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überarbeitet von Gert Redlich ab Feb. 2014 - Eigentlich sprechen wir von einer Gazette - Es sind gigantische Textmengen (Buchstaben-Wüsten), die die Autoren der "FI" in den 58 Jahren zusammen getragen haben. Damit das überhaupt vernünftig zu lesen ist, haben wir die Inhalte in jährliche Themengebiete aufgeteilt, die aber nicht in jedem Jahr gleich sind.
Sehr wichtig ist, es wurden alle Informationen, die Texte und die Erkenntnisse genau in der Woche aufgeschrieben und nichts später ergänzt oder korrigiert.

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FI-1951 / 2.Juli-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Der NWDF vor grossen Herbstaufgaben.

Schöpferische Pause oder ungenützte Zeit? (Von unserem Hamburger Mitarbeiter) Wg-f. Hamburg, Ende Juli 1951

Der NWDF hat jetzt genau zwei Monate lang keine Fernsehprogramme ausgestrahlt. Die technische Umstellung auf die neue Wellenlänge von 1,5m nimmt längere Zeit als vorausgesehen in Anspruch; ausserdem will man im Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld den Bildsender sehr sorgsam ausprobieren, damit später nicht noch einmal Unterbrechungen eintreten.

Der Tonsender ist übrigens noch nicht fertiggestellt, auch hier ist eine Ursache der Verzögerungen! Wahrscheinlich können die Sendungen erst Mitte August wieder aufgenommen werden.

Das ist eine lange Pause, und man fragt sich mit einiger Besorgnis, wie sie sich wohl auswirken wird. Wir haben nichts davon gehört, daß z.B. die das Programm gestaltenden Mitarbeiter in diesen Wochen erzwungener Muße intensiv theoretisch mit Fernsehfragen befasst worden sind. Oder daß besondere Versuche gemacht wurden, die bei einem laufenden Programmdienst zeitraubend sein würden. Dabei erwartet den NWDF in den nächsten Monaten eine Fülle von Aufgaben, die nicht leicht zu bewältigen sein werden.

Fernseh-Vorführungen in Bonn und Berlin geplant

Über eine Fernsehvorführung in Bonn sind noch keine Daten bekannt; wahrscheinlich dürfte diese Demonstration auch nur einige Tage beanspruchen. Sie ist ohne Zweifel sehr wichtig; es bleibt zu fragen, ob man sie nicht zeitlich etwas verschiebt.

Denn schon Anfang Oktober wird ein Teil der Hamburger Fernsehkräfte auf mindestens drei Wochen nach Berlin zur "Deutschen Industrie-Ausstellung" abwandern, um dort täglich einen mehrstündigen Programmdienst zu gestalten. Die entsprechenden Absprachen mit der kleinen NWDR-Gruppe in Berlin, die bisher wöchentlich einmal interne Versuche unternahm, sind getroffen und es ist eine befriedigende Lösung in personeller und finanzieller Hinsicht gefunden.

Diese Vorführungen dürfen in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden, es gilt sie sorgsam vorzubereiten. Die Bundespost hat bereits erstaunliehe Fortschritte beim Bau ihrer Dezi-Brücke nach Berlin erzielt, sodass hier die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit gegeben sein dürften. Vielleicht kann sich aus den Vorführungen in Berlin auch für die Zeit nach der Ausstellung eine sehr interessante Verbindung Berlin-Hamburg z.B. für den Austausch aktueller Sendungen ergeben.

Der Aufbau eines Programm-Dienstes

Man wird nicht annehmen dürfen, daß für die Zeit der Industrieausstellung vom 6. bis 21. Oktober der Programmdienst in Hamburg eingestellt wird. Es sind durchaus Möglichkeiten vorhanden, ihn mit einigem Geschick und guten Einfällen weiterzuführen, zumal wenn jetzt einige Vorbereitungen getroffen werden. Die Funkindustrie wird in Berlin ihre ersten Fernsehempfänger ausstellen; wenn sie zum Herbst die ersten Kleinserien auf den Markt bringt, dann wird auch sie Wert darauf legen, daß den Käufern ein ansprechendes Programm geliefert wird. (Wobei über den Inhalt sicher einige Meinungsverschiedenheiten bestehen werden.)

Der NWDF müsste sich also - und zwar nicht zu langsam - mit dem Gedanken vertraut machen, seine dreimal wöchentlich stattfindenden Sendungen in einen täglichen Programmdienst umzuwandeln. Es ist gleichgültig, ob eine auch noch so geringe Zuschauerzahl einen täglichen Dienst rechtfertigt oder nicht. Es handelt sich einfach darum, daß der NWDP einen "Programmdienst als ob" aufbaut und in Gang setzt, bis er reibungslos und gut geölt läuft und allen kommenden Anforderungen von vornherein gewachsen ist.

Man wird erwarten können, daß monatlich mindestens ein großes Fernsehspiel und einige Kurzszenen dargeboten werden müssen. Das erfordert eine ausserordentlich ausgeklügelte und intensive Probenarbeit in den unzureichenden Räumen und ein weites Disponieren.

Die Schaffung einer Fernseh-Intendanz

Wie wir hören, soll der bekannte Spielleiter Otto Kurth (Gründgensschüler und seit langem auch als Hörspielregisseur des NWDR bekannt), der soeben einen Fernsehkursus bei der BBC absolviert hat, zum NWDF als Regisseur kommen. Das bedeutet sicher eine Entlastung für Hanns Farenburg, aber entscheidender wird doch die Präge sein, ob der NWDF nicht eine "echte" Intendanz bekommen soll. Bisher werden die Geschäfte vom Programmdirektor mit wahrgenommen, das wird auf die Dauer nicht möglich sein.

Gleichgültig, welchen tatsächlichen Umfang der Programmdienst hat, er erfordert eine volle Arbeitskraft an seiner Spitze. Es sind Erwägungen über diese Frage im Gange; man wird annehmen müssen, daß - nach der öffentlichen Ausschreibung für den Intendantenposten des NWDR - Hamburg - logischerweise auch eine solche Ausschreibung für den gleichen Posten beim NWDF erfolgen müsste. Von einer baldigen Entscheidung hängt mehr ab, als es auf den ersten Blick scheint. Nach der bisherigen Personalpolitik kann man sagen, daß die Spitze des NWDF mit ausgesprochen künstlerisch interessierten Persönlichkeiten besetzt ist. Man wird beobachten,ob diese Linie weiter eingehalten werden soll.

Die Finanzierung der Fernseh-Aufgaben

Gewiss spielen bei solchen möglichen Planungen auch die finanziellen Fragen eine Rolle. Der NWDF hat den Senderbau angepackt, um möglichst große Gebiete für das Fernsehen zu erfassen. Das erfordert große Investierungen auf dem technischen Sektor; bleibt da genügend Geld für den Programmbetrieb?

Es wäre falsch, wenn man diese Frage in dieser Form stellen würde. Es müssen für beide ausreichende Mittel zur Verfügung sein; sie wären es auch, wenn sich der NWDR entschliessen könnte, die für den Kulturfond ausgeworfenen Mittel dem Fernsehen zuzuleiten. Die Gelder würden dann nicht als Subvention, sondern als echte Aufträge, die der Fernsehrundfunk vergibt, den Ländern zufliessen. Eine Schätzung ergibt, daß z.B. der NWDF durchaus in der Lage wäre, innerhalb eines Jahres der Hanse-Stadt Hamburg den gleichen Betrag, den sie aus dem Kulturfonds erhält (nämlich 380.000 DM) über Honorare an Künstler, Autoren usw. zukommen zu lassen.

Auch rein satzungsgemäss lässt sich der Kulturfond, der aus Übersehüssen(!) seine Mittel erhält, nicht verantworten; der Verwaltungsrat und nötigenfalls der Hauptausschuss des NWDR müssten automatisch eine Ausschüttung ablehnen - bisher haben sie sie jedoch gerade bewilligt. Ehe das Fernsehen nicht ausreichend finanziert ist, können gar keine Überschüsse entstehen. Der Rundfunk ist zum Mäzenatentum verpflichtet, ohne jeden Zweifell handhabt er es jedoch falsch, dann verstösst er gegen die Satzungen, die im Interesse des Hörers aufgestellt worden sind. Und der Hörer ist eine höhere Instanz als der Rechnungshof.

FI-1951 / 1.September-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Der Neuaufbau des deutschen Fernsehens.

Ein Jahr Wegbereitungs- und Versuchsarbeit des NWDF. Wgf. Hamburg, Mitte September 1951

Am 25. September 1950, vor einem Jahr also, hielt der NWDR eine Pressekonferenz ab, auf der er zum ersten Mal ein Fernsehprogramm (unmittelbare Sendungen und Filmstreifen) vorführte. Der Vorsitzende des Verwaltungsrats, Prof.Dr.E. Dovifat , erklärte zu Beginn der Sendungen: "Namens des Nordwestdeutschen Rundfunks eröffne ich dessen Fernseharbeit. Es werden in der Technik, in der Sendung und im Programm Versuchsarbeiten sein, die nun beginnen, Erprobungen und Entwicklungen, von denen wir hoffen, dass sie dem gesamtdeutschen Rundfunk zugutekommen."

Was hat sich von diesen Hoffnungen erfüllt?

Kann man heute eine Bilanz über ein Jahr Fernseharbeit ziehen und wie wird sie ausfallen? Es ist zunächst sachlich festzustellen, dass ein Fernsehsender in Hamburg arbeitet, der gerade vor kurzem von 250 Watt auf 1kW verstärkt worden ist. In Berlin macht eine Strahlungsanlage der Bundespost Versuchssendungen; eine Fernsehbrücke von der Westzone nach Berlin ist im Bau. Es liegen Planungen für weitere Sender vor (Langenberg, Köln, Hannover), ferner von der Bundespost der Bau einer Fernseh-Dezistrecke, aber genaue Termine für den Ausbau sind noch nicht zu erfahren. Vielleicht können die Pläne als Tatsachen beim nächsten Jahresrückbliek verzeichnet werden.

Hamburg hat bereits viel Technik bekommen

In Hamburg sind mehrere Fernsehkameras in Betrieb genommen, desgleichen Filmabtastgeräte und neuerdings - sehr zu begrüssen - ein Übertragungswagen, der jetzt seinen ersten Erprobungen unterworfen wird. Die Beleuchtungsanlagen genügen den derzeitigen Erfordernissen, desgleichen die akustische Ausrüstung, während leider das dringend notwendige Mischpult noch fehlt.

Der NWDF verfügt bis heute nur über einen einzigen Senderaum, der viel zu klein ist; er wird neuerdings nur mühsam durch einen grösseren Probenraum entlastet. Das ist eine Bilanz, die besonders die Programmgestalter schwer bedrückt. Denn hier ist ein wesentlicher Ausgangspunkt für eine unzureichende Programmentwicklung, die vor allem räumlich bei allen grösseren Experimenten gehemmt war. Es wurde zwar angekündigt, dass in Hamburg-Lockstedt ein Fernsehhaus gebaut werden sollte, aber bisher ist noch nicht einmal der Grundstein für dieses Vorhaben gelegt worden.

Gewiss, es haben immer neue Überprüfungen für diese recht hohe Investierung stattgefunden, und das ist auch richtig; es scheint jedoch, dass aber auch die ersten Pläne stark beschnitten worden sind und die finanziellen Mittel nur zögernd ausgeworfen werden. Es wird also kaum vor einem weiteren Jahr damit zu rechnen sein, dass der Programmdienst ausreichenden Platz erhalten wird. Hier ist viel nachzuholen...

Mängel auf dem Programmgebiet

Nachzuholen ist auch manches auf dem Programmgebiet. Wenn vor einem Jahr erwähnt wurde, dass sich der NWDR in seiner Fernsehpolitik nicht drängen lassen wolle, so muss zunächst betont werden, dass die mahnenden Stimmen sich ausschliesslich auf eine Frage bezogen: da die Bilder technisch gut sind, ist es notwendig, auch die Programminhalte dieser Güte anzupassen. Die Ingenieure hatten jahrelang Zeit, ihr Gebiet zu entwickeln und es in einer bemerkenswerten Vollkommenheit dann der Öffentlichkeit zu übergeben. Die Programmgestaltung steht, obzwar sie auf gewisse Erfahrungen aus dem früheren deutschen Fernsehen und des Auslandes zurückgreifen konnte, doch vielfach vor Neuland, das erst experimentell zu erschliessen ist.

Die Sorge drängte sich auf, dass hier eine für die Einführung des Fernsehens auf breiterer Basis höchst unerwünschte Disharmonie zwischen Technik und Programm entstehen könnte. Es darf kein Monat, keine Woche verloren gehen, um die Programmgestalter zu schulen und Programmstoffe bereitzustellen. Dies allein war der Sinn der Presseveröffentlichungen, der lange missdeutet worden ist.

Ein Lob über das Programm von Heute (Anmerkung Sept. 1951!)

Kann man überhaupt heute schon eine Bewertung des Programms vornehmen? Wir haben an rd. 75 Abenden (etwas über 150 Stunden) etwa 400 Einzelsendungen gesehen, darunter eine ganze Reihe von Filmstreifen, die aus der Wertung ausgenommen werden müssen.

Die bemerkenswerteste Darbietung war zweifellos die Übertragung der Eröffnung der Landwirtschaftlichen Ausstellung, eine gute aktuelle Fernsehsendung, die mit den einfachsten Mitteln durchgeführt wurde. Wir heben noch das "Vorspiel auf dem Theater" hervor, zwar kein "echtes" Fernsehspiel, aber eine sehr gute Regieleistung von Hanns Farenburg. Bemerkenswert die belehrenden Sendungen von Dr. Fehse (Mikroaufnahmen), gut die Vorträge von Prof. Zylmann und Grundmann, eine Reihe von Interviews (Roland, Mentzel, Rieschel) waren über dem Durchschnitt, desgleichen Teile von bunten Abenden. Erfreulich in ihrer frischen Art die Kinderstunden von Ilse Obrig, die allerdings noch die letzte Fernsehform finden müssen.

Viel mehr bleibt kaum an Höhepunkten zu verzeichnen. Bei allem muss erwähnt werden, dass jede Sendung die Hand des erfahrenen Farenburg spüren lasst, der längst mehr Programmleiter als Oberspielleiter geworden ist. Mit ihm zusammen haben sich auf dem technischen und Verwaltungsgebiet Dr. Below und H.J. Hessing und ihre Mitarbeiter um den Aufbau verdient gemacht.

Von der kleinen Gruppe in Berlin

Ein Wort soll noch von der kleinen Berliner Gruppe des NWDR gesagt werden, die - von sich aus, ohne alle Mittel und ohne viel Worte, - kleine Fernsehversuche machte und sich damit eine Sicherheit aneignete, die sie in Kürze auf der Industrie-Ausstellung in Berlin unter Beweis stellen muss. Wenn diese anzuerkennende Privatinitiative sich einmal gleich gut bei einer Programmzusammenarbeit auswirkt, dann kann dies Beispiel für alle anderen Fälle Vorbild sein.

In der Summe noch nicht befriedigend

Rückblickend eine nicht sehr starke Bilanz; es blieb zu wenig Zeit für den Programmaufbau, allein die Umbauten nahmen zu viele Wochen in Anspruch. Es galt auch eine ganze Reihe von Schwierigkeiten in der NWDR-Leitung zu überwinden, ehe sich der Fernsehgedanke durchsetzte. Im Verwaltungsrat war man sich der grossen Aufgabe durchaus nicht von Anfang an bewusst, und nur wenige positive Stimmen gab es, die mühsam andere gewinnen mussten. Dabei hält der Einwand, dass nur unzureichende Mittel vorhanden seien, keiner sachlichen Prüfung stand.

Wird der Übeschuß verschwendet ?

Der NWDR hat eine Million Schwarzhörer gewonnen - da liegen Mittel für das Fernsehen. Er wirft aus nicht vorhandenen Überschüssen Gelder für den Kulturfond, entgegen den Satzungsbestimmungen aus - da sind weitere Millionen. Beispiele von Fernsehentwicklungen im Ausland sind ohne ausreichende Prüfung als Argumente gegen bestimmte deutsche Planungen verwendet worden - das lässt auf wenig Sorgfalt bei der Betrachtung des Gesamtproblems schliessen.

Ein Jahr fast ohne Konzeption ?

Es fehlte - und das muss deutlich gesagt werden - in der Leitung an einer Konzeption, die wir z.B. in Kreisen der Rundfunkindustrie gefunden haben, gleichgültig, ob man ihr in allen Punkten folgt oder nicht. So wurde vieles eher verzögert als gefördert. Man muss diese Feststellungen rückblickend einmal treffen, selbst wenn sich in der letzten Zeit ein Wandel der Ansichten abzeichnet.

Es ist z.B. zu begrüssen, dass das Fernsehen nicht als Teil in das starr werdende Verwaltungsgefüge des NWDR eingebaut ist, sondern eine Art Eigenleben führen darf. Das muss auch in Zukunft so bleiben. Notwendig ist jedoch, dass es in seiner Spitze unter die Verantwortung einer vollen Arbeitskraft gestellt wird. Allein dadurch würde schon verhindert, dass einmal gefasste Beschlüsse immer wieder erneut bestätigt werden müssen, wie wir es mehrfach erlebten.

Die positive Seite der Bilanz

Eine sehr positive Seite der Bilanz darf jedoch nicht übersehen werden. Es ist das unzweifelhafte Verdienst des NWDR, dass er als erster den Fernsehgedanken in Deutschland wieder aufgegriffen hat, - Prof. W. Nestel war es, später von Dr. W. Pleister unterstützt -, und ihn trotz schwankenden und zum Teil hemmend beeinflussten Entwicklungstempos in die Tat umsetzte. Er hat damit viele Anstösse gegeben, deren erste Auswirkungen auch in anderen Sendebereichen festzustellen sind. So kann man in der Fernsehkommission, ohne ihr bisheriges Wirken zu überschätzen, Ansätze sehen, die zu einem westdeutschen Fernsehrundfunk führen können, auch wenn enges Denken in Belangen und Sendekreisen noch überwunden werden muss.

Wir brauchen weniger Plakat und mehr Inhalt

Keiner hat das Recht, von einem europäischen Fernsehgedanken zu sprechen, ehe eine deutsche Konzeption vorhanden ist. Bezeichnungen wie "Fernseh-Sammelschiene" usw. können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie mehr Plakat als Inhalt bedeuten. Die westdeutschen Rundfunkgesellschaften können dem NWDR garnicht genug dafür dankbar sein, dass er die Last des Versuchsbetriebes auf sich nimmt; man darf gespannt sein, ob die anderen Rundfunkanstalten wenigstens den Vorteil für sich sehen werden, beim NWDR Erfahrungen zu sammeln. Aber auch hier ist noch sehr, sehr viel zu tun!

Es soll auch dankbar festgestellt werden, dass es allein der NWDR war, der im vergangenen Jahr z.B. in der Frage der Zeilenzahl fest geblieben ist. Weder Überredungskünste, noch mehr oder minder sanfter Druck, weder diplomatische Schritte noch andere Einflüsse haben ihn von dieser Linie fortführen können. Eine solche Stabilität könnte sich auch auf anderen Gebieten fruchtbar auswirken.

Die ersten Fernsehgeräte kommen

Die Industrie meldet mit Abschluss des ersten Fernsehjahres, dass ihre Kleinserien auf den Markt kommen werden. Wir müssen Güte und Preise abwarten; es wird sich zeigen, ob ihr anfänglich zum Teil recht zögerndes Verhalten durch die Leistungen aufgehoben wird. Es ist zweifellos im Stillen, ja im Verborgenen viel gearbeitet worden.

Man sieht auf das erste Fernsehjähr nicht ohne Bedenken zurück; und doch ist man bereit, sie unter einem Gesichtspunkt zurückzustellen: wenn diese Ansätze nunmehr systematisch, großzügig, wohlüberlegt und weitgreifend gefördert werden, dann war die Änlaufszeit nicht verloren. Weder für den NWDR, noch für das westdeutsche Fernsehen, das als Endziel vorschweben muss.

FI-1951 / 2.Sept + 1.Okt.-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Die Fernseh-Gestaltung des NWDR.

Für die nächsten drei Jahre Zuschussbetrieb
Das Fernsehen wird noch in den nächsten 2 bis 3 Jahren für den Rundfunk ein Zuschussgebiet sein. Wir im NWDR vertreten die Auffassung, dass wir nur eine Vorschussarbeit für das gesamtdeutsche Fernsehen leisten können und dürfen. Absprachen mit den anderen Rundfunkanstalten müssen daher fortgesetzt werden. Das Fernsehen in der Bundesrepublik wird nur dann einen hohen Standard vom Programm her erreichen, wenn alle darauf gerichteten Bemühungen von Anfang an planvoll zusammengefasst werden.

Heranbildung von Mitarbeitern

Die Hauptarbeit der vergangenen 10 Monate war für den NWDR die Schulung aller derer, die für das Zustandekommen einer Fernsehsendung notwendig sind. So wie alle technischen Geräte neu entwickelt und hergestellt wurden, mussten auch alle Mitarbeiter des Programms und der Technik neu geschult werden. Diese Arbeit war schwerer, als man es sich vorgestellt hatte.

Da ist z.B. das Problem der schnellen Reaktionsfähigkeit. Der Fernsehtechniker muss zwei Sekunden schneller schalten als der Filmtechniker. Er muss eine ganz andere Sicherheit haben als der Filmtechniker, der die Möglichkeit der Wiederholung hat. Oder nehmen wir das Beispiel des Bildmischers, der am Mischpult tätig ist. Für diesen Beruf gibt es auf dem Arbeitsmarkt keine Angebote. Der NWDR muss also auch hier Schulungsarbeit leisten.

Bei dem Mangel an jeder Erfahrung auf diesen Gebieten kann man daher auch nicht erwarten, dass der NWDR bereits im Laufe von 10 Monaten eine vollständig durchtrainierte Mannschaft, die allen Situationen gewachsen ist, heranbilden konnte.

Völlig neue Technik

Wenn der NWDR nun bereits den Versuch unternehmen kann, in Berlin ein ganztägiges Programm zu gestalten, so ist das schon ein gutes Ergebnis der bisherigen Arbeit. Fast alle technischen Einrichtungen mussten in der Versuchsarbeit entwickelt werden. Es stecken ausserordentlich viel negative Erfahrungen in den nunmehr erprobten Konstruktionen. Diese Entwicklungsarbeit brauchte Zeit und nochmals Zeit.

Fahrbares Studio

Der NWDR hat sich nicht damit begnügt, sich einen Übertragungswagen zu schaffen, mit dem aktuelle Ereignisse aufgenommen und auf den Sender gegeben werden können. In dem Studiowagen des NWDR-Fernsehens ist die volle Einrichtung eines Studios eingebaut. Neben der Magnetofonanlage steht eine doppelte Vorführungsapparatur, von der aus sämtliche Filme in unbegrenzter Länge abgespielt werden können. Im Studiowagen steht dem NWDR-Fernsehen auch ein Mischpult zur Verfügung, mit dem die künstlerische Gestaltung der Bildübergänge, die sogenannte Überblendung, die den eigentlichen Reiz des Fernsehens ausmacht, vorgenommen werden kann. Bei den bisherigen Studioversuchen ohne Mischpult mussten harte Übergänge durch Umschaltung von einer Kamera auf die andere in Kauf genommen werden. Die Arbeit am Mischpult wird der NWDR zum ersten Mal in Berlin praktisch demonstrieren können.

Neubau eines grossen Fernsehstudios in Hamburg

rbg. Hamburg, Ende September 1951
Mit dem Bau eines ersten Fernsehstudios in Westdeutschland beginnt der NWDR zurzeit in Hamburg-Lokstedt. Vorgesehen ist ein Studiogebäude, das 1.100qm Fläche bedecken wird. Ein viergeschossiger Bau wird an der Strassenfront Räume für Schauspieler, Techniker und Hilfspersonal aufweisen, an die sich die Studiohalle mit 670qm Bodenfläche und einer lichten Höhe von 12m anschliessen wird. An der Querfront der Studiohalle im zweiten Obergeschoss des Gebäudes wird der Regieraum so eingebaut, dass man von ihm aus das gesamte Studio zu überblicken vermag. Der ganze Bau wird in Stahlbeton errichtet. Die Bauzeit für den Rohbau ist auf ein Jahr berechnet. Da dann noch weitere Zeit für den Einbau der technischen Einrichtung erforderlich wird, ist etwa Ende 1952 / Anfang 1953 mit den ersten Fernsehsendungen aus diesem Studio zu rechnen.

Die Bauplanung ist so gehalten, dass ein weiterer An- und Ausbau im Bereich des Möglichen liegen. Falls der Verwaltungsrat des NWDR im nächsten Etatjahr in der Lage ist, entsprechende Mittel zu bewilligen, können zwei weitere Studiohallen von gleicher Grösse und ein zentraler Schalt- und Kontrollraum angebaut werden.

Die Zukunftsplanung sieht auch den Bau eines 40m hohen Betonturmes vor, über den die Aufnahmen aus den Studios direkt an die Fernsehbrücke nach Berlin und Hannover/Köln weitergeleitet werden können.

Die gesamte Anlage liegt in einem landschaftlich sehr reizvollen Gelände mit schönem alten Baumbestand und in der Nähe von Hagenbecks Tierpark, sodass für manche Fernsehspiele eine gute Naturkulisse und auch ein entsprechender Tierbestand vorhanden sind.

Fünf NWDR Fernseh-Sender für 1952

Hamburg, Ende September 1951 - Für das Jahr 1952 plant der NWDR die Errichtung von vier eigenen Fernseh-Sendern. Je ein 10kW-Fernsehsender wird in Hamburg und in Langenberg stehen. Dazu werden Köln und Hannover je einen kleineren, sog. Stadt-Sender (1kW) erhalten. In Berlin wird der NWDR in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundespost einen fünften Fernseh-Sender betreiben. Weitere Entscheidungen über Ort oder Zeit für die Errichtung zusätzlicher Fernseh-Sender sind bisher noch nicht getroffen.

FI-1951 / 2.Sept + 1.Okt. - Ausgabe -
WIR SAHEN und HÖRTEN - neuer NWDR Intendant

Der Generaldirektor des NWDR Dr.h.c. Adolf Grimme hat den Schriftsteller und Rundfunkautor Ernst Schnabel zum Intendanten des NWDR in Hamburg berufen. Von 1946 bis 1949 gehörte Schnabel dem MWDR zunächst als Chefdramaturg und dann als Hauptabteilungsleiter "Wort" an. Gleichzeitig werden die beiden Intendanten Hanns Hartmann,Köln, und Ernst Schnabel zu gleichberechtigten Direktoren in der Generaldirektion des NWDR ernannt. Mit der Berufung des jetzt 39jährigen Schriftstellers Ernst Schnabel dürfte auch eine Aktivierung der Programmgestaltung und der Beginn einer Reform der Verwaltungspolitik des NWDR verbunden sein. Mit dem Amtsantritt von Dr. Grimme hatte Schnabel 1949 als Leiter der Hauptabteilung "Wort" als erster den NWDR verlassen, weil er damals mit Dr. Grimme nicht einer Meinung war. Dr. Grimme hat es jedoch nie an Verständnis für die Gründe des Ausscheidens Schnabels aus dem NWDR fehlen lassen, und heute herrscht nach den Erklärungen Schnabels zwischen beiden wieder eine volle Meinungsübereinstimmmig.

"Wird Grimme den Schnabel halten können?" fragten besorgte, witzige Kommentatoren, als die Frage der Berufung des neuen Intendanten erörtert wurde. Man sieht, Dr.Grimme konnte ihn halten .....

FI-1951 / 2.Okt.-Ausgabe
Der grosse Fernseherfolg des NWDR in Berlin.
Größere Selbständigkeit für den Fernsehfunk

Die Ausstellungstage haben weiter den eindeutigen Beweis erbracht, daß nur mit einer aufeinander eingespielten Mannschaft, die schon über Erfahrungen verfügt, ein Programmdienst durchgeführt werden kann. Sie sollte durch erprobte Kräfte verstärkt werden, die noch vorhanden sind; daneben ist - und auch das ist bisher vernachlässigt worden - systematisch und gründlich Nachwuchs zu suchen, auszubilden und auf seine Eignung zu prüfen. Diese Vorhaben sind von zwei Grundbedingungen abhängig: Einmal muß dem Fernsehen die Möglichkeit gegeben werden, sich frei zu entwickeln, Experimente zu machen und einmal Bewährtes zu pflegen. Das ist nicht möglich, wenn es als eine der vielen "Abteilungen" des NWDR betrachtet und entsprechend behandelt wird. Damit würde es der Belastung des "Eingefahrenen" unterworfen werden, die sich hemmend auswirkt.

Neu : die Bezeichnung "Fernseh-Chef"

Wir lasen neuerdings für Dr. W. Pleister die Bezeichnung "Fernseh-Chef". Bedeutet das die Garantie für das wünschenswerte Eigenleben des Fernsehens ? Oder heißt es, daß unter dem "Chef" ein Intendant wirken wird ? Oder sind beide Möglichkeiten eingeschlossen ? Diese Frage darf nicht lange ohne Antwort bleiben.

Revision des Fernsehetats notwendig

Zum anderen muß der Etat des Fernsehens einer Revision unterworfen werden. Wir haben mehrfach auf Mittel hingewiesen, die zur Verfügung stehen - nach unserer Ansicht, die sich von der des NWDR stark unterscheidet. Und wir wiederholen es noch einmal: der NWDR darf den Kultusministern der vier Länder seines Sendegebietes Mittel aus dem Kulturfonds nur geben, wenn er Überschüsse erzielt hat. Er kann keine Oberschüsse erzielen, solange der Fernsehdienst nicht aufgebaut ist und sich trägt. Zahlt der NWDR weiterhin 5 Millionen jährlich an die Länder, dann entzieht er u.a. dem Fernsehen Geld und handelt satzungswidrig.

Wenn der Verwaltungsrat dies übersieht, dann müßte ihn der Hauptausschuss darauf aufmerksam machen; aber gerade in diesem Ausschuss sitzen die - Empfänger der Mittel aus dem Kulturfond. Es wäre ein Einspruch des Generaldirektors oder seines Finanzdirektors oder seines Justitiars gegen die Auszahlung möglich; wir glauben bis zum Beweis des Gegenteils nicht daran ...

So bleibt nur übrig, daß die Rundfunkhörer und die Öffentlichkeit immer wieder auf diese satzungswidrige, nicht vertretbare Verwendung von Hörergeldern hingewiesen werden. Der unabhängige "Arbeitskreis für Rundfunkfragen" hat es bereits getan!

Die Festsetzung der Fernsehgebühren

Noch ein weiterer Punkt scheint beachtenswert. Der NWDR könnte eines Tages erklären, das Fernsehen kann sich nur selbst erhalten, wenn Fernsehgebühren erhoben werden. Das ist nur möglich, wenn die Höhe der Gebühren feststeht. Sie steht jedoch noch nicht fest, also kann sich jeder zwar ein Fernsehgerät kaufen, auch Sendungen empfangen, aber einen "Anspruch" auf ein tägliches Programm hat er nicht.

Mit dieser Argumentation könnte - wir sagen könnte - die Entwicklung verzögert werden. Wir glauben nicht daran, denn bereits im März dieses Jahres ist über die Höhe von drei möglichen Gebührensätzen diskutiert worden (monatlich zusätzlich 5,-, 3,- oder 2,- DM); es ist nicht schwer eine Entscheidung zu fällen. Wann kommt sie ?

Manche Kreise vom Fernseherfolg etwas betroffen

Es scheint, als ob manche Kreise etwas betroffen auf den Erfolg der Berliner Fernsehdemonstrationen blicken. (Trotz mancher Mängel und Einwände sind sie ein Erfolg!) Sie hätten ein behaglicheres Fernsehtempo gewünscht, nicht allein aus Verantwortungsbewußtsein gegenüber einem Neuaufbau, sondern auch aus anderen Gründen, die heute nicht erörtert werden sollen. Nun geht nichts mehr auf- oder niederzuhalten, oder "stufenweise zu entwickeln"; der tägliche Programmdienst ist möglich, und jede Ansicht, die gegen ihn spricht, müsste sehr gut begründet werden.

Auf das "Wie" darf man gespannt sein. Sogar die Funkindustrie dürfte in Berlin auf ihre überraschenden Beobachtungen hin ihre bisherigen Ansichten einer Revision unterzogen haben ...

Das Fernsehen aufhalten ??

Das Fernsehen ist nicht aufzuhalten, nur zu behindern. Wer will diese Verantwortung auf sich nehmen? Es sind Fragen gestellt worden, die auf Antwort warten.

Wir wollen nicht vergessen, am Schluß zu erwähnen, daß der Fernsehdienst der BBC am 6. Oktober (dem Eröffnungstag der Ausstellung) seinen Fernsehkollegen vom NWDR telegraphisch die besten Wünsche zum Gelingen der großen Erprobung schickte. Von westdeutschen Rundfunkgesellschaften lag kein Gruß oder ermunterndes Wort vor. Wir halten das - gelinde gesagt - für Sparsamkeit am falschen Platz ...

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