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aus der FUNK-TECHNIK Nr. 18/1949 (2. Sept. Heft)
Das Editorial

Nr. 18/1949 - 4. JAHRGANG

Elektrowirtschaft vor neuem Start

Durch die bedeutenden Investitionskredite aus dem Gegen­wert-Fonds und aus den Mitteln des Marshall-Plans erhält die Elektroindustrie Deutschlands jetzt einen kräftigen Auf­trieb. Hinzu kommen noch die zunächst bescheidenen eigenen Mittel der Industrie und der Gemeinden für Verkehrsanlagen, Industrie- und Wohnungsbauten, von denen ein Teil ebenfalls der Elektroindustrie zugeführt wird. Das Zweimächte-Kontroll­amt hat aus den insgesamt 62 Kraftwerks-Projekten, welche die Liste der Verwaltung enthielt, zunächst 20 Bauvorhaben mit einem Kreditbedarf von über 613 Millionen DM für die nächsten fünf bis zehn Jahre herausgegriffen und für 1949 vorerst 220 Millionen DM bereitgestellt.

In der letzten Zeit sind noch 30 Projekte hinzugekommen, zu denen im Gegen­satz zu der ersten Reihe auch kommunale Elektrizitätswerke gehören. Von 30 Bauvorhaben liegen 15 im Interessenkreis der öffentlichen Stromversorgung. Die Baukosten sind auf insgesamt 430 Millionen DM veranschlagt, von denen 330 Millionen DM auf dem Kreditwege zu beschaffen sind. Um welche Summen es sich im Einzelfalle handelt, zeigt das Bei­spiel des kommunalen Elektrizitätswerks Mark in Hagen in Westfalen, das seinen Erweiterungsbedarf auf rd. 15 Milli­onen DM beziffert. Für das Kraftwerk West in Berlin sind insgesamt etwa 55 Millionen DM allein für die erste Ausbau­stufe erforderlich, deren Aufbringung für mehr als die Hälfte gesichert ist.

Es ist anzunehmen, daß die Konsolidierung der politischen Verhältnisse in den Westzonen die Kreditgewäh­rung wesentlich erleichtern wird. Auf jeden Fall wird schon jetzt in den Konstruktionsbüros der Baufirmen und der Kraft­werke selbst eifrig an den Plänen für die neuen Industrie- und kommunalen Kraftwerke sowie für die Erweiterung und die Reparatur der vorhandenen Anlagen gearbeitet. Als zweiter bedeutender Abnehmer der Elektroindustrie tritt mehr und mehr auch die Verkehrswirtschaft auf den Plan. In die Etats der Großstädte werden jetzt wieder regelmäßig bedeutende Summen für den Ausbau der Straßenbahnnetze sowie die Beschaffung neuer Wagen und sonstiger elektrischer Ausrüstung bereitgestellt.

Allein die Hamburger Hochbahn meldet einen Bedarf von rd. 40 Millionen DM für den elek­trischen Teil ihres Ausbauprogramms. Im Ruhrgebiet befaßt man sich augenblicklich mit Plänen, das gesamte Strecken­netz zwischen Köln und Hamm zu elektrifizieren und greift damit Gedanken auf, die schon seit fast drei Jahrzehnten immer wieder auftauchen.

In allen sonstigen Plänen, die auf die Wiederherstellung normaler Verhältnisse in Westdeutschland und in den West­sektoren Berlins hinzielen, spielen elektrotechnische Erzeug­nisse ebenfalls eine bedeutende Rolle. Wenn für den Woh­nungsbau über 700 Millionen DM ausgegeben werden sollen, so besagt das, daß davon die Elektroindustrie etwa 20% un­mittelbar oder mittelbar erhalten wird. Zum Wohnungsbau gehört ja nicht nur das Installationsmaterial, sondern auch die Verlegung neuer Kabel, die Errichtung von Transfor­matorenstationen und nicht zuletzt die elektrische Ausrüstung der Baustellen. Und wenn sich Bergbau und Industrie in eine Summe ähnlicher Höhe teilen sollen, um wieder leistungs­fähig zu werden und den Anschluß an den Weltmarkt zu erreichen, so ist auch hier wieder die Elektroindustrie in großem Umfang beteiligt. Die Elektrifizierung des Bergbaus macht unaufhörlich Fortschritte, der elektrische Strom ist als Kraftquelle und Lichtspender bis vor Ort gedrungen, in Fabriken aller Art ist der elektrische Antrieb so selbstver­ständlich, daß darüber kein Wort mehr verloren zu werden braucht.

Neue Wohnungen erfordern auch neue elektrische Hausgeräte und Rundfunkempfänger. Gegenwärtig haben von 13,7 Milli­onen Haushaltungen in den Westzonen nur 50% einen eigenen Empfänger. Dieser „Sättigungsgrad" liegt damit wesentlich unter dem Vorkriegsstand, als in Westdeutschland etwa 63% aller Haushaltungen ihren Empfänger hatten, von anderen Industrie-Ländern ganz zu schweigen, in denen meist 80% aller Haushaltungen ihren Rundfunkapparat haben. Man kann ohne weiteres annehmen, daß jetzt nach Deckung des dringendsten Bedarfs an Nahrung und Kleidung auch solche Anschaffungen wieder aktuell werden.

In der Landwirtschaft spielen elektrotechnische Erzeugnisse zunächst die gleiche Rolle wie in jedem anderen Haushalt, aber es kommen noch eine Reihe von Spezialerzeugnissen für die besonderen Bedürfnisse der Viehwirtschaft und des Ackerbaus hinzu. Es ist bekannt, daß die Landwirtschaft die Zeit der Lebensmittelverknappung dazu benutzt hat, sich auf dem Tauschwege zu „komplettieren", aber jetzt müssen doch noch andere Maßstäbe an die Ausstattung der Betriebe gelegt werden. Der auch in der Landwirtschaft immer schärfer werdende Wettbewerb zwingt dazu, alle Möglichkeiten der Leistungssteigerung auszunutzen. Erinnert sei nur an die Notwendigkeit von Kühleinrichtungen für die Milchbehand­lung. Gerade in diesem Sektor der Wirtschaft läßt sich die Summe der notwendigen oder wünschenswerten Investitionen schlecht berechnen, aber mit der Annahme von etwa 50 Millio­nen DM dürfte man wohl nicht fehlgehen.

In den Westzonen liegen Anmeldungen für etwa 1 Million neuer Telefonanschlüsse vor, die nach der alten Faustregel der Telefontechnik einen Investitionsbedarf von annähernd 1 Milliarde DM erfordern. Wie er gedeckt werden soll, ist noch nicht geklärt, aber vielleicht bietet der Berliner Vor­schlag, von jedem neuen Telefonteilnehmer einen Vorschuß von 300 DM zu verlangen, einen gewissen Anhaltspunkt. Mag in Berlin mit seiner noch weit zurückliegenden Wirtschaft das Verlangen nach einer solchen Summe noch utopisch erscheinen, so wird man in den Westzonen darüber doch schon anders urteilen. Die Post ist sich außerdem noch nicht darüber klar, ob die Telefonindustrie in Anbetracht der Demontagen in Berlin bereits entsprechend leistungsfähig ist, um so umfang­reiche Aufträge zu übernehmen; der drängende Bedarf wird aber auch diese Frage lösen helfen.

Elektrische Einrichtungen sind zum überwiegenden Teil lang­fristige Investitionen, so daß es wohl berechtigt erscheint, sie aus langfristigen Krediten zu bezahlen. Die Gewährung von Krediten aus dem Ausland, ohne die ein zeitverkürzter Aufbau der Wirtschaft nicht möglich ist, hängt aber in erster Linie von dem politischen Vertrauen ab, und es dürfte nicht übertrieben sein, wenn man sagt, daß dieses sich doch all­mählich wieder einstellt. G. H. N.


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