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"Das gab's nur einmal" - Der deutsche Film von 1912 bis 1945

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesen beiden Filmbüchern gibt es jede Menge Hintergrund- Informationen über das Entstehen der Filme, über die Regisseure und die kleinen und die großen Schauspieler, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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ZEITFERN

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Erich Pommer hatte (auch) gewisse "gute Freunde"

Während „Der müde Tod" noch gedreht wird, muß Erich Pommer ins Krankenhaus. Wochenlang ist er lahmgelegt, kann sich um die Geschäfte der Decla-Bioskop nicht kümmern.

Resultat: gewisse gute Freunde versuchen, ihn aus der Firma herauszudrängen. Man tritt an Fritz Lang heran, der ja im Augenblick das große Ass der Decla-Bioskop ist. Aber der lehnt ab, mit den Intriganten, die ihn bedrängen, gemeinsame Sache zu machen.
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21.11.1921 - Pommer verkauft die Decla-Bioskop an die UFA

Immerhin ist diese Situation ein Grund mehr für Pommer, der Fusion zuzustimmen, die ihm die UFA - sie hat in den letzten zwölf Monaten ihr Kapital zweimal, zuerst von fünfundzwanzig auf hundert Millionen, dann auf zweihundert Millionen erhöhen müssen - jetzt plötzlich anbietet.

Übrigens steht auch die Decla-Bioskop finanziell nicht gerade gut da. Die Fusion kommt zustande - genau einen Monat nach der Premiere des „Müden Tod", am 21. November 1921.

Und so kommt nicht nur Erich Pommer zur UFA, bei der er schließlich Chef der Produktion wird, sondern auch nach Babelsberg, genauer gesagt: nach Neu-Babelsberg, ein Gelände siebenhundert Meter tief, dreihundertfünfzig Meter breit, zwei Ateliers, eine Freilichthalle, eine Freilichtbühne, eine Anzahl kleinerer Gebäude. Alles in allem eine Filmstadt, weitaus größer und großartiger als Tempelhof.
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Neu-Babelsberg - eine Filmstadt von ungeahnten Ausmaßen

Babelsberg - das bedeutet ein Heer von Arbeitern, Technikern, von Fotografen und Komparsen. Babelsberg - das bedeutet ein Stück Paris oder ein Stück London, eine mittelalterliche Fregatte, ein modernes Restaurant, indische Tempeltänzerinnen und Kadetten. Babelsberg - das bedeutet Betrieb, das bedeutet Film.

Inzwischen hat Ernst Lubitsch die UFA verlassen

Ernst Lubitsch hat der UFA inzwischen den Rücken gekehrt, aber bevor er seine Vaterstadt Berlin verläßt, um einem Angebot aus Hollywood Folge zu leisten, macht er noch einen Film - die UFA wird ihn verleihen - der alles bisher von ihm Gebotene in den Schatten stellt.

Es handelt sich um „Das Weib des Pharao". Natürlich geht es wieder um Emil Jannings. Nachdem er einen französischen und englischen König gespielt hat, wird er jetzt den Pharao Amenes hinlegen. Er freut sich schon auf die neue Maske.

Er wird keine weiße Perücke tragen wie als Ludwig XV., keinen blauen Bart wie als Heinrich VIII. Er wird sich seinen Schädel glattrasieren lassen. Das Gesicht natürlich auch. Er hat sich Bücher über das alte Ägypten besorgt, er studiert die Reliefs aus jenen Tagen, er sitzt vor dem Spiegel und verwandelt sich.

Kulissen für „Das Weib des Pharao"

Fieberhafte Arbeit herrscht in den Büros der Architekten und Baumeister. Man braucht diesmal keine Bastille und keinen Tower, dafür aber die Sphinx und die Pyramiden. Der Inhalt des Films:

Pharao Amenes hat sich mit solcher Leidenschaft in die Sklavin Theonis verlieht, daß er sich weigert, sie dem äthiopischen König herauszugehen, der ihr rechtmäßiger Besitzer ist. Darob bricht - natürlich - ein blutiger Krieg zwischen den Völkern aus. Die Sache wird noch komplizierter, weil Theonis weder den Pharao, noch den äthiopischen König mag, sondern einen andern - und den spielt Harry Liedtke.
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So viele (Film-) Tote wie nie zuvor

Es sterben in diesem Film ungefähr alle, die vorkommen, und wesentlich mehr, als jemals in einem anderen Film gestorben sind. Denn Lubitsch hat es inzwischen auf sechstausend Statisten gebracht.
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Dagny Servaes - denn Negri und Porten sind nicht mehr da

Sonst wirken noch mit: Albert Bassermann, Paul Wegener, Paul Hartmann. Und wer soll die schöne Sklavin spielen? Lubitsch hat natürlich an die Negri gedacht. Aber die ist schon in Amerika. Die Porten? Nein, die kommt nicht in Frage.

Es muß schon ein dunkler Typ sein. Da es keine prominente Filmschauspielerin in Deutschland gibt, die geeignet wäre, entschließt sich Lubitsch, eine prominente Schauspielerin auszuprobieren, die bisher noch nie gefilmt hat. Seine Wahl fällt auf die schöne Wienerin Dagny Servaes, die am Berliner Lessingtheater bereits Aufsehen erregt hat.

Man beglückwünscht die Servaes. „Gleich beim ersten Film so eine Rolle! Du stehst vor einer Riesenkarriere!" Es kann gar nicht fehlgehen. Die Servaes wird die Nachfolgerin der Negri werden.

Noch zwei, drei Filme und dann auch für sie - Hollywood! Seltsamerweise klappt es nicht. Die Servaes macht keine Filmkarriere. Sie wird nie wieder eine so tragende Rolle in einem so prominenten Film spielen. Sie wird nie ein echter Filmstar werden.

Die Geschichte des UFA Films "Friedrich II."

Um die gleiche Zeit, nachdem Lubitsch die Schicksale eines französischen und eines englischen Königs dargestellt und sich mit einem ägyptischen König befaßt hat, dreht die UFA die Geschichte des großen preußischen Königs Friedrich II.

Es ist der fatale Anfang .... mit dem fatalen Ende

Denn schon sucht man nach „nationalen Themen". Oder, um genauer zu sein, nach Themen, die Deutschland nicht in dem gegenwärtigen Elend zeigen, sondern in seiner ruhmreichen Vergangenheit.

Vergangenheit wird Konjunktur. Die Menschen, die der Verzweiflung nahe sind, weil ein sinnloser Krieg verloren wurde, fühlen sich erlöst bei dem Gedanken, daß Deutschland sich schon einmal aus dem furchtbarsten Elend wieder emporraffte, um schließlich zu siegen.

Bereits hier kommen Hitlers Gedanken ins Spiel

Was war, kann wieder sein. Hitler baut auf diesem Gedanken seine Partei auf, und seine Gefolgschaft wird um so zahlreicher, je aussichtsloser die Gegenwart erscheint.

Denn er verspricht seinen Anhängern, sie herrlichen Zeiten entgegenzuführen, herrlicher noch, als die Vergangenheit jemals war.
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Vorschläge auf amerikanische Initiative hin ?

Die UFA begnügt sich damit, Geld zu verdienen, indem sie die herrliche Vergangenheit zeigt - nicht ohne Hoffnung, ihre eigene Zukunft um so herrlicher zu gestalten. Es entsteht der erste Fridericus-Film.

Seltsamerweise vor allem auf amerikanische Initiative hin. Wie kommt das?

In Amerika hatten die ersten großen Filme von Lubitsch Sensationen hervorgerufen. Die amerikanischen Verleiher kabeln nach Berlin: „Liefert mehr Kostüm-Filme!"

Der Filmproduzent Hans Neumann, ein geschickter Mann mit einem Napoleonkomplex, fährt über den großen Teich. Er sitzt mit den Amerikanern am Konferenztisch. Dicke Zigarren werden geraucht.

Was wollen die Amerikaner?

Es ist alles zu haben! Einen Film über Wagner vielleicht? Oder einen über Heinrich Heine? Oder einen über Beethoven? Gerade ist ein Film „Beethoven und die Frauen" gedreht worden. Die Amerikaner rauchen bedächtig. Nein, das ist alles nichts! Das ist nichts für die große Masse im Mittelwesten. Lubitsch hat das besser gemacht.

Bei der „Dubarry" kommen Massen vor! Soldaten, Volksmengen ... Bei der Anna Boleyn ebenfalls. Wo gibt es Massen in einem Beethoven-Film? In einem Wagner-Film? In einem Film über Heinrich Heine? „Es müssen mindestens fünftausend Komparsen mitwirken!" lautet die amerikanische Forderung.

Neumann: „Ich liefere Ihnen einen Film mit sechstausend Komparsen!" Mit diesem künstlerischen Versprechen fährt er nach Berlin zurück. Dort trifft er sich mit dem jungen Arzen von Cserepy. „Was könnte man den Amerikanern anbieten?" Und nun geschieht etwas sehr Seltsames.

Arzen von Cserepy will einen Film machen, wegen des Geldes

Dieser Arzen von Cserepy hat wenig Ahnung vom Film. Er weiß nichts vom Film, als daß er einen machen möchte. Denn er ist überzeugt davon, daß mit Filmen viel Geld zu verdienen ist. Bisher war er Autoverkäufer in Budapest. Deutsch spricht er mit starkem Akzent.

Und dieser Arzen von Cserepy erklärt also wie aus der Kanone geschossen: „Machen wir doch einen Film über Friedrich II. !" „Über wen?"
„Über Friedrich II. ! Hierzulande nennt man ihn wohl Friedrich den Großen." „Das ist eine Kateridee!" „Die Amerikaner wollen doch Komparsen! Friedrich führte Kriege ... führte immerzu Kriege!"

Neumann schüttelt den Kopf. „Friedrich der Große ... Was weiß man denn im Mittelwesten von Friedrich dem Großen?" „Das ist es ja gerade! Je weniger die Leute wissen, um so besser für unseren Film! Und Sie können so viele Komparsen engagieren, wie Sie wollen, Herr Neumann. Wie ich den Film sehe, spielen da überhaupt nur Komparsen mit!"

Das gibt den Ausschlag. Neumann kabelt nach New York: „Offeriere Fridericus-Film stop Sechstausend Komparsen!"
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Ob die Amerikaner es überhaupt kapiert hatten ?

Es wird niemals festzustellen sein, ob die amerikanischen Verleiher genau begriffen, was ihnen da angeboten wurde. War es schon seltsam, daß ausgerechnet Arzen Cserepy aus der Autobranche die Idee eines Fridericus-Films hatte, so geschieht nun etwas viel Unwahrscheinlicheres.

Die Amerikaner sind einverstanden. Sie glauben nicht an Richard Wagner, Beethoven oder Heinrich Heine, aber an Fridericus glauben sie. Sechstausend Statisten! Die werden zwanzigtausend Provinzkinos füllen! Die Amerikaner spucken eine beträchtliche Dollargarantie aus.

Noch ist es nicht ein halbes Dutzend Jahre her, daß die amerikanischen Soldaten halfen, den deutschen Kaiser, der schließlich aus der Familie Friedrichs des Großen ist, von seinem Thron zu verjagen. Nun helfen sie Arzen von Cserepy, einen Film über den großen Ahnen Wilhelms II. zu machen.

Kann das schiefgehen?

In Amerika eine beträchtliche Dollargarantie. Und in Deutschland? In Deutschland garantiert niemand Dollars. Aber in Deutschland wird der Film wohl trotzdem sein Publikum finden.

Ist ein autoritäres Regime a la Friedrich II. nicht besser als eine windelweiche Republik, die sich weder nach außen, noch nach innen zu verteidigen weiß, und in der es infolgedessen keine Sicherheit gibt?

Wäre es nicht das Beste für Deutschland, wenn ein neuer Friedrich käme? Nicht nur die Monarchisten denken so. Viele Deutsche fühlen es, wobei allerdings die Tatsache mitspricht, daß Friedrich II. nicht irgendein Herrscher, sondern ein Genie war.

Wobei - und dies ist entscheidend für den Erfolg oder Mißerfolg des Films - Friedrich II. ein wahrhaft tragischer Held war, ein einsamer Mann schon deshalb, weil er seiner Zeit und nicht zuletzt den Deutschen seiner Zeit voraus war ...

Die ewig Gestrigen, diejenigen, die von dem besseren Gestern träumen, werden sich einen Fridericus-Film nicht entgehen lassen. Was aber werden die anderen sagen? Trotz der steigenden Sehnsucht nach der Vergangenheit sind jene Deutschen in der Überzahl, die nicht mehr an die Monarchie glauben - zu teuer haben sie die Fehler Wilhelms II. bezahlt - und die Gegner der Monarchie, die Sozialdemokraten, bilden die stärkste Partei.

Auf keine Fall "jemanden" verärgern .....

Es fanden Beratungen zwischen Neumann und Cserepy statt. „Wir dürfen es weder mit der einen, noch mit der anderen Seite verderben", meint Neumann. „Wir müssen einen Film machen, der den Republikanern gefällt, den aber auch die Monarchisten akzeptieren."

„Und wie stellen Sie sich denn das vor?" „Man kann die Republikaner besänftigen, indem man den Kronprinz Friedrich zeigt, der gegen den königlichen Vater rebelliert. Man kann die Rechte besänftigen, indem man den Sieg der Monarchie zeigt.

„Immerhin, ein Risiko bleibt!" stellt der Ungar aus der Autobranche fest. „Aber die Amerikaner zahlen!" erklärt Neumann. „Wir müssen es versuchen!"

Cserepy geht mit großer Sorgfalt vor

Man kann alles von Arzen von Cserepy sagen, nur nicht, daß er es sich leicht macht. Der Film vom großen König wird mit ungeheurer Sorgfalt vorbereitet. Ein Heer von Fachleuten studiert die Fragen der historischen Treue. Es gibt so viel festzustellen, festzulegen.

Jede Uniform muß stimmen, jeder Knopf an der Uniform, die Sporen an den Reitstiefeln, die Tassen, aus denen Kaffee getrunken wird - trank man damals eigentlich schon Kaffee? - die Tapeten an den Wänden, die Tische, die Stühle, die Türklinken ...

Im Mittelwesten hat doch kein Mensch eine Ahnung von dem allen!" protestiert Produzent Neumann. „Im Mittelwesten nicht, aber in Deutschland", widerspricht Cserepy. „Glauben Sie, im alten Rom von Joe May hat alles gestimmt? Oder am französischen Hof von Ernst Lubitsch?"

„Das haben die Leute nicht so gemerkt! Aber mit der deutschen Geschichte ist das so eine Sache .. . Da kennen die Leute sich aus... Ich möchte nicht, daß man sagt, ich hätte keine Ahnung gehabt, was ich da eigentlich verfilme!"

Cserepys Nervosität ist berechtigt.

Er hat nämlich wirklich keine Ahnung. Woher sollte er auch? In der ungarischen Autobranche erfuhr man wenig über die Zeit Friedrichs des Großen. Und da Cserepy so unsicher ist, weil er im Ausland ein ausländisches Thema dreht, gibt er sich nicht zufrieden, bis jede Einzelheit, auch das geringste Detail recherchiert worden ist.

Alles stimmt - mit Ausnahme der Handlung.

Von historischer Treue keine Spur. Hans Neumann sagt den Zeitungsleuten, die ihn fragen, ob es sich um einen historischen Film handelt: „Don Carlos ist auch nicht historisch! Und so historisch wie Wallenstein sind wir noch lange! Aber die Sache wird ganz groß, verlassen Sie sich darauf, meine Herren!"

So wird der junge Fridericus nicht als der undeutsche Liebhaber der französischen Literatur und Philosophie gezeigt. Das würde die Rechtskreise verletzen. Hingegen gibt es eine alberne Liebesgeschichte, die Friedrichs Drang nach Unabhängigkeit glaubhaft machen soll. Das ergreift die Kinobesucher.

Friedrich konspiriert gegen den Vater, wird entdeckt, will fliehen, wird verhaftet. Er muß die vom Vater angeordnete Hinrichtung seines Freundes Katte mitansehen. Und nun ist des jungen Friedrichs Trotz gebrochen. So sehr, daß er die Prinzessin von Braunschweig-Bevern heiratet, aus der er sich nichts macht.

Und als der Vater stirbt, wird er ein ebenso strenger, wenn auch genialer Herrscher, der Kriege gewinnt, Neuerungen einführt ...
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Ein Drama? Kaum. Eher eine Folge von Szenen.

Und doch spürt der Produzent Neumann schon während des Drehens: es wird, wie er prophezeit hat, ein ganz großer Film - mit ganz großen Kassen.

Da ist eine Szene, in der zweitausend Komparsen dem jungen König zujubeln, als er auf dem Balkon des Neuen Schlosses in Berlin erscheint.

Cserepy verkündet durchs Megaphon: „Also, wenn Keenig kommt auf Balkon, alle schreien Hurra! Alle särr aufgeragt, särr begeistert, bitte särr!"

Nein, niemand hat genau verstanden, was Cserepy trompetet. Aber als der König nun auf dem Balkon erscheint, jubeln die Komparsen trotzdem. Sie jubeln nicht, weil der Regisseur es ihnen gesagt hat, nicht, weil sie ihre Gage verdienen oder morgen wieder engagiert werden wollen, sie jubeln wirklich. Ein seltsames, fast unheimliches Geschehnis.
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Film und Wirklichkeit werden miteinander verwechselt.

Selbst von denen, die mitspielen. Auch die Rechtspresse jubelt. Sie kann sich vor Begeisterung gar nicht fassen.

Verwechselt auch sie Film und Wirklichkeit? Zwar regiert der große König nur im UFA-Palast am Zoo - und später in den anderen UFA-Kinos, aber vielleicht wird er morgen schon wieder in ganz Deutschland regieren! So oder so ähnlich liest man es zwischen den Zeilen.

Das demokratische „Berliner Tageblatt" scheint etwas Ähnliches zu befürchten. Chefredakteur Theodor Wolff greift persönlich zur Feder. Er fordert, daß die Zensur den Film verbiete. Die Zensur denkt nicht daran. Im Gegenteil. Es müßte mehr solcher Filme geben!

Die Sozis mögen den Film auch nicht

Der sozialdemokratische „Vorwärts" fordert die Massen auf, den Film zu boykottieren. Er prophezeit - etwas voreilig -, daß der Film kaum über den Kurfürstendamm hinauskommen dürfte.

Sicher wird die UFA es nicht wagen, ihn in den Arbeitervierteln zu spielen, schon darum nicht, „weil aus dem Plunder der Kostüme, den verstaubten Perücken und den aus den Museen geholten Polstermöbeln zu stark die Monarchie stinkt!"

Die Organe der Unabhängigen Sozialdemokraten und der Kommunisten fordern ihre Anhänger sogar zu Demonstrationen gegen den Film auf. Es kommt auch zu einigen Demonstrationen. Aber sie verlaufen im Sande.

Der Film bringt überall volle Häuser

Der Film bringt überall volle Häuser: am Kurfürstendamm und in den Berliner Arbeitervierteln, in Hamburg und in München, in Dresden und in Köln - und sogar im amerikanischen Mittelwesten, wobei man vor allem die Kostüme und die Komparsen bewundert.

Und nun gibt es kein Halten mehr. Die Amerikaner kabeln und verlangen „mehr Kostümfilme". Und Kostümfilme bedeuten jetzt in erster Linie Filme mit dem alten Fritz im Mittelpunkt des Geschehens.

Schon der erste Fridericus-Film hat vier Teile gehabt:

  • „Sturm und Drang",
  • „Vater und Sohn",
  • „Sanssouci",
  • „Schicksalswende".


Es folgen später - unter anderem -

  • „die „Mühle von Sanssouci" und
  • „Der alte Fritz",
  • „Das Flötenkonzert von Sanssouci" und
  • „Die Tänzerin Barberina", mal stumm, mal als Tonfilm,
  • „Der Choral von Leuthen"


und so weiter und so weiter ...
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Fridericus-Filme am laufenden Band

Es ist schier unmöglich, die zahllosen Fridericus-Filme auseinanderzuhalten. Sie werden am laufenden Band gemacht und sehr schnell auf den Markt geworfen. Die meisten sind nicht annähernd mit jener Sorgfalt gedreht, die Arzen von Cserepys Fridericus-Film auszeichnete. Aber Friedrich der Große zieht immer.

Otto Gebühr spielt den großen Friedrich ...

Und den großen Friedrich spielt immer wieder Otto Gebühr. Genaugenommen war der Fridericus-Film nicht der erste Film, in dem Gebühr die Rolle spielte, die er fast bis ans Ende seines Lebens immer wieder spielen mußte.

Bereits 1919 wurde von Carl Böse der Stummfilm „Die Tänzerin Barberina" gedreht. In der Hauptrolle die Tänzerin Lyda Salmonova, eine der zahlreichen Frauen Paul Wegeners, die übrigens auch im „Golem" und in anderen Wegener-Filmen mitwirkte.

Schon damals wurde ein Fridericus für die Leinwand gesucht. „Warum spielen Sie nicht den Fridericus?" fragt der Direktor der Firma den Schauspieler Paul Wegener.

„Der große Fritz war mindestens einen Kopf kleiner als ich." „Wieso? Sie sprechen doch ausdrücklich vom ,großen' Fritz?"

Wegener versucht, ernst zu bleiben. „Schauen Sie mich an. Friedrich der Große war kein Mongole ..." „Wer weiß schon, wie Friedrich der Große aussah? Fotografiert hatte ihn doch niemand."

„Na, Sie würden sich wundern ..., aber wir werden schon einen finden, der ihm ähnlich sieht ... Warten Sie mal ab!"

Wegener trifft den Schauspieler Otto Gebühr

Wegener trifft im Hof des Deutschen Theaters den Schauspieler Otto Gebühr. Er starrt ihn lange an.

„Du könntest ihn spielen", meint er. „Wen?" „Friedrich den Großen." „Bringt Reinhardt ein Stück mit Friedrich dem Großen heraus?" „Es handelt sich überhaupt nicht um ein Theater. Es handelt sich um einen Film!"

„Film? Laß mich mit Film in Ruhe! Ich bin doch ein Schauspieler!" Wegener mustert Gebühr schweigend. „Was ist denn?" Gebühr wird ganz nervös, „Zugegeben, ich sehe ihm ein bißchen ähnlich, dem großen Fritz. Und schließlich bin ich ja auch ein Schauspieler ... Wenn ich Maske mache ..." „Ich weiß doch nicht so recht ..."

Gebühr hat angebissen. „Warum sollte ich die Rolle nicht spielen können?" „Dein Bauch müßte weg. Der olle Fritz war viel schlanker. Auch im Gesicht."

Das mit dem Bauch ist kein Problem im Jahre 1919.

Es ist ja fast ein Wunder, daß Gebühr ihn während des Krieges hat so gut konservieren können! So begann es also.

Und nach dem Riesenerfolg des Fridericus-Films von Arzen von Cserepy geht es immer so weiter. Gebühr spielt eigentlich nur noch eine Rolle. Er ist immer wieder Friedrich der Große. Es ist das erste Mal, daß der Film einen Schauspieler auf eine Rolle festlegt.

Ist Otto Gebühr glücklich?

Er müßte eigentlich glücklich sein, denn er hat Erfolg. Was will ein Schauspieler anderes, als Erfolg haben? Und Otto Gebühr ist ein Schauspieler; für ihn hat es immer nur eines im Leben gegeben: Spielen! Spielen!

Der kleine zarte Junge wächst in Köln am Rhein auf. Der Vater ist gestorben, als Otto kaum zwei Jahre zählte. Die Mutter muß ihre beiden Buben mit Stickereien durchbringen. Bitterste Not. Dann, als die Mutter auf die großartige Idee verfällt, eine Pension für Musikstudenten einzurichten, geht es besser.

Der eine Sohn soll studieren. Otto darf aufs Realgymnasium, soll später Kaufmann werden. Aber das will er nicht. Er hat die Oper „Wilhelm Teil" von der Galerie aus miterlebt. Er will nun auch auf einer Bühne stehen.

Kaufmännische Lehre bei Michels & Co., Wolle engros. Die Mutter will es. „Ich will zum Theater!" „Aber du bist doch viel zu klein! Viel zu dürr!"

Es ist ihm bitter ernst. Er will zum Theater.

Der junge Otto Gebühr ist sanft, ruhig, still. Er gibt sich nicht als Revolutionär. Er ist keiner, der mit der Faust auf den Tisch schlägt, keiner, der durchbrennen würde wie Werner Krauß oder zur See ginge wie Emil Jannings.

Aber er ist entschlossen. Es ist ihm bitter ernst. Er will zum Theater. Viel zu klein? Viel zu dürr? Er zuckt die Achseln. Man kann ja nicht nur auf dem Theater Theater spielen. „Ich werde eben die Rolle eines Kaufmanns spielen!"

Wolle engros interessiert ihn nicht. Michels & Co. interessieren ihn auch nicht. Unter seinem Schreibpult liegen Rollenhefte, die er mit Inbrunst studiert.
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Köln geht nicht - in Köln wacht ja die Mutter.

Aber in Köln wird er nicht auf die Bühne kommen. In Köln wacht ja die Mutter. Der darf man nicht weh tun. Also geht er nach Berlin; wieder zu einer Firma, die in Wolle engros handelt.

Er ist neunzehn; aber er sieht aus wie sechzehn. Das ist manchmal unangenehm, besonders abends, wenn er ins Theater geht. Oft will man ihn gar nicht ins Theater lassen.

„Weiß denn dein Vater, daß du durchgebrannt bist?" fragt der Livrierte am Eingang zur Galerie. „Komm' wieder, wenn du achtzehn geworden bist!" meint der nicht immer nüchterne alte Schauspieler, bei dem er Unterricht nehmen will - für die paar Mark, die er sich abgespart hat.

„Ich bin zwanzig!" schwindelt der spätere große Friedrich. „Und ich will spielen!" Er sagt das ganz ohne Pathos, fast ohne Nachdruck. Er sagt es treuherzig, und seine blauen Jungensaugen sehen den Schauspieler unverwandt an.

Der stellt fest: „Man kann diesem ... wie heißt er doch gleich? diesem Otto Gebühr nichts abschlagen."
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Vom Stadttheater Görlitz nach Dresden und dann nach Berlin

Der spielt ein halbes Jahr später im Görlitzer Stadttheater für hundert Mark pro Monat. Von dort kommt er nach Dresden. Nun kann er schon die Mutter ernähren.

In Dresden bleibt er zehn Jahre, wird einer der beliebtesten Schauspieler des Königlichen Hoftheaters. „Er ist so harzig!" sächseln die Damen.

Berlin. Schließlich Max Reinhardts Deutsches Theater. Weiter geht es kaum. Er ist Schauspieler. Er will spielen. Er will viele Rollen spielen.

Aber seit dem Fridericus-Film muß er - mit wenigen Ausnahmen - immer wieder die gleiche Rolle übernehmen. Er wird populär. Er wird reich.

Aber er ist nicht besonders glücklich. Er braucht nicht viel Geld. Er kauft kein Auto, er fährt weiterhin mit dem Fahrrad durch Berlin. Er braucht keine Villa, sondern behält seine ausgebaute Mansardenwohnung.

Er schnappt nicht über. Er wird nicht schwierig, wie so viele arrivierte Schauspieler. Im Gegenteil. Er wird immer ruhiger, immer milder. Diejenigen, die ihn nicht gut kennen, denken manchmal, er habe resigniert.

Aber er hat nicht resigniert. Er weiß, er ist nicht mehr der Jüngste. Aber wieviel Rollen gäbe es noch für ihn zu spielen! Shakespeare, Moliere, Schiller, Kleist ... Er bekommt nur noch eine.
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„Das ist Otto Gebühr!" - Eine Rolle kann wie ein Gefängnis sein

Die Schulkinder in Berlin deuten auf Bilder Friedrichs des Großen und rufen aus: „Das ist Otto Gebühr!" Es kommen Briefe aus ganz Deutschland an ihn, adressiert an „Fridericus Gebühr". Der Briefträger liefert sie salutierend ab. Alte adlige Damen lauern ihm auf und reden ihn mit „Euer Majestät" an. Zuerst lacht Gebühr. Dann nicht mehr.

Besonders nicht über die Kinder, die ihm stets vor dem Haus auflauern und „oller Fritz" nachrufen. Eines Tages geht er zur Schule, um sich beim Direktor über die Gören zu beschweren. „Aber selbstverständlich werden wir Abhilfe schaffen!" erklärt der würdige Mann.

„Ich danke Ihnen!" sagt Gebühr und wendet sich zum Gehen. „Das ist doch selbstverständlich, Majestät!" Otto Gebühr seufzt. Eine Rolle kann wie ein Gefängnis, wie ein Kerker sein.
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