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1945 - 1995 "Der unendliche Traum von der Traumfabrik"

In 26 Kapiteln blickt Horst Goscke auf 50 Jahre Wiesbadener Film-Euphorie zurück und skizziert Höhepunkte und Tiefpunkte der Wiesbadener Ambitionen, mal ein deutsches Hollywood zu werden. Viele bundesweit bekannte Filme und Personen werden aufgeführt und auch das zeitweise wirre politische Drumherum der Nachkriegszeit wird nicht vergessen.

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(15) - Januar 1955 - Joseph Cotton und das Baby
Thema : "Ein Herz für Kinder" und Gert Fröbe

Herz zeigt man „Unter den Eichen" 1954 nicht nur in den Filmen, die in den Hallen entstehen. Herz zeigt man auch im normalen Leben. Eine große Weihnachtsfeier wird auf dem Filmgelände vorbereitet. Eingeladen sind Wiesbadener Waisenkinder. In der Filmkantine wird ihnen ein Abendessen serviert, und dann geht es ins Atelier, in dem in einer prächtigen Filmdekoration schließlich die großzügige Weihnachtsbescherung stattfindet. Sogar einen richtigen Weihnachtsmann gibt es dort, und diesen spielt ebenso ehrfurchtsgebietend wie Lachstürme entfesselnd der Tausendsassa Gerd Fröbe. (Anmerkung : Der Gerd Fröbe wird mit "t" geschrieben, Gert Fröbe heißt er wirklich.)
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Wilfried Seyferth verunglückte tödlich auf der Fahrt nach Wiesbaden.

Geschichten aus der Afifa-Kantine

Die Tische der Afifa-Kantine können bereits eigene Geschichten erzählen. Die meisten Stars des deutschen und auch des österreichischen Films haben in den letzten fünf Jahren an ihnen gesessen und über Rollen diskutiert, über künftige Verträge.

Und auch über den Tod von Wilfried Seyferth gesprochen, der auf der Fahrt in die Wiesbadener Ateliers in der Nähe von Frankfurt im Auto tödlich verunglückt ist. Er sollte dabei sein in der „Goldenen Pest". Rene Deltgen denkt an seine Söhne Matthias und Fabian und seine Tochter Katrin, für die er allein zu sorgen hat, seit er geschieden ist.

Gunter Phillip kalauert fröhlich vor sich hin und übt sich unentwegt in Zweizeilern. Der Kantinenwirtin schreibt er unter ein Autogramm: „Die Schnäpse von Frau Knothe, erwecken selbst noch Tote".

Baby gesucht für „Vom Himmel gefallen"

Regisseur John Brahm sucht für „Vom Himmel gefallen" ein Baby und entscheidet sich für den kleinen Jörg Becker.
Für „Vom Himmel gefallen" baute die Trans-Rhein-Film „Unter den Eichen" eine amerikanische Botschaft in einem östlichen Staat. Joseph Cotton war der Botschafter, Eva Bartok eine Kinderschwester.

Deltgen dreht gerade „Unter den Eichen" den Film „Vom Himmel gefallen". John Brahm ist der Regisseur.

Erzählt wird von einem Baby, das den frauenlosen Herren einer amerikanischen Gesandtschaft in einem volksdemokratischen Staat klammheimlich in den Garten gelegt wird. Das Baby, ein Wiesbadener Baby, wird nach zahlreichen Probeaufnahmen gefunden und heißt Jörg Becker.

Zwei Monate lang kräht und lächelt es sich in die Herzen des Darstellerteams und dort vor allem in das Herz von Joseph Cotton und das von Eva Bartok, denn Cotton ist der Gesandte, dem das Bündel Leben plötzlich in den Händen liegt, und Eva Bartok die Kinderschwester, die hinzugezogen wird.

Einen intriganten „volksdemokratischen" Staatssekretär hat Rene Deltgen zu spielen, und Gert Fröbe wird zum dicken Gesandtschaftskoch.
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Januar 1955 - An der Hinterseite des Staatstheaters

Im Drehplan für die Komödie, der beim Kinostart „eine Kette köstlicher Szenen" bescheinigt werden, stehen natürlich auch Außenaufnahmen. Eine findet vor dem Staatstheater statt, an seiner Hinterseite und an einem Treppenaufgang nahe der Parkstraße.

Mächtige Scheinwerfer, auf Holzgerüste montiert, strahlen, obwohl die Sonne scheint, den kleinen Vorhof an, der samt Treppenaufgang nun (für das Filmteam) zu einem „volksdemokratischen" Außenministerium gehört. Hollywoodstar Joseph Cotton hat, wie sich das John Brahm, der Regisseur, so vorstellt, beschwingt die Treppe herunterzuschreiten und an einem Posten in Pelzmontur vorüberzugehen.

Das macht sogar die im Staatstheater Tätigen neugierig. An den Fenstern drängen sich die Gesichter, um die Arbeit an der Szene zu verfolgen. Zehnmal und mehr wird sie wiederholt. Am 17. Januar 1955 geschieht dies.

1955 - Auch der Staat profitiert von den Filmen

Die Szene füllt den letzten Drehtag. Nun geht die von der Trans-Rhein-Film produzierte Komödie an den Schneidetisch und ins Kopierwerk. Im April 1955 soll die Uraufführung sein. Monatelang hat „Unter den Eichen" eine Produktion die nächste abgelöst. Und nicht nur die Afifa, die die Ateliers vermietet, konnte davon profitieren. Mehr noch tat es der Staat.

Deutlich wird das in einer Aufstellung, die der Deutsche Industrie- und Handelstag 1954 veröffentlichte. Darin steht: Ein Schwarz-Weiß-Film, dessen Herstellungswert 772.000 Mark beträgt, bringt insgesamt an Steuern 1.057.000 Mark. Aufgeschlüsselt wurde das in: 740.000 Mark Vergnügungssteuer, 242.000 Mark Gesamtumsatzsteuer und 75.000 Mark Lohnsteuer. Im Klartext heißt das: die Steuereinnahmen liegen um 30 Prozent höher, als die Herstellungskosten. 3,7 Millionen Mark aber müssen eingespielt werden, um diese zu decken.

211 amerikanische Spielfilme gegeüber 103 eigenen Produktionen

Der Staat profitiert zwar gewaltig. Was aber unternimmt er für die Sicherstellung, den Ausbau und den Fortbestand seiner Filmindustrie? Der Staat fördert den Ruf nach weniger, aber anspruchsvolleren Filmen, setzt auf den künstlerischen und nicht auf den wirtschaftlichen Aspekt. Dabei verraten Statistiken eindeutig, daß bereits in der deutschen Kinobilanz 1953/54 211 erstaufgeführte amerikanischen Spielfilmen lediglich 103 eigene Produktionen gegenüberstehen.

Der Geldregen verschiebt sich von den Machern zum Verleih

Bundesbürgschaften fließen inzwischen eher den Verleihgesellschaften zu. Und das trifft Wiesbaden besonders. Produktionsgesellschaften sind hier einige ansässig, Verleihgesellschaften aber nicht mehr, eine bedeutende siedelte nach München über. Man sagt auch, daß die „oberbürgermeisterlose Zeit" der Filmstadt Wiesbaden sehr geschadet habe. Die organisatorische Stelle für den Filmexport ging nach Frankfurt, der Zentralverband der Filmtheaterbesitzer nach Düsseldorf und der Verband deutscher Filmproduzenten nach München.

In Wahrheit noch keine Angst vor dem Fernsehen

1955 - Noch zeigt das Fernsehen wenig Auswirkungen auf die Zahl der Kinobesucher. Im Gegenteil. Neue Lichtspielhäuser entstehen.

1955 - In Wiesbaden wurde in der Luisenstraße, an der Stelle, an der jetzt (1995) das Hertie-Kaufhaus steht, gerade der „Residenz-Palast" eröffnet (nachtrag 2015 : Sowohl das Residenz-Kino wie auch das Hertie-Kaufhaus sind Geschichte - beides abgerissen.) Ein Großraumkino mit über 800 Sitzplätzen war es anfänglich. Und in der Bleichstraße weist eine Baustelle auf die Entstehung des auch sehr großen „Arkaden" hin.

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