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überarbeitet von Gert Redlich ab Feb. 2014 - Eigentlich sprechen wir von einer Gazette - Es sind gigantische Textmengen (Buchstaben-Wüsten), die die Autoren der "FI" in den 58 Jahren zusammen getragen haben. Damit das überhaupt vernünftig zu lesen ist, haben wir die Inhalte in jährliche Themengebiete aufgeteilt, die aber nicht in jedem Jahr gleich sind. - Sehr wichtig ist, es wurden alle Informationen, die Texte und die Erkenntnisse genau in der jeweils benannten Woche aufgeschrieben und nicht später ergänzt oder korrigiert.

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FI-1951 / 2.Okt.-Ausgabe - Berlin
Der grosse Fernseherfolg des NWDR in Berlin.

Welche Folgerungen zieht nun der NWDR? - Wann kommt der tägliche Programmdienst? - Von unserem Mitarbeiter Wgf. , Berlin, Mitte Oktober 1951.

Die Berliner Besucher der Industrie-Ausstellung sahen durchaus nicht unkritisch und unvorbereitet die Fernsehdemonstrationen, die der NWDR veranstaltete, und die Geräte, die die Funkindustrie in der Fernsehstraße ausstellte. Einige Zeit vorher - im August - hatten amerikanische Unternehmen Fernsehprogramme gezeigt; damit waren Maßstäbe gegeben worden, auch für die, denen die früheren Sendungen in Berlin aus dem Gedächtnis entschwunden waren.

Die Programm-Leistung des NWDR.

Für den Betrachter ist es nicht möglich, in Berlin alle Einzelsendungen zu besprechen. Denn der NWDR hat an jedem der 16 Ausstellungstage ein Programm aufgebaut, das zeitlich umfangreicher und inhaltlich vielfältiger war als bisher (s)ein Wochen programm.

Vom 27.11.1950 bis 5.10.1951 hatte der NWDR rund l75 Stunden lang Fernsehsendungen ausgestrahlt, vom 6.10. bis 21?10*51 werden es in Berlin etwa 120 Stunden gewesen sein, wozu noch, da der Betrieb durch Filmsendungen weitergeführt wurde, in Hamburg 12 Stunden kommen.

Sogar ein Doppelprogramm

Wir haben also zum ersten Mal in Deutschland ein Doppelprogramm zu verzeichnen gehabt. Bezieht man die "TestSendungen", die die Deutsche Bundespost während der Deutschen Industrie-Ausstellung von 14 bis 20 Uhr verbreitete, mit ein (sie setzten sich aus Interviews und Filmen zusammen), dann müssten wir sogar von einem Dreifachprogramm sprechen.

Bei dem 120-Stunden-Programm, das der NWDR von der Ausstellung verbreitete, muss ausserdem darauf hingewiesen werden, dass es sich zu über zwei Dritteln aus direkten Sendungen zusammensetzte. Filme wurden fast nur als "Brücken" zwischen diesen Sendungen benutzt, bis auf eine Ausnahme. Wir meinen den einstündigen Film  "Vom Kintopp zum Fernsehen", bei dem (wie auch bei anderen, kürzeren Streifen) zum ersten Mal die Bezeichnung "ein Fernsehfilm des NWDR" und "Produktion Hanns Farenburg" im Vorspann auftauchte.

Fernsehen muss Volkssache werden!

Welche Sendungen müssen als bemerkenswert hervorgehoben werden?

FI-1951 / 2.Okt.-Ausgabe - Berlin
Die Eröffnungsfeier der DIA Messe am 6. 10. 1951

Zunächst die einstündige Übertragung der Eröffnungsfeier am 6.10., der eine Einleitung von Prof. Dr. B. Dovifat, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats des NWDR vorausging, in der er betonte, dass das Fernsehen Volkssache werden müsse.

Damit ist unterstrichen worden, dass es sich in jeder Beziehung auf breiter Basis entwickeln sollte. Der Festakt wurde mit drei Kameras ausgezeichnet in Gesamtüberblicken und Ausschnitten eingefangen (am Regietisch Hanns Farenburg, aufs Beste von den Männern an den Bildfängern und den Technikern unterstützt.)

Diese Übertragung ließ vergessen, daß der Fernsehdienst zum letzten Mal vor einem Jahrzehnt vor eine solche Aufgabe gestellt worden war; die Sendung stand in keiner Weise ähnlichen Darbietungen nach, die z.B. die seit fünf Jahren gut eingearbeitete BBC-Mannschaft gestaltet. Im Anschluß ging Bundeskanzler Dr. Adenauer, von Direktor W. Pleister geführt, durch die Fernsehstraße; am Nachmittag stattete er noch einmal der Fernsehbühne des NWDR einen Besuch ab. Am nächsten Abend besichtigte Vizekanzler Franz Blücher den Fernseh-Übertragungswagen.

Die aktuellen Sendungen

Um bei den aktuellen Sendungen zu bleiben: es hat sich gelohnt, daß sich Heinz Riek und seine Mitarbeiter Borgmann, Murero und Piecho einige Monate an einem "blinden" Fernsehdienst erprobten. Sie haben täglich 1 l/2 Stunden in direkten Sendungen (und einigen am gleichen Tag aufgenommenen Filmstreifen) einen aktuellen Dienst sowie einen illustrierten Nachrichtendienst - ausgezeichnet unterstützt von Eduard Roderich Dietze und Jochen Riechert - aufgebaut, der flott, einfallsreich, witzig und politisch war. Diese Mannschaft dürfte auf diesem Gebiet in Deutschland nicht so leicht zu schlagen sein; sie verdient ein besonderes Lob.

6 Stunden täglich an der Kamera

Das Gleiche gilt auch für Hanns Farenburg, der mit seinen zum großen Teil schon erfahrenen Mitarbeitern die Seele des Fernsehprogramms war. Er kam kaum aus dem Übertragungswagen heraus, und die Kameramänner Sester, Reimers und Crack haben täglich bis zu 6 Stunden an den Kameras gestanden. Diese Arbeit vollzog sich unter den denkbar ungünstigsten Umständen, in einer ständigen Wolke unglaublichen Lautsprecherlärms von zahlreichen Ständen; hier müssen für die nächste Funkausstellung, die im August nächsten Jahres wahrscheinlich in Düsseldorf stattfindet, weitaus günstigere Arbeitsbedingungen geschaffen werden.

Oberspielleiter Farenburg stellte sich mit "Es war der Wind" vor, dem ersten einstündigen Fernsehspiel, das seit einem Jahrzehnt wieder gesendet wurde (Bearbeitung Schede und Farenburg). Eine abgerundete, gelungene Leistung von der Regie, die den Kameras nur etwas zu viel Bewegung abverlangte. Die sehr guten Bühnenbilder wurden noch von den Dekorationen zu der Sendung "Kammermusik und Lyrik" übertroffen (beide von K. H. Jocksch), aus denen Fahrenburg eine Kette von Einzelgemälden herauszauberte (am Mischpult Esberger und Sieverling).

Man kann nach diesen Proben auf die weiteren Planungen mit Recht gespannt sein. Das schon in Hamburg gesendete "Vorspiel auf dem Theater" hatte durch Neubesetzung (Theo Lingen als lustige Person und Jakob Esser als Direktor) gewonnen. In "Es war der Wind" sind besonders Udo Kostelnyck und Bernard Thieme zu erwähnen.

Fülle von Erfahrungen für den Fernsehstab

Es zeigte sich, daß ein "echter" Eindruck von den Möglichkeiten eines Fernsehdienstes nicht erzielt werden kann, wenn die Sendungen auf einer offenen Bühne stattfinden, sich an Laufpublikum anstatt an eine kleine Zuschauergruppe im Heim richten und den Charakter einer Demonstration tragen. Die Programmlinien und Inhalte werden verwischt, das gilt z.B. für die Quiz-Sendung (G. Plassberg), deren Fernsehform noch gefunden werden muß, und zum Teil auch für die Bunten Nachmittage (E. Fuchs), an denen aus den zu zahlreichen Musiksendungen die Männer an den Kameras und vom Mischpult durch Überblendungen und Ausschnitte an Bildwirkungen herausholten, was nur möglich war.

An die Beleuchtung (Hauenschild) und an das Bühnenpersonal (Bärwald) wurden hierbei große Anforderungen gestellt, genau wie bei den täglichen, einstündigen Kindersendungen von Dr. Ilse Obrig. Alles war auf ein Improvisieren abgestellt. Den Gewinn von dieser Gewaltprobe wird der ganze Fernsehstab haben, der alle Erfahrungen sammelte, die bisher in Hamburg nicht gewonnen wurden.

2 Studios im Fernmeldetechnischen Zentralamt

Nach den ersten 5 Tagen, die sich fast nur aus "Premieren" zusammensetzten, wurden die Vormittagssendungen (von 10 bis 14 Uhr) in die beiden Studios verlegt, die die Bundespost im Fernmeldetechnischen Zentralamt - Berlin-Tempelhof, eingerichtet hatte. Diese Entlastung war nötig geworden, weil entgegen den Planungen weder der Ausstellungsgarten noch ein Freigelände für die Kinderstunde benutzt werden konnten. Es ist anzunehmen, daß die Bundespost dem NWDR Berlin die beiden Räume auch weiterhin zur Verfügung stellt, falls nicht andere Lösungen gefunden werden oder infolge der soeben stattgefundenen Verhandlungen über eine eigene Berliner Rundfunkgesellschaft gesucht werden müssen.

Nach der organisatorischen Aufteilung des Sendetages stabilisierte sich die Fernseharbeit, deren technische Durchführung in den bewährten Händen von Dr. Below, H.J. Hessling (Organisation und Aufnahmetechnik) und W. Heinrichs (Übertragungswagen) lag.

Die "Feuertaufe" des Ü-Wagens

Der Ü-Wagen hat seine erste Probe sehr gut überstanden; es kann mit Recht erwartet werden, daß seine vielseitige Verwendungsmöglichkeit und Beweglichkeit nach der Ausstellung voll ausgenutzt werden. Darüber werden sich in erster Linie die Berichter Charlotte Menzel und Jürgen Roland freuen, die in Berlin gut aufgebaute Sendungen zeigten und nur bedauerten, daß - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die Kameras nicht durch die Hallen der Ausstellung fahren konnten.

Welche Folgerungen zieht nun der NWDR ?

Nach diesen 16 Tagen werden sich nun alle Augen auf die Leitung des NWDR
richten und fragen: "Was nun? Welche Folgerungen will der NWDR aus den Erfahrungen ziehen? Wie geht es weiter?"

Denn es ist eindeutig - und zwar vom NWDR selbst - bewiesen worden, daß ein täglicher Programmdienst von etwa zwei Stunden, der sich vornehmlich aus unmittelbaren Sendungen zusammensetzt, in Hamburg und auch in Berlin durchgeführt werden kann. Die Erfahrungen, die mit dem "fahrbaren Studio", dem Ü-Wagen, gemacht worden sind, können zu einer Revision der Neubaupläne für Senderäume führen; es wäre verfrüht, heute schon Endgültiges darüber zu sagen.

Zweifellos aber wird der Zeitdienst nunmehr endlich aufgebaut werden können, zumal von den Berliner Berichtern mit Erfolg vorexerziert wurde, wie man ihn gestalten kann. Den vielen Worten, daß er das Kernstück des Fernsehprogramms sei, müssen Taten folgen.

Fernseh-Blickpunkte der Industrie-Ausstellung.

Von unserem Berliner Mitarbeiter. - B.H.K. Berlin, Mitte Oktober 1951.

Nur wenigen Besuchern der "Deutschen Industrie-Ausstellung Berlin 1951" ist zum Bewußtsein gekommen, mit welchem Ernst das Zusammenspiel all derer erfüllt gewesen sein muß, die zum Gelingen des deutschen Fernsehstarts ihren Teil beizutragen hatten. Es war nicht allein das große Ausstellungsprogramm des NWDR, das von den verantwortlichen Gestaltern oftmals mehr verlangte, als sie zu geben imstande waren, und es war auch nicht allein die in ihrem Aufbau vom Verband der Berliner Elektroindustrie mustergültig betreute "Deutsche Fernsehstraße", die jenes tolerierende Verantwortungsgefühl verlangte. Eine Vielzahl weiterer Organisationen und Institutionen war am erfolgreichen Ablauf des bedeutsamen Ereignisses ebenfalls maßgeblich beteiligt.

Die Aufgaben der Post (Fernmeldedienst)

Eine der Hauptaufgaben hatte dabei die Post zu erfüllen: sie regelte die Verwendung der Sendekanäle, installierte und wartete den dem NWDR Berlin zur Benutzung überlassenen 1kW-Sender Berlin-Witzleben, der ein Siemens-Erzeugnis ist, und zeichnete für die Leitungswege verantwortlich. Erstmals in der Nachkriegszeit führte sie in diesem Rahmen der Öffentlichkeit eigene Fernsehsendungen vor, die sich aus Film- und Live-Programmen aktuellen und künstlerischen Inhalts zusammensetzten und sich über täglich 9 Stunden erstreckten. Diese Darbietungen sollten dem Publikum vor allem ein Bild von den vielfältigen Forschungs-, Entwicklungs- und Übertragungsaufgaben der Bundespost vermitteln - sie wurden vom Fernseh-Versuchssender Berlin-Tempelhof, einer 1kW-Station, gerichtet abgestrahlt, von einer Dipol-Spezialantenne auf dem Messegelände aufgefangen und auf dem Ausstellungsstand der Post, zeitweise auch auf der Fernsehstraße der Industrie, von einem Siemens-Relaisempfänger wiedergegeben.

Die uralten Fernsehkabel der früheren Reichspost

Wenige Meter daneben zeigte ein zweiter Relaisempfänger das gleiche Bild; hier aber diente - eine recht interessante Feststellung - als Übertragungsweg ein altes Fernsehkabel der früheren Reichspost, über das auf einem 21MHz-Träger eine saubere Wiedergabe erzielt wurde. Ein zweites Kabel verbindet, wie man in diesem Zusammenhang erfuhr, den Versuchssender Berlin-Tempelhof über eine Entfernung von etwa 13,5km mit dem Berliner Stützpunkt Nikolassee der Fernsehrichtverbindung Westdeutschland-Westberlin.

Wie diese "Fernseh-Brücke" nach ihrer Fertigstellung arbeiten wird, zeigte ein Leuchttableau: Die Verbindung benutzt zwischen Berlin und Höhbeck an der Elbe den Weg der "UKW-Fernsprech-Brücke" Berlin-Höhbeck-Hamburg, um dann entgegen bisherigen Verlautbarungen in Hannover auf die im Bau befindliche Relais-Strecke Hamburg-Köln zu stossen.

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