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1945 - 1995 "Der unendliche Traum von der Traumfabrik"

In 26 Kapiteln blickt Horst Goscke auf 50 Jahre Wiesbadener Film-Euphorie zurück und skizziert Höhepunkte und Tiefpunkte der Wiesbadener Ambitionen, mal ein deutsches Hollywood zu werden. Viele bundesweit bekannte Filme und Personen werden aufgeführt und auch das zeitweise wirre politische Drumherum der Nachkriegszeit wird nicht vergessen.

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(2) - Am Anfang war das Geld - (die Reichsmark bis Juni 1948)

Nicht nur die D-Mark kam mit der Währungsreform. Auch die Berliner Blockade. Und mit der Blockade die „Afifa-Studios" „Unter den Eichen".

Anfang Juni 1948. An den Kinokassen der drei Westzonen entdeckt man Schilder mit der Aufschrift: „Im Vorverkauf gelöste Eintrittskarten verlieren bei Verkündung der Währungsreform ihre Gültigkeit!" Um die Schilder lesen zu können, muß man allerdings erst einmal bis zu den Kinokassen vordringen können. Das aber ist nicht leicht und dauert oftmals Stunden. Denn vor den Kassen stehen die Menschen Schlange, Schüler, Schieber, Arbeitslose, Händler und Schwarzhändler, also jeder, der Geld zuviel hat, und das haben in diesen Tagen fast alle, will noch einmal ins Kino, bevor sein Geld nichts mehr taugt.

Fräulein, sie brauchen nicht herausgeben . . .

Manche Kassiererin, die hinter der Kinokasse sitzt, spricht noch nach Jahren von dieser Zeit. Für einen (Kino-) Platz, der drei Reichsmark kostet, ziehen die Besucher einen Zehner aus der Tasche und verzichten mit der Geste eines Grandseigneurs auf die Herausgabe des Wechselgeldes.

Was sollen sie auch noch mit dem alten „Lappen"? - In wenigen Tagen "kommt" die D-Mark.
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  • Anmerkung : Das ist historisch falsch. Nur wenige wußten, daß überhaupt und wann die neue Währung wirklich kommt. Es gab natürlich Wünsche, Hoffnungen und Gerüchte. - Nachzulesen bei Max Grundig und Eduard Rhein und Hoimar von Ditfurth usw. Und im Nachhinein gab und gibt es viele Legenden.

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Filme kamen fast nur aus Amerika

Und mehr als 40 Mark kann man sowieso nicht umtauschen. (Anmerkung : Auch das wußten nur ganz wenige in Bonn und in Frankfurt.) Filme mit John Wayne, Errol Flynn, Gary Cooper, Humphrey Bogart, Bob Hope und Bing Crosby sind in aller Munde. Margaret Lockwood, Yvonne de Carlo und Ingrid Bergman verdrängen die (alten Vorkrieges-) Ufa-Stars Zarah Leander und Pauly Wessely.

Der erste "Knef Film" kam noch aus der "Ostzone"

Noch bevor 1949 der erste Spielfilm in Wiesbaden abgedreht war, hatte der Aufnahmeleiter der „Comedia" das Foyer des Staatstheaters als Kulisse entdeckt. Hier entstand die Cancanszene zu „Mordprozeß Dr. Jordan".

Der deutsche Film versucht erst ganz bescheiden wieder einen Platz auf den Kino-Leinwänden zu erhaschen. Drüben, in der Sowjet-Zone, wurde in den Defa-Ateliers (in Babelsberg ??) unter der Regie von Wolfgang Staudte „Die Mörder sind unter uns" gedreht, hüben, in den West-Zonen, drehte Helmut Käutner „In jenen Tagen" und Rudolf Jugert mit Hildegard Knef „Film ohne Titel". „Trümmer-Filme" werden die meisten Produktionen genannt, denn ihre Handlung spielt vor und zwischen dem, was von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg übriggeblieben ist.

Wer läßt sich da von Sonja Henie nicht lieber aufs Kunsteis entführen? „Adoptiertes Glück" heißt der Hollywood-Film, der sieben Jahre nach seiner Premiere in Amerika zwischen München und Berlin noch einmal zum Kino-Hit wird.
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Juni 1948 - die Russen machen die Ostzone dicht

Apropos Berlin: Da wird die Reichsmark, deren Tage gezählt sind, zum politischen Sprengstoff. Die Meinungen der Siegermächte zur Geldreform klaffen nämlich weit auseinander. Am 20. Juni 1948 beschuldigt der sowjetische Marschall Sokolowski die Westmächte, die Reform in den drei West-Zonen „durch die Erfindung der angeblichen Unmöglichkeit einer gesamtdeutschen Währungsreform zu rechtfertigen". In seiner Stellungnahme macht er die Reform für eine mögliche Spaltung Deutschlands verantwortlich.

Geplant war es anders, von den Westmächten jedenfalls

In Berlin sorgen US-Soldaten für Sicherheit. Die Sowjet-Blockade, ausgelöst durch die Währungs- reform, bringt Produktionsprobleme - auch für den Film.

Am 15. Juni 1948 hatte US-General Clay eine Vier-Mächte-Geldreform immer noch für realisierbar gehalten. Doch nun, fünf Tage später, verbieten die Sowjets die Einreise in die Ostzone. Jede Landverbindung zwischen Westdeutschland und Berlin ist für die Westmächte und die Deutschen gesperrt.

Die Allierten bleiben kühl. Sie sehen in der Blockade eine „verständliche Sicherung gegen Devisenschmuggel". Entschiedener wird ihre Haltung, als Moskau aus der Währungsreform im westlichen Teil Deutschlands die wirtschaftliche Macht über Gesamt-Berlin fordert. „Nur so", behaupten die Sowjets, „ist die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln und Kohletransporten möglich".
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Am 21. Juni 1948 - Berlin ist dicht

Am 21. Juni, dem Tag der Währungsreform, erklärt der britische General Robertson: „Keine Besatzungsmacht hat größere Anrechte als eine andere auf Berlin." Doch Moskau und mit ihm Marschall Sokolowski bleiben auf Konfrontationskurs. Der Marschall erläßt am 23. Juni seinen berühmt-berüchtigten Befehl 111 und erklärt Reichsmark und Rentenmark mit aufgeklebtem Spezialcoupon als die einzigen gesetzlichen Zahlungsmittel in Berlin. Deutsche, die bei russischen Kontrollen D-Mark in ihren Geldbörsen haben, müssen mit Verhaftung rechnen.
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Am 26. Juni 1948 - die Luftbrücke fängt an

Am 26. Juni eröffnen die Westmächte ihre „Luftbrücke". 737 Maschinen, von der Bevölkerung „Rosinenbomber" genannt, landen schon bald täglich in Tempelhof und versorgen die Einwohner in den westlichen Teilen der Stadt mit den notwendigen Lebensmitteln. Über ein Jahr lang werden sie das Überleben der - wie sie der Kabarettist Günter Neumann nennt - „Insulaner" sichern.

Was sollen die "Filmleute" jetzt machen ?

Wirtschaftlich führt die Berliner Blockade unterdessen jedoch zu zahlreichen Umorientierungen. Auch die junge deutsche, gerade wiedererwachende Filmindustrie kann sich davon nicht ausschließen. „Wo", fragen sich die Produzenten, „soll der Sitz unseres Unternehmens sein?"

Heinz Rühmanns Flop mit der Comedia bahnt sich an

Auch Heinz Rühmann steht in diesen Tagen vor der gleichen Frage. Zusammen mit Alf Teichs, dem früheren Produktionschef der „Terra", hatte er in Hannover die Produktionsfirma „Comedia" gegründet, eine OHG, ohne, wie er später in seiner Biographie „Das war's" schrieb, in seiner Unerfahrenheit zu wissen, „was eine Offene Handelsgesellschaft für Folgen haben kann."

Herta Feiler, seine Frau, warnte ihn zwar: „Laß die Finger davon, du verstehst nichts von geschäftlichen Dingen!" Aber Rühmann meinte: „Damals ist viel Geld mit mir verdient worden, das kann ich jetzt selber machen."

„Ein Sitz für unsere Firma genügte uns nicht", schrieb er, „nein, sie wurde gleich in Berlin, München und Wiesbaden etabliert. Den Aufwand und die Kosten kann man sich vorstellen". In Wiesbaden prangte der Namenszug „Comedia" auf einem Schild in der Bahnhofstraße nicht weit von der heutigen Rhein-Main-Halle entfernt im alten Hotel „Reichspost".

Und ein Film der „Comedia" mit dem Titel „Mordprozeß Dr. Jordan" sollte es auch sein, der im Nachkriegsdeutschland den Ruf Wiesbadens als Filmstadt begründete. Für ihn, der am 28. Oktober 1949 im Thalia- und Walhalla-Theater festlich uraufgeführt wurde, war „Unter den Eichen" Wochen vorher die erste Klappe gefallen.

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