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"Das gab's nur einmal" - Der deutsche Film von 1912 bis 1945

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesen beiden Filmbüchern gibt es jede Menge Hintergrund- Informationen über das Entstehen der Filme, über die Regisseure und die kleinen und die großen Schauspieler, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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DIE DURCHHALTER

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Den Krieg mit den Mitteln des Films zu verlängern trachten

Und wie steht es mit den Filmleuten, die, zum Unterschied von Emil Jannings und Zarah Leander, von Brigitte Horney und Henny Porten, von Gustaf Gründgens und fast allen, die filmen oder Theater spielen, den Krieg mit den Mitteln des Films zu verlängern trachten?

Am 1. Juni 1943 hat Joseph Goebbels folgenden Brief diktiert und unterschrieben:

  • „Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda
    Berlin W8, 1.6.43
    Herrn Professor Veit Harlan / UFA-Film, UFA-Stadt Babelsberg

    Hiermit beauftrage ich Sie, einen Großfilm ,Kolberg* herzustellen. Aufgabe dieses Films soll es sein, am Beispiel der Stadt, die dem Film den Namen gibt, zu zeigen, daß eine in Heimat und Front gemeinsame Politik jeden Gegner überwindet.

    Ich ermächtige Sie, alle Dienststellen von Wehrmacht, Staat und Partei, soweit erforderlich, um ihre Hilfe und Unterstützung zu bitten und sich dabei darauf zu berufen, daß der hiermit von mir angeordnete Film im Dienst unserer geistigen Kriegsführung steht.
    Dr. Gb."


Wenn man Harlan, pardon, Professor Harlan, glauben darf, ist er gar nicht begeistert über diesen ehrenvollen Auftrag. Er will nämlich gerade einen Film über Beethoven drehen.

Und da er „Kolberg" absolut nicht drehen will, meldet er sich an die Front. Das hat er schon einmal getan - und dabei kam „Jud Süß" heraus. Damals regte sich Goebbels auf, jetzt regt er sich gar nicht mehr auf.
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Er erteilt Harlan lediglich den „Befehl" ....

....., den „Kolberg"-Film zu drehen. Er fügt hinzu, es handle sich um einen „Befehl des Führers". Dem Adjutanten, dem er diesen Befehl zur Weiterleitung übergibt, sagt er: „Ich werde Harlan schon beibringen, strammzustehen und die Hacken zusammenzuschlagen!"

Nun, das ist keine besonders schwierige Aufgabe. Goebbels hat das schon bewiesen. Harlan geht denn auch daran, das Drehbuch zu schreiben.

Der Inhalt:

Französische Truppen belagern die Festung Kolberg im Jahre 1807. Der Repräsentant der Bürgerschaß, Joachim Nettelbeck, ist entschlossen, die Stadt nicht zu übergeben, auch wenn aus allen Häusern Schutthaufen würden, Nicht alle Bürger sind seiner Ansicht; selbst der Festungskommandant Lucadru ist schwankend geworden.
In letzter Stunde wird dann der Oberst Gneisenau Kommandant von Kolberg. Und der ist ebenso entschlossen wie Nettelbeck: Kolberg wird verteidigt! Kolberg darf nicht fallen! Mannhafte Worte werden gesprochen - namentlich von Nettelbeck: „Unsere Häuser können verbrennen, aber unsere Erde bleibt!" Auch Gneisenau äußert einiges, was er genau so gut 1943 gesagt haben könnte - wenn er es nicht 1807 gesagt hätte ...

Goebbels will fortwährend das Drehbuch sehen, verlangt dauernd Änderungen. Insgesamt kommt es zu sechsundzwanzig Sitzungen zwischen Harlan und Goebbels respektive seinen Vertretern ...

Die wollen Harlan alles streichen, was dieser an „menschlichen Szenen" erfunden hat, „in denen Schwächezustände eines kriegführenden Volkes zum Ausdruck kommen". Zumindest wird Harlan das ein paar Jahre später in seinem Prozeß sagen, in dem Goebbels als Gegenzeuge nicht auftreten kann.

Harlan hat es nicht leicht.

Er soll eine bombardierte Stadt darstellen, aber das Publikum darf durch die Bomben nicht erschreckt und, um Gotteswillen, nicht an die (eigenen) Bombardements erinnert werden, die es selbst erleiden muß. Auf der anderen Seite soll der Film den Eindruck vermitteln, daß es den Bewohnern einer deutschen Stadt auch schon vor Erfindung des Nationalsozialismus so schlecht ging, wie es den Bewohnern der deutschen Städte jetzt geht.

Es soll dargestellt werden, wie heroisch die Menschen alles ertragen - aber was sie ertragen, soll nicht gezeigt werden.
Ein besonderer Wunsch von Goebbels: „Nettelbeck soll die entscheidende Rolle spielen, nicht Gneisenau!"

Denn Nettelbeck ist der Zivilist, Gneisenau der Offizier. Nettelbeck, das ist er, Goebbels selbst. Gneisenau ist die Wehrmacht, von deren Vertretern Goebbels entsetzlich wenig hält.
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Das Drehbuch wird immer und immer wieder umgeschrieben.

Schließlich wird Thea von Harbou mit der Bearbeitung beauftragt, dann noch ein anderer und noch einer, dann der Reichsfilmdramaturg. Nun muß das Durcheinander vollkommen sein, und Harlan erklärt, daß man den Film so, wie das Drehbuch jetzt aussieht, einfach nicht drehen kann.

Und dann dreht er ihn doch. Denn Goebbels hat ihm beigebracht, strammzustehen und die Hacken zusammenzuschlagen. Er dreht ihn sogar mit einem gewissen Gusto. Vor Beginn der Aufnahmen hält er eine heroische Rede und erklärt allen, die es hören wollen und vielen, die es nicht hören wollen, er mache den Film „im Auftrage unseres geliebten Führers". Es ist eine flammende Rede, und sie endet mit einem dreifachen „Sieg-Heil"!
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Soldaten müssen einen Hügel im Sturm nehmen.

Die erste Aufnahme - oder eine der ersten: Soldaten müssen einen Hügel im Sturm nehmen. Einige sterben dabei. Harlan kann nicht genug bekommen. Immer wieder treibt er seine Komparsen zu neuer Erstürmung des Hügels. Nach vierzehn Aufnahmen sind alle tot. Jedenfalls liegen sie alle mehr oder weniger tot auf dem Hügel herum.

Harlan hat eine Idee. Er eilt auf den Hügel und ruft: „Sieg-Heil!" Aber auch damit macht er seine toten Komparsen nicht wieder lebendig, jedenfalls nicht so schnell.

Es sind ja gar keine Komparsen. Harlan hat für die Aufnahmen 185.000 Soldaten und 5.000 Pferde verlangt. Er bekommt sie nicht alle, besonders nicht die Pferde. Die Wehrmacht ist außer sich über diese Forderung.

Man hält es für ein starkes Stück, jetzt nach vier Jahren Krieg, 185.000 Soldaten für einen Film zu verlangen. Goebbels interessiert sich nicht für die Proteste der Wehrmacht. Er dispensiert 2.000 Matrosen, die in einer U-Boot-Schule bei Kolberg Unterricht nehmen - man will ihnen beibringen, wie sie sich gegen die Radar-Angriffe der Royal Air Force zu verhalten haben - vierzehnTage vom Unterricht und kommandiert sie zum Film.
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Admiral Dönitz protestiert - erfolglos.

Aber auch dieser Protest bleibt vergeblich. Filmen ist offenbar wichtiger als Krieg führen. „Kolberg" wird schließlich achteinhalb Millionen kosten. Denn abgesehen von Matrosen und Soldaten wirken auch zahlreiche Schauspieler mit, die zum Teil gar nicht so besonders billig sind.

Den Nettelbeck spielt Heinrich George, den Gneisenau Horst Caspar, um diese Zeit einer der interessantesten Schauspieler des deutschen Theaters; außerdem sind zu sehen die schöne Irene von Mcyendorff, Gustav Dießl, Kurt Meisel und - natürlich - Kristina Söderbaum.

Trotzdem, als Harlan diesen teuren und so gut besetzten Film abgedreht hat, ist Goebbels immer noch nicht zufrieden. Er möchte alles, was an „menschlichen" Szenen vorliegt - er behauptet, solche Szenen beweisen nur die Schwäche eines Volkes im Kriege - durch Szenen ersetzen lassen, in denen sich die Personen stark - also vermutlich unmenschlich - erweisen.

Schließlich beauftragt Goebbels Wolfgang Liebeneiner, den Film umzuschneiden, und zwar nach einem genau umrissenen Plan. Harlan protestiert. Es ist umsonst. Jetzt ist er machtlos. Jetzt, da der Film vorliegt, kann er wirklich nichts mehr tun ...
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Es ist keine Premiere in der eingeschlossenen Stadt La Rochelle

Der Film kommt zum Jahrestag der Machtergreifung Hitlers heraus - nicht in Berlin, nicht in München, nicht in Hamburg. Er kommt in La Rochelle heraus, einer Festung des sogenannten Atlantikwalles, die sich noch nicht ergeben hat, die sich also in einer ähnlichen Situation befindet wie seinerzeit Kolberg.

Um diese wirklich einzigartige Premiere zu ermöglichen, hat Goebbels den Film durch Fallschirme abwerfen lassen. Am Tag der Uraufführung übermittelt er dem Vizeadmiral Scherwitz, dem Kommandanten von La Rochelle, folgende Botschaft:

  • »Habe Ihnen eine erste Kopie des soeben fertiggestellten Farbfilms ,Kolberg' zur Uraufführung in Ihrer Festung am 30. Januar übersandt. Der Film ist ein künstlerisches Loblied auf die Tapferkeit und Bewährung, die bereit ist, auch die größten Opfer für Volk und Heimat zu bringen. Er wird also seine wirkungsvolle Uraufführung im Zeichen der engen kameradschaftlichen Verbundenheit von Front und Heimat bei den Männern erfahren, die die in diesem Film dargestellten Tugenden der ganzen Nation vorleben. Möge der Film Ihnen und Ihren tapferen Soldaten als ein Dokument der unerschütterlichen Standhaftigkeit eines Volkes erscheinen, das in diesen Tagen eines weltumspannenden Ringens, eins geworden mit der kämpfenden Front, gewillt ist, es den großen Vorbildern seiner ruhmvollen Geschichte gleichzutun.   Dr. Goebbels"

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Der Kommandant antwortet:

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  • „Uraufführung Farbfilm ,Kolbergc hat heute im Theater La Rochelle vor Soldaten aller Einheiten des Verteidigungswalles stattgefunden, Tief beeindruckt von der heldenhaften Haltung der Festung Kolberg und der künstlerisch unübertrefflichen Darstellung, verbinde ich mit dem Dank für die Übersendung des Films zum 30. Januar erneut das Gelöbnis, es der heldenhaft kämpfenden Heimat gleichzutun und ihr an Ausdauer und Einsatzbereitschaft nicht nachzustehen.
  • Es lebe Deutschland! Es lebe unser Führer! Scherwitz, Vizeadmiral Kommandant La Rochelle"

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Bald darauf wird sich La Rochelle doch ergeben müssen.

Auf La Rochelle folgt die Berliner Premiere.

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  • Anmerkung : Das ist nicht ganz korrekt. Die Erstaufführungen fanden zeitgleich am 30. Januar 1945 in La Rochelle und im Tauentzienpalast in Berlin .

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Den Bewohnern von Berlin steht noch bevor, was die in Kolberg einst erduldeten, und was die in La Rochelle jetzt erdulden müssen. Für die Berliner ist die „Kolberg"-Premiere eine Premiere unter vielen anderen.

Sie findet, da der UFA-Palast am Zoo bereits zerbombt ist, im Tauentzien-Palast statt, der kurz darauf ebenfalls den Bomben zum Opfer fällt. Es ist eine sehr schwierige Premiere, wie die Mitglieder der Presse-Abteilung der UFA später klagen.

Keiner der Hauptdarsteller legt den geringsten Wert darauf, sich zu verbeugen. Es ist immer noch leichter, einen Durchhaltefilm zu drehen, als in einer Stadt zu bleiben, in der es unaufhörlich Bomben regnet.

Und dann:
Es ist geradezu unmöglich, ein kaltes Büfett auf die Beine zu stellen, das der Gelegenheit würdig wäre. Und ein kaltes Büfett muß bei einer großen UFA-Premiere doch sein! Schließlich gelingt es, ein wenig Thunfisch und ein paar Büchsen Ölsardinen herbeizuzaubern. Sie werden in einiger Hast verzehrt von einem besorgten Publikum, das gern vor dem nächsten Luftangriff nach Hause kommen will.
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Die Wirkung des Films „Kolberg" verpufft im Bombenhagel

Der Film „Kolberg" wird nicht die Wirkung haben, die sich Goebbels von ihm versprach. Wie könnte er auch? Die Rechnung des Propagandaministers hat ein Loch.

Ein Film muß, um Menschen genügend zu beeindrucken, von genügend Menschen gesehen werden. Wer aber kann noch zu so später Zeit den Film „Kolberg" sehen? Nettelbeck hat gesagt: „Unsere Häuser können verbrennen ..."
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Wenn aber die Kinos verbrennen, wie fast alle in Berlin

Ja, aber wenn die Kinos verbrennen, verhallt die Stimme Nettelbecks ungehört. Joseph Goebbels ist unverwüstlich. Er hat immer neue Filmideen. Lange bevor „Kolberg" zu Ende gedreht ist - schon im März 1944 -, hat der Propagandaminister einen neuen Plan für seinen Lieblings-Regisseur Veit Harlan ausgeheckt.

Er soll einen „Narvik"-Film drehen, einen Film über Kämpfe und Siege der deutschen Truppen im Norden Norwegens. Die Kämpfe um Narvik liegen nun schon rund vier Jahre zurück.
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Noch ein Film - Narvik in Norwegen - die Story :

Es begann im Frühjahr 1940 mit der Besetzung Dänemarks und Norwegens. Die deutschen Einheiten kamen den Briten dabei zuvor. Es war ein Überraschungscoup ohne vorangegangene Kriegserklärung, Dänemark und Norwegen fielen in Hitlers Hände, bevor sie recht wußten, daß sie angegriffen worden waren.

Dänemark hätte sich ja sowieso nicht wehren können. Es wurde einfach „friedlich" besetzt - so nannte man das damals. Auch das südliche Norwegen konnte sich nicht wehren. Selbst das weiter nördlich gelegene Narvik fiel schnell in deutsche Hände. Zwar schossen die Küstenbatterien, aber sie schossen viel zu spät.

Nun griff die britische Flotte ein. Ein geradezu homerischer Kampf begann. Die englischen Marineabteilungen gingen an Land. Die Deutschen bekamen Verstärkungen auf dem Luftweg, die Engländer auf dem Seeweg. Die Deutschen kämpften todesmutig gegen die weit überlegenen Truppen der Norweger und Engländer.
Sie schlugen die Norweger, konnten es aber nicht verhindern, daß Narvik eingeschlossen wurde.

Schneestürme hinderten die Engländer daran, mit voller Kraft zu kämpfen, aber nicht die deutsche Luftwaffe, in Narvik zu landen, nicht deutsche Truppen, die mehr als sechshundert Kilometer weiter südlich bei Drontheim standen, gegen Narvik vorzustoßen.

Immerhin konnten die Ersatztruppen nicht innerhalb weniger Tage herankommen, so daß sich die Lage der Deutschen in Narvik von Tag zu Tag verschlechterte.

Am 14. Mai 1940, also fünf Wochen nach der Eroberung Narviks durch die Deutschen, erzwangen englische Kriegschiffe die Einfahrt in den naheliegenden Ofortfjord, bombardierten Narvik und zwangen die Deutschen zum Rückzug. Nur einige hundert Mann blieben in Narvik. Und doch dauerte es bis zum 28. Mai, bevor es den Engländern gelang, die Stadt Narvik zu nehmen.
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Die Briten bestiegen ihre Schiffe und fuhren nach Hause.

Später griff die deutsche Kriegsmarine ein. Trotzdem wären die deutschen Narvik-Kämpfer auf verlorenem Posten gewesen, wenn die Engländer und Norweger beherzigt weitergekämpft hätten. Aber die Norweger wollten nicht mehr. In der Nacht vom 9. Juni auf den 10. wurden die Feindseligkeiten eingestellt. Die Briten bestiegen ihre Schiffe und fuhren nach Hause.

Warum? - Um diese Zeit stand Hitler schon mitten in Frankreich, um diese Zeit war das britische Expeditionskorps in Belgien schon so gut wie verloren, und die Engländer mußten damit rechnen, daß Hitler eine Landung auf den britischen Inseln versuchen würde. Die britischen Einheiten wurden also zum Schutz der eigenen Küsten gebraucht ...

Ein gewaltiger deutscher Sieg. Vier- bis fünftausend Mann hatten sich gegen dreißigtausend Engländer und Norweger geschlagen - ohne Artillerie, ohne Tanks, fast ohne Proviant, bei entsetzlicher Kälte und Schneestürmen.

Ein großartiges Thema für einen Propagandafilm, denkt Goebbels.
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"Narvik" beweise, was auch „Kolberg" bewiesen hatte ....

....., daß nämlich relativ wenige todesmutige und zu allem entschlossene Menschen einen überlegenen Gegner am Siege hindern können. In Narvik war die Lage der deutschen Truppen ganz ähnlich der Situation der gesamtdeutschen Streitkräfte im Jahre 1944.

Und doch: Wenn Goebbels noch die geistige Überlegenheit von früher besäße, würde er die Finger von diesem Narvik-Thema lassen. Denn seine Eignung für einen Propagandafilm ist nur eine scheinbare. In Wahrheit sieht alles doch ein bißchen anders aus.

Die Deutschen, müde dieses Krieges, für den sie sich nie begeistern konnten, würden sich bei einer filmischen Darstellung der Kämpfe um Narvik mit Recht fragen:
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Was hatten wir denn dort in Narvik zu schaffen?

Warum haben wir denn dieses Land Norwegen angegriffen? Die Frauen und Mütter der Soldaten, die noch immer in Norwegen stehen, und darüber hinaus die Mütter und Frauen der Soldaten, die abgeschnitten und isoliert in Italien kämpfen, in Frankreich, in Polen und in Rußland und auf dem Balkan - alle würden sich fragen, wenn sie einen Narvik-Film vorgesetzt bekämen:

Werden wir unsere Söhne und Väter je wiedersehen? Wird das Narvik-Wunder sich ein zehntes, ein hundertstes und ein tausendstes Mal wiederholen? Und sie müssen sich sagen, daß keine Aussicht auf die ewige Wiederholung des Wunders besteht.
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Denn damals - 1940 - war Deutschland noch intakt ....

...., konnte den bei Narvik abgeschnittenen Truppen jede Art von Hilfe schicken. Und die wichtigste Hilfe war die moralische. Die Truppen durften hoffen: ,Wenn wir nur aushalten, werden wir sicherlich entsetzt werden'. Jetzt aber gibt es keine Reserven mehr.

Die Folge der Aufführung eines Narvik-Filmes müßte sein, daß jeder, der noch kämpft, sich jetzt sagt: Rette sich, wer kann! Nein, Narvik ist kein guter Stoff für einen Propagandafilm. Aber Goebbels sieht das anders, ist in das Thema vernarrt.

Bei der ersten Besprechung mit Veit Harlan - sie findet im März 1944 statt - äußert er: „Es gilt, den Todesmut des deutschen Soldaten zu zeigen. Ich habe mir den Höhepunkt so vorgestellt: wir sehen deutsche Soldaten auf den Eisfeldern von Norwegen. Sie haben Funkapparate aufgestellt, die sie aus gesunkenen Zerstörern geborgen haben. Und nun hören sie die „Eroica" von Beethoven. Furtwängler kann sie ja dirigieren!"

Harlan scheint Feuer und Flamme für die Idee. Er fliegt nach Narvik, um sich die in Frage kommende Landschaft anzusehen. Er spricht mit einigen Generalen das Filmvorhaben durch. „Der Führer will, daß ich diesen Film drehe!"

Die in Norwegen stationierten Generale .....

Die in Norwegen stationierten Generale haben begreiflicherweise um diese Zeit andere Sorgen. Sie möchten, wenn irgend möglich, lebend wieder nach Hause kommen und einen möglichst großen Teil ihrer Truppen zurückführen. Aber es sieht nicht so aus, als ob das gelingen könnte.

Und nun kommt dieser bekloppte Regisseur, der so entsetzlich geschwollen daherredet, und will auch noch einen Film machen! In der Folge spielen sich ziemlich erregte Szenen zwischen Harlan und einigen höheren Offizieren ab. Ein Telefongespräch zwischen Harlan und einem Generaloberst wird von der britischen Spionage abgehört.
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Die englische Spionage wird aufgemischt ....

Die zuständigen Offiziere lesen eine wörtliche Wiedergabe der telefonischen Unterhaltung mit Staunen und voller Zweifel. Ist es denkbar, daß die Deutschen in einer solchen Situation einen Film machen wollen, ausgerechnet in Narvik?

Es entsteht eine gewaltige Aufregung in den unzähligen Büros der Geheimdienste - es gibt um diese Zeit mehr als ein halbes Dutzend dieser Geheimdienste. Man diskutiert immer wieder das Telefongespräch zwischen Veit Harlan und dem deutschen Generaloberst, das abgehört wurde.

Was hat denn dieser Filmregisseur gesagt? Er hat eine Menge Forderungen gestellt. Er hat erklärt, er brauche mindestens hundertfünfzig Flugzeuge. Er braucht ein Schlachtschiff, er braucht sechs Zerstörer ...

Für einen Film? Für ein paar Filmaufnahmen? völlig irre

Das ist doch Irrsinn! Man kann das in London einfach nicht glauben. Man stellt fest: „Entweder dieser Filmregisseur ist verrückt geworden, oder ...?"

„Es kann sich möglicherweise um eine gerissene Tarnung handeln. Die Deutschen tun so, als machten sie einen Film. Sie führen darüber Telefongespräche, von denen sie wissen, daß sie abgehört werden. Und in Wirklichkeit handelt es sich gar nicht um die Verfilmung einer militärischen Aktion, sondern um eine neue militärische Aktion."

Dies ist die Ansicht der Briten, denn sie können sich nicht vorstellen, daß irgend jemand in Deutschland so verrückt ist, jetzt noch - es ist inzwischen August 1944 geworden - einen Narvik-Film zu machen.

Die Engländer irren. Nein, Harlan ist nicht verrückt!

Alles spricht dagegen. Er muß wissen, daß der Krieg für Deutschland verloren ist, und daß nicht einmal sein Durchhalte-Film „Kolberg" daran etwas ändern kann.

Warum also sagt er nicht „nein", als Goebbels ihm vorschlägt, den Narvik-Film zu machen? Weil er eben nie „nein" sagt, weil er immer strammsteht und die Hacken zusammenschlägt, wie Goebbels selbst es einmal definiert hat.

Harlan wird später sagen, daß er den Film nie hat machen wollen und daß alle Forderungen, die er stellte, das Vorhaben torpedieren sollten. Das klänge äußerst glaubhaft, wenn der Mann nicht Harlan hieße.

Aber Harlan gehört nun einmal zu den Besessenen - und das ist sicher das Beste an ihm -, die überhaupt kein Gefühl dafür haben, was möglich und was nicht möglich ist, wenn es sich um ihre Kunst handelt.

Harlan hat mit „Kolberg" Hollywood in den Schatten gestellt

Er hat ja auch für „Kolberg" einen Menscheneinsatz verlangt, der alles in den Schatten stellte, was Hollywood sich in dieser Beziehung je geleistet hat.

Ein Schlachtschiff ... Zerstörer ... hundertfünfzig Flugzeuge, die von Drontheim nach Narvik und zurück fliegen müssen. Ein Admiral erklärt: „Diese Aufnahme würde ja allein eine Million Liter Benzin kosten!"

„Eine Aufnahme wird vermutlich nicht einmal genügen. Es ist durchaus möglich, daß wir die Aufnahme wiederholen müssen", bemerkt ein anderer hoher Offizier. „Also zwei Millionen Liter Benzin? Ob es noch so viel Benzin in Deutschland gibt?" läßt sich der Admiral vernehmen. Harlan braucht auch Fallschirmspringer. Tausend, Tausende!

Ein junger Stabsoffizier beginnt zu rechnen.

Das Ergebnis ist recht merkwürdig. Es stellt sich heraus, daß Harlan zur Darstellung der Kämpfe in Narvik im Film wesentlich mehr Soldaten, Flugzeuge und Schiffe haben will, als für die wirklichen Kämpfe um Narvik nötig waren. Die anderen schütteln die Köpfe.

Harlan fliegt nach Berlin zurück, läßt sich bei Goebbels melden. Er berichtet von den Schwierigkeiten, auf die er gestoßen ist.

„Und ich brauche die Flugzeuge und die Kriegsschiffe nun einmal!" Goebbels erkundigt sich: „Mit weniger geht es nicht?" Harlan schüttelt den Kopf. „Nein, Herr Reichsminister. Mit weniger geht es nicht!"

Das ist das Ende des „Narvik"-Films.
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