Sie sind hier : Startseite →  Fernseh-Historie→  Kleine Geschichte des Fernsehens→  Die spekulative Periode

Kleine Geschichte des deutschen Fernsehens aus 1969

Ein Buch von Dr.-Ing. E. h. Walter Bruch aus dem Jahr 1969 aus dem Fundus des ehemaligen "Vereins zur Errichtung eines Fernsehmuseums" in Wiesbaden. Mehr über die Glorie, die Publikationen und das Vermächtnis des Ehrenmitgliedes dieses Vereins lesen Sie hier.

Die "spekulative" Periode (von Walter Bruch)

Den Ehrentitel „Vater des "deutschen" Fernsehens" verdient zweifellos Paul Nipkow. Er erfand im Jahre 1883 in Berlin einen der ersten Fernseher, der sich vielleicht hätte verwirklichen lassen.
.

Anmerkung: Wie oben bereits angemerkt, er formulierte und skizzierte seine Idee der Zerlegung des Bildes in einzelne Punkte.

.
Vor ihm hatten schon andere versucht, analog dem damals neuen Bellschen Telephon, ein sogenanntes Telectroscop zu entwickeln. Das uns heute so geläufige Wort Fernsehen war damals noch nicht geprägt. Es wurde erst viel später, 1891, mit E. Liesegangs Buch „Beiträge zum elektrischen Fernsehen" eingeführt.
.

Anmerkung: Hier also die nachträglich patriotisch "aufgehübschte" populistische Schilderung der damaligen Geschichte.

.

Die Nipkow Story (von Walter Bruch)

Auch Paul Nipkow war das Telefon Vorbild:

  • „Ja, das war in der ersten Zeit, als ich eben als junger Schnösel aus meiner Vaterstadt Lauenburg in Pommern mit einer ,1' in Physik und einer ,3' in Griechisch übergesiedelt war nach dem stolzen Königlichen Vollgymnasium in Neustadt/Westpreußen. Als Statist fand ich bald Anschluß, und mein Freund Konrad Rintelen war gut bekannt mit einem jungen Post-Eleven. Und der borgte uns für eine Nacht das Dienst-Telefon (!). Beim Experimentieren mit diesem Telefon erwuchs in mir der Begriff des elektrischen Femsehens. Und seitdem verfolgte mich der Gedanke ständig.

    Es war am Heiligen Abend 1883 in Berlin NW, im .Quartier Latin', in meiner Studentenbude, Philippstraße 13 a, gegenüber der Kirche. Ich saß allein, vor mir eine Petroleumlampe, ich allein mit meinem Lieblingsgedanken. Da kam mir endlich die Lösung: mühelos, automatisch, die ,Generalidee des Fernsehens'. Da sah ich ein Bild mosaikartig in Punkte und Zeilen zerlegt und eine spiralgeiochte rotierende Scheibe. Dabei wurden die Lichtpunktserien in entsprechend elektrische Impulsserien verwandelt und dann im Empfänger wieder mittels einer gleichlaufenden Lochscheibe in einem Bilde zusammengesetzt. Die Selenzelle und der Faradey-Effekt boten sich dar.

    Jedoch ging all diesen Gedanken die Überlegung voraus, daß das Fernsehen nur gelingen konnte unter Ausnutzung der Trägheit des Auges."

.

1883 - Nipkow studiert in Berlin

In Berlin studierte der wissensdurstige Nipkow - wie uns seine Tochter berichtet - Naturwissenschaften. Er hört Vorlesungen von Hermann v. Helmholtz und Adolf Slaby. Ohne Zweifel kommt er bei Helmholtz mit dessen Lieblingsthema, der physiologischen Optik, in Berührung und bei Slaby mit den neueren elektrophysikalischen Problemen.

Noch ist er Student, als ihm 1883 endlich die Lösung für ein „elektrisches Teleskop", wie er es nennt, einfällt: „einen Apparat, der ein an einem Ort A befindliches Objekt an einem beliebigen Ort B sichtbar machen kann". Die Grundprinzipien des Fernsehens waren gefunden.

Dazu entdeckte (besser: "beschrieb") Paul Nipkow die Methode des Abtastens, Punktzerlegens und Wiederzusammensetzens mit rotierenden Lochscheiben, die heute als Nipkow-Scheiben bekannt sind. Hinzu kamen seine Vorschläge für den Gleichlauf der Sender-und Empfängerscheiben und eine elegante Helligkeitssteuermethode für die Bildpunkte im Empfänger.
.

Drei Grundprinzipien der Fernsehübertragung

Diese drei Grundprinzipien der Fernsehübertragung sind bis heute geblieben, sie runden das Projekt ab. Ob alle Einzelheiten von Paul Nipkow selbst stammen, ist nicht wichtig. Jedenfalls hat er sie zusammengefaßt und so den ersten möglichen Fernseher der Welt beschrieben. Die Idee war so bestechend einfach, daß trotz der vielen hundert Patente, die geistreiche Männer in den folgenden vier Jahrzehnten angemeldet haben, für die ersten Fernseherprobungen in den zwanziger Jahren überall in der Welt Nipkows Scheiben benutzt wurden. Auch ich erinnere mich gern und heute auch mit ein wenig Stolz daran, vor 38 Jahren meine Arbeit am Fernsehen mit der Nipkow-Scheibe begonnen zu haben.

Strenggenommen gebietet es die Objektivität, den Franzosen Constantin Senlecq als den gedanklichen Vater des Fernsehens zu bezeichnen, wenn man dabei unberücksichtigt lassen will, daß die wesentlichste Einzelheit, nämlich die Zerlegung des Bildfeldes in Punkte und Zeilen, schon ganz klar unter anderen von Alexander Bain (1843) und Giovanni Caselli (1855) angegeben worden ist; freilich nur für Bildtelegrafie.

Bezogen auf den Stand der Technik jener Zeit war Paul Nipkows Vorschlag jedoch revolutionierend. Man sollte annehmen, daß er vom Kino gelernt habe. Das ist aber nicht der Fall, denn 1883 gab es noch keine Kinotechnik.

1884 - Ottomar Anschütz

Zwar war die Herstellung von Reihenbildern für die visuelle Verschmelzung (Stroboskopie) durch Eadweard Muybridge bekannt. Gerade in Berlin sollte dann, etwa von 1884 an, der Fotograf Ottomar Anschütz seine berühmten Reihenbilder aufnehmen. Er schuf so gute Bilderserien, daß sich 1886 das Preußische Abgeordnetenhaus in Berlin mit der Frage beschäftigte, ob man Anschütz weiter unterstützen solle. Aber erst mehrere Jahre nach Nipkows Erfindung baute er seine ersten Geräte zur Wiedergabe von lebenden Bildern.

Sie hatten insofern eine gewisse Ähnlichkeit mit der Nipkowschen Scheibe, als diese Schnellseher oder das „Elektrische Tachyskop" auch mit einer rotierenden Scheibe funktionierten, an deren Umfang 24 Reihenbilder angebracht waren. Sie wurden kurzzeitig, blitzartig von einer Geißlerschen Röhre beleuchtet. Die Geißlersche Röhre, der Vorläufer der Glimmlampe, mit der 1928 die ersten Bilder nach Nipkows Verfahren demonstriert wurden, ist also damals schon von Anschütz als schnell steuerbare Lichtquelle erkannt worden.

1890 - Das Tachyskop

Wiederum in Berlin wurde 1890, in der Charlottenstraße 59, das Tachyskop in einer jedermann zugänglichen „Stube" gezeigt. In einem gänzlich dunklen Zimmer hielten die Zuschauer sich auf. Sie sahen durch ein Schauloch in der Wand das bewegte Bild. Projiziert wurde noch nicht. Un-vergrößert mußten die Platten in Originalgröße beobachtet werden.

35 Jahre später wurden ganz in der Nähe die in den dreißiger Jahren in Berlin so beliebten Fernsehstuben eingerichtet. Anschütz' Schnellseher war auch auf Ausstellungen zu sehen, zum Beispiel in Wien. Er galt als ein Anziehungspunkt der Elektrischen Ausstellung in Frankfurt/Main von 1891 und wurde 1893 als „the greatest wonder of the world" auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt. Von Siemens gebaut, wurde er später als „Groschenautomat" in Berlin aufgestellt.

1895 - Die erste Filmvorführung der Welt

Noch später fand die erste Filmvorführung der Welt statt, auch in Berlin, und zwar erst 1895, elf Jahre nach Nipkows Erfindung. Als Vorläufer des Fernsehens ist auch sie wichtig gewesen. In Berlin-Pankow, Berliner Straße 27, hatte 1893 Max Skladanowsky begonnen, erste Filme mit einem primitiven Projektionsapparat zu zeigen.

Im Gegensatz zu Nipkow, dem „spekulativen Erfinder", hatte Skladanowsky sich alles sehr mühsam handwerklich erarbeitet. Er mußte selbst auf Zelluloidplatten lichtempfindliche Emulsion gießen, Filmstücke daraus zusammenschneiden, sie zu Bändern kleben und perforieren. Aufnahmeapparat, Kopiermaschine und Projektor baute er sich aus Holz, das er mit seinen eigenen einfachen Werkzeugen bearbeiten konnte. Er hatte kein Geld, einen der Metallbearbeitung kundigen Mechaniker zu beauftragen.

Seine ersten Vorführungen waren sensationell und sprachen sich bald herum, auch bis zu den Direktoren des weltbekannten Berliner Varietes „Wintergarten". Sie engagierten Max Skladanowsky und seinen Bruder Ernst für die nächste Wintersaison. Vom 1. November 1895 an zeigten die Brüder mit ihrem „Bioskop" lebende Bilder auf einer Leinwand.

Die Filme aus jener Zeit existieren übrigens zum Teil heute noch. Auf modernes Filmmaterial nach der heutigen Filmnorm umkopiert, sind sie mehrfach im Deutschen Fernsehen gezeigt worden, und so wurde nach 45 Jahren einem Millionenpublikum bekannt, was damals nur wenige Berliner sehen konnten. Wenn auch die Brüder Skladanowsky nicht die alleinigen Erfinder der Kinomatografie sind, so sind sie als bedeutende Berliner unvergessen.

Das Fernsehen mußte erstmal "Spekulation" bleiben

Das schöpferische Werden von Kinomatografie und Fernsehen verlief etwa parallel. Allerdings brauchte das Fernsehen eine so hochwertige Elektrotechnik, wie wir sie erst in den letzten 20 Jahren erreicht haben. Es mußte bis dahin "Spekulation" bleiben, während für die Kinotechnik geringere Voraussetzungen ausreichend waren. Deshalb konnte sie auch früher experimentell verwirklicht werden. Jene "spekulative Ära" wird von Nipkows Erfindung beherrscht. Obwohl sein Prinzip ganz an ihrem Beginn stand, dominiert es umfassend über alle Leistungen dieses Zeitabschnitts.

Denn fast bei sämtlichen damaligen Fernsehprojekten sollten mechanisch bewegte Elemente, zum Beispiel Lochblenden, Spiegel usw. einen Lichtpunkt verschieben, von dem das Bildfeld zeilenweise abgetastet wird, um die Informationen aller Bildelemente nacheinander als elektrische Stromwerte über eine Leitung zu schicken und sie, in Lichtpunkte umgeformt, am Empfangsort als Bilder augenblicklich sichtbar zu machen.

Es gab auch Vorschläge, statt dieser Punktfolgeübertragung mit einem Verfahren zu arbeiten, bei dem viele Verbindungen verwendet werden, bei dem, ähnlich wie beim menschlichen Auge, der Informationsgehalt einer sehr großen Zahl von Bildpunkten gleichzeitig zum Gehirn übertragen wird. Obwohl diese Methode heute vergessen ist, soll sie doch kurz gestreift werden, und zwar weil nach ihr die ersten wirklichen Bilder übertragen wurden, und dies wiederum in Berlin, 25 Jahre nach Nipkows Patentanmeldung. Ernst Ruhmer hatte schon vorher in fleißigem Experimentieren mit lichtempfindlichen Selenzellen moduliertes Licht in entsprechende elektrische Ströme verwandelt.

Ihm gelangen zum Beispiel auch die ersten Tonaufnahmen mit moduliertem Licht auf fotografischem Film und ihre Wiedergabe durch Selenzellen. Er hat damit zuerst den Tonfilm - wenn auch ohne Bild - verwirklicht. Auch seine Versuche, mit moduliertem Licht über den Wannsee hinweg zu telefonieren, sind im Jahre 1902 sehr bekanntgeworden. In moderner Form nehmen wir unter Benutzung von Laserstrahlen diese Lichttelefonie vielleicht wieder auf.

1909 - Ernst Ruhmer

Am 26. Juni 1909 demonstrierte Ernst Ruhmer in Berlin das Prinzip der Fernübertragung eines Bildes. Abtastung und Wiedergabe verliefen über je ein Tableau mit nur 5 x 5 (also im ganzen mit 25) Bildelementen. Ruhmer projizierte bei dieser öffentlichen Vorführung Geometriemuster auf eine Selenzellentafel und ließ diese Figuren in einem entsprechend gebauten Empfänger mit 25 Glühlampen aufleuchten. Seine hochgezüchteten Selenzellen waren schon genügend trägheitslos, um verhältnismäßig schnell die Muster wechseln zu können.

In einem Bericht über seine Versuche liest man:

  • „Ruhmer beabsichtigt, einen Apparat mit 10.000 Selenzellen zu bauen, welcher die Übertragung eines Bildes von ca. 250qcm etwa mit dem Korn von Autotypien gestattet. Der Apparat würde nach Rechnung des Erfinders auf 5 Millionen Mark zu stehen kommen."

.
Die Bilanz dieses ersten Kapitels der Fernsehgeschichte kann man gut mit den Worten von Arthur Korn und J. M. B. Glatzel, zwei hervorragenden Fachleuten, aus ihrem Buch von 1911 ziehen:

  • „ .... alle bisherigen Ideen, welche das Ziel verfolgen, mit Hilfe einer Fernleitung oder einer Doppelleitung in die Ferne zu sehen, sind durchaus phantastischer Natur; die Autoren solcher Ideen waren meist Optimisten, welche mit den Schwierigkeiten des Problems nicht vertraut waren, teilweise aber auch Erfinder, die mehr darauf ausgingen, durch prahlerische Anpreisungen ihrer vermeintlichen Methoden ephemeren Ruhm oder Geld zu erwerben, als nützliche Arbeit zu leisten."

.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2007 / 2017 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.