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aus der FUNK-TECHNIK Nr. 09/1949 (1. Mai Heft)
Das Editorial

Nr. 09/1949 - 4. JAHRGANG vom freien Redakteur Karl Tetzner

Rundfunkwirtschaft im Fegefeuer

Die westdeutsche Radiowirtschaft durchschreitet gegenwärtig ein tiefes und - anscheinend - langes Tal. In der zweiten Dezemberhälfte setzte das plötzliche und scharfe Absinken der bis dahin guten Umsätze ein. Diese Depression hat sich laufend verstärkt. Anfangs war man lediglich beunruhigt, aber inzwischen ist allen der Ernst der Lage klargeworden und man versucht mit allen Mitteln die Krise zu überwinden.

Vielfältige Gründe

Beginnen wir mit jenen Gründen, die von den Optimisten der Branche angeführt werden. Voran steht der vielgeschmähte Kopenhagener Wellenplan, genauer gesagt das, was eilfertige Tagesschreiber daraus machten, nämlich eine journalistische Sensation, gemischt aus Empörung, Selbstbemitleidung und Pessimismus, und garniert mit der falschen Politik einiger Sendegesellschaften.

Wie bereits in diesen Spalten mehrfach ausgeführt wurde, waren einflußreiche Tageszeitungen und einige aktive Programmzeitschriften überfüttert mit Berichten unter großen Schlagzeilen über die „erschröcklichen" Auswirkungen des Kopenhagener Planes. Der Tenor der Artikel: siehe oben. Des Publikums bemächtigte sich eine anfangs leichte, später aber recht merkliche Nervosität, denn für den Zeitungsleser galt es als feststehend, daß die kommende Wellenverteilung für Deutschland außerordentliche Nachteile mit sich bringen und daher die Einführung eines Sendeverfahrens erzwingen wird, von dem man zwar nichts verstand, das aber immerhin auf ganz anderen Wellen arbeiten und deshalb nur mit ganz neuartigen Geräten aufzunehmen sein würde.

Wer wird sich also noch einen neuen Rundfunkempfänger kaufen, der mit „Sicherheit" binnen Jahresfrist keinen Pfennig mehr wert ist? Geschickte und - sagen wir es milde - übereifrige Werbung für das UKW-Sendeverfahren von bestimmter Seite und mangelnde positive Aufklärungsarbeit halfen den Pessimismus steigern.

Wenn erst mal der Absatz stockt, knirscht es im Getriebe . .

Als nun der Geräteabsatz beim Handel und kurz darauf auch bei der Industrie zu stocken begann, war eine weitere Erklärung der Optimisten rasch zur Hand. Diesmal mußte der „Saisoneinfluß" herhalten, und man erinnerte sich freudig erregt, daß beispielsweise vor dem Krieg in einigen Jahren nur 20% des Jahresumsatzes in den Monaten Januar bis Juni und die restlichen 80% in den Monaten Juli bis Dezember getätigt wurden. Zwei Monate vorher sprach man allerdings noch von einem Sofortbedarf allein in den Westzonen von einer bis eineinhalb Millionen Empfängern.

Ungünstig war ferner der Einfluß der ungeregelten Preissenkungen. Anfang Januar durchlief eine Welle sensationeller Meldungen über Preisstürze auf allen Gebieten die westdeutsche Tagespresse — Meldungen, die, soweit sie den Rundfunksektor betrafen, in keinem Fall stichhaltig waren. Meistens stellte es sich heraus, daß Gerätefabriken, die gleichzeitig in Berlin und im Westen bauten, lediglich eine Vereinheitlichung beider Preise vorgenommen hatten, d. h. eine Herabsetzung der Westpreise um die bisher aufgeschlagenen Lufttransportkosten. Im Dezember erschienen außerdem die ersten wirklich billigen Dreiröhren- Vierkreis- Superhets auf dem Markt und wurden trotz der noch nicht voll angelaufenen Produktion propagandistisch herausgestellt.

Wir sind noch nicht am Ende. Im Januar alarmierten einige Zeitungen die Öffentlichkeit mit der Nachricht von der möglichen Einfuhr der inzwischen schon fast legendär gewordenen „Amerikanischen Kleinsuper zu DM 56,—". Die einsetzende Gegenaktion der westdeutschen Radioindustrie und die Bearbeitung der Presse durch an der Einfuhr interessierte Kreise schufen neue Quellen der Beunruhigung.

Und wenn es dann auch noch bei der sowieso schon mageren Liquidität der Konsumenten hapert . . .

Diese eben aufgezählten, vielfältigen Gründe hätten für sich allein schon genügt, dem normalen Verkaufsgeschäft einen fühlbaren Schlag zu versetzen. Leider aber traten weitere, sehr ernst zu nehmende Einflüsse hinzu. Tieferblickende Beobachter erkannten bereits Ende November vergangenen Jahres eine erhebliche Abnahme der Geldflüssigkeit. Die Kopfquoten und die Beträge aus den Umstellungskonten waren inzwischen restlos als zusätzliche Kaufkraft in Erscheinung getreten; die Erstausstattungen der öffentlichen Hand und die Dotationen von Reichsbahn, Deutscher Post usw. waren ebenfalls verbraucht, d. h. umgesetzt worden, so daß die gesamte Wirtschaft nur noch vom normalen Arbeitseinkommen zu leben hatte. Die schärfere Steuererfassung saugte weitere große Summen ab, die schließlich in Guthaben der öffentlichen Hand in Höhe von 2 bis 3 Milliarden DM bei den Kreditinstituten ihren Niederschlag fanden und somit dem Geldumlauf entzogen waren.

Die allgemeine Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, die in den Monaten nach der Währungsreform überraschend hoch gewesen war, nahm reißend ab. Auf diese Weise wurde die inflationäre Entwicklung abgestoppt und die Krediteinschränkung der Bank der Deutschen Länder tat ein übriges. Der kleine Mann (auch neuerdings „SM der Kunde" genannt) spürte diese neue Entwicklung natürlich ebenfalls; das Geld wurde knapper als bisher, und er mußte sich bei den hohen Lebenshaltungskosten im Westen immer stärker einschränken. Mehr als 40% des Einkommens werden gegenwärtig für Ernährung ausgegeben, und eine Statistik der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft berechnet die Ausgaben für Neuanschaffungen einer normal verdienenden Angestelltenfamilie mit nicht mehr als 7% des Gesamteinkommens. Der Erwerb eines Rundfunkgerätes für DM 200,— bis 500,— stellt daher ein wohl zu überlegendes Ereignis dar, zumal das Teilzahlungsgeschäft noch längst nicht wieder vorkriegsmäßig angelaufen ist.

Nachwehen der relativen Geldfülle nach der Währungsreform

Es war einfach nicht an der Tatsache vorbeizukommen, daß das Mißverhältnis sich auszuwirken begann, das zwischen den seit 1939 um höchstens 12 ... 15% gestiegenen Einkommen der Lohn- und Gehaltsempfänger und den Preisen für Rundfunkgeräte, die bei 180 ... 200% der letzten Vorkriegspreise lagen, bestand. Zusammen mit den oben geschilderten, psychologisch vielfach ungünstig wirkenden Faktoren ist die außerordentliche Geldknappheit nach der relativen Geldfülle der Monate Juli bis November 1948 eine einleuchtende Erklärung der gegenwärtig ernsten Lage der westdeutschen Radiowirtschaft.

Leider ist diese nicht allein betroffen, sondern die meisten anderen Branchen leiden im gleichen Maße, so daß Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und erste Zusammenbrüche die Wirtschaft beunruhigen. Da niemand über wirkliche Reserven verfügt, gestaltet sich das Bild nur noch negativer und verhindert, in vielen Fällen, daß Entschlüsse mit der nötigen Ruhe und Überlegung getroffen werden können.

Reaktion des Handels

Der Radio-Einzelhandel, besonders die großen Fachgeschäfte, haben aus der günstigen Umsatzentwicklung zwischen Währungsreform und Dezembermitte erheblichen Nutzen gezogen. Dank der Geldflüssigkeit gelang es, den größten Teil aller Verkäufe gegen bar abzuwickeln und ebenso einzukaufen. Das Reparaturgeschäft erholte sich nach einer verständlichen Flaute im Juli 1948 ebenfalls wieder und versprach gut eingerichteten und entsprechend geleiteten Werkstätten ausreichende Verdienste, zumal die Beschaffung von Röhren und bisher knapper Einzelteile zusehends einfacher wurde. Natürlich mußten die Reparaturrechnungen schärfer als in der R-Mark-Zeit kalkuliert werden, dafür gingen die Einkaufspreise für Material ebenfalls zurück, während die Qualität der Teile ständig zunahm.

Die als zu niedrig empfundenen Rabatte für Geräte und lose Röhren fanden einen gewissen Ausgleich durch größere Umsätze, bedingt durch die gegenüber der Vorkriegszeit höheren Preise. Viele Fachgeschäfte erfreuten sich einer zufriedenstellenden Liquidität und waren in der Lage, im beschränkten Umfang eigene Teilzahlungsverträge zu finanzieren. Die Verbreiterung der Grundlage durch die Aufnahme von Elektroartikeln und Beleuchtungskörpern wirkte sich bei vielen Fachgeschäften außerordentlich umsatzsteigernd aus. Es war daher fast allen Geschäften möglich, große Summen an den Ausbau der Ladenlokale zu wenden.

Viele Radiogeschäfte unterkapitalisiert . . .

Unter diesen Verhältnissen ist es verständlich, daß kaum eins der Radiogeschäfte eine nennenswerte Kapitalreserve ansammelte - ein Vorhaben, das allein schon aus steuerlichen Gründen fast unmöglich ist, da alle Reinverdienste zum größten Teil weggesteuert werden, soweit der Geschäftsinhaber steuerehrlich bleibt. Der scharfe Umsatzrückgang ab Januar, der im März die Verkäufe vielfach auf 30% der November-Umsätze absinken ließ, fand ein nur geringes Kapitalpolster vor und traf die Beteiligten naturgemäß hart.

Die ersten Liquiditätsschwierigkeiten zeichnen sich ab, und der fast schon vergessene Begriff des Ladenhüters nimmt wieder Formen an. Im Herbst vergangenen Jahres hatten viele Einzelhändler minderwertige Empfänger von Winkelfirmen gekauft, die gegenwärtig in keiner Weise eine Konkurrenz mit den sich qualitativ ständig verbessernden Typen der großen Fabriken aushalten. Man mußte das damals tun, weil zeitweilig eine ausgesprochene Knappheit an Geräten erster Marken bestand. Soweit nun diese minderwertigen Modelle noch am Lager sind, werden sie höchstens mit großen Verlusten abzustoßen sein.

Die Lage der Industrie . . .

Grundig Anzeige 1949

Die Lage in der Radioindustrie Westdeutschlands ist durch eine außerordentlich rasche Ausdehnung der Produktionsmöglich- keiten gekennzeichnet. Die Statistik der VfW wies vor der Währungsumstellung für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet im Monatsdurchschnitt selten mehr als 18.000 Empfänger aus.

Nach dem Stichtag stieg die Produktion schnell an und erreichte schließlich über 70.000 Geräte im Monat, verstärkt um jene 8000... 10.000 Empfänger, die über die Luftbrücke aus Berlin und aus der französischen Zone (SABA) kommen. Legen wir diese Menge für die Produktion eines ganzen Jahres zugrunde, so werden in den Westzonen zur Zeit ebenso viele Geräte angeboten wie im Jahre 1936 an Markenempfängern in ganz Deutschland verkauft wurden!

und der eigentliche Bedarf und die Wünsche . .

Diese Feststellung muß angesichts des Mißverhältnisses zwischen dem Einkommen breiter Schichten und den geforderten Preisen bedenklich stimmen, selbst unter Berücksichtigung des noch längst nicht gedeckten Bedarfes.

Man darf allerdings nicht in den Fehler verfallen, als Bedarf etwa die vielfältigen Kauf-Wünsche anzusehen. Auch vor dem Krieg konnten keineswegs alle Wünsche befriedigt werden, und so erscheint es wirklichkeitsnäher, als Bedarf nur jene Gütermenge zu bezeichnen, die seitens des Verbrauchers auch bezahlt werden kann.

Die aktuellen Preise sind zu hoch . . .

So gesehen, mündet eine Betrachtung über die Lage der Industrie unweigerlich in eine Analyse der heute geforderten Preise für Rundfunkgeräte und Röhren. Die hohen Erzeugerkosten, die den Endpreis bestimmen, haben ihre Ursache u.a. in sehr hohen Preisen für Einzelteile und in deren vielfach minderen Qualitäten, in der noch immer nicht wieder friedensmäßigen Arbeitsleistung der Belegschaft, in der hier und da noch mangelhaften Ausstattung der Fabriken mit Maschinen und Geräten, und schließlich in der Belastung des Werksausgangspreises durch die Wiederaufbaukosten.

Dieser letzte Punkt ist der Gegenstand heftiger Kritik gewesen, u. E. jedoch völlig unberechtigt. Es ist nicht einzusehen, in welcher Form die Radioindustrie dem Verlangen nach Produktionserweiterung nachkommen sollte, wenn ihr andererseits das Kapital als Folge des Krieges und der Währungsreform verlorengegangen ist und Bankkredite nur unzureichend zur Verfügung stehen.
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So kann die Produktion nicht funktionieren

Die Aufwendungen für Fabrikbauten usw. mußten daher zwangsläufig ihren Niederschlag im Preis finden, und zwar so lange, bis entweder das wirtschaftlich richtige Verfahren der langfristigen Finanzierung wieder möglich ist oder die Ausdehnung der Fertigungsbetriebe als beendet gelten kann. Maßgebende Kreise der Radioindustrie sind der Auffassung, daß die Kapazität der heutigen Fabriken völlig ausreicht, soweit es sich um Zusammenbaubetriebe handelt, von denen es, so meinen die gleichen Experten, zu viele in Westdeutschland gibt.

Dagegen wird ein weiterer Ausbau der Zuliefererbetriebe befürwortet und auf das amerikanische Beispiel verwiesen, wo selbst größte Montagefirmen den überwiegenden Teil der eingebauten Einzelteile von ganz wenigen, hochspezialisierten Unternehmen beziehen, die auf Grund ihrer Massenfertigung alle Rationalisierungsmaßnahmen anwenden und alle nur möglichen Preisvorteile bieten.

Aus der gegenwärtigen Krise lernen

Die innerdeutschen Preise für Rundfunkgeräte und für Röhren (und dies trotz der letzthin bekanntgegebenen Preissenkung, die sich bisher leider nur auf lose Röhren beschränkt) sind noch immer zu hoch. Es hat keinen Zweck, den Kopf in den Sand zu stecken. Die gegenwärtige Krise sollte alle Verantwortlichen darüber aufgeklärt haben, daß ohne eine wirklich fühlbare Senkung der Preise keine Umsatzausweitung, nicht einmal ein Wiedererreichen der bisherigen Ziffern möglich ist.

Zieht man in diesen Kreis der Betrachtungen außerdem die Exportaussichten bei einem Umrechnungskurs von 30 Dollarcents je D-Mark ein und der eventuellen Begegnung ausländischer Konkurrenz auf dem innerdeutschen Markt, so wird die Forderung nach Preissenkung noch dringender. Seitens unserer westdeutschen Radioindustrie muß alles getan werden, um wirtschaftlicher zu arbeiten. Ganz falsch wäre es etwa, die Auflageziffer zu senken, damit ein scheinbares Gleichgewicht mit dem stockenden Absatz hergestellt werden könnte.

Die Auslese unter den Betrieben wird nicht aufzuhalten sein . . .

Die vorstehenden Forderungen sind natürlich leicht gestellt, zugegeben. Die Produktionsbedingungen, unter denen z. B. die Berliner Radioindustrie arbeitet, sind keineswegs dazu angetan, den Ausgangspreis zu senken und im Westen trotz Luftbrücken-Transportkosten konkurrenzfähig zu sein. Trotzdem - es ist sicher, daß Preissenkung und kluge Finanzierung durch Teilzahlung schlechthin die entscheidende Frage für den Fortbestand dies Radiogeschäftes darstellen.

Wir glauben nicht, daß die Lage trotz mancher Schwierigkeiten ernsthaft gefährdet ist. Die westdeutsche Bevölkerung hat einen hohen - und echten - Bedarf an Rundfunkempfängern, so daß die Sicherung des Absatzes eine Frage der wirtschaftspolitischen Behandlung des Marktes ist. Vor allem ist eine Marktberuhigung als Nahziel zu fordern, eine Aufgabe, der sich die Pressestelle der Arbeitsgemeinschaft mit Zähigkeit widmet. Man versucht alarmierende Nachrichten über Einfuhren, UKW und wilde Preismanipulationen richtigzustellen.

Daneben bleiben die bereits genannten Forderungen nach zielbewußtem und einheitlichem Abbau der Preise und nach vernünftigen Finanzierungsmöglichkeiten bestehen. Darüber hinaus wird allerdings die längst fällige und durch die überraschende Geldfülle nach der Währungsreform nur aufgeschobene Auslese unter den Betrieben von Industrie und Handel nicht aufzuhalten sein. Der Bereinigungsprozeß ist erforderlich und daher trotz aller Härten für die Betroffenen für die Gesamtwirtschaft nützlich.
Karl Tetzner

248-FUNK-TECHNIK Nr. 9/1949

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