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typische historische Kamera

Zum Auffrischen und Erinnern . . . .

. . . sind diese Seiten hier gedacht, denn viele wissen nicht mehr oder noch nicht, wie es damals angefangen hat und wie das wirklich funktioniert mit dem Fernsehen, den Kameras, den Videorecordern, den Tonband- und den Magnetband- geräten aus alter Zeit. Viele Bilder können Sie durch Anklicken vergrößern.

Fernseübertragungswagen 1934
Fernsehen in Berlin 1928
Fernseh-Sprechzelle 1929
Abmessungen Empfängerscheibe 40zeilig aus 1929

3.6 Die Deutsche Reichspost 1927

Als erste Fernmelde-Hoheitsbehörde der Welt bekannte sich die ehemalige Deutsche Reichspost (DRP) vorbehaltlos zum Fernsehen. Vom Juli 1927 an mußte sich der Leiter des Referats für Drahtlose Schnelltelegraphie und Bildübertragung beim Telegraphen- technischen Reichsamt, Fritz Banneitz, „mit Fernsehen beschäftigen", um „über den Entwicklungsstand auf dem laufenden zu bleiben und durch Anregungen und durch regelmäßige Übertragungen den Fortschritt zu fördern".

 

Banneitz und seine Mitarbeiter begannen mit systematischen Untersuchungen zur Gleichlauf- Regelung, zur Bildfeldzerlegung und zur Anregung des Glimmvorgangs in gasgefüllten Entladungsröhren. Sie profitierten von den praktischen Fernseh-Erfahrungen Mihalys, der von der Reichspost subventioniert wurde und 1928 während der 5. Großen Deutschen Funkausstellung sogar Gelegenheit erhielt, seinen Fernseher auf dem Stande der Post vorzuführen.

 

In der Nacht vom 8. zum 9. März 1929 wurden von Mihalys Firma, der Telehor AG, gemeinsam mit dem Reichspost-Zentralamt (RPZ) zum ersten Male über den Hörrundfunksender Berlin-Witzleben auf Welle 475,4 Meter 30zeilige Fernsehbilder ausgestrahlt. „Die beweglichen Bilder sind an den verschiedenen Stellen der Stadt empfangen worden, und durchweg sind sie einwandfrei, klar und unverzerrt zum Vorschein gekommen".

 

Vom 14. März 1929 an beteiligte sich das RPZ mit einem eigenen Filmgeber an den Versuchssendungen, die keinerlei Programm- charakter trugen. Am 20 Juli 1929 verkündete die DRP im Einvernehmen mit der deutschen Fernseh- Industrie die erste (vorläufige) deutsche Fernseh-Norm: Zerlegung des Bildes mit einem Seitenverhältnis 4:3 in 30 waagerechte Zeilen bei 12,5 Rasterwechseln in der Sekunde.

 

Ein im Sommer 1929 im RPZ entwickelter „Tageslicht-Fernseher" lieferte trotz einer Beleuchtungsstärke von 50000 Lux auf dem Objekt und trotz achtstufiger Bildsignal-Verstärkung nur Schattenbilder. Erfolgreicher war eine von Günter Krawinkel beim RPZ gebaute Fernsehtelephon-Anlage (Bild 34): Sie umfaßte zwei gleiche Fernseh-Sprechzellen; jede enthielt eine Nipkowscheibe für 30zeiliges Bild, die in Verbindung mit einer Projektions-Glühlampe als Flying-Spot-Geber für den Sprechgast wirkte und ihm gleichzeitig im Verein mit einer Flächenglimmlampe das Bild seines Gesprächspartners lieferte.

 

Durch eigene Forschungsarbeiten, durch Ankauf industrieller Fernseh-Geräte, durch regelmäßige Fernseh-Versuchssendungen, durch eine dem jeweiligen Stand der Technik angepaßte Normung und durch Aufstellung gemeinsamer Entwicklungsrichtlinien hat die Deutsche Reichspost einen beachtlichen Beitrag zur Förderung des Fernsehens geliefert, ein besonderer Verdienst von Herrn Bredow.

3.7 John Logie Baird 1929

Anfang 1924 hatte John Logie Baird (siehe auch die Baird Story - 1888-1946, rechts ein Porträt aus dem Jahre 1929) in Hastings mit einer primitiven Apparatur das Schattenbild eines Malteserkreuzes elektrisch übertragen. Zur Bildrasterung benutzte er zwei Nipkowscheiben aus Karton mit mehreren auf einer Spirale angeordneten Linsen, wie sie im Prinzip schon Nipkow 1884 zur Erzielung, „hellerer Bilder" empfohlen hatte. Im April 1925 veranstaltete der Erfinder in Selfridge's Warenhaus, London, eine Reihe öffentlicher Demonstrationen drahtlosen Fernsehens, wobei er durch eine Zerlegerscheibe mit zwei Spiralen aus je 8 Linsen in Verbindung mit einer rotierenden Spiralschlitz-Scheibe eine Bildauflösung in rund 400 Elemente erzielte und einfache Vorlagen - weiße Buchstaben auf dunklem Grund - mit einer Flächenglimmlampe „erkennbar, wenn auch ziemlich verschwommen" wiedergeben konnte.

 

Um die Bildsignale wirksam verstärken zu können, führte Baird durch periodische Unterbrechung des Abtaststrahls mit einer rotierenden Schlitzscheibe auf optischem Wege eine Trägerfrequenz in den Photozellenkreis ein. Über einen zweiten Sender wurde vom Geber eine Wechselspannung von etwa 300 Hz übertragen, die - nach Verstärkung - den Synchronmotor des Nipkowscheiben-Empfängers speiste. Zur Bildkontrolle war auf der Welle des Gebers eine zweite Empfangsscheibe befestigt.

 

Am 26. Januar 1926 gab Baird Mitgliedern der Royal Institution in seinem Londoner Laboratorium, 22 Frith Street, zum ersten Male eine Demonstration „wirklichen Fernsehens". Es konnten 3,8 cm x 5 cm große „oft verschwommene" Halbtonbilder einer Bauchredner-Puppe und - kurzzeitig auch - einer sprechenden Person mit 30 Zeilen bei fünf Bildwechseln je Sekunde wiedergegeben werden. Ende 1926 ersetzte der Erfinder das stark blendende Studio-Licht durch eine Infrarot-Beleuchtung des Objekts, indem er die sichtbare Strahlung der Lampen durch Hartgummi-Filter unterdrückte.

 

Für eine der ersten „Noctovisions"-Vorführungen stellte sich Sir Oliver Lodge als Modell zur Verfügung. Während der folgenden Jahre verblüffte Baird in dem Bestreben, stets „als erster neue Möglichkeiten des Fernsehens aufzuzeigen, ohne sich auf dessen Praxis zu konzentrieren", die Öffentlichkeit immer wieder mit „epochemachenden Experimenten", die zwar wenig technischen Wert, dafür aber eine um so größere Werbewirksamkeit besaßen. So übertrug er am 24. und 26. Mai 1927 Fernsehbilder auf einer Fernsprechleitung von London nach Glasgow; eine zweite Leitung lieferte die Synchronisierfrequenz.

Am 8. Februar 1928 sandte er 30 zeilige Fernsehbilder von seinem neuen Laboratorium in Long Acre über eine Amateur- Kurzwellenstation in Coulsdon bei London nach Hartsdale, New York, kurz darauf zu dem Dampfer „Berengaria" auf hoher See.

 

Bild rechts: Der Schauspieler Jack Buchanan vor dem Objektiv von Bairds Tageslicht-Geber im Juli 1928.

 

Sir Ambrose Fleming, der Erfinder der elektronischen Detektorröhre, berichtete im Juli-Heft des Television Magazine von 1928 über einen wichtigen Fortschritt des Baird-Laboratoriums, den ersten „Tageslicht-Fernseher", dessen Geber sich von früheren Ausführungen vor allem durch eine empfindlichere Photozelle unterschied. Im August 1928 zeigt Baird vor der British Association in Glasgow erste, 17zeilige Farbfernsehbilder bei 10 Bildwechseln je Sekunde: Er benutzte dazu zwei gleiche Nipkowscheiben mit je drei um 120° versetzten Lochspiralen, die mit einem roten, einem grünen und einem blauen Filter bedeckt waren. Damit erzielte Baird nach dem Flying-Spot-Verfahren Bildsignale, die den drei Grundfarbenanteilen des Objekts entsprachen. Auf der Empfangsseite arbeitete er mit einer Neonröhre für den Rotanteil und einer mit Helium und Quecksilberdampf gefüllten Entladungsröhre für den Blau- und den Grün-Anteil des zu betrachtenden Bildes, die von einem Kommutator synchron zur Filterfarbe der jeweils aktiven Lochspirale bildsequentiell eingeschaltet wurden.

 

Im selben Monat verwirklichte der Erfinder die schon 1884 von Nipkow erwähnte Möglichkeit stereoskopischen Fernsehens mit Zerlegerscheiben, die je zwei Lochspiralen enthielten; die beiden Empfangsbilder wurden gemeinsam durch ein Stereoskop betrachtet. Als eine „Entwicklung von faszinierender Wichtigkeit" galt damals Bairds „Phonovision", sein Verfahren, Fernsehbilder durch Aufzeichnung der Bildsignale auf einer Schallplatte zu speichern und sie mit einem gewöhnlichen Nipkowscheiben-Empfänger wiederzugeben.

Bild rechts: Sir John Ambrose Fleming am 30. September 1929 vor dem Fernseh-Geber der Baird Television Company in deren Laboratorium Long Acre bei der Einweihung des öffentlichen Fernseh-Programmdienstes mit 30zeiligem Bild durch die BBC über den Londoner Mittelwellen-Rundfunksender 2LO; rechts John Logie Baird.

 

Im Juli 1926 hatte die British Broadcasting Company (BBC) über ihren Londoner Mittelwellensender 2 LO zum ersten Male versuchsweise Fernsehbilder der Baird Television Development Company ausgestrahlt - mit der ausdrücklichen Auflage, daß die Sendungen nicht zu Werbezwecken verwendet werden dürften. Nachdem diese Übertragungen auf Veranlassung des British Post Office abrupt eingestellt worden waren, erhielt Bairds Gesellschaft im selben Jahr die Lizenz zum Betrieb eines eigenen 250-W-Fernsehsenders „2TV" für 1,5 MHz in London und eines gleichen Senders „2TW" in Harrow. Im Oktober 1928 entschied die BBC, Bairds Fernseh-Verfahren habe „noch kein praktisches Stadium erreicht".

 

Am 5. März 1929 veranstaltete Baird vor einem Komitee aus Ingenieuren des Post Office, der BBC und Parlamentsmitgliedern über den Sender 2LO erneut eine Testsendung mit Flying-Spot-Geber und Zeilenimpuls- Synchronisierung, um zu beweisen, daß Fernsehen mit 30 Zeilen bei 12,5 Bildwechselnje Sekunde in dem nach dem Prager Wellenplan den Hörrundfunksendern zugewiesenen Frequenzband von 9 kHz möglich sei. Der Postmaster General bezeichnete zwar in seinem Bericht vom 23. März 1929 Bairds Fernseh-Verfahren als „beachtliche technische Errungenschaft", die BBC erklärte sich jedoch nur widerwillig bereit, der Baird-Television-Company Ltd. an drei Wochentagen vormittags je eine Viertelstunde Sendezeit einzuräumen. Damit wollte sich Baird, dessen Ziel es war, ein allgemeines Interesse für das Fernsehen zu wecken und das Publikum zum Kauf der von seiner Gesellschaft unter dem Namen „Televisor" gefertigten Empfänger für 25 Guinees zu veranlassen, nicht zufrieden geben; die Verhandlungen scheiterten.

Dr. Hans Bredow

Zu jener Zeit besuchte der Rundfunkkommissar des Reichspostministers, Dr.-Ing. E. h. Hans Bredow (1929), mit einigen deutschen Fernseh- Fachleuten London, um sich in Long Acre vom Stand der Bairdschen Fernseh-Entwicklung zu unterrichten. Es gelang ihm, „Baird für eine Mitarbeit in Deutschland zu interessieren". Angesichts der ablehnenden Haltung der BBC gab Bredow - nach Rücksprache mit Sir John Reith, dem Generaldirektor der BBC, - dem englischen Erfinder Gelegenheit, mit den Bildsignalen seines Fernseh-Gebers die Trägerfrequenz 631 kHz des Berliner 1,7-kW-Hörrundfunk-Senders Witzleben zu modulieren.

 

Bairds Bildgeber wurde im VOX-Haus aufgestellt und von Angestellten der Baird Company bedient. Die Live-Versuchssendungen begannen im Mai 1929; sie fanden täglich von 9 bis 10, gelegentlich auch von 13 bis 14 Uhr oder nach Mitternacht statt und endeten am 13. Juli 1929. Danach wurden die Bairdschen Apparaturen für Versuche noch eine Zeitlang im Reichspost-Zentralamt betrieben.

 

„Deutschland machte weiterhin Geschichte im Fernsehen, indem es der Baird Company die Erlaubnis gab, zum ersten Male in der Geschichte ein tägliches Rundfunkprogramm auszustrahlen", schrieb Bairds Public-Relations-Chef Sidney A. Moseley. Bredows Haltung hat damals sicherlich dazu beigetragen, den jahrelangen „bitteren Streit" zwischen der BBC und der Baird Television Company beizulegen: Am 30. September 1929 wurde versuchsweise der erste regelmäßige Fernseh- Programmdienst der BBC über den Hörrundfunksender 2LO feierlich eröffnet: Es sprach u. a. zwei Minuten lang (ohne Bild) Sir Ambrose Fleming, nachdem er zuvor zwei Minuten lang „ferngesehen" worden war. Diese halbstündigen Sendungen mit ständigem Wechsel zwischen 30zeiligem Bild und zugehörigem Ton fanden zunächst an fünf Tagen der Woche statt.

1929 - Deutschland steigt ein beim Fernsehen.

Ein zweites „Ergebnis" der Bairdschen Versuche in Berlin war - so Moseley - „die Gründung einer Gesellschaft in Deutschland, deren Hauptgegenstand die Entwicklung und die Ausstrahlung des Fernsehens mit behördlichem Segen sein wird.

 

Der zugrunde liegende Zweck ist rein wissenschaftlich, obwohl sie natürlich im Hinblick auf weitere wissenschaftliche Forschung eine kommerzielle Basis haben muß.

Die wichtige Gesellschaft wird gebildet aus der Baird Television Company, der Bosch- Magneto, der Zeiss-Gesellschaft und der Loewe-Radio- Gesellschaft, alles Namen von Bedeutung nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt
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