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Vorwort zum H.Fraenkel Buch "Lebewohl, Deutschland" (1960)

Heinrich Fraenkels Biografie 1960

von Gert Redlich im Juni 2021 - An dieser Stelle will ich zugleich auf zwei Lebensgeschichten und Biografien der hier zu lesenden Film-Bücher verweisen, nämlich die des Autors Heinrich Fraenkel und des Autors Curt Riess. Beide haben ihren persönlichen Biografien ganz anders lautende Titel gegeben, nämlich "Lebewohl, Deutschland" und "Das waren Zeiten".

Bevor Sie also in den nahezu unendlichen Weiten der 4 dicken Film- Wälzer zu schmökern und zu lesen beginnen, sind die persönlichen Lebensbilder der beiden Autoren, also die Grundlagen der jeweiligen Betrachtungen der Storys, Dreh- bücher, Filme, Schauspieler, Produzenten und Regisseure ausserordentlich hilfreich.

Der dritte Autor, der in 1985 die Deutsche Filmgeschichte nach 1945 bis etwa 1965 in seinem Buch "So grün war die Heide" beschreibt, sieht diese deutschen Heimat-Filme aus einer ganz anderen Sicht als die beiden vorgenannten Buchautoren.

Sehr viele Informationen über politische Hntergründe ab 1945

Beide Autoren haben ihre Bücher nach dem Kriegsende im April 1945 - und jeweils mit etwas Abstand (etwa 10 Jahre) geschrieben. Und es gibt da ganz sonderbare "Un"-Zusammenhänge.

Fraenkel kehrt nämlich als englischer Presseoffizier nach Deutschland nach Berlin zurück und Riess kehrt gleichermaßen als amerikanischer Presseoffzier auch nach Deutschland nach Berlin zurück.

Beide haben über sehr viele gemeinsame Veranstaltungen, Kontakte, Bekannte und Freunde, sowie die damaligen Politiker in Berln Ost und -West sowie die Militärs auf allen vier (bzw. 5) Seiten geschrieben, aber nie einer über den anderen. Kannten sich die beiden wirklich nicht ?

Das ist mir nach dem Lesen von mehr als 8 Büchern aufgefallen, nicht unbedingt negativ, doch so groß war doch der internationale (nichtdeutsche) Presse-Pulk in Berlin gar nicht.

So lesen wir in den 4 dicken Filmwälzern mehrere Ansichten über das gleiche Thema. In den Biografien wiederum lesen wir viel über die Berliner nach dem Kriegsende und die politischen Verhältnisse in der geteilten Stadt. Das Buch "Berlin Berlin 1945-1953" von Curt Riess ragt da ganz besonders heraus, weil am Beispiel oder besser "mit dem Hauptthema Film" sehr viel über die Zustände im 3.Reich und danach erzält wird. Auch hier spreche ich ganz bewußt nicht von "es wird berichtet" sondern von "es wird erzählt".

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Vorbemerkung Heinrich Fraenkels zu "Lebewohl, Deutschland"

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Das Thema : Ich habe mich nach sehr reiflicher Überlegung entschlossen, Engländer zu werden.

Der Titel dieses Buches ist in jedem Sinne des Wortes zu verstehen, da ich Deutschland jedes Wohlleben wünsche; daß ich es von ganzem Herzen wünsche, ist leicht erklärlich, denn immerhin ist Deutschland mein Vaterland.

Ich hänge immer noch daran, ich möchte auf keinen meiner alljährlichen Besuche verzichten, ich nehme lebhaften Anteil an allem, was in Deutschland geschieht, aber ich mag nicht mehr dort leben. Ich habe mich nach sehr reiflicher Überlegung entschlossen, Engländer zu werden.

Diese sachliche Feststellung ist leicht in ein paar Sätzen gesagt, aber um sie zu erklären und um den Versuch einer Begründung zu machen, muß ich ein ganzes Buch schreiben, denn ich habe nach 1945 vier oder fünf Jahre und sieben oder acht Deutschlandreisen gebraucht, um sehr allmählich (und sehr schmerzhaft) zu merken, daß die so lange ersehnte Heimkehr nicht die Heimkehr war, die ich ersehnt hatte.

Ich habe dann weitere fünf oder sechs Jahre und viele weitere Deutschlandreisen gebraucht, um diese Erlebnisse innerlich zu verarbeiten und einige Distanz zu gewinnen: eben den Abstand, die Duldsamkeit und die Gelassenheit, die man benötigt, um darüber berichten zu können.
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Eigentlich ist es kein Rechenschaftsbericht, es ist Privatsache

Ich hatte freilich keineswegs die Absicht, einen solchen Rechenschaftsbericht öffentlich zu geben. Ich hielt das für eine Privatsache, die ich mit mir selbst abzumachen hatte und allenfalls mit denen, die mir nahestanden.

Aber meine Freunde meinten, daß es nicht ohne ein gewisses öffentliches Interesse sein mag, warum ein Deutscher in den Exiljahren zwischen 1933 und 1945 eine sehr viel innigere Beziehung zu Deutschland fand als je in seinem Leben, eine im buchstäblichen Sinne des Wortes leidenschaftliche Beziehung; und warum er dann ein halbes Jahrzehnt zu dem Entschluß benötigte, nicht nach Deutschland heimzukehren, sondern sich in England einbürgern zu lassen.

Ich habe diesen Entschluß sehr ernst genommen und mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die Nationalität zu wechseln ist gewiß für jeden ernsthaften Menschen eine schwierige Entscheidung.

In meinem Fall wurde sie etwas erleichtert durch die Erkenntnis, daß ich in England (in dem ich schon vor 1933 viele Jahre lebte) sehr viel tiefer verwurzelt war als ich vermutet hatte.

Zwischen Deutschland, den "Deutschen" und dem Dritten Reich ist unbedingt zu unterscheiden

Aber die Entscheidung wurde erschwert durch den Umstand, daß ich während der Hitler-Zeit in England ein halbes Dutzend Bücher über das andere Deutschland veröffentlicht und scharf gegen Vansittart, Morgenthau und andere polemisiert hatte, die nicht bereit waren, zwischen Deutschland und dem Dritten Reich zu unterscheiden.
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"........ zwischen allen bequem etikettierten Stühlen sitzend" ....

Meine Entscheidung wurde also dadurch kompliziert, daß ich, parteipolitisch ungebunden und demnach zwischen allen bequem etikettierten Stühlen sitzend, mir selber mit einiger Skepsis eine Frage stellen mußte, auf die eine schonungslose und unbestechlich ehrliche Antwort nicht sehr leicht zu finden war:

die Frage nämlich, ob ich nicht etwa verärgert und in klarer Urteilskraft dadurch gehemmt wäre, daß das andere Deutschland der Exilträume und das ersehnte Wunschbild eines neuen Deutschland von der Wirklichkeit der Nachkriegsjahre verzerrt wurden.

Nicht als ob es jenes andere Deutschland, an das wir glaubten, nicht gegeben hätte! Dieser Glaube war an jedem der 4474 Tage gerechtfertigt, die von Hitlers Machtergreifung bis zu seinem Untergang vergingen.
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Aus dem Blickpunkt des Emigranten .....

Aber vom Blickpunkt des Emigranten sahen die Dinge einfacher aus als sie waren. Wir hatten unsere Helden, die in den KZ's oder in der Illegalität saßen, und wir hatten unsere Teufel: die saßen auf den Sesseln der Macht oder bedienten die Vollzugsmaschinerie der Machthaber.

Erst viel später lernte ich, daß nicht alle unsere Helden gar so heldisch und nicht alle unsere Teufel gar so teuflisch waren; und daß die menschlichen und sachlichen Beziehungen der Wirklichkeit viel zu komplex waren, um in die Schwarz-Weiß-Malerei unserer Emigrantenträume zu passen.

Erst nach der ersten, der zweiten, der dritten Heimkehr, erst aus der Erkenntnis der deutschen Wirklichkeit und in der Begegnung mit Menschen, die in jenen 4474 Tagen und Nächten daheim waren - erst aus vielen mühsam erworbenen und nicht immer leicht erfaßbaren Erlebnissen und Erkenntnissen lernte ich, daß die Realität dem Wunschbild, selbst dem mehrfach modifizierten Wunschbild, allenfalls in den Konturen glich.

Die praktische Schlußfolgerung war Privatsache. Ich bin eben Engländer geworden (und werde es nie bereuen). Aber die Erlebnisse und die Erkenntnisse, die dazu führten, seien hier aufgezeichnet, soweit sie von allgemeinem Interesse sein mögen.

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