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Kleine Geschichte des deutschen Fernsehens aus 1969

Ein Buch von Dr.-Ing. E. h. Walter Bruch aus dem Jahr 1969 aus dem Fundus des ehemaligen "Vereins zur Errichtung eines Fernsehmuseums" in Wiesbaden. Mehr über die Glorie, die Publikationen und das Vermächtnis des Ehrenmitgliedes dieses Vereins lesen Sie hier.

Das Olympia-Fernsehen wird eröffnet

Am 1. August 1936 hörte man vom Berliner Fernsehsender:
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  • „Achtung, Achtung! Hier ist der Fernsehsender ,Paul Nipkow', Berlin, mit Ton auf Welle 7,06 Meter und mit Bild auf Welle 6,77 Meter, mit der Olympia-Sondersendung. Es senden gemeinsam die Deutsche Reichspost, die deutsche Fernseh-Industrie und der Fernseh-Programmbetrieb direktes übertragen der wichtigsten Kampfphasen von den Olympischen Kampfstätten und in Abwechslung Darbietungen erster deutscher Künstler mit Tonfilmen der Film-Industrie und des aktuellen Bilddienstes des Fernsehsenders ,Paul Nipkow', Berlin."

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Kein „Führerwetter" zur Eröffnung

Es ist kein „Führerwetter" an diesem Eröffnungstag der großen Spiele. „Die größten, die die Welt je gesehen hat!", prophezeien die Zeitungen. Im Olympiastadion drängen sich 120.000 Menschen. Es ist 16.00 Uhr. Der Fackelläufer entzündet das olympische Feuer, die Sportler marschieren ins Stadion ein. In den Fernsehstuben von Berlin und Potsdam oder an einem der vielleicht 50 privaten Fernsehgeräte, in die sich die Ministerien zur Kontrolle des Versuchsprogramms und die Industrie zu Forschungszwecken teilen, ist man dabei. Etwa 1.000 Zuschauer können so zusätzlich die Kämpfe miterleben, obwohl die Karten für das Stadion seit Monaten ausverkauft sind.

  • „Vielfach wurden die Besucher der Fernsehstellen von den Vorführungen der Kampfhandlungen so gefesselt, daß sie ebenso wie die Besucher im Reichssportfeld bei guten sportlichen Leistungen ihren Beifall kundtaten. Immer wieder mußten die Fernsehstuben wegen Überfüllung kurzzeitig geschlossen werden. Mit allen Aufnahmegeräten wurden fast ausnahmlos sehr gut erkennbare Bilder erzielt",


schreibt man.

Zum erstenmal in der Weit hatte man elektronische Kameras für eine solche Freilichtübertragung benutzt. Als junger Ingenieur - ich war kurz zuvor von den mechanischen Abtastern zur Elektronik gewechselt - hatte ich eine der Anlagen bauen dürfen.

Anmerkung: Walter Bruch meinte vielleicht Betriebsingenieur.

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Während der Olypiade gab es 3 Aufnahmestellen

Auf dem Reichssportfeld waren damals drei Aufnahmestellen für das Fernsehen eingerichtet:

1.) Die schwenkbare Ikonoskop-Kamera von Telefunken, genannt „Fernsehkanone". Sie stand im Stadion selbst, unter der Ehrentribüne.

2.) Eine zweite Kamera, vom Reichspostzentralamt, war im Schwimmstadion aufgestellt worden.

3.) Die dritte, eine Farnworth-Kamera der Fernseh AG, über dem Marathontor. Diese konnte allerdings nur bei Sonne „arbeiten".

Hinzu kam noch ein Zwischenfilmabtaster-Wagen der Fernseh AG, der ebenfalls am Marathontor postiert war. Die Kameras waren über Breitbandkabel mit der Rognitzstraße verbunden, in der sie wahlweise auf den Sender geschaltet werden konnten. Von dort ging die Leitung zum UKW-Sender mit der Antenne auf der Spitze des Berliner Funkturms.

Walter Bruch beschreibt seine Arbeit im Labor

Als seinerzeit vom RPZ der Vorschlag kam, die Olympischen Spiele für den Großversuch einer Fernsehübertragung zu nutzen, waren "wir" eigentlich überhaupt noch nicht auf ein derartiges großes Experiment vorbereitet. Wir arbeiteten im Labor an der Entwicklung einer Gegenseh-Anlage mit Iconoscopen - das war damals durchaus verfrüht.

Aus den vorhandenen Teilen wurde die Olympia-Anlage, man muß schon sagen, „zusammengenagelt". Das Ikonoskop hatte damals noch zahlreiche Kinderkrankheiten, vor allem eine äußerst schwache Empfindlichkeit. Es zeigte dagegen eine um so stärkere Reaktion auf plötzliche Helligkeitswechsel. Jede Wolke, jeder Schatten rief sofort Störsignale hervor, für deren Beseitigung eine Reihe von Knöpfen in der Kontrollanlage angebracht war.

Große Probleme : Das Stadionwar sozusagen exterritorialer olympischer Boden

Wolfgang Federmann hatte diese Aufgabe übernommen, er saß meist im Keller am Bediengerät. Ein einziges Mal hatten wir das Gerät am letzten „Arbeitssonntag" vom Labor aus auf unseren Hof gerichtet und für gut genug befunden.

Danach wurde alles rasch zusammengeschraubt, auf einen Wagen gesetzt, und los ging es zum Stadion. Das Aufstellen am Standort, die täglich nötigen Verbesserungen, die Umschalt-Erprobungsarbeiten zur Nacht, während wir auf dem Rasen des Kampffeldes lagen und draußen Harald Kreutzberg bei Fackelschein seine nächtlichen Tänze übte, sind Erinnerungen an ein großes Wagnis, das wir damals auf uns nahmen.

Schwierigkeiten bereitete es, uns im Olympiastadion zu plazieren. Die Kampfbahn war olympischer Boden, sozusagen exterritorial. Betreten durften ihn nur die Sportler und Schiedsrichter, selbst dem Rundfunk war es verboten. Da so etwas wie Fernsehen noch nie dagewesen war, hatten die entscheidenden Herren auch keine Vorstellung von dem, was wir wohl brauchten. Hauptsache war für sie, wir störten nicht. Glücklicherweise wurden "wir" wenigstens am Platz der Hauptkampfentscheidungen, wenige Meter vom Ziel des 100m Laufs entfernt, in den dreiviertel Meter tiefen Umgang gesetzt, der rings um die Kampfbahn herumläuft. Wir hatten also nicht etwa einen Überblick über das Feld, sondern sahen das Ganze aus der Froschperspektive.

Unmittelbar vor uns, in einem Betonkeller unter der 100m-Bahn, standen die für den Betrieb der Kamera notwendigen Anlagen. Durch ein Loch führten zwei dicke Kabel zu der fest montierten, jedoch schwenkbaren Ikonoskop-Kamera. Die Kellersohle lag unter dem Grundwasserspiegel, und das bekam wegen der scheußlichen Nässe weder uns noch den Verstärkern und Empfängern sonderlich gut.

Über die Olympia-Kamera und deren Konstrukteur Emil Mechau.

"Unsere" Fernseh-„kamera" war eine für den damaligen Stand der Technik fabelhafte Leistung, sowohl konstruktiv wie zeitlich. Sie stammte von dem bekannten Konstrukteur Emil Mechau.

Ihr größtes Objektiv, von Leitz in Wetzlar gebaut, hatte eine Brennweite von 1,5m und eine Öffnung von f:1,5; der Durchmesser war 40cm! Der Wechsel der Objektive mußte schnell vor sich gehen. Wir hatten noch keine Revolver-Optik, wie heutzutage. Es hieß daher, in Minutenschnelle drei Objektive (für Nah-, Mittel- und Fernaufnahmen) auszuwechseln.

Um das 50kg schwere Riesenobjektiv zu wechseln, waren zwei Mann notwendig, die es auf der Schulter in seinen Bajonettverschluß einzuhängen hatten. Mehr Hilfskräfte hatte das Olympische Komitee auch nicht zugelassen. Da wir unmittelbar unter den Augen des Publikums und der Ehrentribüne arbeiteten, mußte das „ruckzuck" gehen, und es war nicht ganz einfach, dabei noch eine „gute Figur" zu machen. Es kam also alles auf gute Zusammenarbeit und im übrigen auf Gottvertrauen an.

Während der zwei olympischen Wochen stand ich an der Kamera. Als Schmalfilmamateur hatte ich eine gute Vorbildung und Eignung für diesen Posten nachgewiesen. - Den Einzug der Olympiakämpfer sollte der Zwischenfilmwagen bringen, die „Kanone" sollte sie dann im Stadion übernehmen.

Anmerkung : Die alleinige Bruchsche Eigenaussage mit dem "Kameramann" an seiner Olympiakanone konnte bislang nirgendwo in fremden Dokumentationen nachgelesen werden. Darum sei sie hier nur der Form halber enthalten.

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Gerhart Goebel schreibt dazu:

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  • „Alles schien glatt zu gehen, da fiel das Bild aus: beim Ü-Wagen hatte es Filmsalat gegeben, weil die Fabrik einzelne Rollen des Spezial-Dünnschichtfilms mit gehärteter Emulsion versehentlich mit außenliegender Lichthof-Schutzschicht geliefert hatte, die natürlich sofort an den geheizten Umlenkrollen und an den Trockentrommeln angeklebt war. Aber die Telefunken-Leute retteten geistesgegenwärtig die Situation, indem sie ihre ,Kanone' herumschwenkten und das einmalige Bild vom Einzug ihres Mitarbeiters Schiigen aufs Ikonoskop übernahmen."

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Der Rundfunk bestimmte Tempo und Bildeinsatz

Eine denkwürdige Geschichte für sich war die Regie der Sendung. Verantwortlich für die gesamte Übertragung war der Rundfunk; er bestimmte Tempo und Bildeinsatz. Leitender Berichter war damals der stellvertretende Reichs-sendeleiter Carl-Heinz Böse. Sehr genau entsinne ich mich unseres ersten Einsatzes. Als letzter Läufer der Fackelstaffel hatte unser Kollege Fritz Schiigen die olympische Flamme entzündet, dann begann der Einmarsch der Nationen. Dazu kreiste über dem Stadion der Zeppelin. Die Kamera hatte jeweils dem Ansager zu folgen. Ich hatte zu diesem Zweck einen Kopfhörer um, durch den ich die Sendung hörte, obwohl der Berichter dicht neben mir stand.

Ich hatte also den Zeppelin im Bild, die Kanone hoch in die Luft gerichtet, und der Reporter Wulf Bley - von Böse angefeuert - legte los:

  • „Majestätisch kreist das Luftschiff über dem Feld - unsere Kamera folgt - schwenkt jetzt auf die Führerloge. Der Führer erhebt sich - alles springt auf, jubelt, unsere Kamera ......."

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Kein Blick auf die "Führerloge"

Nun hatten wir vorher klargestellt, daß von unserem Platz aus ein Einschwenken auf die Loge völlig unmöglich war. Wir standen viel zu dicht darunter im toten Winkel: wäre der Boden aus Glas gewesen, so hätten wir vielleicht die Schuhsohlen ins Bild bekommen. Aber der Reporter war hysterisch begeistert - und er hatte ja auch kein Kontrollbild. Er steuerte den Bericht, die Kamera hatte zu folgen!

Es gab nur eine Gegenwehr, die Fußspitze - ich war ja an meinen Sucher und an die Schwenkräder gebunden. Wenn es gar nicht mehr ging, gab ich dem Reporter eben einen Tritt. Ihn störte das aber keineswegs. Er mußte im Feuer seiner olympischen Begeisterung schildern, was er sah: Zeppelin, Führer, Jubel der Völker aller Welt.

Die Leute im Stadion erlebten diese Szenerie auch, und die Tausende, an Rundfunkreportagen gewöhnten Zuschauer in den Fernsehstuben werden sich auch bei fehlendem oder falschem Bild vorgestellt haben, was man ihnen so begeistert schilderte. Unvermeidlich gab diese gegen heute umgekehrte Steuerung Anlaß zu mancher Aufregung.

Erfahrungen während der Arbeit

So kam eines Tages eine Anweisung aus dem Propagandaministerium, der Kameramann unten vor der Ehrentribüne solle gefälligst sein lästerliches Fluchen lassen und sich eines besseren Tons befleißigen, denn das käme ja alles über das Mikrofon in die Sendung hinein! Technisch brachten die Sendungen uns täglich neue Erfahrungen und Fortschritte. Während wir draußen standen, oben kurbelten und unten kontrollierten und einstellten, saßen die Kollegen im Labor und erfanden Neues.

Das Iconoscope war ein "Verschleißteil"

Das Iconoscope wurde täglich gewechselt, nicht etwa infolge von Abnutzung, sondern um es immer weiter zu verbessern. Am Ende der olympischen Wochen war die kurz zuvor erstmalige und modernste Fernsehanlage schon so veraltet, daß sie uns kaum mehr interessierte.

"Unsere" olympische „Fernsehkanone" war museumsreif. Bis zum Kriege stand sie im Deutschen Museum in München betriebsbereit und hat auch dort noch mancher Aufnahme gedient.

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