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aus der FUNK-TECHNIK Nr. 06/1948 (2. März Heft)
Das Editorial

Nr. 06/1948 - 3. JAHRGANG

Die Zukunft der deutschen Rundfunkwirtschaft

von Dr. WALTER HOFMEIER
Herstellung, Verkauf und Reparaturen von Rundfunkgeräten sind in den letzten 25 Jahren zu einem neuen Wirtschaftszweig von erheblichem Umfang angewachsen, der vor dem Kriege über 100.000 Menschen in Deutschland Arbeit gab. Eine noch weit größere Zahl hat sich während des Krieges innerhalb der Militär-Nachrichten-Technik mit diesem Gebiet beschäftigt und daran Interesse gefunden.

Allzu viele von diesen glauben heute, darin einen neuen Beruf zu finden und hoffen, daß dieses im allgemeinen keinen Beschränkungen unterliegende Gebiet bei einem anscheinend fast unbegrenzten Bedarf große und sichere Aussichten bieten müßte.

In folgendem soll ein Bild davon gegeben werden, wie sich die Dinge bis Kriegsende und in fast drei Jahren seitdem entwickelt haben. Dann soll versucht werden, mittels einiger bekannter Zahlen ein Bild der Zukunft zu gewinnen, das Industrie und Handel einen gewissen Anhalt geben kann, um Fehlinvestierungen zu vermeiden.

Wie war der Stand bis zum Ende des Krieges?

Die Zahl der bei der Post angemeldeten und Beiträge zahlenden Rundfunkhörer war für das alte Reichsgebiet:

zu Anfang 1935 6.440.000  
1936 7.413.000 Zunahme
1937 8.381.000
1938 9.357.000
1939 11.195.000
1940 ca. 12.800.000

Auf je 1.000 Einwohner waren demnach vorhanden: 1936 = 109, 1938 = 135 Rundfunkhörer. 1940, unter dem Einfluß des Krieges, stieg diese Zahl auf einen Höchststand von 183. Dabei ist zu bedenken, daß man die Steigerung seit 1933 mit allen künstlichen Mitteln staatlicher Propaganda vorwärtsgetrieben hat, und daß das Interesse am Rundfunk durch Politik, Krieg und andere Gründe besonders hochgehalten wurde.

Über die Hörerzahl hinaus war eine große Anzahl von weiteren Geräten in Lagerbeständen des Handels sowie in Auto-und Koffergeräten oder Zweitgeräten in Wohnungen vorhanden, so daß der Höchststand an betriebsfähigen Rundfunkgeräten für das alte Reichsgebiet im Kriege auf etwa 16 Mill. Stück geschätzt werden kann.

Deutschland bis 1933

Die Produktion an Rundfunkgeräten in Deutschland war bis 1933 stets unter 1 Mill. Stück jährlich geblieben. In runden Zahlen wurden nach untenstehender Aufstellung in 12 Jahren rund 12 Mill. Markenempfänger, 4,3 Mill. VE und 2,4 Mill DKE, d. h. zusammen rund 18 1/2 Mill. Geräte hergestellt.

In der gleichen Zeit vermehrte sich die Hörerzahl (hier die "neuen?" Gebiete eingeschlossen, Höchststand 1943 etwa 16 Mill.) um 12 Mill. Gleichzeitig gingen etwa 1,2 Mill. Geräte in den Export. Von der Produktion blieben demnach für den Ersatz von alten Geräten etwa 5.350.000 Stück, d. h. eine Ersatzlieferung von jährlich 450.000 Stück und damit etwa 5% des mittleren Hörerbestandes.

Diese verhältnismäßig geringe Zahl deutet auf eine sehr lange Lebens- und Benutzungsdauer der in Deutschland verwendeten Rundfunkgeräte, vor allem derjenigen der letzten Jahre.

Jahr Markengeräte VolksEmpf. DKE Summe
1932 992.049 - - 99$
1933 1.133.491 680.572 - 1.814.063
1934 1.108.205 888.521 - 1.996.726
1935 953.430 624.614 - 1.578.044
1936 949.597 386.494 - 1.336.091
1937 1.167.496 475.783 - 1.643.279
1938 1.492.200 390.152 579.726 2.462.078
1939 1.784.509 647.874 553.109 2.985.492
1940 700.352 188.128 495.885 1.384.365
1941 415.348 17.804 421.389 854.541
1942 579.988 3.968 193.472 777.428
1943 538.211 90 185.517 723.818
         
12 Jahre 11.814.876 4.304.000 2.429.098 18.547.974

Wie haben sich nun die Dinge seit Kriegsende entwickelt?

Die Hörerzahl läßt sich infolge der Trennung der einzelnen Postverwaltungen z. Z. nicht genau feststellen. Die britische Zone hatte im August 1947 3.039.388, die amerikanische 2.090.296 bei der Post angemeldete Hörer. Die Zahl für Berlin liegt bei rund 800.000, während für die russische Zone 2.500.000 und die französische Zone 700.000 Hörer geschätzt werden.

Für das heutige Reichsgebiet sind das etwa 9 Millionen bei der Post angemeldete Hörer, d. h. etwa 140 je 1.00 Einwohner. Diese Zahl liegt erheblich über 1936 und sogar schon über 1938! Z.B. hat die Stadt Berlin trotz aller Geräteverluste bei Kriegsende eine Hörerdichte von etwa 250 je 1.00 Einwohner und liegt damit weit über dem Höchststand des Reichsdurchschnitts im Kriege!

Es geht wirklich voran

Im letzten Jahr (1947) ist eine erhebliche Steigerung dieser Zahlen eingetreten, die teils auf besserer Erfassung der Hörer durch die Post beruht, zum großen Teil aber auf Reparaturen und Röhrenersatz bei bisher beschädigten Geräten zurückzuführen ist. In der britischen Zone allein hat sich die Hörerzahl um rund 300.000 erhöht.

Die Neuproduktion ist dagegen gering. 1945 wurde noch so gut wie nichts hergestellt. 1946 wurden in Berlin und im Westen zusammen etwa 120.000 Geräte gebaut, davon drei Viertel in Berlin. 1947 stieg diese Zahl auf etwa 250.000, davon zwei Drittel in Berlin. Z. Z. mag die Leistung bei über 300.000 jährlich liegen, mit einem Anteil Berlins von 60%.

Zu dem viel rascheren Wiederanlauf der Produktion in Berlin hat in entscheidendem Maße die vorhandene alte Erfahrung, das Vorhandensein des technischen Stabes und der Facharbeiter und zum Teil auch die Kontensperre mit dem Zwang zur Arbeit beigetragen. Diese Momente haben die Tatsache der fast restlosen Ausräumung aller Rundfunkfirmen nach Kriegsende mehr als wettgemacht. Die Herstellung der Röhren bildet einen besonderen Engpaß, ohne den bereits ganz wesentlich mehr Geräte hergestellt worden wären.

Nur drei große Fabriken bauen Radioröhren

Die Produktion der drei vorhandenen Fabriken betrug 1945 151.000, 1946 1.377.000 und 1947 1.869.000 Stück Rundfunkröhren, wobei das letzte Jahr durch die Kältekrise im Winter stark beeinträchtigt wurde. Die jetzige Leistung liegt bei etwa 2,5 Millionen Röhren jährlich, die Kapazität der Fabriken bei 8 Millionen. Von der bisherigen Gesamtproduktion seit Kriegsende entfällt knapp die Hälfte auf Berlin/Telefunken (1.593.000), ein Drittel auf Hamburg/Valvo (1.243.000) und der Rest auf Ulm/Telefunken (561.000). Alle übrigen Hersteller haben nur örtliche Bedeutung.

Wesentlich weniger als die Hälfte der Produktion wurde und wird für Erstbestückung neuer Geräte verwendet, der Rest dient als Ersatz und zur Wiederausrüstung älterer Geräte.

Wie wird die Zukunft aussehen?

Auf Grund dieser Zahlenangaben aus der Vergangenheit soll versucht werden, den Bedarf für die Zukunft zu ermitteln, und zwar unabhängig voneinander nach drei verschiedenen Methoden: nach der Entwicklung der Hörerzahl, nach der Produktionsmöglichkeit der Industrie sowie nach vorhandener Kaufkraft. Das Gebiet soll dabei begrenzt werden auf das „Vereinigte Wirtschaftsgebiet", d. h. die britische und amerikanische Zone einschließlich der Berliner Sektoren mit zusammen 42 Millionen Einwohnern, da nur für dieses Gebiet genügend zuverlässige Zahlen vorliegen.

Für den Bedarf von ganz Deutschland wären diese Zahlen um weitere 50% zu erhöhen, da die russische und französische Zone zusammen etwa die Hälfte der genannten Einwohnerzahl haben.

a) aus der Hörerzahl

Als Normalwert möge eine Hörerdichte von 160 auf 1000 Einwohner angenommen werden, die jedoch schon dem Propaganda-Höchststand von 1939 entspricht. Das wären 6,7 Millionen Hörer gegen heute bereits vorhandene 5,5 Millionen, d. h. für etwa 6 Jahre noch eine Zunahme von jährlich 200.000. Eine Ersatzquote für alte Geräte mag mit 8% angenommen werden, obwohl sie früher im langjährigen Mittel nur 5% war. Das sind weitere 450.000 Geräte jährlich, d. h. ein Gesamtbedarf von 650.000 Geräten im Jahr.

b) aus der Produktion der Industrie

1936 war der Umsatz der Rundfunkindustrie mit Zubehör ab Werk mit etwa 250 Millionen zu werten, d. h. 11,4 % des Gesamtumsatzes der Elektroindustrie. In der besten Konjunktur 1938 erreichte der Umsatz 368 Millionen ab Werk, d. h. 11,5% der Elektroindustrie. Damals erhielt der Rundfunk seitens des Staates jede nur mögliche Vorzugsstellung und Hilfe.

Die Prioritäten 1948/49
Heute und auf Jahre hinaus ist die Wiederherstellung der Kraftwerke, der Telefon- und Nachrichtennetze, die Erzeugung von Glühlampen und anderen bei weitem notwendiger und muß bevorzugt gefördert werden. Der Rundfunk ist zwar erwünscht, aber gegenüber den genannten Aufgaben nicht lebenswichtig. Sein Anteil an der Elektroindustrie darf bei der Knappheit an Material und Personal höchstens 10 bis 11%. betragen.

Die Elektroindustrie produziert zu heutigen Werten für das obengenannte Gebiet etwa für 1 Milliarde jährlich, ohne Reparaturen und Montagen. Bis Ende 1948 wird eine Produktion von rund 1.400 Millionen angestrebt und ist unter günstigen Umständen auch erreichbar, d, h. wenn Kohle, Eisen und Importe in entsprechendem Maße zur Verfügung stehen. Auf die Rundfunkindustrie könnte davon also etwa 150 Millionen Produktionswert entfallen. Für Röhren ist dabei mit etwa 40 Millionen zu rechnen, d. h. rund 4 Millionen Stück einschließlich dem nötigen Ersatzbedarf. Für Geräte und Zubehör verbleiben demnach 110 Millionen, entsprechend rund 450.000 Stück. In beiden Fällen wird eine merkliche Senkung der heutigen Preise bereits vorausgesetzt.

Die Elektroindustrie kann später, wenn sie die durch den neuen Industrieplan festgelegte Grenze erreicht, eine Produktion von etwa 2,8 Milliarden erreichen (mit Berlin, zu heutigen Preisen). Dies ist nicht vor 1951 zu erwarten.

Auf den Rundfunk würden dann etwa 300 Millionen entfallen, genügend für 8 Millionen Röhren und 900.000 Geräte jährlich.

Zum Vergleich sei erwähnt, daß schon im Herbst 1947 der monatliche Umsatz der Rundfunkindustrie 10 Millionen erreichte, davon etwa 4 Millionen in der Bizone und 6 Millionen in den Berliner Sektoren. Er lag also schon auf 80% der oben für Ende 1948 genannten Menge. Der heutige Anteil des Rundfunks an der gesamten Elektroindustrie liegt demnach mit rund 13% höher als in der Propagandazeit von Goebbels, bei der Dringlichkeit aller anderen Aufbauprogramme ein nicht erwünschter Zustand.

c) Aus der Kaufkraft.

Im guten Wirtschaftsjahr 1938 hat die deutsche Bevölkerung von rund 70 Millionen für das Gesamtgebiet des Rundfunks etwa 850 Millionen RM, d. h. 1% des deutschen Volkseinkommens aufgewendet. Diese Zahl setzt sich zusammen aus 240 Millionen Hörergebühren an die Post (jährlich RM 24,-), 460 Millionen RM für Gerate und Zubehör zu Ladenpreisen und etwa 150 Millionen RM für Reparaturen und Ersatzröhren.

Nehmen wir für die Zukunft an, daß das Einkommen je Kopf unverändert sei gegen 1938, bei dem Wegfall aller Zinsen und der starken Kürzung vor allem der höheren Einkommen wohl eine recht optimistische Voraussetzung. Die vielfach höheren Steuern, der absolute Zwang zur Anschaffung von Kleidern, Wäsche, Schuhen, Hausrat und der viel höhere Aufwand für Lebensmittel drücken den für Unterhaltung übrigbleibenden Betrag natürlich sehr stark herab. Trotzdem mögen statt 1% in der letzten Vorkriegszeit noch immer 0,7% des Volkseinkommens für den Rundfunk aufgewendet werden.

Ein Schätzung

Für 42 Millionen Einwohner ergibt das 360 Millionen jährlich. Davon entfallen auf Hörergebühren 150 Millionen RM (ein sehr hoher Aufwand trotz Beibehaltung des Friedenspreises) und auf Ersatzröhren und Reparaturen 80 Millionen RM, so daß für neue Geräte samt Zubehör nur 130 Millionen RM verbleiben. Bei heutigen Preisen wären dies höchstens 350.000 Stück, nach Preissenkung etwa 450.000 Stück. Dies würde aber schon die Lieferung eines Normalsupers zu etwa 300 RM statt heute 475 RM voraussetzen, da kleinere Geräte nur noch einen geringeren Anteil haben werden. Hierbei sei daran erinnert, daß die frühere Hörerzahl nur durch 7 Millionen Geräte (Anmerkung: Volksempfänger billigster Bauart) zum Ladenpreis von 35 RM und 70 RM erreicht wurde, an den in Zukunft überhaupt nicht zu denken ist!

Demnach ergibt sich für die Zukunft nach der Hörerzahl entsprechend früherem Höchststand ein Jahresbedarf von 650.000 Geräten, nach der Leistung der Industrie für das jetzige Jahr etwa 450.000 und später 900.000 Geräte. Die Kaufkraft und Marktlage läßt jedoch selbst unter optimistischen Annahmen nur mit 350.000 bis 450.000 Geräten rechnen. Bei dem starken Übergewicht Berlins ergibt dies für die Fertigung in beiden Westzonen zusammen nur eine Monatsproduktion vom etwa 12.000 bis 15.000.

Die Unwägbarkeiten

Die Zukunft wird zeigen, ob sich diese Schätzung erfüllen wird. Allen Beteiligten kann aber nur zur Vorsicht geraten werden, da zwar eine Steigerung später leicht sein wird, ein Abstoppen zusammen mit Preissenkungen aber zu schweren Abschreibungen führen muß. Die Zahlen für ganz Deutschland würden, wie schon oben erwähnt, etwa um die Hälfte höher liegen. Der Export ist dabei noch nicht berücksichtigt.

Noch ein paar theoretische Überlegungen

Selbstverständlich gelten diese Überlegungen erst nach Durchführung einer Währungsreform, die ja die bittere Not und allgemeine Armut erst erkennbar machen wird. Der heute anscheinend unbegrenzte Bedarf ist doch lediglich eine Folge der Sachwertpsychose bei über 60 Milliarden Reichs-Mark Geldumlauf. Würden heute Perserteppiche und Flügel in dreifachen Mengen wie vor dem Kriege geliefert, so wären sie ebenfalls viel zu knapp und würden zu vielfachen Schwarzpreisen gehandelt, deren Höhe auch keinerlei Anhalt für irgendeine Bedarfsermittlung in normalen Zeiten bildet.

Wer in Industrie und Handel mit einem längeren Andauern der heutigen Verhältnisse rechnet, der wird in den nächsten Jahren schwere Enttäuschungen erleben. Z. B. waren im alten Reichsgebiet durch die WDRI (Anmerkung: Wirtschaftsstelle der deutschen Rundfunkindustrie) rund 30.000 Händler zugelassen, die in den besten Jahren (also etwa 1938) im Mittel je 60 bis 70 Geräte zu verkaufen hatten. Jetzt muß mit etwa der doppelten Händlerzahl gerechnet werden, wobei nach obigen Überlegungen auf jeden einzelnen nur 10 Geräte jährlich entfallen können.

von Dr. WALTER HOFMEIER im Juni 1948

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