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"Das gab's nur einmal" - Der deutsche Film von 1912 bis 1945

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesen beiden Filmbüchern gibt es jede Menge Hintergrund- Informationen über das Entstehen der Filme, über die Regisseure und die kleinen und die großen Schauspieler, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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ZEHNTER TEIL • DIE NEUE GARDE

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Willy Fritsch hat unglaublich viel Glück

Willy Fritsch ist einer der wenigen Glücklichen, der sich sozusagen automatisch vom Stummfilmstar zum Tonfilmstar entwickelt, weil er in einem Stummfilm spielt, aus dem ein Tonfilm wird. Die meisten Stummfilmschauspieler müssen erst zahlreiche Probeaufnahmen machen, um festzustellen, ob ihre Stimme „kommt" oder nicht.

Einer, von dem alle Fachleute überzeugt sind, daß seine Stimme nicht „kommt", ist Hans Albers. Aber das scheint keine sehr wichtige Frage zu sein. Denn wo befindet sich Hans Albers noch ein Jahr, bevor er seinen ersten Tonfilm macht? Er hängt an einem Kronleuchter. Jawohl, an einem Kronleuchter, und dazu noch im Frack.

Der Kronleuchter befindet sich in der Komischen Oper, einem zweitklassigen Variete-Theater in Berlin, in welchem man die Revue „Tausend nackte Beinchen" spielt.
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DER MANN AM KRONLEUCHTER

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Viele hundert Augen starren auf Hans Albers, der noch am Kronleuchter hängt.

"Was wird geschehen? Wird er herunterspringen in das mit Wasser gefüllte Bassin, das auf der Bühne steht? Es müssen vom Kronleuchter bis zum Bassin gut zwanzig Meter sein, denken die Zuschauer atemlos. Vielen bricht der Schweiß aus, es ist ihnen nicht wohl, es wäre ihnen geradezu lieb, wenn Albers am Ende doch nicht herunterspringen würde.

Das Orchester hat aufgehört zu spielen. Jetzt schlägt der Trommler einen Wirbel, die Spannung wächst ins Unerträgliche, ein Aufschrei, Albers ist heruntergesprungen.

Einige Sekunden später verbeugt er sich, noch vor Wasser triefend. Aber schon in der nächsten Szene soll er in einem anderen, frischgebügelten Frack auf der Bühne stehen, was bedeutet, daß er sich das nasse Gewand auf der Treppe zur Garderobe abreißen, das neue auf dem Wege von der Garderobe zur Bühne zurück überziehen muß.

Jeder Handgriff, das Knöpfen jedes Knopfes ist mit der Stoppuhr berechnet. Wenn Albers auch nur ein einziges Mal stolpern, wenn er mit einem Arm den hingehaltenen Frack verfehlen würde, der ganze Auftritt wäre verpfuscht.

Und es sieht ganz so aus, als würde er dergleichen noch viele Jahre tun, jeden Abend, auch sonntagnachmittags zu halben Preisen. Es sieht ganz so aus, als ob der Schauspieler Hans Albers es nicht weiterbringen wird, denn von einem zweitklassigen Variete-Theater wie der Komischen Oper aus ist eine künstlerische Karriere zu Reinhardt, zum Film nicht denkbar.
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Aus der Jugendzeit von Hans Albers

Das Geburtsdatum von Hans Albers ist, wie das bei Filmstars vorkommen soll, nicht eindeutig festzustellen.

Es schwankt zwischen dem 22. September 1891 und 1893. Wie dem auch sei: der Vater ist wohlsituierter Schlachtermeister in der Langen Reihe in Hamburg, die Mutter eine Bäuerin aus den Vierlanden, jener fruchtbaren Landschaft um Bergedorf bei Hamburg herum.

Beide Eltern sind groß und blauäugig. Der Vater sieht ungewöhnlich gut aus, die Mutter, der Hans wie aus dem Gesicht geschnitten zu schein scheint, ist geradezu eine Schönheit.

Bei den Alber gibt es sechs Kinder, vier Mädchen und zwei Söhne. Hans ist bei weitem der Jüngste und wird infolgedessen von der Mutter ungemein verwöhnt. Er ist für sie „min Jung" schlechthin und wird es immer bleiben.

Noch später, als Hans Albers schon berühmt ist,
noch als Dreiundachtzigjährige, wird sie zu allen Albers-Filmen ins Kino gehen, wird alle Kritiken lesen und wird sich entsetzlich ärgern, wenn „min Jung" verrissen wird.
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Er war kein so guter Schüler

Hans ist nicht gerade das, das man einen guten Schüler nennt. Auch wäre es übertrieben, zu behaupten, daß er seelisch leidet, wenn die Lehrer über ihn die Köpfe schütteln und ihm eine schlimme Zukunft prophezeien. Ja, es muß gesagt werden, daß er überhaupt keinen Respekt vor der Lehrerschaft hat.

Was er werden will? Seitdem er das erste Mal im Theater war, gibt es für ihn keinen Zweifel mehr. Natürlich muß er zur Bühne! Der Vater ist nicht sehr begeistert davon, erklärt sich aber bereit, die Bühnenkarriere seines Sohnes zu finanzieren, falls ein bekannter Hamburger Regisseur ihm bestätigt, daß Hans Talent hat.

Der Regisseur bestätigt leider nur die trübsten Ahnungen des Vaters. „Junger Mann, geben Sie alle Hoffnungen auf!" sagt er zu Hans Albers. Der denkt gar nicht daran. Zwar wird er in die kaufmännische Lehre gesteckt, aber insgeheim nimmt er Schauspielstunden und wird schließlich für eine mit bloßem Auge kaum sichtbare Gage an das Frankfurter Neue Theater engagiert, an dem er fast nichts zu sprechen bekommt.

Für sechzig Mark pro Monat nach Güstrow

Dann geht es in die Provinz, nach Güstrow, für sechzig Mark pro Monat, wo er alles spielen muß: Heldenväter, Bösewichte, Salonschurken ...

Der Vater fährt nach Güstrow, um sich seinen Sohn einmal anzusehen. Er sitzt erwartungsvoll in der zweiten Reihe und ist recht enttäuscht, weil er Hans durchaus nicht entdecken kann. Wie kann er ahnen, daß jener Greis, dessen Gesicht hinter einem ungeheuren weißen Bart verborgen ist, und der wie ein vom Zipperlein Geplagter ganz gebückt umherschleicht, sein Sohn ist?

Als Hans es ihm nach der Vorstellung mitteilt, kann sich der Vater nur mühsam begeistern. Er ist überzeugt davon, daß sein Sohn einen großen Fehler gemacht hat, als er zur Bühne ging, und daß er hoffentlich noch die Vernunft aufbringen wird, einer Laufbahn ohne jede Aussicht zu entsagen.
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Als ein Baum auf den Direktor fällt

Das tut er nicht, aber der Direktor in Güstrow entschließt sich, Hans Albers zu "entsagen". Dies geschieht gleich nach einer Vorstellung von „Wilhelm Teil", in der der Direktor natürlich den Teil spielt. Während seines großen Monologes „Durch diese hohle Gasse muß er kommen!" fällt ein Baum um, und kein anderer als Hans Albers, der in der gleichen Aufführung auch noch den Melchthal zu spielen sowie in großen Szenen als Volksgemurmel mitzuwirken hat, ist für jenen Unglücksbaum verantwortlich. Siehe Vertragspassus „Umbauverpflichtung". Fristlose Entlassung.
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Das alles war vor 1914

Aber es gibt ja so viele Provinzbühnen und Schmieren in Deutschland. Irgendwo findet sich immer ein Platz für den blonden jungen Mann. Und dann kommt der Weltkrieg. Verwundung. Urlaub in Berlin. Zum ersten Male sieht Albers wirklich gutes Theater. Kaum ist er an die Front zurückgekehrt, wird er wieder verwundet.

Man will ihm sogar das Bein abnehmen. Er protestiert. Lieber tot, nur kein Krüppel! Das Bein wird nicht amputiert. Aber der Krieg ist für Albers zu Ende. Er geht zuerst nach Wiesbaden, dann nach Berlin, um Theater zu spielen und um zu filmen.

Wie ist Albers zum Film gekommen?

Er saß in einem Cafe und brütete vor sich hin. Mag sein, daß er darüber nachdachte, wie er seine Spielschulden bezahlen sollte, mag sein, daß er überhaupt nichts dachte.

Albers stierte gern vor sich hin. Alle, die ihn kennen, haben immer wieder festgestellt, daß ihm die Fähigkeit des Brütens in besonderem Maße zuteil geworden ist...

Ein Aufnahmeleiter ging am Tisch vorbei, stutzte, ging weiter, kam zurück, baute sich vor ihm auf und ließ sich wie folgt vernehmen: „Sind Sie Schauspieler?" „Es gibt einige Leute, die das verneinen würden!" sagte Albers.

„Haben Sie schon mal gefilmt?" Nein, das hatte Albers noch nicht. Und er war auch im Augenblick nicht sehr scharf darauf, zu filmen. Er verachtete die „Flimmerkiste", hielt sie für unkünstlerisch und glaubte, daß der Film allenfalls eine vorübergehende Unterhaltungsmode sei ...

Aber der Mann war nicht abzuschütteln.

„Wollen Sie morgen bei uns filmen?" fragte er, und da er an der Miene des Schauspielers sah, daß der nicht wollte, fuhr er mit erhobener Stimme fort: „Sie bekommen acht Mark pro Aufnahmetag!" In diesem Augenblick stellte Albers, der die Hände in den Hosentaschen hatte, fest, daß sich sonst nichts in diesen Hosentaschen befand.

Und vor ihm stand eine Tasse Kaffee, die er zwar erst zur Hälfte getrunken hatte, aber in der allernächsten Zukunft ganz würde bezahlen müssen. Würde der Ober ihm noch weiteren Kredit gewähren? Gerade jetzt stand er ganz nahe am Tisch und spitzte seine Ohren.

„Acht Mark, sagten Sie?" wiederholte Albers so laut, daß der Ober es nicht überhören konnte. „Nun gut, dann werde ich eben Filmschauspieler!"
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1917 gings los mit dem Film

1917 wirkte er bei einem Filmdrama mit, das den Titel „Mut zur Sünde" führte, und dessen Star die Nackttänzerin Olga Desmond war. Es folgten „Rauschgold" und „Rache des Gefallenen", zwei Werke, von denen heute niemand mehr irgend etwas weiß, die Mitwirkenden nicht ausgenommen.

Albers hatte die Tatsache, daß er in den nächsten Jahren ungezählte - in des Wortes wahrster Bedeutung ungezählte - Filme machte oder in ihnen mitwirkte, weniger sich selbst als vielmehr der Konjunktur zu verdanken.

Es gab viele Firmen, die in drei, vier Tagen einen Film herstellten, und selbst große Filme wurden in drei bis vier Wochen abgedreht. Es gab Stummfilmstars, die sechs oder gar zwölf Filme pro Jahr spielten - und wohlgemerkt, das waren die Stars, die schließlich in den meisten Szenen vorkamen.

Die Chargenspieler, die einen oder bestenfalls zwei Drehtage hatten, konnten bequem im Monat ihre zehn bis fünfzehn Filme machen. Ein solcher Chargenspieler war Hans Albers.

Filmen hatte zu der Zeit Konjunktur.

Es wurden so viele Filme gemacht, daß es gar nicht genug Schauspieler gab, um sie alle zu besetzen. Wenn man ein „verwendungsfähiger" Typ war, konnte man so viele Engagements haben, wie man wollte.

Hans Albers war verwendungsfähig. Zudem war er ungemein elegant. Auch das spielte in dieser Zeit eine Rolle, daß einer seinen eigenen Frack und seinen eigenen grauen Gehrock, seinen Smoking stellen konnte.

Welche Rollen spielte Albers? Immer eine unsympathische. Er war niemals auf der Seite des Gesetzes, er durfte nie eine Figur verkörpern, für die das Publikum zitterte, er war, im Gegenteil, der Bösewicht, der Intrigant, der schlechte Kerl.

Mit Vorliebe wurde er als Lebemann, Schieber oder Ganove eingesetzt, gelegentlich auch als Ehebrecher oder als einer, dem es beinahe gelang, die Frau, Braut oder Geliebte des Helden zu verführen.

Denn in letzter Minute kam der Held und verprügelte Hans Albers ganz fürchterlich. Manchmal spielte Albers auch einen Grafen oder einen Baron. Aber gewöhnlich stellte sich dann heraus, daß der Graf gar kein Graf war und der Baron kein Baron.

1927 kam für Hans Albers die Talsole

Im Jahre 1927 schien er einen gewissen Tiefpunkt erreicht zu haben. Denn in den Personenverzeichnissen war sein Name nur noch erwähnt unter: „Weiter wirken mit." Es sah alles recht aussichtslos für ihn aus beim Film, und auch beim Theater ging es nicht viel besser. Er war sozusagen von Stufe zu Stufe gesunken, und die Komische Oper war schon eine der letzten oder vorletzten Stufen für einen Schauspieler.
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Und da kommt die große Chance.

In Max Reinhardts Deutschem Theater haben die Proben zu Ferdinand Brückners „Verbrecher" begonnen. Darüber, daß Ferdinand Brückner, der vor einem halben Jahr einen Sensationserfolg mit seinem Drama „Krankheit der Jugend" gehabt hat, in Wirklichkeit der bisher erfolglose Theaterdirektor Theodor Tagger ist, sind nur einige wenige informiert.

Die Öffentlichkeit weiß lediglich, daß Brückner ein Pseudonym ist, hat keine Ahnung, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. Was nun das neue Drama von Brückner angeht, so spielt es in einem Wohnhaus, das vertikal aufgeschnitten ist, so daß man zur gleichen Zeit in je drei Zimmer in drei Etagen, also in neun Räume, blicken kann.

Man sieht dort viele Schicksale sich erfüllen, Menschen in allen Tonarten glücklich und unglücklich werden. Der große Max Reinhardt will das Stück selbst inszenieren.

Dieser ungewöhnliche Regisseur hat den ungewöhnlichen Einfall, das ganz aufgeschnittene Haus auf eine versenkbare Bühne zu stellen, auf einen ungeheuren Fahrstuhl also, der das Haus jeweils so weit aus dem Keller heraufhebt, wie es gerade nötig ist.

Es stellt sich aber heraus, daß, um dieses Projekt durchzuführen, ein kleiner unterirdischer Fluß, der sich unter dem Deutschen Theater befindet, umgeleitet werden müßte. Kein Hinderungsgrund für Max Reinhardt, wohl aber für den geschäftsführenden Direktor.

Nun interessiert sich Reinhardt nicht mehr für das Stück und Heinz Hilpert wird mit der Inszenierung beauftragt.

Da ist eine der Hauptrollen des Stückes, die des Kellners Gustav Tunichtgut, der mit vielen Dienstmädchen des Hauses Verhältnisse hat und schließlich wegen eines Mordes hingerichtet wird, den er gar nicht begangen hat.

Oskar Homolka, einer der beliebtesten Schauspieler Berlins, soll die Rolle spielen. Aber er zankt sich auf allen Proben mit dem Regisseur, und schließlich schickt er die Rolle zurück.

Guter Rat ist teuer. Woher einen Ersatz nehmen, jetzt, nur zwei Wochen vor der Premiere? Kein Schauspieler, der vom Typ her in Frage käme, ist frei.
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Mit einer Ohrfeige fing es an

Hans Albers bekommt die Rolle durch einen mehr als seltsamen Zufall. Bei einem Sechstagerennen hat er einen Journalisten geohrfeigt. Der schwor Rache und ging in die Komische Oper, um über Hans Albers eine vernichtende Kritik zu schreiben. Er war so begeistert von dem, was er zu sehen bekam, daß er eine Hymne schrieb.

Resultat: Das Engagement an das Deutsche Theater. Die Partner von Albers: Lucie Höflich, Maria Fein, Gustaf Gründgens, Mathias Wieman. In einer so erlauchten Gesellschaft hat Albers noch nie gestanden.

Und schon auf den Proben spürt der Regisseur, spüren eigentlich alle: er spielt sie allesamt an die Wand. Die Premiere bestätigt es. Ganz Berlin ist anwesend. In den Logen die Diplomaten, die Regierungsmitglieder, das Auswärtige Amt, im Parkett die großen Bankiers, die Industriellen, die gefürchteten Kritiker, die über das Wohl und Wehe der Theater, der Dramatiker und der Schauspieler zu entscheiden haben.

Es wird ein Bombenerfolg für den Schauspieler Hans Albers, dessen Namen man gestern noch nicht gekannt hat.
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Albers spielt beileibe keine sympathische Rolle

Übrigens spielt Albers auch in den „Verbrechern" beileibe keine sympathische Rolle. Der arbeitslose Kellner Tunichtgut lebt von den Frauen, mit denen er lebt, und das sind die dienstbaren Geister des hochherrschaftlichen Hauses, in dem er ein Kämmerchen bewohnt.

Da steht er, rasiert sich, oder er bindet sich die Krawatte, er pfeift einen Schlager vor sich hin, der damals sehr populär ist, „Ich küsse Ihre Hand, Madame!" und weiß genau, wie man diese Frauen und Mädchen nehmen muß.

Er trägt einen kleinen nach oben gezwirbelten Schnurrbart, der es den Frauen angetan hat. Er hat den Kopf leicht zurückgeworfen, die Lider sind über den frechen und versprechenden Augen halb geschlossen, in der Ecke des Mundes baumelt eine Spitze mit halb aufgerauchter Zigarre, der steife Hut ist ins Genick geschoben, die Hände stecken in den Taschen.

Jetzt komm' ich! Mir kann keiner! Was kostet die Welt?

Der Durchbruch kam am 23. Oktober 1928

Es ist gar nicht die Welt, die dieser Tunichtgut will, es ist nur ein warmes Abendessen, das ihm eine Köchin liefern soll, oder ein paar Mark vom Sparkassenbuch, die ihm das Stubenmädchen pumpen wird, um sie nie wiederzusehen, oder ein paar Stunden Liebesglück mit der Wirtin einer Kaschemme.

Dieser Tunichtgut ist ein wirklicher Tunichtgut, er ist frech, er ist zynisch, aber dabei gar nicht böse, und eigentlich kann man ihm auch gar nicht böse sein.

Und als die eifersüchtige Köchin, die seinetwegen einen Mord begangen hat, ihn in diese Mordaffäre verwickelt und ihn durch ihre Aussage vom Leben zum Tod befördert, ist der Zuschauer geradezu erschrocken: so schlimm hatte der Kellner Tunichtgut das doch gar nicht gemeint!

Es ist hier so ausführlich die Rede von dieser Rolle, weil es sich um den Durchbruch des Schauspielers Hans Albers handelt, weil er ohne diesen Erfolg am 23. Oktober 1928 am Deutschen Theater zu Berlin niemals einer der zwei oder drei repräsentativen deutschen Filmschauspieler geworden wäre.

Das Besondere an Albers - er spielt sein Leben

Was ist es, das ihn von den anderen Schauspielern unterscheidet, daß sie neben ihm eben nur als Schauspieler erscheinen, während er gerade nicht wie ein Schauspieler wirkt, sondern wie ein echter stellungsloser Kellner, der gerade von der Straße hereingeholt worden ist, um diese Rolle - besser: um sein Leben zu spielen?

Was ist das Besondere, das Einmalige an Albers, das an diesem historischen Abend die Menschen anfaßt und sie nicht mehr losläßt, das in den fast fünfundzwanzig Jahren, die nun folgen, die Menschen überall anfaßt und nicht mehr losläßt, wenn sie Hans Albers im Film sehen?

Vorläufig sieht es so aus, als werde er nur noch Theater spielen, denn im Film bietet man ihm nichts als kleine und kleinste Rollen an.
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Hans Albers sieht den „Singing Fool" Film

Da kommt der „Singing Fool", der zweite Tonfilm Al Jolsons, in den Berliner Gloria-Palast (das bedeutet, im Gloria Plast wurde vor dem Juni 1929 Berlins erste Tonfim-Apparatur installiert), jener Film, in dem Jolson das berühmte Lied vom „Sonny Boy" singt.

Hans Albers hat sich den Film mit seiner Freundin Hansi, der Tochter des bekannten Schauspielers Eugen Burg, angesehen. Die weint ein bißchen, wie alle Frauen nach dem „Singing Fool", aber kaum hat sie das Kino verlassen, da ist sie wie verwandelt.

„Komm, laß uns irgendwohin gehen! Ich lade dich zu einer Flasche Champagner ein!" Ein paar Minuten später sitzen sie in einer kleinen Bar. Albers ist noch immer ein wenig erschüttert. Und er wundert sich, daß Hansi nach einem so traurigen Film so unpassend vergnügt sein kann.

„Jawohl, ich bin vergnügt", sagt Hansi. „Warum auch nicht? Jetzt weiß ich, daß du eine große Karriere machen wirst!" Um diese Zeit hat Albers bereits die „Verbrecher" gespielt. Er hat also Karriere gemacht und Hansis Worte sind ihm wieder mal recht unverständlich. „Verstehst du nicht? Der Tonfilm! Erst mit dem Tonfilm wirst du dich ganz durchsetzen!" Niemals hat eine kluge Frau klüger prophezeit als damals in Berlin.
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VON KOPF BIS FUSS MARLENE

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Maria Magdalena von Losch ist ein Backfisch

Der Vater, Offizier, fällt im ersten Weltkrieg. Damals ist Maria Magdalena von Losch ein Backfisch mit blonden Zöpfen und, für den damaligen Geschmack, viel zu langen dünnen Beinen. Trotzdem starren ihr die jungen Männer schon nach.

Sie erhält Unterricht im Violinespielen, besucht täglich das Konservatorium und übt hingebungsvoll. Der Lehrer meint, sie könne es noch weit bringen - mit der Geige natürlich.

Er ahnt nicht, daß die eifrigen Besuche des Konservatoriums noch einen anderen Grund haben. Der Grund ist ein Tenor, der wesentlich älter ist als die junge Losch und nicht mehr ganz schlank, und dessen Haupthaar sich an den kritischen Stellen lichtet.

Sie liebt ihn mit der ganzen Hingebung ihres Herzens, erst von weitem, dann von etwas näher. Einmal besucht sie sogar den Tenor. Aber der schickt sie, edelmütig wie Tenöre nun einmal sind, wieder nach Hause zu Mama. Oder hat er Angst?

Plötzlich ist der Traum vom Geigenspiel aus.

Nicht nur wegen des Tenors, sondern vor allem, weil Maria Magdalena von Losch sich eine schwere, langwierige Entzündung des Handgelenks zugezogen hat.

Sie geht, wie alle ihre Freundinnen, viel ins Kino, verliebt sich ein wenig in Harry Liedtke und Bruno Kastner. Aber ihr ganz großer Schwarm ist Henny Porten. Sie verbringt viele Stunden vor dem Haus der Porten und fühlt sich belohnt, wenn diese schließlich aus der Tür tritt und an dem jungen Mädchen lächelnd vorbei zu ihrem Auto eilt.

Natürlich beschließt Maria Magdalena, ebenfalls Schauspielerin zu werden. Davon ist sie nicht abzubringen, auch nicht durch die Mutter, die mit Entsetzen an die Gefühle der Ahnen denkt, wenn sie wüßten, was der jüngste Sproß der alten Familie zu tun gedenkt. Sie würden geradezu in ihren Gräbern rotieren.

Die Porten ist schließlich auf das junge Ding aufmerksam geworden, das vor ihrer Haustür nasse Füße bekommt, und lädt sie zu Schokolade und Kuchen ein. Als sie von den Plänen ihrer Besucherin hört, wird sie nachdenklich.

Weiß die junge Dame auch, was ihr bevorsteht?

Aber wenn Maria Magdalena von Losch sich einmal etwas vorgenommen hat, dann kann sie nichts mehr erschüttern. Die Mutter gibt schließlich nach. Die Tochter soll auf der Max-Reinhardt-Schule studieren. Sie stellt nur eine Bedingung: der gute Name von Losch muß auf jeden Fall aus dem Spiel bleiben.

Die angehende Schauspielerin wählt den Mädchennamen ihrer Großmutter, Dietrich, und zieht ihre beiden Vornamen Maria und Magdalena zu Marlene zusammen.

Maria Magdalena von Losch verschwindet von der Bildfläche

Marlene Dietrich betritt die Szene. Eines Tages erscheint in der Max-Reinhardt- Schule ein großer, blonder, ausgezeichnet aussehender Herr, stellt sich als Rudolf Sieber vor und sagt, er sei Aufnahmeleiter bei Joe May.

„Ich brauche ein junges, hübsches Mädchen, das Kleider zu tragen versteht." Man zeigt ihm verschiedene Schülerinnen, die in Frage kommen. Er wählt Marlene aus und bestellt sie für den nächsten Morgen ins Atelier.

„Die Szene geht im Spielsaal von Monte Carlo vor sich!" erläutert er. „Sie sollen eine Kokotte darstellen. Ich nehme an, Sie können das." Und ob Marlene das kann! Die ganze Nacht über arbeitet sie an dem Kleid, das sie tragen wird, und probiert alle möglichen Frisuren dazu aus.

Am nächsten Morgen erscheint sie in einem Brokatkleid, das ihr knapp bis zu den Knien reicht, und ihr Haar fällt aufgelöst auf die Schultern. Ins linke Auge hat sie sich ein Monokel geklemmt.

Kurz, sie sieht genau so aus wie eine Kokotte in Monte Carlo - oder jedenfalls so, wie sie sich eine Kokotte in Monte Carlo vorstellt.

Joe May mußte lachen

Als sie vor Joe May hintritt, bricht jegliches Gespräch im Atelier ab. Es wird ganz still. Und dann kann Joe May nicht mehr an sich halten. Er fängt an zu lachen, er muß so sehr lachen, daß ihm die Seiten wehtun. Er fällt hilflos in seinen Stuhl und lacht, bis ihm die Tränen die Wangen herunterlaufen. Er lacht so sehr, daß er fast erstickt.

Sein Lachen wirkt ansteckend. Die Kameramänner lachen, die Beleuchter lachen, der Tonmeister lacht. Fünf Minuten lang lacht das ganze Atelier. Dies ist der erste Filmtag Marlene Dietrichs, der Anfang einer großen und weltweiten Karriere.

Marlene heiratet Rudolf Sieber

Wichtiger als das Filmen ist für Marlene die Freundschaft mit Sieber. Bald darauf heiratet sie ihn. Es wird eine glückliche Ehe, obwohl die Verhältnisse mehr als bescheiden sind.

Die keineswegs kleine Gage Sieberts reicht nicht hin und her; noch stecken wir in der Inflation. Marlene bekommt eine Tochter, die Maria getauft, aber Heidede genannt wird.

Wer Marlene von früher kennt, ist erstaunt darüber, wie sehr sie sich verändert hat. Nichts mehr von Mondänität. Sie lebt nur noch für ihr Kind, geht völlig in ihm auf, ist glücklich. Und wird so schön, wie nur eine Frau sein kann, die glücklich ist.

Wenn alle Freunde sagen, sie müsse nun endlich zur Bühne oder zum Film, winkt sie lächelnd ab. Sie spielt nur in einem einzigen Film mit, den Sieber dreht und in dem Heidede die Hauptperson ist.

Marlenes Tochter Heidede ist die Hauptperson

Der Film zeigt das Kind, wie es schläft, ißt, trinkt, spielt, gebadet wird. Marlene kommt nur gelegentlich ins Bild, scheint für immer ins Mutterfach übergegangen zu sein. Aber Sieber weiß es besser. Sieber weiß, daß seine Frau nicht ihr Leben lang Hausfrau und Mutter sein kann, weil sie eine geborene Schauspielerin ist.

Er sorgt dafür, daß sie hin und wieder kleine Rollen in diesem und jenem Film erhält. Es sind allerdings wirklich sehr kleine Rollen, zu klein, um auf dem Programm auch nur erwähnt zu werden. Nein, es sieht nicht so aus, als ob aus der Dietrich noch etwas werden wird - aber was tut's? Sie hat ja ihren Mann und ihr süßes Kind.

Frühjahr 1926 - Cläre Waldoff spielt die Hauptrolle

Die berühmte Berliner Komikerin Cläre Waldoff spielt im Großen Schauspielhaus die Hauptrolle in Eric Charells Revue „Von Mund zu Mund". Die kleine, etwas dickliche und resolute Person mit den hellroten Haaren, der man nicht nachsagen kann, daß sie besonders hübsch ist, elektrisiert allabendlich das Publikum.

Marlene wirkt nur als Chorgirl mit, steht aber, wenn sie nicht auf der Bühne sein muß, in der Kulisse und hört fasziniert der Waldoff zu, die mit einer seltsam tiefen Stimme, die direkt aus dem Bauch zu kommen scheint, ihre Chansons singt.

Wenn man so singen könnte! Bei ihr würde die tiefe Stimme nicht komisch wirken, wie bei der kleinen, rothaarigen Waldoff, sie müßte eine andere Wirkung haben, eine sinnliche, erregende ...

Und wieder der Zufall ......

Kurz nach der Premiere wird eine Hauptdarstellerin der Revue krank. Marlene Dietrich darf einspringen, steht plötzlich im Scheinwerferlicht des Großen Schauspielhauses.

Cläre Waldoff sieht Marlene zum ersten Mal und ist begeistert. „Wie scheen det Kind is! Die Beene! Ick sare nur - die Beene! Aus der kann wat werden!" Sie gibt ihr ein paar Gesangsstunden, zeigt ihr, wie sie es anstellen muß, damit es klingt, als komme die Stimme aus dem Bauch. Und immer wieder sagt sie bewundernd: „Wie scheen det Kind is!"

Es dauert noch etwas mit dem "scheenen" Kind

Vorläufig wird noch nichts aus dem "scheenen" Kind. Marlene spielt die winzige Rolle eines Chorgirls in dem Stück „Broadway", das im Komödienhaus herauskommt. Eigentlich hat sie gar nichts zu spielen, sie hat nur da zu sein.

Und sie ist da, sie ist nicht zu übersehen. Sie sitzt, oder besser, liegt ziemlich weit vorn an der Rampe. Sie hat ziemlich wenig an. Gelegentlich turnt sie etwas, wobei ihre Beine eine wichtige Rolle spielen. Sie tragen viel zum Erfolg des Abends bei.

Aus allen Ecken des Theaters richten sich die Operngläser der Herren auf die Beine Marlenes. Das Ensemble von „Broadway" gastiert in Wien. Nur die männliche Hauptrolle wird umbesetzt. Ein gewisser Willi Forst, ein Operettentenor, übernimmt sie.
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Willi Forst ist ein junger, gutaussehender Schauspieler

...... für leichtere und leichteste Stücke, ein Wiener, wie er im Buche steht, obwohl der Vater, ein Porzellanmaler, aus Karlsbad kam. Willi Forst hat jahrelang auf allen möglichen Schmieren gespielt. Er war in Gablonz und Brunn der beliebteste Operettentenor. In Marienbad spielte er während eines Sommers und wurde von dem Regisseur Fritz Friedmann-Fredrich an das Berliner Metropol-Theater (das heißt heute in 2020 immer noch so) geholt.

Niemand hält ihn für einen großen Schauspieler. Aber jeder muß zugeben, daß er ein Typ ist, der einem nicht jeden Tag über den Weg läuft.

Wie beschreibt man Willi Forst am besten?

Er ist - etwa zum Unterschied von Harry Liedtke - keiner, den man sich in Kostümen vorstellen kann. Er wirkt ungemein modern, er ist zwanzigstes Jahrhundert. Die Anzüge unseres Jahrhunderts vermag er zu tragen, und er sieht nicht wie die meisten seiner Kollegen aus, als habe er den Frack und den Smoking soeben aus einem Maskenverleih entliehen.

Er bewegt sich mit einer selbstverständlichen Sicherheit. Niemand vermag mit solcher Lässigkeit einen Cocktail zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen wie er. Verglichen mit ihm wirkt Willy Fritsch wie ein junger Mann aus der Provinz.

Ja, Willi Forst ist der Großstadtmensch in Person. Er ist liebenswürdig, aber durchaus nicht gutmütig, und von Naivität kann keine Rede sein. Er ist brillant, witzig, souverän, er kommt aus den Bezirken Oscar Wildes und Noel Cowards.

Man könnte sich nicht gut vorstellen, daß er für die Frau, die er liebt, in den Tod ginge, aber man könnte sich sehr gut vorstellen, daß er für die Frau, die er liebt, am Spieltisch beim Baccarat betrügt oder eine Hochstapelei begeht.
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Willi Forst macht mit Marlene den Film „Cafe Electric"

Willi Forst macht mit der in weiten Kreisen vorläufig unbekannten Marlene Dietrich den Film „Cafe Electric". Er spielt unter der Regie von Gustav Ucicky einen verdorbenen jungen Mann, der ein unschuldiges junges Mädchen aus guter Familie verführt. Zur Darstellung des Unschuldlamms wird Marlene Dietrich engagiert.

Forst macht seine Sache glänzend. Die Dietrich ist, so finden Regisseur, Produzent und Geldmann, farblos und langweilig. Man will ihr die Rolle abnehmen. Willi Forst benimmt sich, wie sich das für einen jugendlichen Helden und Liebhaber geziemt: „Wenn Frau Dietrich nicht spielt, spiele ich auch nicht mehr!"

Marlene spielt. Aber Erfolg hat sie keinen. Und die Pausen zwischen den einzelnen Engagements werden immer länger. Sie leidet darunter. Hätte sie doch nie mit dem Filmen angefangen!

Jetzt hat sie Blut geleckt. Jetzt möchte sie gern spielen! Aber sie bekommt keine Chance. Einmal sagt sie zu ihrer Freundin Trude Hesterberg völlig verzweifelt: „Es hat ja doch alles keinen Sinn mit der ganzen Filmerei! Ich werde nie zeigen können, ob ich was kann."

Die Hesterberg beschwichtigt sie lächelnd. „Jede von uns bekommt einmal eine Chance. Dann mußt du nur da sein und kräftig zupacken! Dann darfst du dein Glück nicht mehr loslassen!"

und wieder der Zufall ..... „Es liegt in der Luft!"

Plötzlich, sozusagen aus heiterem Himmel, erhält Marlene Dietrich wieder ein Theater-Engagement. In Max Reinhardts „Komödie" am Kurfürstendamm soll eine kleine Revue herauskommen, geschrieben von dem hochbegabten, kaltschnäuzigen Marcellus Schiffer und dem Komponisten Mischa Spoliansky.

Nur einige wenige Schauspieler werden mitwirken, darunter Hubert von Meyerinck, die Diseuse Margo Lion, Schiffers Frau, Oskar Karlweis. Und die Dietrich. Der Name der Revue: „Es liegt in der Luft!"

Schon auf den Proben ist die Dietrich großartig. Gelassen, ruhig, sehr überlegen, sehr Berlin, sehr Kurfürstendamm. In der Premiere wirkt sie sensationell. Schließlich steht sie an der Rampe und singt in exaktem Rhythmus, von Klavier, einer gestopften Trompete und einer Trommel begleitet:

  • Es liegt in der Luft eine Sachlichkeit,
  • es liegt in der Luft eine Stachlichkeit,
  • es liegt in der Luft!
  • Es liegt in der Luft!
  • Es liegt in der Luft was Erotisches,
  • es liegt in der Luft was Idiotisches,
  • es liegt in der Luft!
  • Es liegt in der Luft!
  • Und geht nicht mehr raus aus der Luft!


Am nächsten Morgen spricht ganz Berlin nur noch von der Dietrich. „Haben Sie die Dietrich gesehen? Die muß man gesehen haben." „Es liegt in der Luft!" Das ist die Siegesfanfare der gefeierten Dietrich.
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Jenny Walter alias Jenny Jugo aus Graz

Ungemein reizvoll, wenn auch freilich auf andere Art als die Dietrich, ist Jenny Jugo. Ursprünglich hieß sie Jenny Walter, war als Tochter eines Diplomingenieurs auf dem Semmering geboren, wuchs in Graz auf, und zwar ausgerechnet in einer Klosterschule.

Noch Jahre später schütteln die Nonnen den Kopf über das ungemein wilde, aber auch lustige Mädchen. Nein, sie wird nicht, wie die Eltern es gehofft haben, eine sittsame Haustochter. Sie will es auch gar nicht werden. Sie will studieren. Sie will in die Welt hinaus.

Knapp sechzehnjährig heiratet sie den blutjungen Filmschauspieler Emo Jugo, der ebenso schön wie untalentiert ist. Die Ehe dauert nicht lange, es kommt zur Scheidung, und der Ex-Gatte stirbt bald darauf.

Immerhin ist Jenny Jugo durch ihren Mann in Filmkreise gekommen, und irgendjemand sagt ihr, sie müsse zum Film. Sie glaubt zwar nicht daran, aber sie ist immerhin bereit, eine Probeaufnahme zu machen. Die Probeaufnahme wird gemacht.
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Die Probeaufnahme - zufriedenstellend

Sie fällt zufriedenstellend aus. Aber damit wäre nicht viel geschafft. Es werden in dieser Zeit von hübschen jungen Mädchen Probeaufnahmen am laufenden Band gemacht, und viele fallen zufriedenstellend aus. Das sagt also noch gar nichts.

Mit Jenny Jugo ist es etwas anderes. Sie, die nie eine Stunde Schauspielunterricht genossen hat, wird sofort in großem Stil eingesetzt. In ihrem ersten Film spielt sie eine Blinde.

Es handelt sich um einen ungeheuer tragischen Film, nur daß die Jugo gar nicht besonders tragisch wirkt. Dann spielt sie eine Rolle in dem historischen Film „Prinz Louis Ferdinand" und eine andere in dem Film „Pique Dame". Immer noch versucht man, sie als Tragödin herauszustellen, immer noch hat keiner begriffen, daß sie nun einmal keine ist.

Erst in dem Lustspiel „Die Hose" nach der Komödie von Carl Sternheim schlägt sie ein. Sie spielt - unter der Regie von Hans Behrendt - eine kleine Bürgersfrau, die das entsetzliche Mißgeschick hat, mitten auf der Straße, und dazu noch bei einer Parade, ihre Hose zu verlieren.

Daraus entwickelt sich allerlei und beinahe eine Tragödie. Aber zu guter Letzt kommt alles wieder ins Gleis.

Auch Werner Krauß spielt dort mit

Werner Krauß spielt ihren Mann, einen Spießbürger, wie er im Buche steht, einen, der entsetzlich pedantisch ist, für den Kegelabende und Herrenpartien und Weiße mit Himbeer den Himmel auf Erden bedeuten.

Der Film „Die Hose" wird kein großer Publikumserfolg. Aber die Fachwelt sieht ihn sich mit Interesse an, vor allem wegen der durchschlagenden Leistung von Werner Krauß, dem eine einmalige Satire des Spießbürgertums gelingt. Die große Chance der Jugo kommt erst einige Zeit später, kommt mit dem Tonfilm.

und noch eine gewint mit dem Tonfilm - Lilian Harvey

Eine andere, die durch den Tonfilm nach oben gerissen wird: Lilian Harvey. Genaugenommen ist es nicht Lilian Harvey, die nach oben kommt, sondern das klassische deutsche Tonfilm-Liebespaar Willy Fritsch-Lilian Harvey.

Lilian Harvey ist zum Unterschied von Willy Fritsch noch nicht besonders bekannt, obwohl auch sie schon in zahlreichen Stummfilmen mitgewirkt hat. Sie spielt mit Fritsch „Die keusche Susanne", eine Verfilmung der berühmten Operette aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg von Jean Gilbert. Der Film
wurde bald nach dem „Walzertraum" gemacht.

Denn als es den Produzenten damals klar wurde, daß das Publikum verfilmte Operetten im Kino sehen wollte, gab es kein Halten mehr, obwohl selbst sie, die doch nie sehr viel begriffen, wissen mußten, daß die Textbücher der Operetten nicht gerade besonders kunstvoll waren, von einer logischen Handlung, von einer vernünftigen, glaubhaften Entwicklung der Charaktere ganz zu schweigen.

Richard Eichberg - einer der sogenannten Pi-Pa-Po- Regisseure

„Die keusche Susanne" wurde inszeniert von Richard Eichberg, einem sehr temperamentvollen Mann, der ursprünglich selbst Liebhaberrollen gespielt hatte. Eichberg gehörte zu dem Genre der sogenannten Pi-Pa-Po-Regisseure, die einen Film ungeheuer schnell herunterdrehten, aber mit einem Aufwand von unzähligen Worten, die mit einer nur im Stummfilm möglichen Lautstärke herausgeschleudert waren.

Eichberg begleitete das Spiel seiner Akteure mit lebhaften, ermunternden Ausrufen, er brüllte sie von der Kamera aus an, teils weil sie nicht so spielten, wie er das erwartet hatte, teils um sie zu ermutigen, teils um ihr Spiel zu intensivieren.

Willy Fritsch, der immerhin unter Ludwig Berger gearbeitet hatte, fühlte sich bei Eichberg nicht sehr glücklich. Wo er versuchte anzudeuten - wie ihm das Berger beigebracht hatte - verlangte Eichberg ein ungeheures, ja, man darf wohl sagen, ein übertriebenes Maß an „Spiel".

Und als Willy Fritsch nicht mitmachen wollte, schüttelte Eichberg vorwurfsvoll den Kopf und sprach jene klassischen Worte: „Mensch, Willy, du hast mir doch versprochen, daß du een Schauspieler bist!"
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„Die keusche Susanne" wurde ein Riesenerfolg

Obwohl Fritsch also nach Ansicht von Richard Eichberg kein Schauspieler war, oder vielleicht gerade darum, wurde „Die keusche Susanne" ein Riesenerfolg, der erste Filmerfolg Lilian Harveys.

Es geht die Sage, daß Richard Eichberg Lilian Harvey entdeckte, als sie während einer Ballettaufführung von der Bühne des Wiener Ronachertheaters ins Publikum fiel. Das ist eine hübsche Geschichte, aber kein Wort an ihr ist wahr.

Wahr hingegen ist, daß Lilian Harvey - eigentlich Lilian Pape, später nahm sie den Namen ihrer Mutter Harvey an - 1907 in London geboren wurde, sechsjährig mit den Eltern und Geschwistern nach Berlin übersiedelte.

Bald stellte sich heraus, daß sie unterernährt war und daß die Ärzte befürchteten, sie werde sich bei der Ernährung, die in Deutschland in und nach dem ersten Weltkrieg zur Verfügung stand, ein Lungenleiden zuziehen. Die Eltern brachten Lilian daher in die Schweiz.

Dort sollte sie Gymnastikunterricht nehmen. Aber schon war sie entschlossen, Tänzerin zu werden. Sie sparte sich von ihrem Taschengeld genug ab, um Ballettstunden zu nehmen. Zumindest in Solothurn waren die Tanzlehrer begeistert.
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Lilian Harvey - eine geborene Primaballerina

„Sie ist eine geborene Primaballerina!" sagten sie von dem jungen Mädchen, das wie selbstverständlich auf den Spitzen stand. Die Eltern hörten das nicht gern. Keiner aus der Familie war je bei der Bühne oder gar beim Ballett. Aber die blutjunge zarte Lilian hatte einen besonders harten Schädel. Sie ließ nicht locker, und so erlaubte man ihr schließlich, weiterhin Tanz zu studieren.

Mit sechzehn Jahren wurde sie Mitglied der sogenannten „Schwarz-Revue". Das war eine Truppe, die mit einem eigens für sie geschriebenen Ausstattungsstück in den großen Varietetheatern Europas gastierte.

Die „Schwarz-Revue" spielte auch im Ronacher-Theater in Wien. Niemand beachtete Lilian Harvey, das blutjunge blonde Mädchen in der vierten Reihe ganz links - eine fünfte Reihe gab es nicht. Da fiel irgendeine Solotänzerin aus. Der Ballettmeister fragte, ob zufällig eine der Choristinnen die Tänze der Erkrankten zu tanzen imstande sei. Klopfenden Herzens meldete sich Lilian Harvey.
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„Sie können die tanzen?"

„Ich glaube schon ..." sagt sie zaghaft. „Wann haben Sie die denn studiert?" „Ich habe eben auf den Proben zugesehen, und nachher, als die Bühne frei war, habe ich geübt ..."

Der Ballettmeister mustert sie kritisch. „Können Sie das denn durchhalten?" „Ich glaube schon ..." „Also dann mal los!" Der Klavierspieler beginnt, und Lilian tanzt die Nummer fehlerlos.
Der Ballettmeister ist beeindruckt: „Das haben Sie sich also ganz allein beigebracht?" „Die anderen Nummern auch ..." „Welche anderen Nummern?" „Alle."

Der Ballettmeister gibt dem Mann am Klavier ein Zeichen. Der beginnt eine andere Nummer. Lilian Harvey tanzt sie sofort, tanzt sie vollendet. Der Ballettmeister schüttelt den Kopf: „Man lernt doch immer etwas dazu!"
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Am Abend hat Lilian Harvey ihren großen Erfolg.

Und nun wird sie von dem Ballettmeister herausgestellt, bekommt zwei Solonummern, steht plötzlich mitten im Scheinwerferlicht. In Wien beginnt man von ihr zu reden. Eines Abends kommt Richard Eichberg ins Ronacher, sieht sie und ist entzückt. Nach der Vorstellung kommt er in ihre Garderobe.

„Sie müssen zum Film. Dort werden Sie was." „Ach, wissen Sie, Film ist so unsicher. Hier habe ich einen Dreimonatsvertrag!" „Ich gebe Ihnen einen Jahresvertrag!" Das tut Eichberg auch und dreht mit ihr sofort einen düsteren Film „Leidenschaft", den kein Mensch sehen will.

Schließlich hat ihm auch die Harvey nicht „versprochen", daß sie Schauspielerin sei. Sie glaubt noch immer nicht an ihre Filmkarriere. Sie möchte zurück zum Ballett. Es ist Sommer. Sie hat Ferien und geht nach Heringsdorf - und wird bei einem Schönheitswettbewerb preisgekrönt.

Eichberg kann sich vor Begeisterung nicht fassen. Er hat ja schließlich einen Jahresvertrag mit diesem schönen Mädchen, das gestern noch unbekannt war. Eine Schönheitskönigin - so etwas wollen die Leute im Kino immer sehen! Er hat nach dem ersten Reinfall begriffen, daß es vielleicht besser ist, die Harvey in leichteren Rollen zu beschäftigen. Er macht also ein paar Lustspiele mit ihr.
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Die Filme sind, gestehen wir es nur, keine Meisterwerke.

Es handelt sich mehr um das, was in der Industrie allgemein mit dem Ausdruck „Klamotten" bezeichnet wird. Aber die Harvey gefällt. Nur macht sie das nicht sehr glücklich. Sie ist überhaupt nicht so leicht glücklich zu machen. Auch als nach dem Schönheitswettbewerb ihr Bild in der „Berliner Illustrierten" (Ullstein Vdfrlag) erschien und alle ihr dazu gratulierten, wie hübsch sie aussähe, schüttelte sie den Kopf: „Hübsch kann jede sein.

Ich will groß werden! Ich will berühmt werden!" Das Besondere an ihr, etwas, was man dem schmalen blonden Ding gar nicht zutrauen würde: sie ist ungeheurer ehrgeizig.
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