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1945 - 1995 "Der unendliche Traum von der Traumfabrik"

In 26 Kapiteln blickt Horst Goscke auf 50 Jahre Wiesbadener Film-Euphorie zurück und skizziert Höhepunkte und Tiefpunkte der Wiesbadener Ambitionen, mal ein deutsches Hollywood zu werden. Viele bundesweit bekannte Filme und Personen werden aufgeführt und auch das zeitweise wirre politische Drumherum der Nachkriegszeit wird nicht vergessen.

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(20) - 1957 - Nach Peter Kraus kam eine lange Pause
Thema: Der letzte Film der „Hessen"-Staffel

Hauptdarsteller in „Zwei Herzen voller Seligkeit" waren Adrian Hoven und Herta Staal. Karl Schulz produzierte das Lustspiel.

Wenn hier jemand Aha sagt, dann bin ich das!" sagt Adrian Hoven, der einen jungen Arzt in einem Heidelberger Nervensanatorium spielt. Krankenschwester Ursula Herking zuckt nervös zusammen. „Cut" ruft Regisseur I. A. Holmann, der bisher von allem in Amerika drehte. Er ruft es nicht in Heidelberg, sondern „Unter den Eichen", dort sind von Alfred Bütow die Räume des Nervensanatoriums im Atelier erbaut worden. Auch eine Gartenanlage hat er im Studio erschaffen. „Zwei Herzen voller Seligkeit", heißt das Filmlustspiel, das Karl Schulz mit seiner Produktionsgesellschaft „Bühne und Film" als letzten Film der 1955 vom Land verbürgten „Hessen"-Staffel dreht.

Einen Film in 14 Tagen drehen ????

Inzwischen ist es Januar 1957. Geplant war das Lustspiel schon im Mai 1956. Aber dann hat man lange nichts mehr von ihm gehört. Bis es dann Ende des Jahres hieß, Sonja Ziemann und Rudolf Platte spielten Hauptrollen in dem Spaß. Aber schließlich sind es Waltraut Haas, Adrian Hoven, Herta Staal und Ernst Waldow, die auf die Lachlust des Publikums zielen. Waltraut Haas, das „Mariandl", zeigt sich als Fabrikantentochter, die von zu Hause durchgebrannt ist. Und Adrian Hoven darf der Psychiater sein, der in ihr eine Kleptomanin sieht. In 21 Tagen will Holmann den Film abgedreht haben. Das ist für eine deutsche Lustspiel-Inszenierung eine lange Zeit. Alfred Vohrer wird Jahre später für manchen Wallace-Krimi kaum mehr als 14 Tage benötigen und sogar noch stolz darauf sein.

„Wo bleiben die jungen Regisseure?"

120 Titel haben deutsche und österreichische Produzenten für die Saison 1957/58 angekündigt. Kabarettisten blicken staunend. „Wo bleiben die jungen Regisseure?" fragt einer. „Laßt mich mal ausrechnen", antwortet der andere, „zwanzig macht der Rabenalt, zwanzig auch der Antel, achtzehn der Quest und achtzehn der Reinl, fünfzehn schafft der Chiffra, wenn die anderen Regisseure ebenfalls noch acht oder neun Filme drehen, dann haben wir schon hundert."

Ein Blick nach Paris

Das ist in etwa auch die Zeit, in der sich in Paris Kritiker der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinema" zusammenfinden, um Pläne für die „Nouvelle vague", die „Neue Welle" zu schmieden. Pläne für Taschenlampe und Handkamera. Ihre Filme „Schrei, wenn du kann", „Außer Atem", „Sie küßten und sie schlugen ihn", werden das Bewußtsein vieler Zuschauer verändern. Und selbst Hollywood wird Jahre kämpfen müssen, bis es mit Perfektion und Super-Action das Publikum wieder auf seiner Seite hat.

An Wiesbaden geht das alles vorbei.

Für zehn Regisseure vom Typ Antels wäre Wiesbaden dankbar. Für fünf Chiffras auch. Aber keiner kommt mehr. Dr. Jonen, der Meteor-Chef, verspricht zumindest, daß der Sitz seiner Produktions-Gesellschaft Wiesbaden bleiben werde. Drehen aber "tut" er woanders.

Die Taunsufilm im ungewollten Krieg mit der Stadt

Dann ist es schon Mai 1957. Und da fängt in Wiesbaden auch noch das Prozessieren an. Die Stadt will von Karl Schulz das Rückkaufrecht des Geländes, weil sie der Ansicht ist, daß die Ufi-Liquidatoren an die TaunusFilm nicht verkaufen werden. Schulz wehrt sich, droht, notfalls bis zum Bundesgerichtshof zu gehen. „Es kann fünf Jahre dauern, bis eine rechtskräftige Entscheidung vorliegt" sagt er. Es werden zwei, bis der Streit endlich begraben ist. Im Januar 1959 willigen die Ufi-Liquidatoren in den Verkauf der Studios ein, und auch die Stadt ist nun bereit, sich mit der „Taunusfilm" zu einigen.

Mai 1957 - Kurt Weyrauch eröffnet das „Kleine Theater"

Peter Kraus und Corny Collins machten in der Komödie „Die Freundin meines Mannes" erste Schritte vor der Filmkamera.

Noch aber ist es Mai 1957. Im „Kleinen Theater", einer Privatbühne, die der Schauspieler Kurt Weyrauch im Hotel „Reichspost" in der Bahnhofstraße eröffnet hat, wirbelt abends kurz vor Beginn der Vorstellung eine quirlige Berlinerin in das kleine Foyer. Corny Collins heißt sie. Und ehe eine Viertelstunde vergangen ist, hat sie die Sympathie des gesamten Ensembles gewonnen.

„Axel vom Ambesser", erzählt sie, „hat mich für einen Film engagiert, der in Wiesbaden entsteht". Und dann nennt sie auch den Titel: „Die Freundin meines Mannes". Barbara Rütting ist dabei, Hans Söhnker, Hannelore Schroth und ein junger Mann, der - geradeso wie sie selbst - seine ersten Schritte vor der Filmkamera macht: Peter Kraus.
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  • Anmerkung : Das „Kleine Theater" hieß später dann auch mal "Intimes Theater" und "Kleine Komödie" und war für seine frischen Stücke mit lebenslustigen - teilweise sogar Laienschauspielern sehr bekannt. Insbesondere auch seine lebenslustige und ebenfalls sehr sympatische Frau Ute Ellin wird sehr vielen alten Wiesbadenern in guter Erinnerung bleiben. Im August 1994 hörten sie dann auf.

    Was in dem Büchlein jedoch nicht beschrieben stand, war, daß "die Weihrauchs" mit ihrem kleinen Theater und ihrem künstlerischen Enthusiasmus von den angeblich so kulturfördernden Wiesbadener Stadtvätern wie ungewollte Kinder von einer Lokalität zur nächsten hin und her geschubst wurden. Das alles mit anzusehen, hatte mich schon damals sehr betroffen gemacht.

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Im Internet gefunden im Feb. 2016 :
www.tonstudio-braun.de/info/weyrauch_ellin/artikel_kweyrauch.html
www.tonstudio-braun.de/info/weyrauch_ellin/artikel_uteellin.html
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Zwei Erfolgsautoren schreiben ein Dehbuch

„Ich habe selten so ein gutes Drehbuch gelesen", wird Axel von Ambesser zu Journalisten sagen. Heinz Pauck und Heinz Oskar Wuttig haben es geschrieben, Pauck, der noch im selben Jahr „Das Wirtshaus im Spessart" verfassen wird und 1958 „Wir Wunderkinder".

War das der Schlußpunkt für die Zeit des Hollywood am Kochbrunnen ?

„Die Freundin meines Mannes" ist eine Boulevardkomödie der gehobenen Art. Hannelore Schroth ist das Hausmütterchen darin, Hans Söhnker ihr Ehemann, ein Architekt mit grauen Schläfen. Barbara Rütting hat die selbstbewußte Modekünstlerin zu verkörpern, die die Ehe des Architekten in eine Krise geraten läßt. Axel von Ambesser setzt die Schwingungen der Komödie feinfühlig um. Und ohne es sicherlich zu wissen, inszeniert er dabei auch den eleganten Schlußpunkt für die Zeit des Hollywood am Kochbrunnen, der Traumfabrik, wie sie in der Nachkriegszeit herangewachsen war.

Als das mit dem Film zuende ging und das Fernsehen kam ...

Im April 1959, wenn die Einrichtungen der Afifa in die Hände von Karl Schulz übergehen, sind es bereits die Fernsehkameras, die die Hallen für ihre Zwecke nutzen wollen.

Ekkehard Böhmer wird einer der ersten Regisseure sein, die an die Stelle von Eduard von Borsody, Harald Reinl oder Erich Engel treten. „Höpfner - zweimal klingeln" mit einem musik- und sangesfreudigen Junggesellen nennt sich eine der ersten Sendungen, die für das Hessische Fernsehen „Unter den Eichen" produziert wird. Aber auch Kinofilme sind noch mit Wiesbadens Namen verbunden. Andre Cayatte, der große französische Regisseur, setzt sich 1960 mit der „Taunus Film" in Verbindung.

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