Sie sind hier : Startseite →  Fernseh-Historie→  Fernseh-Historie aus Zeitschriften→  Fernsehen 1949 (März)

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 5/1949

VON KARL TETZNER

FERNSEHEN März 1949
I. Europa

Im Gegensatz zu den USA sind die europäischen Staaten auf Grund ihrer nationalen und kulturellen Differenziertheit im Streben nach Vereinheitlichung des Fernsehens und gemeinsamer Entwicklungsarbeit sehr gehemmt. Wir stehen daher vor der Tatsache, daß jedes europäische Land, das die Fernsehentwicklung pflegt, eine eigene Übertragungsnorm (s. FUNK-TECHNIK 1949, Heft 4, S. 95) entwickelt hat und diese nicht nur verteidigt, sondern auch zu exportieren versucht.

Die Zeilenzahl ist nicht entscheidend !

Es hat sich überall eingebürgert, die Güte eines Fernsehsystems bzw., genauer gesagt, die Qualität seiner Bildwiedergabe, nach der Anzahl der Zeilen pro Bild zu beurteilen. Man pflegt also zu sagen, daß ein Fernsehbild mit 625 Zeilen notwendigerweise schärfere und damit „bessere" Bilder als ein System mit nur 405 Zeilen liefern muß.

Das ist nur bedingt richtig. Die Anzahl der Zeilen sagt lediglich etwas über die Bildschärfe (Bildauflösung) in vertikaler Richtung aus und noch nichts über die Auflösung längs der Zeile, in horizontaler Richtung. Beide zusammen erst ergeben einen Maßstab für die Gesamtschärfe des Bildes und sind verantwortlich für die hochfrequente Bandbreite, die ein Fernsehsystem bei seiner Übertragung per Kabel oder auf drahtlosem Wege erfordert.

Dagegen ist die Zeilenzahl maßgebend dafür, ob "der" Bildraster den Fernsehteilnehmer stört oder nicht. Man ist in den meisten Ländern zu der Auffassung gelangt, daß der Abstand zwischen Beschauer und Fernseh-Bildschirm das Vier- bis Sechsfache der Bildhöhe betragen soll. Hält man diese Bedingung ein, dann reichen 405 Zeilen gerade aus.

Hinsichtlich der Flimmerfreiheit hat die Einführung des Zeilensprungverfahrens alle billigerweise zu stellenden Ansprüche erfüllt, so daß man in Europa
einheitlich 50 Teilbilder pro Sekunde jeweils mit der halben Zeilenzahl überträgt.

Das eben Gesagte könnte zu dem Schluß verleiten, daß es leicht sein muß, eine gemeinsame europäische Norm zu entwickeln, deren Vorteil sich beim Programmaustausch von Land zu Land und beim Verkauf von Fernsehgeräten innerhalb unseres Kontinents erweisen würde. Leider trifft auf diesem Gebiet eine Reihe historischer, ökonomischer und physiologischer Faktoren zusammen, die zu großen Unterschieden in der Auffassung führen.

In Frankreich

Aus der Fülle der Differenzen sei nur auf folgendes verwiesen: In Frankreich gilt ein Fernsehbild erst dann als vollkommen, wenn seine Zellenstruktur auch beim Betrachten von Einzelheiten in anomal geringer Entfernung nicht mehr sichtbar ist. Ergebnis: Übergang zum 819-Zeilenbild nach De Franc und Erörterungen um das 1000-Zeilen-bild nach R. Barthelemy.

In England

In England ist man geneigt, den obengenannten Mindestabstand vom Fernseh-Bildschirm einzuhalten und weist der Fernsehregie im Sender die Aufgabe zu, besonders interessierende Details durch Großaufnahme herauszustellen. Ergebnis: das 405-Zeilenbild nach dem System Marconi-EMI wird nicht zuletzt infolge seiner ausreichenden horizontalen Auflösung als befriedigend empfunden.

Die hochfrequente Bandbreite als wichtigster Faktor

Die elektronischen Aufnahmegeräte und Wiedergabeeinrichtungen erlauben heute, die Zeilenzahl bis etwa 1000 pro Bild zu steigern, und unsere oben gegebene Darstellung dürfte erkennen lassen, daß eine Erhöhung der Zeilenzahl manche Vorteile mit sich bringt, besonders dann, wenn man die horizontale Bildauflösung im gleichen Verhältnis steigern könnte. Leider setzt die gleichzeitig rapide aufwachsende hochfrequente Bandbreite dieser Bemühung rasch ein Ende, und die Wahl der „richtigen" Norm ist schließlich das Ergebnis eines wohl zu überlegenden Kompromisses, über den man natürlich recht geteilter Meinung sein kann.

Tabelle: (da ist ein Fehler drinnen)

        Frankreich            Deutschland        
    England    alt    neu    Holland    alt (bis 1943)    neu NWDR Hamburg    U.S.A.
    405    450    819    567    441    625    525
Bildzahl pro Sekunde .... (Zeilensprungverfahren)    25    25    25    25    25    25    30
HöehsteModulationsfrequenz    2,75 MHz    3,88 MHz    10 MHz    4 MHz    2,92 MHz    6 MHz    4 MHz 1
Seitenverhältnis des Bildes .    4 :3    6 : 4    4: 3    6:5    6:5    6:5    4:3
Polarität der Bildmodulation    positiv    positiv    positiv    negativ    negativ    negativ    negativ
Modulation des Tonsenders .    AM    AM    AM    AM/FM    AM    FM    FM

Wie sich die Verhältnisse einstellen, soll Nachstehendes zeigen:

a) Vergrößerung der Bandbreite durch Erhöhung der Zeilenzahl ohne Veränderung der Schärfe quer zum Bild:

Als Beispiel diene die englische Norm mit 405 Zeilen, die bei der übertragenen Bildpunktzahl eine höchste Modulationsfrequenz für das Bildsignal von 2,7 Megahertz (genau 2,735 MHz) ergibt. Vergrößern wir die Zeilenzahl auf 525 ohne gleichzeitige Verbesserung der Schärfe längs der Zeilen, so erhöht sich die HF-Bandbreite auf

525
----- * 2,7 - ca. 3,5 MHz
405

b) do., jedoch Verbesserung der Querschärfe im gleichen Verhältnis:

Es dürfte einleuchten, daß die Erhöhung der Zeilenzahl eines Bildes ohne gleichzeitige Vergrößerung der Zahl der Bildpunkte einer Zeile nur einen Teilerfolg für den Bildeindruck bringt. Versucht man aber die maximale Verbesserung, beispielsweise durch Verdopplung der Zeilenzahl (von 405 auf 811) unter gleichzeitiger Verdopplung der Bildpunkte pro Zeile zu erreichen, so vergrößert sich die erforderliche Bandbreite für die Übertragung des Bildinhalts um den Faktor 22 und erreicht den Wert von 10,8 MHz.

Bei der drahtlosen Übertragung mit nur einem Seitenband erhöht sich dieser Wert nochmals um 1 MHz, während bei Aussendung mit beiden Seitenbändern das Doppelte (etwa 22 MHz) zu übertragen ist!

Die Bandbreite

Die Bandbreite ist in Wahrheit der beherrschende Faktor, der bei allen Überlegungen hinsichtlich Qualität und Wirtschaftlichkeit eines Systems an erster Stelle stehen muß.

Etwas überspitzt darf man formulieren: nachdem die Bandbreite festgelegt ist, bleibt der Technik die sekundäre Aufgabe überlassen, Zeilenzahl, Seitenverhältnisse des Bildes, Synchronisierimpulse usw. zu bestimmen (soweit diese Einzelheiten nicht längst historisch bedingt sind).

Es wird nunmehr klar geworden sein, warum a) das Bild mit weniger Zeilen nicht unbedingt das schlechtere sein muß, b) warum man die Zahl der Zeilen nicht willkürlich erhöhen kann.

Als überblick soll die Tabelle auf S. 130 die gegenwärtig in Europa und den USA verwendeten Normen wiedergeben.

Die Bandbreite und die Herstellungskosten

Wenn wir vom Einfluß der gesteigerten HF-Bandbreite auf den Sender absehen wollen (z.B. Zwang zum Übergang auf höhere Trägerfrequenz), so wirkt sich die Bandbreite vorzugsweise auf die Herstellungskosten der Empfänger aus und auf die Möglichkeit, Fernsehprogramme über vorhandene Verbindungslinien innerhalb unseres Kontinents auszusenden.

A) Empfänger:

Moderne Fernsehempfänger besitzen im Bildteil meist fünf Verstärkerstufen und erzielen eine Gesamtverstärkung von 90db. Jede Stufe liefert also im Durchschnitt 18db. Diese Angaben gelten für die englische Norm mit 405 Zeilen (= 2,7MHz Bandbreite). Erhöht man beispielsweise die Bandbreite auf 525 Zeilen bei entsprechender Verbesserung der horizontalen Schärfe des Bildes, so sinkt die Verstärkung pro Stufe infolge der größeren Bandbreite auf 13,5db. Will man den alten Wert von 90db für Verstärkung über alles wieder erreichen, so muß die Zahl der Stufen auf sieben erhöht werden.

Weitere Schwierigkeiten bei der Vergrößerung der Zeilenzahl ergeben sich auf Grund der heute gebräuchlichen Methode, die Hochspannung für die Bildröhre durch die Rücklaufspannung in der Zeilen-Ablenkspule der Bildröhre zu gewinnen.

Alle diese Schwierigkeiten sind konstruktiv zu überwinden, verlangen aber erhöhten Aufwand und somit höhere Herstellungskosten.

B) Übertragungslinien:

Zur Übertragung der Bildsignale vom Fernsehstudio zum Sender werden heute meist Breitbandkabel verschiedener Konstruktion benutzt. Solange die Entfernung nur wenige Kilometer beträgt, ist das Verlegen solcher Kabel kein besonderes finanzielles Problem. Denkt man jedoch an das Ziel der europäischen Fernsehentwicklung, d. h. an die Verbindung aller europäischen Fernsehsender zu Zwecken des ungehinderten Programmaustausches, so wachsen die Kosten rapide an.

Mit Eigenkabel ist eine Rentabilität völlig ausgeschlossen, so daß die Fernsehprogramme höchstens über die bereits verlegten bzw. geplanten westeuropäischen Breitbandkabel für Telefonzwecke geleitet werden können.

Entsprechende Kabel sollen in zwei Klassen ausgelegt werden:
a) für 2,788 MHz und
b) für 4,028 MHz Bandbreite.

Einige Kabel der Kategorie a) liegen bereits zwischen Paris—Cannes bzw. Lyon und Paris—Basel.

Wiederum erkennt man, daß die höchste Modulationsfrequenz für den Bildinhalt nicht zu hoch getrieben werden darf, damit vorhandene, bzw. zu erwartende Kabellinien benutzt werden können. Anderenfalls bleibt nichts weiter übrig, als Mikrowellen-Richtstrahlverbindungen aufzubauen, bei denen die zu übertragende Bandbreite keine besondere Rolle spielt.

C) Farbenfernsehen:

Ohne Zweifel wird die Entwicklung dem Fernsehen in natürlichen Farben zustreben. Soweit man es heute bereits überblicken kann, dürfte die beste Methode darin liegen, das farbige Fernsehbild durch drei gleichzeitig übertragene monochromatische Bilder (rot-grün-blau) zusammenzusetzen. Hierzu wird eine ungefähr dreifache Bandbreite gegenüber einem gleichwertigen Schwarz-Weiß-Bild erforderlich sein. Sofern man sich nicht heute auf eine allzu hohe Bandbreite festlegt, ergibt sich die Möglichkeit, späterhin das Farbenfernsehen mit der gleichen Zeilenzahl durchzuführen. In diesem Fall kann der Besitzer eines Fernsehempfängers für Schwarz-Weiß-Bilder ihn auch nach der Einführung des Farbenfernsehens benutzen, indem er lediglich eines der drei ausgestrahlten Signale empfängt und als schwarz-weißes Bild wiedergibt (Vorschlag der RCA). Auf jeden Fall aber wird die Gesamtbandbreite dreimal so hoch wie heute sein.

Sorgfalt ist gefragt

Die vorstehenden Ausführungen lassen erkennen, wie sorgfältig beim Aufbau eines neuen Fernsehsystems alle Faktoren zu berücksichtigen sind.

Das englische Beispiel

Andererseits, bilden historische Überlieferungen („historisch" ist natürlich nur im Sinne der recht kurzen Geschichte des Fernsehens zu verstehen) erhebliche Hypotheken, wie das englische Beispiel lehrt. Als man in London den Fernsehbetrieb 1946 nach siebenjähriger, durch den Krieg verursachter Unterbrechung wieder aufnahm, geschah es senderseitig mit jenen Geräten, die man 1939 "bombensicher" verpackt hatte. Man hielt also am 405-Zeilenbild fest und verbesserte es durch das Einführen empfindlicherer und genauer zeichnender Bildkameras, sowie durch Umkonstruktion der Verstärker- und Sendereanrichtungen gegenüber 1939 hinsichtlich Bildschärfe und Kontrastwirkung.

Inzwischen (Frühjahr 1949) haben sich nun mehr als 70.000 Londoner entschlossen, einen Fernsehempfänger zu kaufen, der für die genannte Übertragungsnorm konstruiert wurde. Der englische Fernsehdienst ist jetzt in der etwas unangenehmen Lage, beweisen zu müssen, daß sein Bild mit nur 405 Zeilen doch das beste ist und von keinem System in der Welt übertroffen wird.

Ein Wechsel zum höherzeiligen Bild würde umfangreiche Umbauten an allen verkauften Geräten verlangen, deshalb wird England nun die nächsten fünf Jahre an seinem System festhalten, wie der Generalpostmeister kürzlich bekanntgab, obgleich die Technik inzwischen bewiesen hat, daß unter Berücksichtigung aller obengenannten Faktoren hinsichtlich Bandbreite und Zeilenzahl der richtige Kompromiß beim Bild mit etwa 567... 625 Zeilen liegen dürfte.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2007 / 2017 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.