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überarbeitet von Gert Redlich ab Feb. 2014 - Eigentlich sprechen wir von einer Gazette - Es sind gigantische Textmengen (Buchstaben-Wüsten), die die Autoren der "FI" in den 58 Jahren zusammen getragen haben. Damit das überhaupt vernünftig zu lesen ist, haben wir die Inhalte in jährliche Themengebiete aufgeteilt, die aber nicht in jedem Jahr gleich sind.
Sehr wichtig ist, es wurden alle Informationen, die Texte und die Erkenntnisse genau in der Woche aufgeschrieben und nichts später ergänzt oder korrigiert.

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FI-1951 / 1.August-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Die Sensation: USA-Farbfernsehen in Berlin.

Zwei Sendebetriebe zeigen den letzten Stand der Welt-Entwicklung
(Von unserem Berliner B.H.K.-Mitarbeiter) - Berlin, Anfang August 1951

Überraschend und in erstaunlich kurzer Anlaufzeit haben das Columbia Broadcasting System und die Radio Corporation of America in Westberlin zwei Sendebetriebe eröffnet, die zunächst bis zum 26. August arbeiten sollen. Die Sensation der Veranstaltung, die im Einvernehmen mit der ECA-Sondermission für die Bundesrepublik durchgeführt wird, ist die Verbreitung perfekten Farbfernsehens, das damit erstmalig in Deutschland gezeigt wird. Über 40t Fernsehausrüstung und 38 amerikanische Techniker sind für diese Aufgaben eingesetzt, während die gesamte Programmgestaltung in den Händen des RIAS liegt.

Ein 5kW-Sender und Großprojektionsanlagen

Zu Tausenden drängen sich die Menschen vor den Fernsehgeräten, die an den belebtesten Punkten der Stadt in den Schaufenstern geeigneter Geschäfte aufgestellt sind. Sie, wie auch Großprojektionsanlagen, die ebenfalls zum ersten Male in Deutsehland vorgestellt werden, zeigen sechsstündige Life-Sendungen in Schwarz-Weiß, die auf einer Freilichtbühne aufgenommen und von einem 5kW-Sender abgestrahlt werden. Die aktuelle Abteilung des RIAS hat für diesen Zweck ein sehr buntes Programm ausgewählt, das sich vom Interview über Kabarett, Variete, Modenschau und Konzert bis zur aktuellen Reportage erstreckt.

Daneben laufen Filmsendungen, für die umfangreiches Material und auch Informationsprogramme über den Marshall-Plan zur Verfügung stehen. Die Farbsendungen, die im britischen Pavillon des Messegeländes vor sich gehen, bedienen sich des bekannten CBS-Verfahrens, mit dem diese Gesellschaft kürzlich in den USA einen regulären Programmbetrieb eröffnete. Die Übertragung erfolgt jedoch im Kurzschlußverfahren - die Empfänger stehen unweit der Bühne, auf der das gleiche, aber zum Teil ergänzte RIAS-Programm abläuft. Die gesamten Einrichtungen entsprechen mit dem 525 Zeilen-System den amerikanischen Normen.

Teils unter lockerer Geheimhaltung

Schon die Vorbereitungen dieser Demonstration, die in ihrem Ausmaß recht "intern" behandelt wurden, haben in deutsehen Fachkreisen grösste und zum Teil sehr kritische Beachtung hervorgerufen. Da der NWDR Berlin, der bekanntlich seit einiger Zeit Studio-Versuche durchführt und daher auch gewisse personelle Voraussetzungen zu erfüllen vermag, völlig und deutsche Stellen im Allgemeinen weitgehendst übergangen wurden, ist diese Reaktion vorwiegend psychologischer Art.

Ihr kann entgegengehalten werden, dass angesichts des Aufenthaltes von Hunderttausenden von Jugendlichen im Ostsektor der gespaltenen Stadt aus Anlass der "Weltjugendfestspiele" ein rascher und konzentrierter Einsatz westlicher Propagandamittel verpflichtende Notwendigkeit war; eine Fülle weiterer Veranstaltungen mag diese Auffassung unterstreichen.

Komplizierter wäre jedoch der Gedanke, diese Fernsehvorführungen auch während der "Deutsehen Industrie-Ausstellung" sozusagen als Parallele zum deutschen Fernsehen abzuhalten. Vermutlich wäre das junge deutsche Fernsehen in diesem Falle der fortgeschrittenen Routine der Amerikaner nicht gewachsen, woraus sich wiederum der Öffentlichkeit gegenüber gewichtige Folgerungen ergäben. Man darf gespannt sein, ob die in ihrer Durchführung beispielhafte Demonstration allein Aufgabe dieser bedeutsamen Aktion ist.

FI-1951 / 1.August-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Weitschauende Fernsehplanung notwendig.

Fundiert ausgearbeitete Untersuchungen der Fernseh-Industrie - (Von unserem Hamburger Mitarbeiter) Wgf•, Hamburg, Anfang August 1951

Während aus den Kreisen der westdeutschen Rundfunkgesellschaften über Fernsehfragen im allgemeinen recht unverbindliche, zum Teil gegensätzliche, zum Teil wenig substantielle Äusserungen über eine weitschauende Fernsehplanung bekannt werden, scheinen sich die Rundfunkindustrie und -Wirtschaft bereits ein festumrissenes Bild vom Aufbau eines deutsehen Fernsehrundfunks gemacht zu haben. Es verlautet, daß fundiert ausgearbeitete Untersuchungen vorliegen, die mindestens ein halbes Jahrzehnt in die Zukunft reichen.

Es wäre falsch, wenn man dagegen einwenden wollte, daß niemand wissen kann, was im nächsten Jahr eintreten wird, und daß deshalb solche Untersuchungen nur einen theoretischen Wert hätten oder überflüssig wären. Es würde im Gegenteil alle interessierten Kreise freuen, wenn ähnliche Ausarbeitungen auch von den Rundfunkgesellschaften vorliegen würden, denn es ist klar, daß hier - erfreulicherweise - eine Abstimmung der gegenseitigen Planungen im Interesse der kommenden Fernsehteilnehmer stattfinden kann, damit nicht ein Übergewicht einer Richtung eintritt. (Auch die Bundespost muss für Fragen der Verbindungswege usw. eingeschaltet werden).

Rund 17 Millionen potentielle Zuschauer und Zahler

Wenn die Wirtschaft z.B. damit rechnet, dass 1952 Fernsehsender in Hamburg, im Ruhrgebiet und in Frankfurt/Main arbeiten werden, wenn sie ferner davon ausgeht, daß im 70km-Umkreis dieser drei Sender rund 17 Millionen Menschen wohnen, und dass von diesen Ende 1952 vielleicht über 80.000 Fernsehteilnehmer sein könnten, dann ist das für die Sendegesellschaften eine wichtige Grundlage für ihre Programmarbeit.

Nicht nur, daß man z.B. bei einer Fernsehgebühr von monatlich 3.- BM dann mit etwa 1,5 Mill.DM Einnahmen bis Ende 1952 rechnen könnte, sondern auch hinsichtlich der vorbereitenden Erschliessung dieser Bereiche im Blick auf mögliche Programmstoffe und -anforderungen.

Die Absatzfinanzierung für FS-Empfänger

Die Industrie, der auch alle amerikanischen Zahlen natürlich bekannt sind, hat sich mit Recht nach der bisherigen Fernsehentwieklung in England orientiert. Es ist durchaus zu vermuten, dass, mit einigen Abstrichen, der Weg in Deutsehland der gleiche sein wird. Eine recht erhebliche Rolle für die Ausbreitung des Fernsehens dürfte im übrigen die Frage der Abzahlungsmöglichkeiten beim Empfängerkauf spielen. Wenn die Banken im allgemeinen nur Finanzierungen für 10 bis 12 Monate vornehmen, dann dürften beim Erwerb eines Fernseh-Empfängers längere Zeiträume wünschenswert sein.

Es bliebe die Frage zu prüfen, ob der Rundfunk - wie z.B. der NWDR bei der UKW-Finanzierung - sich auch beim Fernsehen zur Verfügung stellen würde. (Im Gegensatz zur UKW-Förderung würde er ja jeweils auch einen Gebührenzahler gewinnen.) Vielleicht könnte auch daran gedacht werden, frühzeitig einen Fernsehempfänger "ansparen" zu lassen. Wenn auch das naheliegende "Volkswagen"-beispiel ohne Zweifel nach den bisherigen Erfahrungen an Reiz verloren hat, so gibt es doch eine Reihe anderer Vergleiche (wie Kauf eines grossen Lexikons, oder Subskription bei Sammelwerken), die vielleicht Vorbild sein könnten.

Was die Programmseite nicht übersehen sollte

Die Programmseite müsste z.B. auch zu manchen Gedankengängen Stellung nehmen, wie sie in England erörtert werden. Dort wird es z.B. als falsch angesehen, wenn vornehmlich Mitarbeiter des Hörrundfunks, die jahrelang nur akustische Fragen gelöst haben, sich mit Fernsehfragen befassen würden.

Oder: Es wird als eine nicht glückliche Entwicklung angesehen, wenn etwa Hörrundfunkprogramme ähnlich unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Fernsehübertragung gestaltet werden. Wir hatten neulich Gelegenheit, eine solche Tendenz bei einer amerikanischen Fernsehsendung zu beobachten und konnten feststellen, dass es nicht der Sinn eines Fernsehprogramms sein kann, wenn man es ohne grossen Verlust auch mit geschlossenen Augen aufnehmen kann. Ferner wird in England stark die Ansieht vertreten, dass das Fernsehen zwar der BBC-Organisation angehören soll, aber in seinem eigenen Bereich die grösstmögliche Selbständigkeit haben muss. Es darf nicht in das "Brack"-Wasser der Verwaltung kommen, und es muss finanziell disponieren können, ohne in ein bestehendes "Schema F" eingespannt zu werden. In England soll es die Anteile aus den BBC-Gebühren sogar nicht mehr als Subvention erhalten, sondern als eine später an den Hörrundfunk rückzahlbare Anleihe. Das könnte auch bei uns erwägenswert seinj; wie wäre es mit einer Anleihe beim Konto "Kulturfonds"?

Immer wieder die Frage nach der Finanzierung:
Wie wäre es, wenn ....

Man könnte natürlich auch an einen sehr ... vermessenen Vorschlag denken, der allerdings den "Nachteil" hat, dass er früher beim deutschen Rundfunk und heute noch in einer ganzen Reihe von bedeutenden Rundfunkländern erfolgreich verwirklicht worden ist: Wie wäre es, wenn Fernsehfragen in einem mittelgrossen Ausschuss, der sieh nicht nur aus in Rundfunkgesellschaften tätigen Angestellten zusammensetzte, besprochen würden?

Fachleute ausserhalb des Rundfunks

Es gibt auch Fachleute ausserhalb des Rundfunks, die gerade wegen ihrer Ungebundenheit in einem Gremium sicher manche Anregung geben könnten. Wir könnten uns (theoretisch) vorstellen, dass die Rundfunkgesellschaften das sogar nicht als eine Beeinflussung ihrer Unabhängigkeit oder Beeinträchtigung ihrer Kompetenzen ansehen würden, sondern als nutzbringendes Zusammenwirken sachverständiger interessierter Kreise. Wir glauben ferner, daß es dann weder zu so vorschnell summarischen Äusserungen gekommen wäre, wie wir sie von einem Bundestagsabgeordneten vor kurzem lesen mussten, noch zu der etwas ... hintergründigen Bevorzugung des Gedankens eines europäischen Fernsehens vor der zunächst weit näher liegenden Diskussion über ein deutsches Fernsehen.

Wir nehmen an, dass in einem solchen Ausschuss auch leichter die Anregung gegeben werden könnte, sich z.B. erst einmal einige Zeit (nicht nur zwei oder drei Tage) an der Stelle in Deutschland umzusehen, an der Fernsehprogramme gestaltet werden, anstatt bevorzugt nach dem Motto zu handeln, "join the radio and see USA". Dort können wir zweifellos viel lernen, wie man es machen und nicht machen soll; wahrscheinlich ist der Weg nach dort gewinnbringender über Hamburg und einige europäische Lander.

Fragen über Fragen ....

Ja, über alle diese Fragen hört man von der Sendeseite wenig. Wir sind natürlich gern bereit, uns überraschen zu lassen; aber es gibt doch eine Reihe von Fragen, die dauernd und schon in der Entwicklung interessieren. Wie weit sind - um nur einige anzurühren - die Arbeiten auf dem Gelände, das der NWDF in Hamburg-Lockstedt gekauft hat? Oder sollen andere Pläne "realisiert" werden ? ... Mit welchem Programm will der NWDF die Deutsche Industrie-Ausstellung in Berlin beschicken? Wann beginnt der tägliche Programmdienst?

Es gibt viele naheliegende ungelöste Fragen... Erfreulich wäre es, wenn sie im Interesse der Entwicklung des deutschen Fernsehens bald geklärt würden.

FI-1951 / 1.August-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Vermeidbare Vorurteile im Bayerischen Rundfunk.

München, Anfang August 1951

Wir berichteten in der 2. Juli-Ausgabe, daß der Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks, Schneider-Scheide, sich in der Juli-Tagung des Bayerischen Rundfunkrates für einen intensiven Aufbau des Fernsehrundfunks in Bayern eingesetzt hat. Er verwies dabei auch auf den NWDF und erklärte, daß das, was er bei einem Studienaufenthalt in Hamburg gesehen habe, noch "schauderhaft" sei. Da sich dieses auffallende Werturteil von den Berichten, die wir regelmässig über den NWDF veröffentlichen, stark unterscheidet, haben wir uns über den Hamburger Studienaufenthalt des Programmdirektors des Bayerischen Rundfunks informiert. Es wurde uns mitgeteilt, dass Direktor Schneider-Scheide auf der Tagung der Programmdirektoren der westdeutschen Rundfunkgesellschaften am 24. November 1950 das Studio des NWDF besichtigt hat und anschliessend die 15 Minuten dauernde Vorführung eines Testfilmstreifens sah. Der regelmässige Programmdienst des NWDF begann übrigens erst später ......

Summarisches Urteil durch Kurzbesuch ?

Soll man annehmen, dass sich das summarische Urteil nur auf diesen einen Kurzbesuch vor einem Dreivierteljähr gründet? Wir glauben, dass es dann vorschnell gefällt wäre und den bisherigen Leistungen des NWDF nicht gerecht würde. Wir wollen uns daher lieber an die sehr positiven Äusserungen von Direktor Schneider-Scheide über die Möglichkeiten eines kommenden Fernsehdienstes in Bayern halten, die zweifellos auch auf den guten Erfahrungen des NWDF fussen werden. Gerade ein Austausch der bisher erzielten Ergebnisse wird wesentlich dazu beitragen können, Fehlentwicklungen, die viel Zeit und Geld kosten, zu vermeiden.

FI-1951 / 1.August-Ausgabe - WIR SAHEN und HÖRTEN
Über eine "großzügige" US-Aktion in Berlin

Der Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Presse, Rundfunk und Film, Dr. Rudolf Vogel, der kürzlich von Washington aus nach Gesprächen mit nicht näher bezeichneten amerikanischen Film- und Fernsehexperten den merkwürdigen Vorschlag nach Deutschland kabeln ließ, die deutsche Fernsehentwicklung so lange zu stoppen, bis das Farbfernsehen allgemein eingeführt werden könne, hat offenbar über die bedeutenden Investitionen, die im deutschen Fernsehaufbau bereits erfolgt sind, keine ausreichende Vorstellung.

Während er in USA, ohne vorhergehende Fühlungnahme mit deutschen Fernsehsachverständigen, eine spontane Theorie über die Drosselung des deutschen Fernsehens entwickelte, war in USA längst beschlossen worden, durch eine großzügige US-Aktion in Berlin der deutschen Öffentlichkeit das amerikanische Fernsehen vor Augen zu führen.

Neuer europäischer Wellenplan im Juni 1952

Die in der letzten Vollversammlung des CCIR in Genf vertretenen europäischen Länder vereinbarten, sich im Juni nächsten Jahres in Stockholm zu treffen, um dort über einen europäischen Wellenplan für Fernsehwellen zu sprechen. Bis dahin sollen noch durch direkte Fühlungnahmen zwischen den einzelnen Nachbarländern die Vorfragen geklärt werden. Ein deutscher Vorschlag für einen Fernsehwellenplan wurde in Genf noch nicht diskutiert. Ein solcher Plan befindet sich z.Zt. beim RTI in Nürnberg in Vorbereitung.

Vertreter der Rundfunkgesellschaften des Bundesgebietes, der Bundespost und der Senatspost in Berlin besprachen kürzlich im Berliner Funkhaus des NWDR die künftige Verteilung der Fernsehwellen. Es wurden Vereinbarungen getroffen, nach denen Überschneidungen der Fernsehbereiche und dadurch entstehende technische Schwierigkeiten ausgeschaltet werden sollen.
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FI-1951 / 1.August-Ausgabe - WIR SAHEN und HÖRTEN
Kein Frachkräftemangel - eher das Gegenteil

Vielfach wurde die Befürchtung laut, daß der Aufbau des deutschen Fernsehens durch einen Mangel an technischen Fachkräften erheblich gehemmt werden könnte. Ein bekannter Fachverlag, der kürzlich eine Aktion zur Ermittlung von Fernseh-Fachkräften startete, erhielt hunderte von Zuschriften von Ingenieuren, Technikern und Rundfunkmechanikern,die die Begeisterungsfähigkeit aufbringen, sich in eine neue, komplizierte Technik einzuarbeiten. Unter den Bewerbern sind alte, sehr erfahrene Fernsehfachleute, Impulsspezialisten, Funkmeßleute und dgl. mehr, die wieder im Fernsehen tätig sein wollen. Viele Interessenten befinden sich in ungekündigter Stellung. Sie suchen nicht aus wirtschaftlichem Zwang eine neue Position, sondern wollen vorbedacht und aus Idealismus in die Fernsehtechnik gehen. Fernsehunternehmen, die Bedarf an technischen Kräften haben, bitten wir, sich an uns zu wenden, damit wir ihnen eine Liste der aus dieser Ermittlungsaktion stammenden Bewerber zugänglich machen können.

FI-1951 / 2.August-Ausgabe - DEUTSCHLAND
Kritische Beobachtungen der USA-Fernseh-Demonstration in Berlin

Die grosse Bewährungsprobe liegt vor uns ... (Sonderbericht unseres Wgf-Mitarbeiters) - Berlin, im August 1951

Drei Eigenschaften haben die Berliner: sie sind skeptisch, neuigkeitsfroh und haben keine Zeit. (Ausser wenn ein Pferd stürzt, ein Kahn unter die Spreebrücke führt oder zwei Leute auf dem Stadtbahnhof Krach haben...) Sie spitzten also die Ohren, als Anfang August amerikanische Fernsehmänner kamen und ebenso heimlich wie schnell - verblüffend fix sogar - ihre Apparate aufbauten. Das geschah beim Schöneberger Rathaus, an dem eine Freiluftbühne entstand, vor der quer über eine Grasflache 16 Fernsehempfänger aufgestellt wurden, im Titania-Palast und in der britischen Halle beim Funkturm, die eine kleine Bühne, eine Fernsehstrasse mit Farbempfängern und eine hübsche technische Ausstellung aufnahm.

Durch die Strassen von Berlin fuhren Autos mit Schwarz-Weiss-Empfängern, die bereitwillig den Rundfunkhändlern die Geräte in die Schaufenster stellten. (Methode: willst Du ein Gerät haben? Kostet nichts! - Ein Pfiff auf den Fingern, schon kam ein Empfänger aus dem Auto. - Antenne nicht nötig, Quittung auch nicht. - Good bye.)

Amerikanisches Tempo

Auch RIAS bekam dieses Tempo zu spüren; er wurde 48 Stunden vor der ersten Sendung informiert, dass er die Programmkräfte stellen und die Sendungen gestalten solle. Was das in der Urlaubszeit bedeutet, da viele Künstler z.B. in den Seebädern verpflichtet sind, kann man sieh denken.

Aber die Amerikaner, die nur für den technischen Sektor verantwortlich waren, interessierte das wenig. Immerhin stand am 13. 8. das erste Programm, wenn auch noch etwas wackelig und nicht ganz pannenfrei, aber die Schwarz-Weiss-Sendungen der RCA, finanziert aus ECA-Mitteln, gingen von der neuen Antenne auf dem Schöneberger Rathaus pünktlich in die Luft.

Mit 1kW Sendestärke auf der 6m-Welle (worüber sich einige Dienste in diesem Bereich nicht gerade sehr freuten) und mit dem Ziel, etwa 100 Empfänger in Westberlin und eine Grossprojektionsfläche zu versorgen.

Die Berliner staunten

Die Berliner sammelten sich neugierig, aber doch abwartend, wie es nun einmal in ihrem Wesen liegt, vor den Schaufenstern. Reichlich sogar, obwohl sie es doch immer so eilig haben ... Von 19.30 bis 22 Uhr 15 standen sie in dicken Traubens auf dem Bürgersteig, auf den Verkehrsinseln, in der Mitte der Fahrbahn, und die Polizei hatte zu tun, um den Verkehr aufrecht zu halten. Auf einen Empfänger kamen vielleicht 200 bis 250 Zuschauer, für die letzten war das Bild rund 25m entfernt. Aber, sie wollten nun einmal das Fernsehen betrachten; irgendwo war noch die Erinnerung an die Zeit vor 15 Jahren, als schon einmal in Berlin ... Mal sehn, was die Amerikaner aus der Sache gemacht haben ....

Ausdauer selbst nach 14 Tagen noch

Nach 14 Tagen standen sie immer noch vor den Empfängern. Ich sah in Charlottenburg, wie eine halbe Stunde vor Beginn der Sendung die kleinen Kinder ihre Hockerchen und Fussbänke aufstellten und es sich bequem machten. Die ersten Erwachsenen standen auch schon da, und mit Einbruch der Dunkelheit leuchteten die Empfängerscheiben (28 x 36 cm) auf. Das Programm war eine bunte Aneinanderreihung von Einzelsendungen, Kurzfilmen, Wochenschauen, Kabarettnummern, Modeschauen, Boxvorführungen, Kinderturnen, von Kurt Goetz "Hund im Hirn", Zauberkünstler, Tanzkapelle, Verkehrserziehung der Kinder, Tischtennis, die Philharmoniker spielten, Tanzturnier, zwei auf Film aufgenommene Kurzszenen, Schauturnen, Nachrichtensprecher und Kommentatoren des RIAS, Puppenspiele usw. usw.

Eingeleitet und abgeschlossen wurden die Programme mit dem Läuten der Freiheitsglocke und einer Kurzansprache von Oberbürgermeister Reuter (Filmstreifen).

Zu wenig echte Aktualität

Es ist naheliegend, einen Vergleich mit früheren deutschen Programmen und mit den bisherigen NWDF-Sendungen zu ziehen. Die technische Güte der in Berlin gezeigten Schwarz-Weiß-Bilder war durchaus zufriedenstellend (525 Zeilen, die unseren 625 Zeilen entsprechen). Erstaunlich die geringe Zahl der Beleuchtungskörper, wir zählten auf der Bühne im Stadtpark knapp 20 Scheinwerfer. Zwei Kameras, jedoch keinen Filmgeber; der Film wurde von einer normalen Abspielapparatur unmittelbar auf die Röhre in der Kamera gegeben. Die Beweglichkeit der Kameras war unterschiedlich. Bisweilen sehr geschickt und einfallsreich, bisweilen jedoch etwas zu träge; fast sah es aus, als seien sie zu scheu, um an diesen oder jenen Darsteller nah heranzugehen. Man hätte es sich z.B. bei den Ansagern durchaus gewünscht.

Ein sehr durchmischtes Programm

Dann wieder (und zwar bei Veranstaltungen aus dem Titania-Palast) gaben sie wirklich ansprechende und schöne Ausschnitte aus dem großen Orchester, wohl abgewogen in Bewegung und Auswahl. Dagegen kann man aus dem gleichen Theaterraum nicht "Hund im Hirn" übertragen. Die Akustik paßt einfach nicht zum Bild auf den Empfänger, und ein Stück von Goetz, das nun einmal auf das Wort abgestellt ist, verliert stark durch Halligkeit und zu groß angelegten Bühnenraum. Man hätte gern mehr von rein aktuellen Sendungen gesehen, nicht nur von Interviews, die auf den Bühnen stattfanden. (Das ist unechte Aktualität).

Aber ein Übertragungswagen war nicht eingesetzt, und erst hierbei beweist sich der Fernsehdienst. Ein Kabarett, von Werner Oehlschläger geleitet, war locker und nett zusammengestellt. Bei anderen Sendungen wirkte das längere Zeigen von Kapellen leicht ermüdend. Ein geringer Raum war ausgesprochen belehrenden Demonstrationen zugebilligt; ich hätte gern einige Beispiele von diesen Sendungen, die wir aus einem Fernsehprogramm nicht fortdenken können, gesehen. Die Boxvorführung und die Puppenspiele waren besser dargeboten als bisher in Hamburg, überhaupt konnte festgestellt werden, daß sich die Mitwirkenden trotz der ungewöhnlich kurzen Probenzeit sicher und sehr natürlich vor der Kamera bewegten.

Problem der Fernseh-Nachricht noch ungelöst

Bedauerlich bleibt, dass die Überblendungen nicht als weiche Übergänge gezeigt wurden, sondern ausschliesslich als Schnitte. Sehr schade, offenbar ist es bequemer und sicherer, nur auf einen Knopf zu drücken, als alle Möglichkeiten zu erproben, die viele reizvolle Übergänge bieten können.

Keinen Kontakt fand ich zu dem Nachrichtendienst. Warum keine Einblendung von Stehbildern? Warum keine Wetterkarte, wie sie der NWDF schon lange sendet? Es wirkt nicht fernsehgemäss, wenn ein Sprecher, vor einem Mikrofon am Tisch sitzend, die Nachrichten abliest, und wenn er die genaue Zeit von seiner Armbanduhr gibt. Eine grosse elektrische Uhr mit gleitendem Sekundenzeiger, etwa eine halbe Minute vor 20 Uhr voll ins Bild gebracht, würde ein guter Übergang sein und die Zeitansage weitaus besser darbieten.

Auch die deutende Begleitung von Nachrichten durch Handbewegungen, Mienenspiel usw. ist meines Erachtens unangebracht. Ich billige sie den Kommentatoren zu, wenn sie - freigesprochen hätten; aber auch hier lagen die Manuskriptblätter auf dem Tisch und nur selten hob sich ein Kopf zu einem kontaktsuchenden Blick mit dem Zuschauer. So ansprechend das Tempo des Programmablaufs in den meisten Fällen gewesen ist, so unmotiviert plötzlich, ja bisweilen lieblos waren die Übergänge zwischen den einzelnen Nummern.

Vielleicht die Zielgruppe noch nicht erkannt ?

Es scheint mir, dass es nicht das richtige Prinzip ist, die Sendungen vor Zuschauern zu gestalten, denn jedes Programm richtet sich an den Einzelnen in seiner Wohnung und nicht an die Menge hinter der Kamera. Es treten dann Stilbrüche, falsche Distanzierungen bis zum unpersönlichen Verhalten auf.

Daß eine ganze Reihe von Programmen sowohl in der Güte der technischen Wiedergabe, als auch dem Inhalt nach, stark wirkten, ging allein aus Folgendem hervor: Die Sendungen wurden im Freien beobachtet, mitten im (wenn auch disziplinierten) Lärm der Autos, Motorräder und Strassenbahnen. (Die Zündkerzen störten übrigens nicht.)

Es gibt noch viel zu tun in Berlin

Einige Aussteller von Empfängern hatten bedauerlicherweise wenig Sorgfalt auf die Lautsprecher verwendet, andere stellten den Ton so stark ein, dass kein Verhältnis zu den Stimmen der Mitwirkenden bestand. Und trotzdem wichen die Zuschauer nicht von ihren Plätzen; ich zählte zwischen 22.30 und 23.15 noch immer jeweils über 100 Menschen vor den Läden. Als ich für die Heimfahrt eine Taxe nehmen wollte, stand zwar der Wagen da, aber der Chauffeur war nicht zu finden. Er sah sich die Sendung an.

Noch ein Blick auf die Entwicklung im Farbfernsehen

Die Analyse könnte noch viel weiter ausgesponnen werden, aber auch über das Farbfernsehen ist noch einiges zu sagen. Wer zum letzten Mal 1938 deutsche Farbversuche sah, ist ohne Zweifel über die Farben im CBS-Programm überrascht. Hier hat sich eine große Entwicklung vollzogen, die allerdings noch längst nicht abgeschlossen ist. CBS zeigte täglich fünf Mal 30 Minuten lang das gleiche Programm: Ansagerin mit bunten Blumen, ein kleines Orchester, eine Tänzerin, das Sunshine-Quartett, einen Musikclown, Sänger usw. Sehr gut übrigens der Ansager Jürgen Graf!

Alle Empfänger über Kabel angeschlossen

Das ist reizvoll, aber es genügt nicht, um sich ein vollständiges Bild zu machen. So wurden die Programme nicht drahtlos verbreitet, sondern über Kabel auf die nahestehenden Empfänger geleitet. (Man hätte gern gesehen, ob sich diese Geräte leicht oder kompliziert einstellen lassen; sie waren immer bereits in Betrieb.)

NTSC Farb-Probleme wurden übergangen

Ich hätte auch gern einmal beobachtet, wie die Farben kommen, wenn die Kamera auf die im hellen Sonnenschein liegende, von vielen Blumenbeeten umgebene Grünfläche des Funkturmgartens gefahren wäre und nicht nur vorbereitete, abgestimmte Farben aufgenommen hätte. Vielleicht wäre sie dann auch beweglicher gewesen, vielleicht wären auch Halbtöne von neuem Reiz aufgetreten, die ich vermisste (soweit sie nicht durch ausgesuchte gedeckte Farben, z.B. in einem Luftballonbündel, auftauchten.)

Es braucht noch Zeit, das Farbfernsehen

Man soll beim ersten Zeigen von Experimenten - mehr sind es nicht, wenn auch schon weit entwickelte - nicht jede Schwankung und Unechtheit in dieser oder jener Farbkombination kritisch verzeichnen. Ich glaube, es genügt festzustellen, dass dieser Entwicklung noch Zeit zugebilligt werden muss. Interessant waren die Demonstrationen ohne Zweifel. Sie werden übrigens in den nächsten Wochen in Zürich und Paris gezeigt; auch die Schwarz-Weiss-Vorführungen sollen noch durch Europa wandern, einschließlich der Grossprojektion (4,5 mal 5m). Ich sah sie im Stadtpark, und das Bild auf der Perlenwand (auf Leinwand gespritzte Kristallteilchen) war recht zufriedenstellend.

USA-Demonstrationen sehr lehrreich für uns in Berlin

Diese USA-Demonstrationen waren lehrreich für uns. Sie haben "Eisbrecher-
Arbeit" für unsere eigenen Vorführungen auf der kommenden Industrie-Ausstellung geleistet, und die Berliner schwimmen mit Vergnügen und Interesse in diesem Fahrwasser. Sie werden jetzt mit einiger Kritik an die deutschen Programme herangehen, werden Vergleiche ziehen nach Bildgüte, Kameraführung, Bildinhalt usw.

Wer sich die Erinnerung an frühere Sendungen - vor 1945 - bewahrt hat, wird Vergleiche in mancher Beziehung nicht zu scheuen brauchen. Wer die jüngste Entwicklung verfolgte, wird feststellen müssen, dass wir, trotz der mehrjährigen Zwangspause, keinen so grossen Abstand vom amerikanischen Fernsehen haben als man erwartet hatte.

US-Fernseh-Empfänger 966 DM!

Wir müssen uns für den Oktober sehr anstrengen, zweifellos, wir müssen früh und gründlieh mit den Proben beginnen, und die Empfänger müssen gute Leistungen zeigen. (Man hört, dass etwa 15 bis 18 Firmen rund 40 Modelle zeigen werden.) Die deutsche Rundfunkindustrie wird zwar nicht sehr erfreut über die Plakate in den Schaufenstern gewesen sein, dass die ausgestellten amerikanischen Empfänger 966.- DM kosten, und dass es auch schon welche für 600.- DM gäbe. Aber wir leben unter anderen Bedingungen und müssen mit anderen Preisen rechnen.

Der NWDF ist jetzt in Zugzwang

Ich glaube, dass nach guten Fernseherfolgen auf der Industrie-Ausstellung eins nicht mehr möglich sein wird: der NWDF kann anschliessend nicht sagen, dass es nur eine einmalige Demonstration war. Er muss die Fernsehsendungen weiterführen, und zwar in Hamburg und Berlin. Die soeben beendete amerikanische Vorführung bestärkt diese Forderung nur noch.

Unsere Programme werden anders nach Inhalt, Form und Folge sein - genau das ist notwendig zu zeigen, denn jedes Land wird seinen eigenen Fernsehstil entwickeln. Die grosse Bewährungsprobe liegt vor uns: die soeben beendete Schau kann nur zu grösseren Leistungen anspornen. Wir müssen uns in mancher Beziehung anstrengen und unser Bestes tun.

Fernseh-Mosaik aus Berlin

Die amerikanische Farbfernseh-Übertragung in Berlin war die erste öffentliche "Buntsendung", die in Europa stattfand !!!

Während man in den USA noch vier Monate braucht, um eine komplette Fernseh-Station aufzubauen, errichteten in Berlin die RCA-Techniker eine solche Fernsehstation in der Rekordzeit von 85 Stunden.
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Dr.Peter Goldmark, der das Farbfernseh-Verfahren des CBS (Columbia Broadcasting System) entwickelt hat, war aus Anlass der US-Farbfernseh-Sendungen mit seinem Miiarbeiterstab nach Berlin gekommen.

Über den Erfolg der amerikanischen Fernseh-Demonstration in Berlin äusserten sich die veranstaltenden amerikanischen Sachverständigen sehr zufrieden. Die begeisterte Reaktion der Zuschauer aus Ost und West auf die Sendungen sei als ein Zeichen höchster Anerkennung zu werten.

Eine Übersicht über die RCA Technik

Aufnahmeleiter und Kontrollingenieur standen hinter dem Kontrollpult, einer Eigenfertigung der "Columbia Colourvision"; hier wurde einmal das ausgesteuerte Bild und zum anderen auf einem zweiten Schirm parallel das entsprechende Oszillogramm geschrieben. Der Aufnahmeleiter hatte wie üblich durch Gegensprechverbindung mit dem gesamten Aufnahmestab ständigen Kontakt.

In einem Seitenflügel der gleichen Halle waren fünf Empfangsgeräte aufgestellt, von denen vier sogenannte Industrie-Farbempfänger waren. Diese Geräte arbeiten - in schmucklosem Gehäuse - mit einer 25cm-Röhre, deren Bildeffekt durch Vorsatzlinse um 20% vergrössert wird. Sie wurden bisher sehr gern für chirurgische Ausbildungszwecke verwendet; der Studierende hat dabei die Möglichkeit, über ein am Apparat angebrachtes Telefon Fragen an den leitenden Chirurgen zu richten.

Das fünfte Gerät, ein Tischempfänger, mit 40cm-Röhre, war eine überaus interessante Neuentwicklung, bei der zum ersten Male farbiges Fernsehen des CBS-Verfahrens auch bei Verwendung über 30cm großer Bildröhren ermöglicht wurde.

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