Sie sind hier : Startseite →  Film- und Kino-Historie→  "Hollywood" am Kochbrunnen→  hollywood-am-kochbrunnen-04

1945 - 1995 "Der unendliche Traum von der Traumfabrik"

In 26 Kapiteln blickt Horst Goscke auf 50 Jahre Wiesbadener Film-Euphorie zurück und skizziert Höhepunkte und Tiefpunkte der Wiesbadener Ambitionen, mal ein deutsches Hollywood zu werden. Viele bundesweit bekannte Filme und Personen werden aufgeführt und auch das zeitweise wirre politische Drumherum der Nachkriegszeit wird nicht vergessen.

.

(4) Ein richtiges Schloß und viel Arbeit
Herbst 1949 - Die Kaufkraft der D-Mark steigt und steigt

1500 Filme hatten die Prüfer im Biebricher Schloß bereits im ersten Jahr des Bestehens der FSK geprüft

Aber die Kaufkraft der D-Mark gleicht den sowjetischen Schachzug aus. Aufbruchstimmung herrscht in der Bundesrepublik, und Aufbruchstimmung herrscht auch in Wiesbaden, der Stadt, in der die Amerikaner mit dem Einmarsch in das Hitler-Deutschland ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten - erst war General Patton da mit seinen Panzern, dann folgte die US-Luftwaffe nach. Auch jetzt, im Oktober 1949, parken an den Straßenrändern vor allem Jeeps und Buicks in großer Zahl. Und in den Clubs, den Restaurants, in denen Big-Bands Glenn-Miller-Swing spielen, sitzen hohe US-Offiziere und „Frolleins".

1949 - Oberbürgermeister ist Hans Heinrich Redlhammer.

Aus dem Sudetenland hat ihn der Fluchtweg nach dem Krieg in die Kochbrunnenstadt geführt, in der Verwandte wohnen. Er wird Fraktionsfuhrer der örtlichen CDU. Der ehemalige Diplomat und spätere Wirtschaftsmann erkennt schnell, daß Wiesbaden mit Kurgästen wohl kaum aus seinem Trümmerdasein herauskommen kann. Er setzt auf eine „rauchlose Industrie", und rauchlos ist die Filmindustrie allemal.

Stolz ist er auf Rühmanns „Comedia", die sich in seiner Stadt niedergelassen hatte. Und stolz ist er ebenso auf die Kopieranstalt, die von Wiesbadener Baufirmen inzwischen „Unter den Eichen" errichtet wurde.
.

100 Arbeitsplätze mit 2 Millionen DM Investition

Über 100 Menschen bietet sie bereits Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten. Mit einem Aufwand von mehr als zwei Millionen D-Mark (heute in 1995 etwa 20 Millionen Mark Baukosten) hat die Aktiengesellschaft für Filmfabrikation (AFIFA), eine Schwestergesellschaft der Ufa, in der Waldlandschaft nahe der Stadt außerdem drei Aufnahmeateliers errichtet. Zwei weitere Ateliers sollen folgen, damit in Wiesbaden gleich zwei Filme zu gleicher Zeit gedreht werden können.

1949 - Die Hiobsbotschaft der "Lex UFA"

Noch ein zweiter Film entsteht 1949 in den Wiesbadener Ateliers: „Wer bist du, den ich liebe", ein Lustspiel, inszeniert von Geza von Bolvary mit Adrian Hoven in der Hauptrolle. Produziert wird er von „Meteor", der zweiten Produktionsgesellschaft, die es in die junge, hoffnungsvolle Filmstadt gezogen hatte.

Mitten in die fröhlichen Dreharbeiten platzt eine Nachricht, die nicht nur Dr. Heinrich Jonen, den Chef der „Meteor", aufhorchen läßt: Der amerikanische und der britische Militärgouverneur haben, ehe der Bundestag in Bonn zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammentreten konnte, noch schnell ein Gesetz erlassen, das auf die Auflösung des reichseigenen Filmvermögens zielt.

Es soll in private Hände übergehen. „Lex UFA" wird es bald genannt. Zum UFA-Vermögen gehören auch die „Afifa" und ihre neu errichteten Hallen „Unter den Eichen".
.

Wenn die Gerüchte angeheizt werden

Ohne Artur „Atze" Brauner, der, statt 1949 Berlin zu verlassen, in Spandau seine Ateliers errichtete, sind viele Erfolge des deutschen Nachkriegsfilms nicht denkbar.

Schon brodelt die Gerüchteküche. Hat es manchen Filmschaffenden nur deshalb nach Wiesbaden gezogen, weil er insgeheim hofft, ein Stück von dem leckeren Ufa-Kuchen abbekommen zu können? Und: Trauen die Amerikaner und Engländer schon jetzt deutschen Politikern nicht? Mit dem Ufa-Vermögen hätte Bonn, so überlegen andere, schnell wieder eine staatseigene Filmindustrie. Der Blick zur „Defa" ist ja nicht weit.

Während man in Wiesbaden hofft, bangt, flüstert, baut und schöne Reden formuliert, faßt in Berlin ein polnischer Jude einen einsamen Entschluß. Ohne sich lange um Spötter zu kümmern, pachtet er eine ehemalige Giftgas-Fabrik und macht sie zu Studios der "Central Cinema Company" (CCC).
.

Die Konkurrenz kam aus Berlin Spandau

Mit dem Nerzmantel seiner Schwiegermutter, dessen Verkauf ihm 200.000 Reichsmark eingebracht hatte, war er 1946 ins Filmgeschäft eingestiegen. Drei Filme hatte er inzwischen eigenständig produziert: „Herzkönig", „Maituriu" und „Mädchen hinter Gittern". Als andere wegen der Blockade, dem Strommangel und der Furcht vor den Sowjets hastig Berlin verließen, vertraute er der logischen Überlegung, daß Stalin wohl kaum einen dritten Weltkrieg wagen würde. „Also muß man rechtzeitig daran denken", dachte er, „Ateliers zu bauen". Er tat es in Spandau. Und er tat es, obwohl in Tempelhof in diesen Tagen sechs Hallen leerstanden. Artur Brauner hieß der Mann, der deutschen Filmschaffenden bald das Staunen lehren sollte - auch denen in Wiesbaden.

Mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Wiesbaden vertonte Curt Oertel in den Studios „Unter den Eichen" 1949 seinen Dokumentarfilm „Es war ein Mensch". Komponist Peter Voelkner dirigierte selbst.

Januar 1950 - "Still ruht der See" in Wiesbaden

Januar 1950 - „Es ist still geworden um das Filmstudio der Afifa Unter den Eichen", liest man am 7. Januar 1950 im Wiesbadener Kurier: „In den Ateliers verstauben die Requisiten, wenige Handwerker sind dabei, die zweite große Aufnahmehalle fertigzustellen, die zusammen mit dem Trickatelier und der Kopieranstalt als Neubauten um die ehemalige Reithalle entstanden. Sonst Stille und Warten..."
.

1 Million DM war damals sehr viel Geld

Die Wartenden sprechen meist mit Berliner Akzent, kommen aus Tempelhof und Neu-Babelsberg. Sie hoffen auf die „Comedia" und die „Meteor", die im Frühjahr neue Produktionen angekündigt haben. Aber Filme kosten Geld viel Geld - bis zu einer Million D-Mark, eine Summe, die 1950 mit großer Ehrfurcht ausgesprochen wird.

„Blick in die Welt" sorgte für Arbeit

„Nur in der Kopieranstalt herrscht Hochbetrieb. Die Aufträge häufen sich. Schon denkt man dort an technische Erweiterungen. Hochbetrieb herrscht auch bei „Blick in die Welt", einer jungen deutschen Wochenschau, die Ende 1949 in Wiesbaden ihren Betrieb aufgenommen hat.

1950 - Ein Jahr "Schloß" und viel Arbeit

Und im Biebricher Schloß bei der Freiwilligen Selbstkontrolle gibt es in inzwischen alle Hände voll zu tun. 1.500 Filme werden es sein, die geprüft wurden, wenn sich am 18. Juli 1950 das Bestehen der FSK zum erstenmal jährt. Im Schloß sitzt inzwischen auch das „Deutsche Institut für Filmkunde". Curt Oertel hat den Filmhistoriker Hanns-Wilhelm Lavies, der 1947 in Marburg sein „Archiv für Filmwirtschaft" gegründet hatte, zu einem Umzug nach Wiesbaden bewegen können. Und die SPIO, die Spitzenorganisation der Filmwirtschafft, hat im Schloß ein Zuhause gefunden.
.

Eine richtige Filmakademie in der Innenstadt ???

Nur Wochen nach den Aufnahmen zu „Mordprozeß Dr. Jordan" war das Foyer des Staatstheaters wieder Drehort. Nun für „Wer bist du, den ich liebe?"

In der Friedrichstraße 16 gab es sogar eine richtige Filmakademie. „Akademie für Bühne, Film und Rundfunk" nannte sie sich. Lothar Bär hatte sie gegründet Aber sehr bald kam sie durch Proteste und Beschwerden der Studierenden in Mißkredit. Die Ausstattung war mehr als mangelhaft. Für den Film-Nachwuchs gab es nicht einmal Kameras. Schließlich wurde der Akademie vom Kultusministerium die Lizenz entzogen. Nach einer Umwandlung sollten im Wiesbadener Konservatorium die Studiumfächer weiterbestehen. Aber auch dies ließ sich dann nicht verwirklichen. Gemunkelt wurde unterdessen, unter den Studenten hätten sich auch Kommunisten befunden. Es war die Zeit, in der in Deutschland, alos zwischen den Weltmächten, zwischen Ost und West der Kalte Krieg begann.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2007 / 2017 - Deutsches Fernsehmuseum Wiesbaden - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Privatsphäre - Redaktions-Telefon - zum Flohmarkt
Bitte einfach nur lächeln: Diese Seiten sind garantiert RDE / IPW zertifiziert und für Leser von 5 bis 108 Jahren freigegeben - kostenlos natürlich.