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1945 - 1995 "Der unendliche Traum von der Traumfabrik"

In 26 Kapiteln blickt Horst Goscke auf 50 Jahre Wiesbadener Film-Euphorie zurück und skizziert Höhepunkte und Tiefpunkte der Wiesbadener Ambitionen, mal ein deutsches Hollywood zu werden. Viele bundesweit bekannte Filme und Personen werden aufgeführt und auch das zeitweise wirre politische Drumherum der Nachkriegszeit wird nicht vergessen.

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(14) - Zwei Stars werden "gedeckt" - Sept. 1954
Thema : Im Wiesbadner Kurhaus gehts hoch her.

Wie im Film für den Film entdeckt: Karin Dor
und Ingeborg Schöner

Der große Saal, in den die Stadt eine synchron laufende Aufnahmeanlage für Musikaufnahmen hat einbauen lassen, ist in eine russische Botschaft verwandelt worden. Alexander Golling herrscht dort. Und das nimmt man der wuchtigen Gewalt mit dem kantigen Charakterschädel gerne ab. In einer Ecke probt ein Tanzorchester. Die Kapelle "Spriestersbach" ist es, bekannt von vielen hiesigen Veranstaltungen. Nun soll sie für internationale Entspannung sorgen. Denn darum geht es im „Ball der Nationen", dem Karl-Ritter-Film, der frei nach der gleichnamigen Raymond-Operette hier entsteht. Ritter blickt auf die Uhr. Sein Star fehlt noch. Darf man Pünktlichkeit von ihm nicht erwarten?

Und dann kam - endlich - Zsa Zsa Gabor

Zsa Zsa Gabor ist es, die die Geduld auf die Probe stellt. Und dann fast unbemerkt den Saal betritt, plötzlich zwischen den Scheinwerfern steht - in einem raffiniert einfachen, aber weit ausgeschnittenen Kleid. Ganz lässig gibt sie sich, ohne jegliche Allüren. Sie scherzt, blickt ins Drehbuch, bespricht sich mit Ritter und seinem Sohn, der die Kamera führt, während Journalisten fotografieren und mitnotieren. Gustav Fröhlich wird ebenfalls dabei sein, erfahren sie, Paul Henckels und Walter Müller. Und eine ganze Menge Komparsen, die noch nie so viel zu tun hatten wie in diesen Tagen.

Aus „Magic Fire" wird „Frauen um Richard Wagner"

Denn nur wenige Meter weiter, im Staatstheater, ist ein Starregisseur aus Hollywood bei der Arbeit - William Dieterle, Marlene-Dietrich-Entdecker und Miterfinder der bewegten Kamera.

„Magic Fire" dreht er. „Frauen um Richard Wagner" aber heißt der Film Monate danach im Verleihprogramm der Gloria. Dieterle selbst wird sich in späteren Jahren nicht mehr an den deutschen Titel erinnern. „Auch im Staatstheater habe ich mal einen Film gemacht", wird er 1971 sagen, „aber fragen Sie mich bitte nicht mehr, wie er hieß."

Das Wiesbadner Staatstheater wird zur Münchner Hofoper

Im September 1954 stellt er das Große Haus auf den Kopf, macht es zur Münchner Hofoper und die Mitte des ersten Rangs zur Königsloge mit Baldachin, in der Ludwig II. und Richard Wagner sitzen. Später wird die Pariser Oper daraus, „Tannhäuser" erlebt seine Erstaufführung darin, Wagnerianer bedrohen Jockey-Leute, und Kaiser Napoleon verläßt fluchtartig das Haus.

Aus Biedermeier-Darstellern werden kaukummikauende G.I.s

Die Kleindarsteller, die man gerade noch als würdige alte Herren in Biedermeier-Fräcken, weißen Spitzbärten und Vatermördern sah, entdeckt man Tage später als flotte, kaukummikauende G.I.s „Unter den Eichen" wieder, wo sie auf die nächste Einstellung für den Occident-Film „Die goldene Pest" warten. Hollywood-Regisseur John Brahm inszeniert ihn.

Es geht um Sittenverfall und Wuchergeschäfte

Aber das Drehbuch schrieb ein Deutscher, Dieter Werner. Um Sittenverfall und Wuchergeschäfte geht es darin, ein Dorf irgendwo in der Bundesrepublik wird Beispiel für das Leben im Nachkriegsdeutschland. Ein großes Vergnügungszelt, aus Hartfaserplatten und Markisenstoff errichtet, steht nahe der Durchfahrtsstraße auf dem Ateliergelände. Symbolisch wird es am Ende des Films in Flammen aufgehen, Hoffnung geben für eine bessere Zukunft.

September 1954 - es gibt kaum Kohlen zu kaufen

Haushohe Flammen schlugen „Unter den Eichen" aus einem Vergnügungszelt. Szene für den Film „Die goldene Pest".

Ein Filmschluß, der ganz in die Zeit paßt. Denn auch 1954 fehlt es in Deutschland noch an vielem. Kohlen sind kaum zu haben, und der Winter ist nicht mehr weit. Noch immer warten Frauen auf die Heimkehr ihrer Männer aus der Gefangenschaft. Noch immer gibt es Familien, die in Wiesbaden dichtgedrängt in Mansarden leben. Neun Jahre nach Kriegsende. Tausende träumen in dieser Stadt vom großen Glück. Für zwei Mädchen, die schon junge Frauen sind, scheint der Traum in Erfüllung zu gehen.

Ein Traum für zwei junge Frauen scheint in Erfüllung zu gehen

Kätherose Derr heißt die eine. Achtzehn Jahre ist sie jung. Untersekundanerin und Schauspielschülerin. „Unter den Eichen" sagt sie bei Aufnahmen zu „Rosen-Resli" in Reinls Kamera: „Himmlisch, Frau Chefin, einfach himmlich!" Es soll der Satz zu einer Star-Karriere werden. Nur ihren Namen wird sie noch ändern - in Karin Dor.

Wochen später ist sie beim nächsten Reinl-Film wieder dabei, im „Schweigenden Engel". Und da ist dann auch die andere Wiesbadenerin, eine 19jährige, die bald ebenfalls international bekannt werden wird. Maria von der Osten-Sacken, die Kinderfilm-Autorin, hat die Abiturientin auf dem Schulweg entdeckt und von der Stelle weg verpflichtet: Ingeborg Schöner.

Am 14. Dezember 1954 wird Hochzeit sein.

Die Ringkirche im Dezember 1954: Filmregisseur Harald Reinl verläßt sie als frischgetrauter Ehemann. Seine 18jährige Gattin, Karin Dor, ist Wiesbadenerin. Denn Weltstar wird sie wenige Jahre später.

Wußte die kleine Christine Kaufmann, das sie ein richtiger Glücksbringer ist? Mehr noch - ein Liebesbote? Harald Reinl verliebt sich in Kätherose und Kätherose in ihn. Bald weiß das jeder „Unter den Eichen". Und man munkelt sogar - ungefähr zur Zeit, in der „Die goldene Pest" entsteht - daß sie Heiratspläne haben. Dann ist es heraus: Am 14. Dezember 1954 wird Hochzeit sein. In der Ringkirche soll die Trauung stattfinden. Sean Connerys künftige Partnerin (1966 in dem Bond-Film „Man lebt nur zweimal") denkt an ihr Brautkleid.

Drei Weltkarrieren starteten in Wiesbaden

Den „Schweigenden Engel" werden Kritiker bei seinem Kinostart als „farblos, steril und stark sentimental" bezeichnen. Aber was macht das schon? Drei Weltkarrieren gehen aus seiner Besetzung hervor. Schon deshalb gebürt ihm - wenn auch nicht künstlerisch - ein „Besonders wertvoll". Über Film-Prädikate aber spricht man besser nicht in diesen Monaten. Die Filmbewertungsstelle in Biebrich steht unter Beschuß. Wichtige Filme, heißt es, ließe die FBWleer ausgehen, Unterhaltungskost werde prädikatisiert. Während der Wiesbadener laut Statistik noch 18 Mal im Jahr ins Kino geht, wird der Ruf nach strengeren Wertmaßstäben immer lauter.

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