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1945 - 1995 "Der unendliche Traum von der Traumfabrik"

In 26 Kapiteln blickt Horst Goscke auf 50 Jahre Wiesbadener Film-Euphorie zurück und skizziert Höhepunkte und Tiefpunkte der Wiesbadener Ambitionen, mal ein deutsches Hollywood zu werden. Viele bundesweit bekannte Filme und Personen werden aufgeführt und auch das zeitweise wirre politische Drumherum der Nachkriegszeit wird nicht vergessen.

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(3) Okt. 1949 - Der Traum im (Wiesbadener) Rathaus

Der immer lächelnde Heinz Rühmann legte mit seiner „Comedia"- Produktion einen Grundstein für die Filmstadt Wiesbaden. In der Bahnhofstraße waren ihre Büros.

28. Oktober 1949. Konrad Adenauer ist seit einem Monat Bundeskanzler. Und Bonn ein halbes Jahr schon „provisorische Bundeshauptstadt". Aus „Trizonesien", wie der Volksmund nach dem Zusammenschluß der drei westlichen Besatzungszonen Westdeutschland verulkte, ist die Bundesrepublik geworden mit insgesamt elf Bundesländern. Auch die Sowjetzone hat sich in einen Staat verwandelt - in die „sogenannte DDR", wie sie offiziell noch lange in der Bundesrepublik genannt werden wird. Eines hat sie ihr allerdings voraus: ihre Hauptstadt ist Berlin, der Ostteil Berlins, um es genau zu sagen.
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  • Anmerkung : Der Autor dieser Museen-Seiten Gert Redlich ist jetzt - im Okt. 1949 - genau 4 Monate alt und begeht auch schon das Delikt der "Republikflucht" - des Nachts durch den langen dunklen Eisenbahntunnel von Ellrich im Harz nach Walkenried in den sogenannten Westen - also aus der "Ostzone" in die Westzone(n), auch "Trizonen" gennant. Natürlich wurde ich noch im Körbchen getragen, mein Bruder hingegen - fast 2 Jahre alt - mußte laut unserer Muttter bereits auf den eigenen kleinen Beinchen laufen.

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Oktober 1949 - „Mordprozeß Dr. Jordan" ist fertig

Am 28. Oktober 1949 steht Redlhammer auf der Bühne des Walhalla-Theaters, blickt hinunter ins Publikum, in welchem viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Kunst und der Wissenschaft sitzen und sagt: „Heute erlebt ein Film seine Welturaufführung, der von einer Wiesbadener Filmgesellschaft in einem Wiesbadener Atelier mit einem großen Teil Wiesbadener Künstler hergestellt wurde, wobei die Stadt selbst und einige Wiesbadener Häuser die Szenerie abgegeben haben. So ist dieser Film ein echtes Kind unserer Stadt und dazu berufen, für Wiesbaden, seinen zähen Aufbauwillen und sein Kulturstreben zu werben. Glück auf die Erstgeburt der Wiesbadener Filmproduktion!"

Erzählt wird in ihr von einem Kriminalfall, der sich 1912 in Wiesbaden tatsächlich zugetragen hatte, aber erst 1928 wirklich entschlüsselt wurde. Erich Engels, der oft mit dem Defa- und Theater-Regisseur Erich Engel verwechselt wird, hat das Drehbuch zu dem Fall, der zu einem Justizirrtum führte, selbst geschrieben, ehe er auf dem Regiestuhl in den Wiesbadener Ateliers Platz nahm. Rudolf Fernau war sein Hauptdarsteller. Er spielte den Tropenarzt, der - unschuldig - einem lebenslange Haftstrafe antreten muß.

Seit 18. Juli 1949 - die Freiwillige Filmselbstkontrolle

Es gibt viel Beifall für „Mordprozeß Dr. Jordan", besonders am Uraufführungstag. Auch von denen, die - nur wenige Kilometer vom Uraufführungsort entfernt - seit dem 18. Juli 1949 darüber zu befinden haben, ob überhaupt und dann für welche Altersgruppe ein Spielfilm in die deutschen Nachkriegskinos kommen darf. Im Biebricher Schloß haben sie sich eingerichtet, in Windeseile, wobei Windeseile sicherlich noch untertrieben ist.

Der Wettlauf gegen die Zeit begann am 23. Mai 1949, dem Tag, an dem das Grundgesetz verkündet wurde. Mit der Verkündung hatte das amerikanische Filmoffice, das bisher darüber zu befinden hatte, was in den Kinos gezeigt werden konnte, seine Aufgabe erfüllt. Am 15. Juli 1949 wollte es seine Tätigkeit einstellen. Von diesem Tag an sollte die Freiwillige Filmselbstkontrolle ihre Arbeit aufnehmen.

Es begann am 23. Mai 1949 mit Curt Oertel

Natürlich hatte man weit früher als am 23. Mai 1949 damit begonnen, sich über Form und Zusammensetzung eines deutschen Kino-Kontrollorgans Gedanken zu machen. Kultusminister und Film-Wirtschaftler einigten sich nach vorausplanenden Gesprächen, die für die amerikanische Besatzungszone 1948 in Wiesbaden und für alle Kultusministerien der westlichen Besatzungszonen 1949 in Kamphausen (Mönchengladbach) stattgefunden haben, auf ein Zusammenwirken von Filmwirtschaft, Staat, Kirche und Jugendverbänden. Das entspricht genau den Vorstellungen, die Curt Oertel hat.
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Oberbürgermeister Redlhammer sah den Film als „rauchlose Industrie".
Curt Oertel holte die deutsche Filmwirtschaft ins Biebricher Schloß.
Dr. Jonen und seine „Meteor" saßen ebenfalls in Wiesbaden.


Kurt Oertel, der weltbekannte Kulturfilmer, arbeitet ebenfalls in Wiesbaden und war seit 1947 Präsident des Filmproduzentenverbandes der amerikanischen Zone. Zu seinen Freunden gehört „Caligari"- Produzent Erich Pommer, der 1933 Deutschland verlassen hatte und 1947 als US-Filmoffizier aus Amerika nach Deutschland zurückgekommen war. Pommer gibt Oertel Anregungen, wie man in Deutschland künftig das Filmschaffen kontrollieren könne, ohne je wieder eine Staatszensur schaffen zu müssen.

Redlhammer war es dann wieder, der Oertel das Biebricher Schloß zur Nutzung anbot. Und Dr. Albert Rudolph, ein geübter Verwaltungsmann, übernahm die Verantwortung dafür, daß die Filmselbstkontrolle zur festgesetzten Frist ihre Tätigkeit aufnehmen konnte.

1949 - Kinotechniker Gerhard Redlich ist "im Schloß" dabei

Biebricher Schloß 1945
Der Umbau 1949

Während die Bürger unter der hochsommerlichen Hitze stöhnen, wird das Schloß, in dem kurz vorher noch Landstreicher hausten, notdürftig hergerichtet, der Verbindungstrakt zwischen Rotunde und Westpavillon in Büroräume und einen Vorführsaal umgewandelt.
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  • Anmerkung : Den Auftrag für die Kinotechnik bekam die UFA-Handel in Frankfurt/Düssledorf. Hier an diesem neuen Kinosaal arbeitete der Vater des Autors Gerhard Redlich an der damals modernsten Kinotechnik, wovon sogar noch originale Bilder vorhanden sind.

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Am 18. Juli 1949 kann die FSK, bestehend aus sechs Prüfern, beim Rattern zweier (Ernemann 7B) Projektoren, die man sich von der UFA in Frankfurt ausgeliehen hat, ihre Prüfungsarbeit beginnen.

In den Tageszeitungen ist unterdessen zu lesen, daß die Alliierten allmählich daran denken, die Luftbrücke nach Berlin abzubauen, denn die Blockade war seit dem 12. Mai 1949 vorbei.

Von Wiesbaden weg richten sich die Blicke auf das kleine Rheinstädtchen Bonn, das Frankfurt, den ursprünglichen „Hauptstadt-Favoriten" Westdeutschlands, ausgetrumpft hatte.
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