst im Schlafsaal brauchten sie nicht wahrnehmen.

Eine Dame namens »Frau Major« Schladebach zeichnete sich durch besondere Haltung, Würde, scheinbare Unnahbarkeit und eine gewisse Knauserigkeit aus. Ihr Gang bestand aus bühnenhaftem Schreiten und Stolzieren. Bei dem Zuschnitt von Stoffen für ihre Garderobe war sie nicht kleinlich. Ihre Röcke reichten bis zum Knöchel, die Ärmel bis zum Handgelenk und den Hals zierte eine Krause. Ich mußte während einer längeren Zeit an den Sonntagen für sie in die Stadt gehen, um für sie und ihren Besucher Kuchen zu besorgen. Sie ist nie auf die Idee gekommen, mir auch ein Stück zu spendieren, obwohl ich jedesmal achtzig Minuten für den Weg brauchte.

Als die Dame mich wegen einer Antwort, die sie als ungehörig empfand, mit dem Rohrstock schlagen wollte, weigerte ich mich, vor ihr die verlangte Bückstellung einzunehmen. Darauf rief sie einen Kollegen zur Unterstützung und forderte ihn auf, die Strafe in Form von drei »Jagdhieben« an mir zu vollziehen. Der Erzieher tat es. Vorher bat er sie, den Raum zu verlassen, damit ich nicht unnötig gedemütigt würde.

Als ich an einem Vormittag trotz Verbot auf meine Stube schlich, um ein vergessenes Heft zu holen, hörte ich aus der Erzieherwohnung jener Dame das Stimmengewirr von Herren und Damen, Gläserklingen und übermütiges, erkitzelt wirkendes Gelächter.

Hatte ich den Aufgabenkreis der Hausdamen nicht ganz übersehen!
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1927 - Sport wurde bei uns gefördert

Der Sport wurde bei uns gefördert. Zu den mitteldeutschen Schülerwettkämpfen, die alljährlich von der LATINA der Franckeschen Stiftung in Halle an der Saale veranstaltet wurden, entsandten wir stets eine Auswahl von Zöglingen. Man kannte uns als Gewinner von Preisen und Pokalen. 1927 gehörte ich der 4 X 100 m Staffel der betreffenden Jahrgänge an.

Der Weltmeister Dr. Otto Peltzer

Der Weltmeister Dr. Otto Peltzer, Studienrat in der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, war als Mannschaftsführer seiner Teilnehmer anwesend. In seinem Alumnat (Schulheime und höhere Schul- und Erziehungsanstalten sowie Priesterseminare) herrschte ein fortschrittlicher Geist, naturwissenschaftliche Fächer wurden besonders gepflegt. Wir kannten den Sprinter bereits, da er als Kapitän seiner Handball-Elf auf dem Stabila-Sportplatz gegen uns angetreten war.

Als Dr. Peltzer 1926 im Berliner Stadion beim 1500 m Lauf vor Nurmi durch das Ziel ging, sprangen die Besucher vor Begeisterung auf und stimmten die Nationalhymne an. Der finnische Wunderläufer - der Mann mit der Stoppuhr in der Hand - war geschlagen. 1924 hatte er bei den Olympischen Spielen in Paris, als er mit einfachen Gummischuhen lief, mit seinen Mannschaftspreisen fünf Goldmedaillen errungen.

1926 - die Glosse über Dr. Peltzer und sein Ende

Damals hatte Frankreich die deutsche Beteiligung an dem Olympischen Fest verhindert. Wie sich die Geschichte wiederholt. »Der heitere Fridolin«, eine Jugendzeitschrift von Ullstein schrieb 1926 über ihn:

Der Dr. Peltzer, wie ihr wißt,
beruflich Oberlehrer ist.
Er läuft, ob kalt ob heiß das Klima,
von Sexta täglich bis zur Prima.

Der Studienrat kam 1936 in ein Konzentrationslager, weil er mit einigen Schülern nackt gebadet hatte. Unter dem Druck von England, das bei weiterer Inhaftierung mit dem Boykott der Olympischen Spiele drohte, wurde der Doktor freigelassen.

1939 wurde er abermals verhaftet und ins KZ eingeliefert. Angeblich sollte er sich 1939 nach Kriegsausbruch - zu der Zeit war er in Finnland Gast auf dem Hof von Nurmi - nicht termingemäß auf der Deutschen Botschaft gemeldet haben. Dr. Peltzer überstand den Krieg und ging nach der Kapitulation als Sportlehrer nach Japan. Als er bei einem Fußballspiel als Zuschauer in Hamburg war, überraschte ihn im Sommer 1980 der Tod.
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Unser Dr. Schmetter

1938 habe ich Dr. Schmetter in Berlin getroffen. Er freute sich, daß ich auch ohne Abitur »was Ordentliches« geworden sei. Trotz seiner Verwundung hat er sich während des Krieges freiwillig zum Heer gemeldet und ist gefallen.

Wollte der Doktor mit der eigenen humanistischen Erziehung der staatlichen Hybris entfliehen. Konnte er es mit seiner Gesinnung und Gesittung nicht verantworten, dem System noch länger zu dienen. Oder hielt der Mann, der durch die Hölle von Verdun gegangen war, es für seine Pflicht, sich abermals dem Opfergang zu stellen. Fühlte der Verehrer von Ernst Jünger sich an das ungeschriebene Gesetz gebunden, nach dem er abermals den Weg des »Heroischen Realismus« beschreiten müßte. Wollte er das Vermächtnis des Goethe-Preisträgers von 1983 in die Tat umsetzen: »Der Krieg ist unser Vater, er hat uns gezeugt im glühenden Schoß der Kampfgräben als ein neues Geschlecht und wir erkennen mit Stolz unsere Herkunft an. Daher sollen unsere Wertungen auch heroische, auch Wertungen von Kriegern und nicht solche von Krämern sein, die die Welt mit ihrer Elle messen möchten.«

Wie oft hatte uns Dr. Schmetter ausgerechnet Horaz skandieren lassen: »Dulce et decorum est pro patria mori«. (Süß und ehrenvoll ist es, für's Vaterland zu sterben.) Wollte unser ehemaliger Erzieher sein Leben beenden. Wir kennen die Gründe nicht.

Salut dem toten Ordinarius.

Wenn aus Jugendlichen Männer werden

Eine Schulstrafe konnte indes eine großartige, begehrenswerte Sache sein, nach der man sich in manchen Stunden sehnte. Um sich einer solchen Buße unterziehen zu können, mußten einige Voraussetzungen und eine glückhafte Fügung zusammentreffen.

Unsere beiden Primen hatten sich zu einem freiwilligen Ernteeinsatz gemeldet, den sie in unserer Nähe durchführten. Als die Helfer nach Feierabend mit den Bäuerinnen und Mädchen nach Hause gingen, löste sich der Trupp langsam auf. Verschiedene wurden mit Ackerwagen abgeholt.

Es ergab sich, daß einer unserer Jungen einen Umweg machte, um ein Mädchen zu ihrem Gehöft zu begleiten. Unterwegs sprang der "berühmte Funke" über. Die Maid verspürte zum ersten Mal in ihrem jungen Leben, daß ihr eine Stunde schlagen würde, der sie sich nicht entziehen könnte. Die beiden Jugendlichen, die der Zufall zusammengeführt hatte, "vermählten" sich. Natürlich ohne Ring und ohne Standesamt, und vor allem ohne den Segen des Priesters. Ein Birkenhain war ihre Hochzeitsstätte.

Als die glückliche Mutter ihren Knaben zur Taufe brachte, trat in der STABILA eine ziemlich ratlose Lehrerkonferenz zusammen. Sie sollten befinden, was mit dem Vater geschehen soll. Wo stand in der Anstaltsordnung, daß Vaterschaft verboten oder gar unter die Strafbestimmungen fällt.

Von zugefügter Gewalt konnte hier nicht die Rede sein, auch nicht von einem Vertrauensbruch oder Mißbrauch einer Stellung. Kann man es als ein salomonisches Urteil bezeichnen, daß der Primaner für ein Jahr unser Haus verlassen mußte und den Unterricht nur als Externer besuchen durfte.

Auf einmal war Lesen in der Bilbilothek verboten

Über eine andere Anordnung mußte wir lächeln. - Anfang 1928 kam es in Berlin zu der »Steglitzer Schülertragödie«, in der ein Primaner Krantz angeklagt wurde, den Bruder seiner Freundin Hildegard Scheller erschossen zu haben. Krantz wurde von dem berühmten Rechtsanwalt Dr. Frey, der zu Beginn seiner fulminanten Plädoyers, ein großes Monokel einklemmte, verteidigt.

Der Angeklagte wurde freigesprochen, denn der Prozeß ergab, daß Scheller Selbstmord verübt hatte. Die Presse berichtete ausführlich darüber. Wir lasen von dem Fall mit großem Interesse und das Vorkommnis wurde lebhaft besprochen. Unsere Erzieher sahen das höchst ungern. Es wurde ein Ukas bekanntgegeben, der besagte, daß während der Dauer des Prozesses das Aufsuchen des Lesesaales für die Klassen Sexta bis Untersekunda untersagt sei. Damit wurde gerade die Wißbegierde von den Schülern geweckt, die für gewöhnlich keine Zeitungen lasen. Daß wir den Erlaß mit Leichtigkeit umgehen konnten, war klar. Außerdem konnten wir uns in der Stadt die verschiedensten Journale besorgen. Ein Jahr zuvor erschien in Berlin das berühmt gewordene Buch des amerikanischen Richters Lindsay »Die Revolution der modernen Jugend«.

Mein Interesse für den Journalistenberuf

Im Laufe der Jahre hatten wir Brüder uns an den Rhythmus der Anstalt gewöhnt und verspürten den Korpsgeist, der uns vereinte. Wir hatten Freundschaften geschlossen und erhielten Einladungen in die Stadt.

Man übertrug uns kleine Rollen in Schüler-Aufführungen wie »Sommernachtstraum«, »Das Jahrmarktsfest von Plundersweilern«, »La cigale chez les Fourmis« und weiteren Stücken. Die Erzieher versuchten, uns die großen weltpolitischen Zusammenhänge zu erläutern, die zu dem Zustand und der Lage unserer Nation geführt hatten. Sie wiesen ebenso auf die Pflichten und Aufgaben hin, die sich für uns daraus ergeben würden.

Zu den Bekannten meiner Mutter gehörte Leopold Wölfling, ehemals Erzherzog und Renegat aus dem Haus Habsburg. Mama hatte ihn im Cafe des Westens kennengelernt. Bei seinen Besuchen erfuhren wir, daß er freier Mitarbeiter für »Der Querschnitt« sei.

Diese Zeitschrift hatte einen geradezu legendären Ruf und sein Herausgeber, Hermann von Wedderkop, nannte sie »Magazin der Ewigkeitswerte«. Dieser Titel war nicht übertrieben. Ich erfreute mich an jeder der monatlichen Ausgaben. Als ich Wölfling meine Schulaufsätze zeigte, meinte er, daß ich für mein Alter schon flüssig schreiben könnte. Dadurch weckte er mein Interesse für den Journalistenberuf. Ein Jahr später fragte ich ihn, ob er mir bei einem Stellungsgesuch als Volontär in dem Ullstein-Verlag behilflich sein könnte. Er winkte sofort ab, worüber ich verwundert war. Später erst sah ich ein, wie richtig sein Verhalten gewesen ist.

Berufliche Fürsprache und Empfehlungen konnten für die »Protektionskinder« häufig Umwege, Zeitverluste und Enttäuschungen bedeuten.

Meine einsame Entscheidung - ich gehe ab

Da meine Mutter niemals Verständnis für meine Probleme aufbringen konnte, kam mir früh die Erkenntnis, daß ich mein Leben ohne Rat und ohne Beistand selbst gestalten müßte.

Die Schicksalsschläge, auf die wir alle keinen Einfluß haben, bleiben uns sowieso nicht erspart. Inzwischen hatte ich erfahren, daß bei meinen schlechten Leistungen in Mathematik und Chemie - trotz der guten Ausgleichsnoten in Sprachen und Deutsch - kaum Aussicht vorhanden war, das Abitur zu bestehen. Daher faßte ich den einsamen Entschluß, die Schule zwei Jahre vorher zu verlassen. Nicht einmal Klaus weihte ich ein.

Während der allgemeinen frohen Stimmung über die Osterferien durchschritt ich zum letzten Mal Gänge und Räume des Internats. Ich nahm stumm Abschied. Das »Suum cuique« leuchtete in der Abendsonne.
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