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aus der FUNK-TECHNIK Nr. 04/1948 (2. Feb. Heft)
Das Editorial

Nr. 04/1948 - 3. JAHRGANG

Ein Wort an die Industrie

Um von vornherein kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Wir alle, die wir „vom Fach" sind, kennen die Sorgen und Nöte der Funkindustrie sehr genau. Wir wissen, daß es überall an Rohstoffen fehlt, daß Werkzeuge und Maschinen Kostbarkeiten sind und daß alle zur Zeit geleistete Arbeit unbefriedigend ist. Aber wir glauben auch, daß eines Tages wieder Kupfer und Wolfram, Messing und Kunststoffe vorhanden sein werden, wenn auch wahrscheinlich viel knapper als früher. Und wir sind überzeugt, daß die Funkindustrie in Deutschland einmal wieder unter halbwegs normalen Bedingungen wird produzieren können - einfach deswegen, weil sie einen wichtigen Teil des Exportes schaffen muß, der für die Ernährung von 65 Millionen Menschen notwendig ist.

Eine Menge Pfusch

Von dieser zwingenden Notwendigkeit der Ausfuhr ist kein Unternehmen befreit, gleichgültig, ob es sich in der Hand des Volkes selbst befindet, um das es geht, oder ob es als Glied einer privatwirtschaftlichen Ordnung arbeitet.

Es wäre verfehlt, an das seit Kriegsende Geleistete den Maßstab einer strengen Kritik anlegen zu wollen. Eher ist die Tatsache zu bewundern, mit der vielfach aus Trümmerhaufen überhaupt erst wieder eine Arbeitsstätte geschaffen und eine Erzeugung in Gang gebracht wurde.

Wenn man gerecht sein will, muß das meiste, was heute an Funkgeräten auf den Markt kommt, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Vieles, was gebaut wird, ist in normalen Zeiten nichts anderes als Pfuscherei, heute aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Notbehelf.

Aber doch kein Rückschluß

Hieraus auf die Leistungsfähigkeit der deutschen Funkindustrie zu schließen und ihr endgültiges Verschwinden vom Weltmarkt voraussagen zu wollen, wie das im Auslande bereits schwarz auf weiß geschieht, geht zweifellos viel zu weit. Die Tatsache, daß mißverstandene Notbehelfe zu solchen sehr harten Urteilen führen, zeigt aber, wie gefährlich es ist, sich mit Unterstandard-Erzeugnissen auch nur eine Stunde länger abzugeben, als unbedingt notwendig ist. Solange keine Gewöhnung an den aus Zeitnöten geborenen Tiefstand eintritt und der Wille zum Qualitätserzeugnis erhalten bleibt, ist freilich noch nichts endgültig verloren.

Es ist daher selbstverständlich, daß schon heute überlegt und vorbereitet werden muß, was geeignet erscheint, die Wettbewerbsfähigkeit mit dem Auslande wiederherzustellen, sobald die Voraussetzungen dafür erreicht werden können. Dies geht den Kaufmann ebenso an wie den Konstrukteur und Fertigungsingenieur. Niemand glaube, daß es einfach genügt, da fortzufahren, wo der Funkgerätebau bei Kriegsbeginn aufhören mußte.

Über die oberen Qualitätsklassen

Es war vor allem der Rundfunkempfänger in den oberen Qualitätsklassen, der einstmals den Ruf der deutschen Funkindustrie begründete. Für diesen wird der internationale Markt auch in Zukunft wieder aufnahmefähig sein. Es ist aber zu erwägen, ob nicht daneben für das Inland der Schwerpunkt sich doch mehr auf einfachere Gerätklassen verschieben wird, die gut, aber ausgesprochen billig sein müssen.

Der als Folge des Krieges stark beschnittene Lebensstandard des deutschen Volkes dürfte in Zukunft kaum noch einen erheblichen Absatz an teueren Groß- und Luxusgeräten gestatten, so daß viel stärker als früher eine Unterteilung der Produktion in eine Inlands- und Exportklasse notwendig sein sollte.

Dabei ist aber nicht gesagt, daß billige und einfache Kleinempfänger nicht ebenfalls exportfähig sind; es gibt manches europäische Land, das wie wir selber unter dem Krieg stark gelitten hat und verarmt ist, so daß es nur als Abnehmer billiger Rundfunkgeräte ohne Luxuskennzeichen in Frage kommt.

Über die endgültigen ? und ausgereiften ? Erzeugnisse

Ist der Rundfunkempfänger, wie er 1948 in aller Welt angeboten wird, wirklich ein endgültiges und ausgereiftes Erzeugnis, an dem es nicht mehr viel zu ändern gibt?

Lassen wir einmal seine rein technisch-akustischen Probleme beiseite, über die noch gesondert zu sprechen sein wird, und begnügen uns mit einem Blick auf die - für den Absatz auch nicht ganz unwichtige - äußere Gestaltung. Wenn es wahr ist, daß der Rundfunkempfänger, wie böse Zungen behaupten, das Licht der Welt in einer Zigarrenkiste erblickte, dann bedeutet das doch noch länge nicht, daß er seine Herkunft niemals verleugnen darf.

Warum hat man eigentlich aus dem Rundfunkempfänger mit Gewalt ein Möbelstück zu machen versucht mit einer Pappwand auf der Rückseite, so daß er unbedingt stets an einer Wand stehen muß? In Wirklichkeit ist er doch viel eher entweder ein Musikinstrument oder ein Gebrauchsgegenstand, der einmal hier, einmal dort seinen Platz hat. Glücklicherweise hat es schon immer Hersteller gegeben, die sich bemühten, diesem Gesichtspunkt Rechnung zu tragen. Aber viele, wenn auch nicht alle, sind heute wieder dem Zigarrenkistenkomplex mit Möbeltarnung erlegen.

Neue Ideen braucht die Industrie

Wenn man exportieren will, versuche man bitte etwas Neues und Schöneres. Es sei daran erinnert, daß es „draußen in der Welt" hin und wieder schon allseitig stellbare Geräte gibt, die zeigen, daß ein Empfänger auch ein eigenes Gesicht, den Ausdruck eines sachgerechten Stilempfindens haben kann. Man wird auch nicht umhin können, eines Tages die Frage einer grundsätzlichen Senkung der Fertigungskosten mit aller Gründlichkeit zu behandeln. Und zwar von der technischen Seite her und nicht auf dem Rücken des bei kaufkräftigem Lohn auch wieder leistungsfähigen Facharbeiters.

Eigentlich genügt ein Blick hinter die oben angeführte Pappwand, um zu sehen, daß ein Fertigungsspezialist hier einiges sollte verbessern können. Es gibt schon fortschrittliche Werkstätten, die aus dem üblichen Drahtverhau wenigstens schon eine Art organisierter Unordnung gemacht haben. Im Ernst: muß das so sein oder gibt es einen Weg, die so untechnisehe und deshalb teuere Verdrahtungsarbeit rationeller zu bewältigen ?

Abgesehen davon, mit dem heute erforderlichen Aufwand an Leitungskupfer müßte man statt einen bald zwei oder drei Empfänger bauen können; dies dürfte vielleicht einmal sehr wichtig sein.

An dieser Stelle ist kürzlich auf einige neuere Verdrahtungsmethoden mit gestanzten oder gespritzten Leitungen hingewiesen worden. Es muß nicht unbedingt so gemacht werden, aber sicher anders als bisher. - Das ist nur ein Punkt von vielen, die Beachtung verdienen.

Wenn in diesen toten Jahren des Überganges auf den Frieden der Wille zum Fortschritt nicht verlorengeht, kann die deutsche Funkindustrie trotz aller augenblicklichen Schwierigkeiten nach einiger Zeit doch wieder auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen. Denn man darf überzeugt sein: es wird auch anderswo mit Wasser gekocht. W. R. S.


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