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"Das gab's nur einmal" - Der deutsche Film von 1912 bis 1945

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesen beiden Filmbüchern gibt es jede Menge Hintergrund- Informationen über das Entstehen der Filme, über die Regisseure und die kleinen und die großen Schauspieler, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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SIEBENTER TEIL • WAHRHEIT ODER SCHÖNHEIT ?

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WEGE ZU KRAFT UND SCHÖNHEIT

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Im März 1925 im großen UFA-Palast am Zoo

Im März 1925 kommt im UFA-Palast am Zoo ein Film heraus, der, obgleich er ein Kulturfilm ist, einen Publikumserfolg erzielt, wie man ihn selten hat ... Obgleich er ein Kulturfilm ist.

Mit dem deutschen Kulturfilm ist das nämlich so eine Sache. Es ist schlecht um ihn bestellt, denn er kostet und bringt so gut wie gar nichts ein. Kultur ist ein Zuschußgeschäft.

Aber dann hatte Dr. Kaufmann die große Idee, die den Kulturfilm von heute auf morgen zu einem großen Geschäft macht. Dr. Nikolaus Kaufmann, einer der Wissenschaftler, die in der Kulturfilmabteilung arbeiten, ist ein junger Schweizer, Sportler, Arzt und vor allen Dingen ein Mann mit offenen Augen und vielen neuen Ideen, großartig aussehend, einer, der völlig in seiner Arbeit und seinen Aufgaben aufgeht.
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Eine Unterhaltung von Dr. Kaufmann und Ernst Krieger

Genau genommen hat nicht Dr. Kaufmann die Idee. Sie entsteht während einer Unterhaltung zwischen ihm, dem Leiter der Kulturabteilung, Ernst Krieger, und einem Direktor der UFA, der sich für Kultur nur insoweit interessiert, als sie eventuell Geld einbringen könnte.

„Kultur ist gut und schön!" erklärt dieser Herr. „Aber unsere finanzielle Situation erlaubt uns nicht, in Kultur zu machen. Was wir brauchen, sind Kassenschlager!" Dr. Kaufmann meint: „Die Kinos sind doch gestopft voll! Verdient die UFA nicht Geld genug?"

„Man verdient nie Geld genug!" weist ihn der Direktor zurück.

„Und was die vollen Kinos angeht ... Es sind leider nicht immer die UFA-Filme, die am meisten ziehen. Wir sind eine respektable Firma. Wir können gewisse Filme einfach nicht produzieren. Sie wissen, was ich unter gewissen Filmen meine! Schlüpfrige Filme, Filme, in denen zweifelhafte Damen nur notdürftig bekleidet auf der Leinwand erscheinen ... So etwas will das Publikum sehen!"
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„Und nackte Frauen?"

„Und nackte Frauen?" will Ernst Krieger wissen und bleibt ganz ernst. „Und nackte Frauen und nackte Männer zusammen auf der Leinwand?"

Der Direktor lächelt sehr überlegen: „Das würden die Leute natürlich am allerliebsten sehen. Aber das würde die Zensur nie durchlassen, ganz abgesehen davon, daß die UFA sich so etwas überhaupt nicht leisten kann!"

„Und wenn die Zensur es durchließe? Ja, wenn die Behörden geradezu erklären würden, daß ein solcher Film künstlerisch und erzieherisch wertvoll ist?"

„Sie scherzen, Herr Dr. Kaufmann", erklärt der Direktor.
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Aber der scherzt nicht. er hat eine Idee

Aber der scherzt nicht. Dies ist seine Idee: einen Film zu machen, einen Kulturfilm natürlich, der die Schönheit des menschlichen Körpers verherrlicht, einen, der nackte Männer und Frauen in Szenen aus dem klassischen Altertum zeigt - Krieger denkt an die Szene, wie Paris der Venus den Schönheitspreis zuerkennt, oder an Szenen in einem „Griechischen Gymnasium", in denen Jünglinge mit ihren Lehrern lustwandeln; Szenen aus einem modernen Nacktbad, Szenen aus dem Training von Sportlehrern und Leichtathleten ... Die Idee zu dem Film „Wege zu Kraft und Schönheit" ist geboren, eine gute Idee!

„Wege zu Kraft und Schönheit"

An Stoff für Szenen mangelt es nicht. Aber bald zeigt sich, daß nackte oder halbnackte Menschen nicht viel leichter zu fotografieren sind als Käfer oder Fische.

Zuerst muß man überhaupt erst mal Menschen finden, deren Körper wirklich so gestaltet sind, daß man sie unter dem Titel: „Wege zu Kraft und Schönheit" zeigen kann, ohne befürchten zu müssen, das Publikum werde in schallendes Gelächter ausbrechen. Solche Menschen sind gar nicht so leicht zu finden.

Komparsen engagiert man auf der Filmbörse, Schauspieler, nachdem man sie im Theater oder in einem anderen Film gesehen hat. Wie aber soll man schöne Körper engagieren? Wem kann man sich mit der etwas merkwürdigen Bitte nähern:

„Würden Sie sich bitte mal frei machen, gnädige Frau? Ich will nämlich sehen, ob ich Sie unter Umständen für meinen nächsten Film engagieren kann ..."

Und dabei gibt es immer noch viele junge hübsche Damen und kräftige Sportler, die bereit sind, dieser Bitte Dr. Kaufmanns zu willfahren. Aber wenn sie hören, daß sie völlig nackt vor der Kamera agieren sollen, geraten sie in gerechte Empörung.

„Wofür halten Sie mich?" wollen sie wissen. Und: „Da könnte ja jeder kommen!" Hohngelächter empfängt Dr. Kaufmann, wenn er auseinandersetzt, daß es sich um einen Kulturfilm handelt.
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Es dauert viele Monate

„Kultur nennt man das jetzt?" erklärt eine nicht mehr ganz junge Dame mit Erfahrung. Dr. Kaufmann geht in Badeanstalten, in Ballettschulen, hinter die Kulissen von Revuetheatern.

Es dauert viele Monate, bis er genügend Jünglinge und Mädchen gefunden hat, die bereit sind, ihre Reize auf der Leinwand zu zeigen. Es entsteht ein Film, in dem wirklich mehr nackte als bekleidete Menschen zu sehen sind.

In den Direktionsbüros der UFA ist man etwas beklommen. „Was wird die Zensur dazu sagen?" fragt man sich. Die Zensur sagt vorläufig überhaupt nichts. Weil die Nacktheit nicht in „lüsterner, die Sinne erregender Form" dargeboten wird.

Die Presse ist gerade deswegen begeistert: „Endlich einmal nach so vielen unanständigen ein anständiger Film, ein sittlicher nach den vielen unsittlichen!" ruft sie aus. Vielleicht ruft sie es etwas zu laut aus.
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Bayern war schon immer "anders"

Denn plötzlich finden gewisse Zensurstellen den Film doch etwas unsittlich. Nicht sehr, aber etwas. Namentlich in München herrscht Aufregung über eine Szene, in der eine Römerin, von Sklavinnen bedient, ein Bad nimmt.

Wer wollte es ihr verargen, daß sie nackt badet? Die Münchener Zensur verargt es ihr. Die Szene muß herausgeschnitten werden. Weg damit, bitte!
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Der Film wird ein Bombengeschäft

Trotzdem oder vermutlich gerade deshalb: der Film wird ein Bombengeschäft. Überall stehen die Menschen Schlange vor den UFA-Kinos, um endlich die „Wege zu Kraft und Schönheit" kennenzulernen.

Nicht etwa, weil es sich um einen Film handelt, in dem nackte Menschen ... ! Gott behüte! Sondern weil es sich, zum Unterschied von den meisten Filmen, in denen die Schauspieler bekleidet sind, um einen sittlichen Film handelt.

So sind die Menschen nun eben. Die Herren der UFA reiben sich die Hände. Welch ein Geschäft ist es doch, einen sittsamen und tugendhaften Film zu machen!
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IN SCHMUTZ UND ELEND: DIE GARBO

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Eine junge Schwedin namens Greta Garbo

Unmittelbar nach dem Film „INRI" spielt Asta Nielsen in einem neuen Film, der alles andere als religiös genannt werden muß.

Ein Film, der im Wien der Inflationszeit spielt, zwischen Kriegsgewinnlern und verarmten Leuten, Schiebern und Prostituierten.

In diesem Film spielt sie mit einer großen Künstlerin, deren Name wenige Jahre später der erste Name des internationalen Films sein wird. Aber vorläufig weiß man noch kaum etwas von der jungen Schwedin namens - wie heißt sie doch gleich? Ach ja, Greta Garbo.
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September 1924 - der Regisseur Mauritz Stiller

Im September 1924 ist sie zum erstenmal in Berlin, zusammen mit ihrem Regisseur Mauritz Stiller, dem Mann, der die großen Schwedenfilme gemacht hat, jene Filme, die vor allem auch Ludwig Berger beeindruckt und beeinflußt haben.

Es kann wohl kein Zweifel bestehen: Mauritz Stiller, der lange, dunkelhaarige Schwede, ist trotz Ernst Lubitsch, trotz Lang, Joe May, trotz einiger junger amerikanischer Regisseure in Hollywood, der Welt größter Filmregisseur.

Er inszeniert seine Szenen nicht, er dichtet sie. Seine Schauspieler dürfen, ja müssen vergessen, daß sie Schauspieler sind, sie sind nur noch Menschen. Unter seinem unbestechlichen Auge, unter seinen zarten Händen wird alles, was er filmt, Wahrheit, so wahr wie die unendlichen schwedischen Landschaften, die er mit Vorliebe zum Hintergrund seiner Filme wählt.
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Er glaubt, ein Mädchen gefunden zu haben ...

Dieser Stiller hat mit den größten Schauspielern Schwedens Filme gemacht. Und doch war er nie ganz befriedigt. Jetzt endlich glaubt er, ein Mädchen gefunden zu haben, das ebenso unbestechlich, ebenso „wahr" ist: die blutjunge Greta Garbo.

Mauritz Stiller und die Garbo sind gekommen, um der deutschen Premiere des letzten Mauritz-Stiller-Films „Gösta Berling" im Berliner Mozartsaal (Das war das Kino im heutigen - im Jahr 2021 - Metropol am Nollendorfplatz) beizuwohnen.

Diese Premiere wird ein Ereignis. Schon Tage vorher flüstert man es sich in der Filmindustrie zu: „Ein großer Film, dieser ,Gösta Berling'!"

„Ein großer Film? Ich sage Ihnen, ein ganz großer Film!"
„Und da soll doch irgend so ein junges blondes Mädchen mitspielen ..."
„In Stockholm heißt es, daß sie eine große Zukunft hat. Wir werden ja sehen!" „Eine große Zukunft? Ich sage Ihnen, eine ganz große Zukunft!" „Jetzt übertreiben Sie wieder ..."

Greta Garbo in der Ehrenloge gelingt das Lächeln nicht

Als Greta Garbo in einem Kleid, das ihr Stiller am Nachmittag gekauft hat, zusammen mit ihm in die Loge tritt, richten sich alle Augen auf sie. Verwirrt rückt sie ihren Stuhl in den Hintergrund.

Mauritz Stiller lächelt: „Du mußt den Leuten schon erlauben, dich anzustarren!" Dann beginnt der Film. Er ist wirklich, wie man prophezeit hat, ein großer Film. Das Publikum klatscht wie wild.

Mauritz Stiller muß sich immer wieder verbeugen. Schließlich zieht er Greta Garbo von ihrem Stuhl hoch. Sie versucht zu lächeln, als sie auf das klatschende Publikum hinuntersieht.

Aber das Lächeln mißlingt. Die Presse rast: „Ein Epos der Leinwand ohne Beispiel", heißt es. „Die Höhe der Filmkunst" und „Ein Meisterwerk der Schönheit". Ein Riesenerfolg.
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Die Trianon-Film GmbH mit dem Chef David Schratter

Einen Tag später fahren Stiller und die Garbo wieder nach Stockholm zurück. Als sie dort eintreffen, findet Stiller bereits ein Angebot aus Deutschland vor. Die Trianon-Film GmbH, schlägt ihm vor, einen Film für sie zu machen.

Der Chef der Firma, David Schratter, kommt zwei Tage später nach Stockholm, um persönlich mit Stiller zu verhandeln.

Stiller weiß, was er wert ist: „Meine Gage beträgt hundertfünfzigtausend Mark. Außerdem verlange ich einen Vertrag für Fräulein Garbo. Sie kostet fünfhundert pro Monat!"

Die Trianon ist einverstanden; auch mit dem Stoff, den Stiller im Sinn hat. Es handelt sich um eine Geschichte, die in der Türkei spielt, und die auch dort gedreht werden soll.

Ein schwedisch deutscher Film in der Türkei

Mitte Dezember 1924 begeben sich die Darsteller, Regisseure und die Kameramannschaft nach Istanbul: man steigt in "Pera Palace" ab, dem elegantesten und teuersten Hotel der Stadt am Bosporus.

Ein paar Tage später stellt Mauritz Stiller fest, daß das mitgenommene Geld zur Neige geht. Er telegrafiert nach Berlin um eine Million Mark Vorschuß. Er bekommt weder die Million, noch eine Antwort. Zwei Tage später fährt er voll trüber Ahnungen selbst nach Berlin.
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Überraschend plötzlich - die Trianon ist pleite

Dort muß er feststellen, daß die Trianon ihre Zahlungen eingestellt hat und pleite ist. Nur mit Mühe gelangt die Garbo nach Berlin. Das Reisegeld streckt die Schwedische Gesandtschaft vor.

Mauritz Stiller holt seinen Schützling von der Bahn ab. „Wann fahren wir nach Schweden zurück?" will die Garbo wissen. „Ich habe Heimweh!"

Wir bleiben in Berlin

„Wir fahren gar nicht zurück. Wir bleiben hier. In Berlin werden viele Filme gedreht. Es wird sich schon irgend etwas finden!" Mauritz Stiller ist so überzeugt davon, daß er aus der billigen kleinen Pension in der Nähe des Kurfürstendamms auszieht und sich mit der Garbo im Hotel Esplanade einmietet.

Niemand braucht zu wissen, daß er im Augenblick kein Geld hat. Aber Wochen vergehen, ohne daß er ein Angebot erhält.

Ein Filmregisseur namens Georg Wilhelm Pabst

Da läßt sich eines Tages ein junger Mann bei ihm melden. Die Visitenkarte lautet auf den Namen Georg Wilhelm Pabst. „Ich bin Filmregisseur", sagt der junge Mann mit dem intelligenten Gesicht.

Er trägt eine Hornbrille, die aber seine außerordentlich beweglichen Augen nicht verbirgt. Er ist klein, aber ungemein gewandt und lebendig. Er kann kaum zwei Sätze sprechen, ohne daß er von seinem Stuhl aufspringt.

Er spricht seine Sätze gar nicht, er inszeniert sie. „Ich fürchte, ich kenne keinen Ihrer Filme", erwidert Stiller höflich. „Ich habe auch erst einen gemacht! Und er ist... na ja .. . Aber mein zweiter Film soll etwas Besonderes werden. Ich habe Werner Krauß engagiert und Asta Nielsen. Und jetzt möchte ich noch Fräulein Garbo engagieren! Ich schätze sie sehr!"

Pabst ist Österreicher. Er kommt vom Theater.

Er hat einige Stücke inszeniert, aber ihm ist bald der Verdacht gekommen, daß er auf dem Theater seine künstlerischen Absichten nicht durchführen kann.

Auf der Bühne kann man immer nur zeigen, was an einem bestimmten Schauplatz geschieht. Pabst aber will nicht nur zeigen, was geschieht, sondern auch, was hinter den Geschehnissen steckt.

Er will nicht nur die Fassade geben, sondern den Sinn. Er will aktuell sein. Er will das Leben entlarven. Dazu braucht er andere Mittel, als sie ihm bei seinen Inszenierungen auf der Sprechbühne zur Verfügung stehen. Da ist in der „Neuen Freien Presse" in Wien ein Roman erschienen.
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„Die freudlose Gasse" heißt der Titel.

Er zeigt das Wien der Inflationszeit. Er zeigt das Sterben der alten Welt und die Geburt einer neuen. Hofrat Rumfort sieht seine Ersparnisse dahinschwinden. Er würde verhungern, wenn er nicht eine Tochter hätte, die in einem Nachtklub tanzt.

Dabei ist diese junge, übrigens sehr reizvolle Tochter durchaus nicht das, was man sich unter einer solchen Tänzerin vorstellt. Sie hat von der verderbten Welt keine Ahnung.

Erst langsam begreift sie, daß sie sich unter Menschen bewegt, die ganz anders sind als ihr Vater und seine Freunde: unter Neureichen, Schiebern, die immer Geld haben.

Und sie begreift vieles, was sie nicht wissen sollte. Der Vater weiß es. Und daher will er nicht zugeben, daß seine Tochter weiterhin die Nächte durchtanzt, obwohl ihm klar ist, daß sie nur so ihn und ihre jüngere Schwester am Leben erhalten kann.
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Der Metzgermeister aus der Wiener Melchior-Gasse

Es gibt noch andere interessante Menschen in der Wiener Melchior-Gasse, in der einst wohlhabende Leute lebten, Beamte und konservative Kaufleute, die jetzt alle am Verhungern sind, in der Gasse, in der es keine Freude mehr gibt.

Nicht die Bewohner der ehemals hochherrschaftlichen, jetzt arg verwahrlosten Wohnungen geben den Ton an. Das tut ein widerlicher Metzgermeister. Im Grunde genommen beherrscht er die ganze Gasse. Wem er von seinem Fleisch abgibt, der kann leben. Wem er die Ware verweigert, der muß hungern, wenn nicht verhungern.

Dieser Metzgermeister hat es auf die Tochter des Hofrats abgesehen. Es scheint für sie keinen Ausweg zu geben, sie ist schon bereit, ihrer Familie auch dieses Opfer zu bringen - da wird der Metzger tot aufgefunden. Eine Prostituierte hat ihn getötet, auf die die ganze Melchior-Gasse verachtungsvoll hinabsah, und die doch im gewissen Sinne über allen steht.

Denn sie hat längst alle Illusionen begraben, sie weiß, daß ihr Leben zu Ende ist, während die anderen, die ehemals Hochherrschaftlichen, dies nie zugeben werden, weil sie nicht umlernen wollen.
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Ein realistischer Stof aus der aktuellen Zeit

Eine Handlung, die das Publikum erregen muß, weil der Stoff mitten aus der Zeit jener tristen Jahre gegriffen ist! Das ist eine ganz neue Art von Film, die Pabst machen will; nicht zu vergleichen mit den großen Kostümfilmen von Lubitsch, mit den zarten, fast hingehauchten Gebilden von Ludwig Berger; mit Längs wilden, heroischen, faszinierenden Monumentalgemälden.

Pabst will nicht amüsieren. Er will nicht einmal sein Publikum in Erregung versetzen. Er will die Welt zeigen, wie sie ist. Die Zuschauer sollen nicht sagen: „Wie schön!" Die Zuschauer sollen sagen: „Wie wahr!"

Die Besetzung, die ihm vorschwebt: das junge Mädchen - Greta Garbo, der Metzger - Werner Krauß, die Prostituierte - Asta Nielsen.

Greta Garbo sagt nicht ja und nicht nein zu diesem Angebot. Sie sagt nie etwas. Sie ist ja noch so jung und so unerfahren. Vor allem aber: wie könnte sie es wagen, den Mund aufzutun, wo doch ihr großer, starker Freund Mauritz Stiller alle Entscheidungen trifft!

Stiller tut uninteressiert. „Ich glaube nicht, daß das eine gute Rolle für Fräulein Garbo ist. Auf jeden Fall möchte ich das Drehbuch erst sehen." „Sie meinen, Fräulein Garbo will das Drehbuch sehen?"

„Nein. Ich meine, daß ich das Drehbuch sehen will!" Eine Stunde später bringt ihm Pabst das Drehbuch. Stiller liest es, meint, gewisse Änderungen seien notwendig, aber im großen ganzen sei er mit dem Buch einverstanden. Aber ... „Aber werden Sie Fräulein Garbos Gage zahlen?"

Stiller verlangt ganz frech 4.000 Dollar

Vor zwei Monaten hat er der Trianon erklärt, die Garbo koste fünfhundert Mark pro Monat. Jetzt, da sie eigentlich billiger sein müßte - denn der türkische Film ist ja geplatzt - sagt er: „Ich verlange für Fräulein Garbo viertausend Dollar in amerikanischer Währung."

Pabst schnappt nach Luft. Aber nach einer Weile erklärt er: „Gut, wir werden die viertausend Dollar bezahlen!" Womit er beweist, daß er ein weitblickender Mann ist.

Stiller hat noch weitere Wünsche. „Fräulein Garbo muß nicht nur viertausend Dollar Gage erhalten, sondern auch während der Drehzeit das Geld für das Hotel und für ihre sonstigen Spesen." „In Ordnung!" Der Vertrag wird unterzeichnet.

Am ersten Drehtag hat Greta Garbo solche Angst, daß sie das Hotel nicht verlassen will. Mauritz Stiller erklärt sich schließlich bereit, mit ihr zu kommen. Pabst ist nicht entzückt, als er den langen Schweden im Atelier erblickt.

Der stürzt sich sogleich auf den Kameramann Guido Seeber und erklärt ihm: „Es ist nämlich gar nicht so einfach, Fräulein Garbo zu fotografieren ..." „Ich bin nicht erst seit gestern im Fach", erwidert Seeber kühl. Aber Mauritz Stiller ist viel zu nervös, um diese Antwort zu hören. Er redet unaufhörlich auf Seeber ein.
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Stiller fliegt aus dem Studio raus

Schließlich läßt Pabst Stiller mitteilen, daß er seine Anwesenheit im Atelier nicht für wünschenswert halte.

Stiller ist wütend. Übrigens hat er recht: Es ist wirklich nicht so einfach, die Garbo zu fotografieren. Sie ist viel zu nervös. Ein nervöses Zucken geht über ihre linke Wange. Pabst bittet sie, sich auszuruhen. Aber sobald sie vor der Kamera steht, beginnt wieder das nervöse Zucken. Es dauert lange, bis die Garbo das überwunden hat.

Dann wird es geradezu eine Freude, mit ihr zu arbeiten. Sie ist morgens als erste im Atelier, sie kennt die Szenen, die sie zu spielen hat, genau - denn Mauritz Stiller hat mit ihr die Szenen am Abend vorher geprobt, bis in den frühen Morgen hinein. Sie bleibt, ohne sich zu beklagen, zwölf, ja vierzehn Stunden. In vierunddreißig Tagen ist „Die freudlose Gasse" abgedreht.
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Die Berliner Premiere wird ein starker Erfolg.

Trotzdem: die Kritik ist nicht besonders begeistert. Und die Garbo bekommt kein neues Angebot. Niemand scheint sich von ihr etwas zu versprechen. Weder die UFA noch die kleineren Filmgesellschaften versuchen, sie in Berlin zu halten. So bleibt sie trotz der „Freudlosen Gasse" unentdeckt.

Bis eines Tages der große Louis B. Mayer aus Hollywood bei Mauritz Stiller erscheint. Er schlägt ihm vor, Filme für die Metro-Goldwyn-Mayer zu inszenieren. Die Gage, die er ihm bietet, ist beträchtlich.

Mauritz Stiller antwortet: „Ich komme unter einer Bedingung: Sie müssen Fräulein Garbo ebenfalls engagieren." „Wer ist Fräulein Garbo?" „Eine junge Schauspielerin mit einer großen Zukunft."

Louis B. Mayer hat keinen Film mit der Garbo gesehen. Er hat den Namen noch nie gehört. Aber das ist ihm nicht wichtig. Wenn Mauritz Stiller diese Miß Garbo mitnehmen will - Mayer vermutet, daß sie die Freundin des großen Regisseurs ist -, so soll er sie in Gottes Namen mitnehmen. Die Hauptsache, daß Stiller den Vertrag unterschreibt.

Für "nur" dreihundert Dollar pro Woche nach Hollywood

„Also gut. Ich engagiere auch Miß Garbo. Sagen wir, dreihundert Dollar pro Woche. Okay?"

Einige Wochen später fahren Mauritz Stiller und Greta Garbo über den Ozean. Der deutsche Film läßt die größte Schauspielerin ziehen, ohne einen Finger zu rühren.
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