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überarbeitet von Gert Redlich ab Feb. 2014 - Eigentlich sprechen wir von einer Gazette - Es sind gigantische Textmengen (Buchstaben-Wüsten), die die Autoren der "FI" in den 58 Jahren zusammen getragen haben. Damit das überhaupt vernünftig zu lesen ist, haben wir die Inhalte in jährliche Themengebiete aufgeteilt, die aber nicht in jedem Jahr gleich sind.
Sehr wichtig ist, es wurden alle Informationen, die Texte und die Erkenntnisse genau in der Woche aufgeschrieben und nichts später ergänzt oder korrigiert.

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FI-1951 / 2.August-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Die eindrucksvolle Berliner Aktion und ihre Lehren.

Amerikanische Fernseh-Demonstrationen auch in anderen europäischen
Ländern. - (Von unserem Berliner B.H.K.-Mitarbeiter)

Während unser Wgf-Mitarbeiter die Bedeutung des amerikanischen Fernseh-Vorstosses nach Berlin vornehmlich vom Standpunkt der Programmgestaltung würdigt, hebt unser B.H.K.-Mitarbeiter vor allem die technischen Besonderheiten und mögliche wirtschaftliche Auswirkungen der amerikanischen Fernsehschau hervor.

Ein eindrucksvoller Moment

Berlin, im August 1951. Es war ein unbestreitbar eindrucksvoller Moment, als am 13. August zum ersten Mal in Europa im britischen Pavillon des imposanten Berliner Messegeländes programmreifes Farbfernsehen in Sendung und Empfang zur Vorführung kam.

Nichts konnte die Bedeutung dieser Veranstaltung besser unterstreichen als die von Präsident Truman eigens für diesen Zweck verfasste Grußbotschaft, die von dem Direktor der Berliner HICOG-Abteilung, Howard P. Jones, vor der Kamera verlesen wurde und folgenden Wortlaut hatte:

"Ich ergreife die Gelegenheit der Eröffnung dieser Fernseh-Aussteilung in Berlin, um Ihnen meine Grüße auszusprechen. Die Herzen der freien Welt fühlen mit Ihnen. Unsere Wünsche und Gebete - wie die Ihren - gelten einer friedlichen Welt, die allen gleiche Chancen gibt. Die Marshallplan-Verwaltung hat diese Ausstellung organisiert, und die amerikanische Fernsehindustrie hat sie zusammengestellt, um Ihnen zu zeigen, wie freie Menschen zusammen für Frieden und Wohlstand wirken können. Das Fernsehen ist eine anerkennenswerte technische Leistung, aber diese Leistung wäre sinnlos, wenn sie uns nicht hilft, einander besser zu verstehen und uns in den Stand setzt, um eine bessere Welt zu ringen."


Die Spitzen der alliierten und deutschen Behörden, sowie Vertreter der ECA-Verwaltung in Washington gaben dem Eröffnungsakt den äusseren Rahmen - das Publikum nahm das technische Wunder mit heller Begeisterung hin.
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14 Tage Farbfernsehen in Berlin

Was 14 Tage hindurch in Berlin zu sehen war, war viel und - wenn man sich von verständlichen Sentiments frei zu halten vermag - anerkennenswert gut. Es war der letzte Stand der Fernsehentwicklung schlechthin, der hier an der Grenze der westlichen Welt ein allzeit kritisches Publikum fand.

Finanziert durch den Marshallplan, RCA und CBS

Als Träger der gesamten Demonstration fungierten unter dem Zeichen des Marshallplanes die Radio Corporation of America (RCA) mit ihrer Sendegesellschaft, der National Broadcasting Company (NBC), und das Columbia Broadcasting System (CBS). Es handelte sich dabei um zwei getrennte Sendebetriebe, deren einer, der unmittelbar von der RCA betreute Schwarz-Weiss-Dienst, mit zwei Kameras auf einer etwa 20m langen Freilichtbühne in der größten Parkanlage des amerikanischen Sektors arbeitete.

Fast 100 Empfänger an vielen Stellen

Das Programm ging über eine rund 350m entfernt aufgestellte Sendeanlage auf zehn im Park aufgestellte Empfänger, auf weitere 80 in Schaufenstern des ganzen Stadtgebietes installierte Geräte und auf zwei Großprojektionsanlagen, die ihre Standorte mehrfach wechselten. Alle Empfänger waren Tischgeräte des Typs "RCA Victor" mit 40cm-Bildröhre und Dreizehnkanal-Betrieb, die in den USA für 220 Dollar im Handel erhältlich sind. Die Wiedergabe war von bestechender Klarheit, Schärfe und Konstanz und vermochte restlos zufriedenzustellen, während die Bilder der Projektion, auf einen etwa 4,5 mal 5m großen Schirm geworfen, deshalb ein wenig an Schärfe verloren, weil ihre Vorführung nicht im geschlossenen Raum, sondern auf freien Plätzen erfolgte.

fast nur mit behelfsmässigen Antennen

Sehr bemerkenswert war, daß die meisten Geräte lediglich mit einer behelfsmässigen Antenne bzw. einem deutschen Dipol betrieben werden konnten; auch die Projektionsanlage arbeitete mit einem einfachen aufgesteckten Dipol.

Eine erste hochempfindliche Orthicon-Farbfernseh-Kamera

Die Farbfernseh-Halle der CBS zeigte im Mitteltrakt eine halbrunde 8m Bühne, auf der auch der gesamte technische Apparat wie Bild- und Tonsteuerung sowie das Kontrollpult aufgebaut war. Die Kamera wich völlig von den sonst üblichen Formen ab. Ihr Stativ bestand aus einem schlanken, etwa 2m hohen Fahrgestell, auf dessen Spitze wie bei einer Wippe ein schwenkbarer Metallrahmen ruhte, an dessen einem Ende - durch ein Gegengewicht ausbalanciert - die hochempfindliche Orthicon-Kamera befestigt war. Der Kameramann hat bei dieser Methode das Kamerabild nicht mehr unmittelbar vor Augen; seitlich neben der schwebenden Kamera stehend, bewegt er sie mittels kleiner Handgriffe und eines "Führungsknüppels", wobei die Orientierung lediglich über den auf der Bühne aufgestellten Kontroll-Bildschirm erfolgt.

2 amerikanische Farbsysteme konkurrieren

Dieses CBS-Verfahren, gegenüber dem noch in der Entwicklung befindlichen elektronischen als "mechanisches Farbfernsehen" bekannt, wurde im September vorigen Jahres von der "Federal Communications Commission" (FCC) zur Einführung zugelassen. Ein Protest der RCA, die an der elektronischen Methode arbeitete, wurde vom Obersten Bundesgericht der USA Ende Mai dieses Jahres abgewiesen, sodaß im Juni in New York vom Sender WCBS-TV ein regulärer Farbfernseh-Programmdienst aufgenommen werden konnte.

Das mechanische Farbfernseh-System

Die Handhabung ist relativ einfach: sehr schnell rotierende Filterscheiben in den Grundfarben Rot, Grün und Blau ergeben, unsichtbar vor Kamera und Bildröhre angeordnet, bei völlig synchronem Lauf ein farbiges Bild, wobei jeweils für den 144. Teil einer Sekunde das wiedergegebene Bild rot, grün oder blau erscheint. Der Nachteil, nur Röhren bis zu 30cm Größe verwenden zu können, ist - wie schon kurz erwähnt - überwunden, und zwar durch Benutzung eines rotierenden Farbzylinders, dessen Arbeitsweise in den Einzelheiten noch nicht erörtert werden kann.

Erstaunlich gute Wiedergabe

Die Wiedergabequalität ist bei beiden Ausführungen gleich und muß als zunächst zufriedenstellend bezeichnet werden. Die Farbe kommt, wie es im Dauerprogramm einwandfrei festzustellen war, bei natürlichen Produkten, wie beispielsweise Blumen, Obst und Gemüse, aber auch bei toten Gegenständen relativ echt, kann jedoch bei Menschen zur "kolorierten Verfärbung" führen, wenn nicht eine vorsichtige Schmink- und Ausleuchtungstechnik zur Anwendung kommt.

Obwohl die Übertragung im Kurzschlussverfahren erfolgte und daher keine restlos einwandfreie Beurteilung zuliess, kann man auch diese mechanische Methode gegenüber dem Schwarz-Weiß-Fernsehen als Fortschritt und voll verwendungsfähig bezeichnen.

Das Fernseh-Programm kam vom RIAS

Die gesamte Programmgestaltung wie auch eine gewisse technische Hilfestellung oblag dem RIAS als dem einzigen in Deutschland für Deutsche tätigen amerikanischen Rundfunksender.

Er entledigte sich dieser für ihn völlig neuartigen Aufgabe mit einer Bravour ohnegleichen und stellte für beide Sender ein bis zu sechsstündiges Programm auf die Beine, das keinen improvisierten oder versuchsmässigen Charakter mehr trug. Man ging bewußt davon aus, dem Publikum einen fertigen Fernsehdienst vor Augen zu führen. Künstler und Artisten aller Sparten wurden engagiert, aktuelle Reportagen eingefangen, Orchester und selbst Nachrichtensprecher vor die Kamera gestellt. Was nicht, wie bei den grossen öffentlichen Rundfunk-Sendungen "Mach mit! RIAS-Hörer raten Rätsel!" und "Schlager der Woche" auf der Freilichtbühne abzuwickeln war, wurde mittels einer Zentimeter-Verbindung auf 6962,5 MHz über eine Entfernung von rund 2,5km vom Titania-Palast, einem 2.000 Personen fassenden Kinotheater, zum Sender auf dem Schöneberger Rathaus, dem Sitz des regierenden Bürgermeisters, gegeben.

Ein Blick auf das Programm-Schema

Das wechselnde Programm wurde täglich in der Presse und über den RIAS veröffentlicht und hatte, einen beliebigen Tag herausgegriffen, folgendes Schema:

RCA (schwarz-weiß):

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  • 19.00 Ansprache des regierenden Bürgermeisters, Läuten der Freiheitsglocke;
  • 19.10 Buntes Programm;
  • 20.00 Nachrichten und Kommentar;
  • 20.15 Film;
  • 20.35 Turniertanz aus dem Titania-Palast;
  • 20.50 Film;
  • 21.00 Modenschau aus dem Titania-Palast;
  • 21.15 Film;
  • 21.30 Tanzorchester Werner Müller und Adolf Wreege;
  • 22.30 Buntes Programm;
  • 23.20 Kurznachrichten;

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CBS (farbig):

16.00-16.30 "0bst und Gemüse", eine farbige Schau; anschliessend ein buntes Programm mit Kurt Drabek und seinen Rhythmikern, Ilse Huelper (Gesang), dem Sunshine-Quartet und T.A. Rosee (Zauberkünstler). Wiederholungen 17.00, 18.00, 19.30 und 20.30 Uhr.

Filme von 16mm und 35mm Material

Soweit Filmmaterial gezeigt wurde, setzte sich dieses aus 16mm-Schmalfilm und 35mm Normalfilm zusammen. Bezeichnend für die erstaunliche Unkompliziertheit aller technischen Vorgänge war hier die Schmalfilm-Abtastung, bei der lediglich eine handliche Kleinkamera auf die Ablaufapparatur aufgesetzt wurde.

Eine RCA Sonderschau

Den linken Flügel der CBS-Halle hatte die RCA mit einer Sonderschau belegt, in der sie einen Überblick über ihre besonders markanten Entwicklungen gab. So zeigte sie hier neben der Fernseh-Mikroskopie ein übermannsgrosses Schaltgerüst eines handelsüblichen Fernsehempfängers, bei dem jeder Eingriff auf dem darüber angeordneten Bildschirm die entsprechende Reaktion auslöste - ein geradezu ideales Ausbildungsobjekt, dessen Herstellung allein 1.200 Dollar verschlang.

Neben dem unschlagbaren "RCA Victor 45"- Plattenspieler sah man ferner eine Zusammenstellung moderner Bildröhren, und zwar je ein 7", 10", 12" und 16"- Kineskop für Direktbetrachtung, ein Iconoscop, ein Vidicon, ein Orthicon und ein 5" Projektions-Kineskop. Große Beachtung fand auch in diesem Rahmen ein RCA-Serienempfänger in Glasgehäuse, der laufend das Schwarz-Weiss-Programm des Stadtsenders übertrug.

Die Demonstrationen haben einen großen Eindruck hinterlassen

Nun, es hieße Vogel-Strauß-Politik treiben, wollte man den Eindruck negieren, den diese Demonstrationen allgemein hinterlassen haben. Der letzte Stand der Fernsehentwicklung, verkörpert durch eine technische Ausrüstung im Werte von einer halben Million Dollar, kostenlos zur Verfügung gestellt von den beiden grössten Rundfunkorganisationen der USA, aufgebaut in fünf Tagen und betreut von 36 "eingefahrenen" Technikern, hinsichtlich Transport und Programmgestaltung finanziert von der ERP-Verwaltung - das alles sind Zeichen einer Initiative, die für das deutsche und, wie die Zukunft lehren wird, europäische Fernsehen nicht ohne Folgerungen und vielleicht auch nicht ohne Folgen bleiben werden.

"Massgebendste" Vertreter des NWDR und der deutschen Fernsehwirtschaft haben sich von der Selbstverständlichkeit amerikanischen Fernsehens überzeugen können, einer Selbstverständlichkeit, die die Öffentlichkeit nun auch von ihnen verlangt.

Fernsehen für die Menschen machen

Hunderttausenden Menschen, die jene Demonstrationen sahen, wird man mit harmlosen Vorführungen und Dauer-Versuchsreihen nicht mehr imponieren können. Sie werden auch mit dem Hinweis auf die reichen Mittel und Erfahrungen der Amerikaner kaum noch zu einer verständnisvolleren Beurteilung der letzten Endes doch recht verschiedenen Ausgangssituation beider Länder zu bewegen sein. Und sie empfinden dabei - will man es ehrlich zugeben - genau das, was auch in Berlin "Atmosphäre" machte: die jugendliche Unbekümmertheit Amerikas und die faszinierende "Modernität" des Fernsehens sind ein harmonisch-kraftvolles Gespann. - Es tat gut, wieder einmal bestätigt zu finden, daß Fernsehen niemals nur eine Sache von Tagungen, Ausschüssen und Verwaltungsexperten sein kann, sondern der aufgeschlossenen Freizügigkeit und des freudigen Elans echter Enthusiasten dringend bedarf.

Ein Blick auf die wirtschaftliche Seite

Anders steht es allerdings um die Auswirkungen wirtschaftlicher Art. Amerikanisches Fernsehen in Farbe und Schwarz-Weiss wird auch in anderen Städten Europas in Kürze vorgeführt werden. Grossbritannien vor allem wird dies mit gemischten Gefühlen vermerken und auch die Reaktion in Frankreich bleibt abzuwarten. Einige deutsche Fernseh-Wirtschaftler in Berlin sind an einer Zusammenarbeit sehr interessiert, besonders im Hinblick auf das Farbverfahren. Der Vorstoss der USA-Fernsehindustrie ist ein Tastversuch, der bei Feststellung ausreichenden Entgegenkommens zweifellos zu einer amerikanischen Einflussnahme auf die europäische Fernsehentwicklung zu führen vermag. Sie würde jedoch, wie einige an der Berliner Fernseh-Demonstration beteiligte amerikanische Experten andeuteten, höchstens die Form von Beteiligungen annehmen, über die dann jedoch ein Lizenzbau unter Umständen entscheidender Art zu ermöglichen ist. Wieder einmal stehen alle Wege offen - auch der zur ernsthaften Schaffung einer europäisdhen Fernsehgemeinschaft.

FI-1951 / 2.August-Ausgabe - Deutschland - Politische und wirtschaftliche Interessen bei den amerikanischen Fernseh-Vorführungen in Deutschland und in Europa.

Zwei Interviews der "Fernseh-Informationen" : Was CBS und ECA sagen.
(Von unserem Berliner B.H.K.-Mitarbeiter) Berlin, Ende August 1951 - Das Kapitel "14 Tage USA-Farbfernsehen in Westberlin" ist abgeschlossen. Die Schwarz-Weiss-Gruppe der ECA ist nach Kopenhagen weitergereist, das Farbfernseh-Team des CBS ging nach Zürich und Paris. In allen drei Städten werden Vorführungen kleineren Ausmasses, in Zürich beispielsweise nur medizinischer Art, stattfinden. Was bei Sendegesellschaften, Post, Industriefirmen, Handel und natürlich in der Technik einen Namen besitzt, war zu jenem Ereignis nach Berlin geeilt. Selbst das Ausland war, so durch den Chef des französischen und die Chefingenieure des britischen Fernsehdienstes, vertreten; aus der Ostzone sah man eine Gruppe der an der dortigen Entwicklung beteiligten Persönlichkeiten. Die Amerikaner waren dabei alles andere als zurückhaltend, sie gaben bereitwilligst Auskunft und erläuterten in improvisiert aufgezogenen Besichtigungen und Vorträgen laufend ihr Gerät.

2 wichtige Fragen

Verständlicherweise stehen nach Abschluss dieser bisher grössten auf deutschem Boden abgehaltenen Fernsehschau zwei wichtige Fragen im Vordergrunds das Farbfernsehen und der eigentliche Zweck der Aktion.

Dr.Peter Goldmark im Interview :

Wir haben in zwei Sonderinterviews mit Dr. Peter Goldmark vom Columbia
Broadcasting System (CBS), dem die Entwicklung des jetzt gezeigten mechanischen Farbfernsehens zu verdanken ist, und mit der Pariser Zentrale der ECA-Verwaltung, die für die Finanzierung und Organisation der Demonstrationen verantwortlich zeichnet, eine Klärung herbeigeführt, die für das deutsche Fernsehen von ausserordentlicher Bedeutung ist.

Dr.Goldmark, der Typ eines sympathischen, zurückhaltend- stillen "Entdeckers", war zur Aufstellung seiner Geräte für wenige Tage eigens nach Berlin gekommen. Er wies darauf hin, dass bereits seit 1940 an diesem Verfahren gearbeitet werde, und dass mit der kürzlich begonnenen Verwendung im regulären Programmdienst nicht nur eine generelle Anerkennung, sondern auch ein Qualitätsurteil verbunden sei.

Das CBS Farbfernsehen sei ausgereift

Das Verfahren sei, wie laufende Erprobungen in den USA immer wieder ergeben hätten, billig, zuverlässig, leicht zu handhaben und vor allem von grosser Farbtreue. Dennoch beschäftige sich auch CBS mit dem elektronischen Verfahren. Schon in allernächster Zeit würden - und das sei ein entscheidender Fortschritt - zu unwesentlich höheren als den jetzigen Preisen - Empfänger auf dem amerikanischen Markt erseheinen, bei denen beliebig von Schwarz-Weiss-Empfang auf Farbempfang und auch umgekehrt durch einfachen Druck auf einen Tastknopf umgeschaltet werden kann.

Europäische Vorurteil unbegründet

Im übrigen sei das "europäische Vorurteil" gegenüber dem gegenwärtigen CBS-Verfahren, das rein subjektiv schon in der Bezeichnung "mechanisch" läge, unbegründet. Eine besondere Anfälligkeit hätte sich nicht herausgestellt - dem Publikum wäre es auch gleich, auf welche Weise das Farbfernsehen zustandekäme, sofern es nur echt, billig, zuverlässig und "narrensicher" sei.

Zu der von Dr. Vogel, dem Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Presse, Film und Rundfunk vertretenen Auffassung, angesichts des deutschen Starts im Bundesgebiet und in West-Berlin gleich mit dem Farbfernsehen zu beginnen, äußerte Dr.Goldmark, er könne jene Meinung "nur als vernünftig" bezeichnen. Ihre Verwirklichung würde Deutschland einen grossen und letzten Endes mit kleinen Mitteln zu erreichenden Vorsprung geben, da die farbige Wiedergabe auf dem Bildschirm weitaus überzeugender als etwa beim Film eine Vervollkommnung darstelle und das Farbfernsehen, ob mechanisch oder elektronisch, ja auch praktisch verwendungsreif sei. Europäische, unter ihnen auch deutsche Interessenten hätten jedenfalls bereits mit dem Columbia Broadcasting System Verbindung aufgenommen.

Anmerkung der "Fernseh-Informationen":

Soweit die Ansichten Dr.Goldmarks, der verständlicherweise die Farbfernseh-Interessen des CBS vertritt ....

Im übrigen verlautet, dass das elektronische Verfahren - das echte Farbfernsehen, das unmittelbar farbige Impulse überträgt - wie es u.a. von der Radio Corporation of America (RCA), einem Konkurrenzunternehmen von CBS entwickelt wurde, bereits einen vorgeschrittenen Qualitätsstand erreicht hat. In absehbarer Zeit werden beide Verfahren zur Auswahl stehen. Dass man in den Vereinigten Staaten einem bestimmten System eine monopolartige Vorrangstellung einräumt, ist unwahrscheinlich. CBS versucht nun seit Monaten mit grossem Aufwand sein mechanisches Farbfernseh-Verfahren in USA durchzusetzen, wobei es auch dort auf starken Widerstand stösst. Gleichzeitig beschleunigt es aber auch seine Entwicklungsarbeiten für ein elektronisches Verfahren ...

Ob es in diesem Zwischenstadium CBS gelingen wird, ausreichende Lizenzinteressen für sein mechanisches Verfahren zu finden, bleibt abzuwarten. Für Europa dürfte das jedenfalls, wenn man einige spezielle Verwendungszwecke ausnimmt, kaum anzunehmen sein. Ende der Anmerkungen.

Die ECA-Verwaltung erklärt:

An den Absichten der grosszügigen amerikanischen Fernsehvorführungen ist deutscherseits viel gedeutelt worden. Blätter der Funkpresse und auch der NWDR Berlin glaubten allen Ernstes, "im Interesse des deutschen Fernsehens" die Totschweige-Taktik anwenden zu müssen. Die ECA-Verwaltung in Paris, die im Verein mit der ECA-Sondermission für die Bundesrepublik Träger der Aktion war, erkannte diese Ressentiments erst spät. In einem Interview mit dem Berliner Vertreter der "Fernseh-Informationen" brachte sie schliesslich zum Ausdruck, dass ihr Leitgedanke lediglich die Vorführung amerikanischen Fernsehens, wie es jenseits des Atlantik bereits zum Alltag gehört, gewesen sei. Dabei seien für Berlin natürlich auch politische Gesichtspunkte, im Übrigen aber die Aspekte einer Anregung und Stärkung der europäischen Entwicklung auch auf diesem politisch, kulturell, wirtschaftlich und technisch wichtigen Teilgebiet massgebend gewesen. Wenn sich speziell wirtschaftliche Verbindungen ergäben, so sei das allein Sache der beteiligten Firmen.

Auf jeden Fall könnten derartige Demonstrationen nicht nur zu einem lebhaften Gedankenaustausch und damit besserem Verständnis führen, sondern auch den Absatzbemühungen der nationalen Industrie gute Voraussetzungen schaffen.

Eine verpasste Chance in Berlin !

Als Beweis ihrer reellen Absieht wurden die Leiter der beiden Sendebetriebe noch am vorletzten Vorführungstag veranlasst, einem Sprecher des deutschen Fernsehens einige Minuten Sendezeit zur Verfügung zu stellen, die dieser zu einer sinnvollen Werbung für den kommenden deutschen Start hätte benutzen können. Der Wert einer solchen Möglichkeit ist klar: im Rahmen einer 15stündigen Programmzeit hätte man bei Tausenden, die im ganzen Weichbild der Stadt gebannt auf die Bildschirme, Projektionsflächen und Sendebühnen schauten, eine wirkungsvolle Brücke zwischen jener Demonstration und dem deutschen Fernsehstart schlagen können. Man hätte - welch illustre Chance! - mit amerikanischem Fernsehen für das deutsche Fernsehen werben können. Es ist fast beschämend eingestehen zu müssen, dass zur Übernahme dieser wichtigen Aufgabe geeignete Persönlichkeiten in den 51 Stunden jenes Wochenendes weder bei der Stadtverwaltung noch beim NWDR-Berlin, der Industrie oder dem Fachhändlerband greifbar waren!

Es soll dennoch ein deutsches Fernsehen werden

Nun, der ausgeprägte Geschäftssinn des Amerikaners wird bei jener etwas zu ideell gefärbten Motivierung der ECA gewiss nicht zu kurz kommen. Dagegen wird bei Wahrung selbstverständlicher Voraussetzungen auch niemand etwas einwenden können, am wenigsten diejenigen deutschen Grossfirmen, die freundschaftliche Fühlung erstrebten und auch herzustellen vermochten.

Sicher: Fernsehen in Deutschland soll und muss ein deutsches Fernsehen sein. Aber es darf sich, ob auf der Seite der Sendung oder der Wirtschaft, getrost die positiven Züge "der Anderen" zunutze machen. Vor allem aber ist es an der Zeit, zugunsten einer Vertrauens- und kraftvollen Zusammenarbeit der gegensätzlichen Disharmonie ein Ende zu bereiten, mit dem das deutsche Fernsehen in seiner Gesamtheit noch immer oder schon wieder belastet ist.

FI-1951 / 2.August-Ausgabe - Deutschland
Keine weitere Verzögerung des Fernsehens in Westdeutschland.

Feststellungen der Fernseh-Kommission der Rundfunkanstalten.
Frankfurt, Mitte Aug. 1951 - Die Fernsehkommission der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik hat ihre Informationsreisen nach Frankreich, England und den Vereinigten Staaten beendet. Ihre Mitglieder - Intendant Eberhard Beckmann (Frankfurt), Prof.Dr. Carl Haensel (Baden-Baden) und Prof.Dr.Ing. Werner Nestel (Hamburg) - hatten Gelegenheit, in diesen Ländern, die bereits einen ausgedehnten Fernsehbetrieb besitzen, die Fernsehprobleme nach ihrer programmlichen, juristischen, wirtschaftlichen und technischen Seite eingehend zu studieren und alle vorliegenden Erfahrungen zu sammeln. Die Ergebnisse sollen nun dem im Aufbau befindlichen deutschen Fernsehen zugute kommen.

Kompatible Farbfernsehsysteme in Sicht

Schon jetzt kann gesagt werden, dass der bisher in Deutschland eingeschlagene Weg richtig ist, mit dem Schwarz-Weiss-Fern-sehen zu beginnen und die technische Weiterentwicklung des Farb-Fernsehens abzuwarten. Die Kommission sieht sich zu dieser Feststellung berechtigt, da bereits Farbfernseh-Systeme bekannt geworden sind, die eine Weiterbenutzung von vorhandenen Schwarz-Weiss-Empfangsgeräten gestatten. Der Besitzer eines Schwarz-Weiss-Empfangsgerätes würde also später, wenn ein solches Farbfernseh-System zur Einführung käme, Ausstrahlungen nach diesem System weiter in Schwarz-Weiss empfangen können.

Farbfernsehen ja, aber S-W kompatibel

Die Kommission hält einen kürzlich wieder in der Öffentlichkeit erörterten vorläufigen Verzicht auf das Fernsehen in Deutschland bis zum Abschluss der Farbfernsehentwicklung für falsch. Nach Ansicht der Kommission bedarf ein ausreichendes Farbfernsehverfahren noch mehrere Jahre der Entwicklung. Weder in Frankreich noch in England wird gegenwärtig schon ein farbiges Bild ausgestrahlt. In Amerika bringt von 107 Fernsehsendern nur ein einziger in einem Bruchteil seiner Sendezeit farbige Bilder nach einem System, das bisher nicht die von der Fernsehkommission für notwendig gehaltene Weiterbenutzbarkeit der vorhandenen Schwarz-Weiss-Empfänger ermöglicht. Das jetzt in Deutschland begonnene Fernsehen schliesst die spätere Ausdehnung auf farbige Programme nicht aus.

Nachtrag :

Diese Feststellung wiederholt noch einmal die Argumente, die am 12. März 1951 bereits dargelegt worden sind (vergl. "Fernseh-Informationen" 2.März-Ausgabe). Es ist zu hoffen, dass mit der leider notwendig gewordenen erneuten Veröffentlichung ein Schlußstrich unter Diskussionen gezogen wird, die unsere Fernsehentwicklung nur stören könnten.

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