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aus der FUNK-TECHNIK Nr. 9/1949

VON KARL TETZNER

FERNSEHEN Sept. 1949 Teil 2 (4)

(Fortsetzung aus FUNK-TECHNIK, Bd. 4 [1949], H. 8, S. 225)

Die Programmgestaltung (aus den USA von 1949 !!)

Bisher gelang es den amerikanischen Fernsehsendern nicht, die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums zu ihrer Programmgestaltung zu erhalten. Einmal nehmen künstlerisch wenig wertvolle Reklamesendungen einen breiten Raum ein, und zum anderen Mal sind hochwertige Darbietungen mit vielen Künstlern, Orchestern und Ballett sehr teuer und daher nur vereinzelt zu finden. (Siehe die Verhältnisse in England im ersten Teil dieser Arbeit, FUNKTECHNIK, Bd. 4 [1949], H. 5, S. 131.)

Man füllt die Sendeistunden vorwiegend mit Sport und aktuellen Darbietungen. Gerade die Sportübertragungen nehmen einen gewichtigen Platz ein, obgleich viele Veranstalter nur zögernd die Genehmigung hierzu geben, da sie einen Besucherrückgang fürchten. Neuerdings verpaßt die Fernsehkamera kein nationales Ereignis von Rang; so wurde die Vereidigung von Präsident Truman am 20. Januar 1949 von allen Fernsehstationen der Ostküste übernommen.

Aus den Studios überträgt man vorzugsweise kurze Szenen mit geringer Ausstattung, meist Werbesendungen, darunter die regelmäßigen Reihen „Missus goes a-shopping" mit Vorführung neuer Markenartikel, „To the Queen's Taste" (Kochvorführungen), ferner Modenschauen, Blicke in einen Autosalon usw.

Vereinzelt wagt man Sendungen aus Theatern und Konzertsälen. Die Übertragung des NBC-Symphonieorchesters unter der Leitung von Maestro Arturo Toscanini über den New-Yorker Fernsehsender WNBT am 20. März 1948 wurde allgemein beachtet. Anfang Dezember 1948 wurde erstmalig ein vollständiger Opernabend aus der Metropolitan-Opera in New York übertragen. Unter der Stabführung von Fritz Busch ging Verdis Oper „Othello" über die Bühne. Dieses Programm wurde von einer Öl-Gesellschaft „gespendet", deren Namen zu Beginn und zum Schluß auf dem Bildschirm erschien. Ein bekannter Kritiker hielt einen einleitenden Vortrag, und schließlich blendeten die Kameras auf und blickten in den sich langsam füllenden Zuschauerraum (siehe FUNK-TECHNIK Bd. 4 [1949], Heft 4, Seite 95).

Die 27 Programmstunden jeder Woche des NBC-Senders WNBT in New York sind gewöhnlich wie folgt aufgeteilt:

  • 7 Stunden Frauenprogramm
  • 7 Stunden Sportübertragungen
  • 3 1/2 Stunden Bunte Sendungen
  • 3 Stunden dramatische Aufführungen
  • 3 Stunden Kinderprogramme
  • 2 Stunden bildende Programme
  • 1 1/2 Stunden Rätselsendungen („Quiz") u. Round-table-Diskussionen.


Die Kinderstunden zählen zu den beliebtesten Darbietungen. Ihre Sendereihen „Kukia und Ollie" - die Abenteuer eines Drachens und eines kleinen Jungen- von WBKB Chicago und die Stunde „Howdie Doodie" der NBC mit lebenden Trickzeichnungen, kurzen Wild-West-Filmen usw. haben sich bereits einen festen Platz erobert.

Film kontra Fernsehen (in den USA 1949 !!)

Ein besonderes Kapitel ist dem kritischen Verhältnis Film-Fernsehen zu widmen. Die Filmindustrie hat alle Ursache, die weitere Entwicklung des Fernsehens sorgfältig zu beobachten, will sie nicht eines Tages vor einer übermächtigen Konkurrenz stehen, die ihre Bedingungen diktiert - es darf nicht vergessen werden, daß das Ziel der Fernsehleute darin besteht, alle Amerikaner zu Fernsehteilnehmern zu machen. Wie es dann um den Besuch der Lichtspieltheater bestellt sein wird, kann leicht errechnet werden. Andererseits ist der Fernseh-Programmbetrieb auf Filme angewiesen, denn nur „live"-Sendungen aus den Studios zu übertragen, ist finanziell ebenfalls nicht tragbar. Wenn das Fernsehen in vollem Schwung ist, wenn also rd. 500 Sender täglich 4 bis 6 Stunden arbeiten, dann wird eine Filmmenge benötigt, die die heutige Produktion mehrfach übersteigt - und zwar Filme, die den besonderen Bedingungen des Fernsehens angepaßt sind: mehr Großaufnahmen, kürzere Szenenfolgen, langsamere Überblendungen usw.

Wer soll diese Filme herstellen? Die NBC produziert bereits eigene Streifen, und die „Telenews" - eine seit 1947 arbeitende Filmgesellschaft - liefert ihre Fernsehwochenschauen so rasch, daß sie der Fernsehteilnehmer mehrere Tage früher als in seinem Stammkino sieht. Die ABC (American Broadcasting Corp.), eine der großen Rundfunk- und Fernsehgesellschaften, erwarb kürzlich in Hollywood von Warner Brothers ein Gelände von 30 Morgen, auf dem sie neben Fernseh- auch Filmstudios einrichten wird.

Daneben schießen die Gesellschaften für die Herstellung von Fernsehfilmen aus dem Boden - die meisten verschwinden ebenso schnell wieder, denn der Kapitalbedarf ist groß und die vorhandene Erfahrung meist gering. - Hollywood ist in Sorge und denkt mit Beklemmung an jene schreckliche Zeit zurück, als der Tonfilm seine Grundlagen erschütterte, als berühmte Stars über Nacht verschwanden und weltbekannte Hersteller Konkurs anmeldeten. Es ist daher verständlich, wenn man u. a. durch die verstärkte Produktion von Farbfilmen eine solide Konkurrenz schaffen will, denn Farbenfernsehen wird es in den nächsten fünf Jahren laut Beschluß der FCC nicht geben!

Andererseits steigt man in das Fernsehen ein. Die Paramount betreibt gegenwärtig die Fernsehstation KTLA in Los Angeles, ihre zweite Station ist im Bau. Der weiteren Entwicklung des Fernsehfilms nimmt sich vornehmlich die „Akademie für Fernsehfilm- und -Wissenschaft" an, die unter Leitung von Charles B. Brown steht.

Manche Filmtheaterbesitzer denken daran, sich die neuen Großprojektionsanlagen der RCA zu beschaffen und in ihren Lichtspielhäusern einzubauen. Die inzwischen entwickelten Geräte werfen Bilder bis zu 6 x 6m bei eben ausreichender Helligkeit, ohne daß aber die Wiedergabe völlig befriedigen kann. Inzwischen nehmen die Erörterungen über die Frage ihren Fortgang, ob die Besitzer von Lichtspieltheatern berechtigt sind, Darbietungen der örtlichen Fernsehsender ohne weiteres in ihren Häusern vorzuführen.

Fernsehen im Filmstudio

Es sei in diesem Zusammenhang kurz angedeutet, daß die Fernsehtechnik im Begriff ist, die heutige Filmaufnahmetechnik weitgehend zu befruchten und möglicherweise umzugestalten. Anläßlich des Pariser Fernsehkongresses (Oktober 1948) wurde sehr eingehend die Möglichkeit behandelt, Fernsehkameras in den Filmateliers einzusetzen. Man denkt etwa daran, die zu filmenden Szenen mittels Fernsehkamera aufzunehmen und erst dann über entsprechende Wiedergabeapparaturen auf den lichtempfindlichen Film zu bannen.

Das Verfahren mag widersinnig erscheinen, besitzt aber zwei außerordentliche Vorzüge, sobald einmal die technischen Voraussetzungen gegeben sind. Die Lichtempfindlichkeit moderner Fernsehkameras übertrifft die beste Filmaufnahmekamera um ein Vielfaches, so daß die sehr hohen Beleuchtungsstärken in den Ateliers zur Freude der Darsteller - und zur Schonung der Geldbeutel der Unternehmer stark herabgesetzt werden könnten.

Zweitens aber kann die jeweilige Szene durch Projektion auf einen Bildschirm einem größeren Kreis von Verantwortlichen sichtbar gemacht werden, und zwar jeweils genau der Bildausschnitt, der auf dem Film festgehalten wird und der bisher nur dem Kameramann sichtbar war. Alle mit diesen Entwicklungen zusammenhängenden Probleme werden gegenwärtig in Frankreich und in den USA zugleich behandelt. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, daß sich die beiden anscheinend feindlichen Brüder Film und Fernsehen auf diesem Gebiet vereinigen. Es müssen hochzeilige Bilder verwendet werden; man glaubt mit 1000 Zeilen pro Bild auskommen zu können. Die Frage der Bandbreite ist nicht kritisch, da es sich grundsätzlich nur um „Kurzschlußbetrieb" innerhalb des Ateliers über Hochfrequenzkabel und auf kürzeste Strecken handelt.

Verbindungslinien zwischen den Fernsehsendern

Die amerikanischen Fernsehsender müssen versuchen, in naher Zukunft zu wirtschaftlicher Betriebsweise zu gelangen. Es ist auf die Dauer nicht angängig, daß ein monatlicher Verlust von 25.000,- Dollar als normal angesehen wird, ein Verlust, der in erster Linie auf die äußerst hohen Programmkosten zurückzuführen ist. Man darf daher annehmen, daß sich die gegenwärtige Entwicklung hinsichtlich Lieferung von Programmen aus einigen wenigen, wirtschaftlich arbeitenden Programmzentralen fortsetzen wird mit dem Ziel, jeder Großstadt höchstens sieben verschiedene Programme zu bieten, entsprechend der Höchstzahl der Sender je Großstadt.

Folgerichtig durchgeführt und unter der Voraussetzung, daß genügend Übertragungskanäle vorhanden sind, würden sieben große Studios innerhalb der USA allen Ansprüchen genügen. Noch ist es längst nicht so weit. Zu Beginn des Jahres 1949 konnten einige Sender der Ostküste, wenige im mittleren Westen und noch weniger an der Westküste untereinander verbunden werden und Programme austauschen, so daß es bis zur Erstellung von „TV-Networks" noch gute Weile haben wird. Es stehen grundsätzlich zwei Übertragungssysteme zur Verfügung: Breitband-Kabel (coaxial-cable) und Mikrowellen-Richtstrahler („microwave relay Systems").

Breitbandkabel der ATT verbinden seit dem 12. Januar 1949 die Sender der Ostküste mit der

A. Breitband-Kabel

Bereits lange vor dem Kriege begannen die großen amerikanischen Telefongesellschaften mit der Verlegung von Breitbandkabeln zwischen den Bevölkerungszentren, da nur mit ihrer Hilfe die Sprechkanäle für den sich ständig steigernden Telefonverkehr geschaffen werden konnten. Die bedeutendste Gesellschaft ist die American Telephone and Telegraph Company (ATT). Sie betreibt bzw. verlegt Kabelstrecken, die von Miami (Florida) bis San Franzisco und von New York über Chicago bis St. Louis führen. Allerdings können die meisten dieser Kabel noch nicht für Fernsehzwecke benutzt werden, da ihre Verstärker nur für Fernsprechzwecke zugeschnitten sind.

Zur einwandfreien Übertragung des Bildinhaltes müssen alle 10 bis 12km Spezial Verstärker eingeschaltet werden. Die meisten der vorhandenen Breitbandkabel erlauben nur die Übertragung einer Bandbreite von 2,7 MHz, während laut amerikanischer Norm die höchste Modulationsfrequenz des Bildes 4 MHz beträgt. Schickt man also die Bildmodulation über diese Kabel, so stellt sich eine gewisse Verschlechterung der Bildgüte ein, die durch technische Mittel im Sender nur unvollkommen ausgeglichen werden kann. - Das Neuverlegen von Breitbandkabeln mit Spezial-Fernsehverstärkern ist sehr teuer, man muß pro Kilometer einschließlich aller Verlegungskosten etwa 30.000,- Dollar aufwenden.

Es ist nicht bekannt, welche Vorbereitungen seitens der ATT getroffen werden, um das Netz der Breitbandkabel evtl. auch für Farbenfernsehen brauchbar zu machen, dessen höchste zu übertragende Modulationsfrequenz etwa 10 MHz betragen dürfte. Inzwischen geht der beschleunigte Ausbau des Kabelnetzes weiter, und man hofft eine Verbindung von Küste zu Küste im Jahre 1950 (nach anderen Meldungen nicht vor 1952) fertig zu haben, so daß der Programmaustausch zwischen Hollywood und New-York Wirklichkeit werden kann.

B. Mikrowellen-Richtstrahl-Verbindungen

Verbindungen zwischen den Sendern mit Hilfe von Mikrowellen-Relaissendern scheinen gegenwärtig das günstigste System zu sein. Sie erfordern je nach Geländebeschaffenheit Relaissender in Abständen von 30 bis 50km und können sehr viel billiger als Breitbandkabel erstellt werden. Außerdem können diese Linien Bandbreiten von 4... 6MHz ohne Schwierigkeiten übertragen, aber auch Bandbreiten von 12 ... 20MHz wrden keine unüberwindlichen Hindernisse darstellen. Gegenwärtig arbeiten folgende Linien:

  • NewYork - Boston (Mass.)« Eigentümer ist das Long Line Department der ATT. Man arbeitet nach dem Beil-System. (Eine genaue Beschreibung dieser Anlage erschien in der FUNKTECHNIK Bd. 4 [1949], H. 5, S. 127/129.)
  • New York-Schenectady (N.Y.) Verbindung zwischen dem Programmzentrum der NBC in Radio City, New York und dem Fernsehsender WRGB der General Electric in Schenectady. Diese Linie schickt nur das Bildsignal über drei Relaissender auf 2.000MHz, während der Ton über Kabel läuft.
  • New York-Philadelphia-Baltimore-Washington DC. Dieses Relaissystem wird gemeinsam von der NBC und Philco betrieben. Die Endstellen in New York sind das Empire State Building und Radio City. Die Linie zwischen New York und Philadelphia wird auf 1370 und 1410MHz, die restliche Strecke auf 6900 und 7000MHz abgewickelt. Als Senderöhren werden Klystrons der Type 2K38 benutzt.
  • Das sog. Dreieck New York - Washington - Pittsburgh - NewYork. Es wurde von der Radio Corporation of America entwickelt und untersteht der Western Union Tel. Co. Insgesamt sind 20 Relaisstationen in Betrieb, und es ist möglich, gleichzeitig zwei Fernseh- oder 270 Quadruplex-Fernsprechkanäle zu betreiben. Die Verlängerung über Pittsburgh hinaus nach Chicago ist vorgesehen.
  • New York - Boston (Mass.), die zweite Linie auf dieser Strecke wird von der Raytheon Mfg. Co. versuchsweise unterhalten.
  • Chicago - Milwaukee. Versuchslinie der Illinois Bell Tel. Co. und dem Long Line Dep. der ATT. Für diese Versuche sind 500.000 Dollar bereitgestellt worden.
  • Hollywood - Mt.Wilson. Einer der Fernsehsender für Los Angeles befindet sich auf dem Gipfel des Mt. Wilson. Er bekommt seine Bildmodulation aus den Studios in Hollywood über Mikrowellen-Richtstrahlverbindung ohne Relaisstationen zugeführt, während der Ton über Kabel läuft.

Kosten der Linien und Radiorelais

Im März 1948 veröffentlichte die ATT eine neue Gebührentabelle für das Mieten von Verbindungslinien für Fernsehsendungen, gleichgültig, ob es sich dabei um Breitbandkabel oder Radiorelais handelt;

  • 35 Dollar pro Monat und Meile (Luftlinie). Die Verbindung steht täglich acht Stunden zur Verfügung; jede weitere Stunde kostet pro Meile 2 Dollar.
  • 500 Dollar pro Monat und Station für den Anschluß an das Leitungsnetz.


Hiernach kostet beispielsweise eine Verbindung zwischen San Francisco und Los Angeles (ungefähre Luftlinie 353 Meilen) 13.355 Dollar pro Monat.

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