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Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 17/1949 (1. Sept. Heft)
Das Editorial

Nr. 17/1949 - 4. JAHRGANG

1949 - HF-Technik und HF-Forschung in Deutschland

Anmerkung: das Pseudonym W. R. S. schreibt:
In Diskussionen, Zeitschriftenmeldungen und Berichten hört bzw. liest man über Fragen der funktechnischen Entwicklung in Deutschland die gegensätzlichsten Ansichten. Behaupten die einen, daß die deutsche HF-Technik und -Forschung schon während der vergangenen zehn Jahre eine deutliche Unterlegenheit gezeigt habe, so schwören die anderen, daß alles in Deutschland „zuerst" dagewesen sei, und daß viele Fortschritte, die heute anderswo gemacht werden, auf der Grundlage erbeuteter deutscher Erfindungen und Geheimnisse be­ruhten. Aber sowohl das eine wie das andere erscheint übertrieben. Die Wahrheit liegt - wie immer - in der Mitte.

Anmerkung: Der Sprachgebrauch von erbeuteten Erfindungen oder Geheimnissen ist sehr unglücklich gewählt und und überhaupt nicht mehr angebracht. Inzwischen (Juni 1949) wissen alle, auch die auf ewig hartgesotteten Deutschen, daß Deutschland den Krieg zurecht verloren hatte und daß die Gewinner sich an den dinglichen Werten wie Fabriken und den geistigen / immateriellen Werten über den Begriff der Reparationen schadlos hielten und immer noch halten. Mehr über die Patentsituation steht hier in mehreren verschiedenen Artikeln.

Eine amerikanische Stimme sagt:

Eine amerikanische Stimme, die kürzlich über die Lage und Entwicklung der deutschen Funktechnik be­richtete, bestätigte diese Auffassung. Wir geben sie nachstehend im Auszug wieder:

Die in Deutschland für die Führung Verantwortlichen rechneten 1939 mit einer schnellen und kurzen (Anmerkung: kriegerischen) Auseinander­setzung. Deshalb wurde der wissenschaftlichen Forschung auf lange Sicht kein großer Wert zugemessen und für die technische Entwicklung längst nicht die Zahl von Arbeits­kräften bereitgestellt, wie etwa in den USA und Großbritannien.

Dort war man von der lebenswichtigen Bedeutung der Elektronik überzeugt und setzte frühzeitig viel Geld und Arbeitskraft für ihre Förderung ein. Dies führte im Laufe der Jahre zu einem unleugbaren Vorsprung, besonders auf dem Gebiet des Funkmeßwesens, während in Deutschland in der Hauptsache an der Vervollkommnung und Standardisie­rung des bereits vorhandenen Gerätes gearbeitet wurde.
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Bereits 1943 war der Luftkrieg verloren

Erst als 1943 der Luftkrieg gegen deutsches Gebiet voll in Gang kam und dank besserer elektronischer Einrichtungen des An­greifers (Funkmeß-Störmethoden einerseits und Rundsuchbordradar andererseits) nicht abgewehrt werden konnte, wurde klar, was versäumt worden war. Das greifbarste Er­gebnis dieser Erkenntnis war die Aktivierung der Forschung, um die Störung des eigenen Funkmeßdienstes zu überwinden und um das Mikrowellengebiet der praktischen Anwendung zu erschließen.

Diese Bemühungen, an denen bald die Mehr­zahl des verfügbaren wissenschaftlichen Personals beteiligt war, erbrachte auf einzelnen Gebieten unbestreitbare Teil­folge. Aber über die Tagesarbeit im Funkstörkrieg, die fast täglich neuen Überraschungen von alliierter Seite begegnen mußte, kam es nicht mehr zu grundsätzlichen Neuentwick­lungen, die vielleicht das Problem hätten lösen können. Der Funkstörkrieg ging (Anmerkung: für Deutschland) eindeutig verloren.

Alte Erinnerungen

Dies dürfte im großen und ganzen richtig gewesen sein, und ein guter Teil der pessimistischen Einstellung zu den Zukunfts­aussichten der deutschen Hochfrequenztechnik, die hier und dort zu finden ist, entstammt den Erinnerungen an jene Zeit des Funkstörkrieges. Man vergesse aber nicht, daß für die damalige Lage und Mißerfolge nicht die Wissenschaftler und Ingenieure verantwortlich waren, sondern andere Stellen, denen es an Sachkenntnis und Weitblick gefehlt hatte. Im übrigen entstanden aus der damals unter Zwang vorwärts getriebenen Forschungsarbeit viele Erkenntnisse und Fort­schritte, die teilweise recht beachtlich waren, wenn sie auch aus Zeitmangel nicht mehr in die technische Praxis umgesetzt werden konnten.

Daß der damals erzielte Leistungsstand anderswo hoch ein­geschätzt wurde und noch wird, geht aus zwei Tatsachen her­vor. Einmal wurden nach Kriegsende viele Wissenschaftler und Ingenieure in das Ausland (Anmerkung: zwangs-) verpflichtet, was wohl kaum geschehen wäre, wenn man nicht von ihnen wertvolle Er­fahrungen erwartet hätte. Zum anderen wurde die deutsche funktechnische Entwicklung nach Kriegsende von Wissen­schaftlern der US-Streitkräfte in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Industrie eingehend studiert, wobei man tonnenweise Dokumente und Geräte untersuchte.
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Eine Bestätigung: Wir Deutschen waren schon gut.

Aus den Berichten über diese Untersuchungen, soweit sie überhaupt veröffentlicht wurden, geht hervor, daß man in Deutschland viel Bemerkenswertes auf dem Gebiet der Elek­tronik fand. Und zwar nicht nur Sonderentwicklungen rein militärischer Art, sondern auch Einzelheiten, die man in Deutschland selbst kaum für besonders wertvoll gehalten haben mochte.

In einem Bericht wird beispielsweise betont, daß die deutsche Hochfrequenztechnik viele neue Wege für die Lösung bestimmter Probleme gefunden habe, daß sie in der praktischen Anwendung neuer Gedanken Erfolge erzielt habe, die neben den analogen Fortschritten auf alliierter Seite durchaus bestehen können, und schließlich, daß einige in Deutschland gemachte Entdeckungen für die amerikanische Industrie von großem Wert waren.

Zu dem, was in Berichten über deutsche elektronische Geräte und Verfahren als erwähnenswert genannt wird, gehören oft recht einfache Dinge. Beispielsweise scheinen Widerstände aus Keramikkernen mit aufgebrachter Kohlenstoffhaut, Kon­densatoren aus metallisiertem Papier oder UKW-Spulen aus Keramikkörpern anderswo nicht oder wenig bekannt gewesen zu sein. Die deutschen Katodenstrahlröhren mit kurzen Hälsen, und vor allem diejenigen mit mehreren Strahl­systemen werden als Meisterstücke guter Werkmannsarbeit bezeichnet.

und weltweit unschlagbar: das AEG Magnetophon

Tonschreiber und Magnetofon gehörten an­scheinend zu den großen Überraschungen, desgleichen ver­schiedene Bildspeicherröhren, rotierende dielektrische An­tennen für Rundsuchbordgeräte, Linsenantennen aus Wellen­führungen für Zentimeterwellen usw.

Wenn solche Neuerungen heute im Ausland auftauchen, soll man aber nicht glauben, daß sie nun unbedingt nach einem deutschen Vorbild entstanden sein müssen. Teilweise wird dies vielleicht zutreffen, aber man darf daraus keine über­triebenen Befürchtungen wirtschaftlicher Art herleiten. Da­durch, daß technisch- wissenschaftliche Erkenntnisse ohne Gegenleistung vom Ausland ausgewertet werden können, sind sie selbst noch nicht verloren. Viel von dem, das die Funk­technik während des Krieges geschaffen hatte, ist heute allerdings nicht unmittelbar verwertbar, weil es militärischen oder Luftfahrtzwecken diente.

Abgesehen davon ist es im Hinblick auf die Zukunft nicht so wichtig, ob in der Vergangenheit diese oder jene Unter­legenheit auf einem Spezialgebiet bestand. Von größerer Be­deutung ist es vielmehr, zu wissen, daß die wissenschaftliche Forschung in ihrer Gesamtheit erfolgreich war. Denn dies läßt erhoffen, daß sie eines Tages nach den unfruchtbaren ersten Nachkriegsjahren wieder den Weltstandard erreichen kann. Hiervon hängt es ganz entscheidend ab, ob die deut­sche Hochfrequenztechnik wieder eine Rolle auf dem Welt­markt spielen wird. W. R. S.


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