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(B) Blick hinter die Kameras

Anmerkung : 1964 - Die Kameras waren die wichtigsten Teile in den damaligen Fernsehstudios. Zu der Zeit war die legendäre Type der Robert Bosch Fernseh GmbH die sogenannnte KOD Kamera. Diese Kamera hatte eine Super-Orticon Aufnahmeröhre und auch sonst jede Menge an Röhren. Auf der Vorderfront gabe eine sogenannten Revolverkopf mit 5 Löchern. Das reichte für einen kleinen Dia-Projektor mit einem oder mehreren Testbildern und 4 verschiedenen Optiken. Ab 1964 hielt auch bei den Kameras die Transistortechnik Einzug und die KOF löste die KOD ab.
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Rundgang durch ein Fernsehstudio
Eindrücke zwischen Werkstätten und Schaltraum

Was ist ein Fernsehstudio?

Diese Frage ist nicht so kindlich, wie sie klingt, denn das Wort hat eine doppelte Bedeutung: Unter Fernsehstudio versteht man im engeren Sinne einen bestimmten Raum, in dem eine Sendung produziert wird. Die Größe solcher Studios ist je nach dem Zweck, für den sie vorgesehen sind, verschieden. Kleinere Studios, von der Größe eines Zimmers, dienen nur für Ansagen; größere, vom Format einer Turnhalle, für nicht allzu aufwendige Sendungen und solche, die die Grundfläche eines Fußballfeldes haben, für große Fernseh-Spiele und Unterhaltungssendungen.

Fernsehstudio und Fernsehstudio

Das Gelände aber oder der Baukomplex, in dem alle diese einzelnen Studios liegen, nennt man wiederum ,Fernsehstudio'. Solche Fernsehstudios sehen bei den einzelnen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik verschieden aus.

Bei den einen liegen die einzelnen Studios und ihre Nebenräume wie in einem großen Fabrikgebäude eng beieinander, zum Teil unter der Erde, bei anderen liegen die einzelnen Studios verstreut in einem parkartigen Gelände zwischen Grünflächen und Blumenbeeten. Der normale Betrieb, den man in einem Fernsehstudio antrifft, ist allerdings - unabhängig von der Bauform - überall der gleiche.

Ein Rundgang

Machen wir also einen Rundgang durch die Studios eines Fernsehstudios':
Es ist 17.10 Uhr. - Während vor dem Studio 4 des Familienprogramms ein kreisendes Rotlicht blinkt, weil gerade die Jugendstunde läuft, wird im Studio 1 ein Fernsehspiel heiß, daß heißt mit Kameras geprobt. Gleich nebenan im Studio 2 sind Maler und Requisiteure dabei, das Bühnenbild für eine musikalische Unterhaltungssendung fertigzustellen. Da werden noch Vorhänge an den Fenstern aufgehängt, Weingläser bereitgestellt und Teppichmuster auf den Boden gemalt, damit das Ganze wie ein Biedermeiersalon aussieht, so verlangt es das Drehbuch. Wirkliche Teppiche würden die Kameras bei ihren Fahrten behindern; die gemalten sind von echten nicht zu unterscheiden, und der Studioboden bleibt als glatte Fläche erhalten.

Morgen werden hier die Beleuchter einziehen, um unter der Leitung des Chefkameramanns die Dekoration, wie man das gesamte Bühnenbild nennt, kunstgerecht einzuleuchten, und übermorgen beginnen auch hier,heiße' Proben.

Blick ins Studio 5

Im Studio 5 des Regionalprogramms ist es noch dunkel, aber einen Stock höher, in den Büros, stehen die Telefone nicht still, laufen die letzten Meldungen ein, bringen Boten Fotos von politischen Ereignissen des Tages.

Pünktlich zur gewohnten Zeit muß das Programm mit den neuesten Tagesnachrichten, mit Bildeinblendungen und Interviews, mit Kommentaren und Filmberichten sendefertig sein.

Aktuelle Vorkommnisse bearbeiten

Übrigens, Film: Vor zwei Stunden traf die Meldung von einem Großbrand in der Innenstadt ein. 10 Minuten später war bereits ein Kamerateam mit Redakteur unterwegs, um an Ort und Stelle Aufnahmen zu machen. Ob der Film noch rechtzeitig fertig wird? Das Material ist zwar aus dem Kopierwerk gekommen, aber jetzt muß es noch geschnitten werden. Drüben in der Filmabteilung schwitzt eine Cutterin an ihrem Schneidetisch, um das Material, so wie es der Kameramann an der Unglücksstelle drehen konnte, auszumustern. Sie hat die Filmstreifen nach ihrer Brauchbarkeit zu sortieren und in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, die dem Zuschauer ein möglichst gutes Bild von den Vorgängen an der Brandstelle gibt.

Neben der Cutterin sitzt der Redakteur mit vielen Zetteln, auf denen er die Aussagen von Augenzeugen, Polizei und Feuerwehrleuten notiert hat. Aus diesen Notizen muß er zum Film noch einen erklärenden Text verfassen.

Auch in den übrigen Schneideräumen herrscht noch Hochbetrieb. Hier werden Filme für Sendungen der nächsten Tage bearbeitet: ein Tierfilm für das Familienprogramm, Sportreportagen und Modeberichte, eine politische Dokumentarsendung in Filmform und der Bericht über eine Expedition nach Alaska.

Den aktuellen Film sendereif machen

Mit dem Schnitt allein ist ein Film allerdings noch nicht sendereif. Die meisten brauchen außer einem Text noch Geräusche oder Musik. Dafür stehen ,TMs' zur Verfügung, so nennt man Tonmischräume, in denen der Begleittext aufgenommen und die endgültige Fassung des Filmtons hergestellt wird. In den Werkstätten, am anderen Ende des Geländes, machen sich die Schlosser und Schreiner, die Maler und Dekorateure für den Heimweg fertig. Sie hinterlassen aufgeräumte Hallen, in denen halbfertige Bauteile für kommende Sendungen stehen. An den Wänden hängen die dazugehörigen Entwürfe und Maßzeichnungen, wie sie ein Architekt nicht genauer ausführen könnte.

Der Filmabtaster (oder Filmgeber)

Inzwischen ist es 18 Uhr geworden. Im Raum des Filmabtasters läuft seit einigen Minuten der letzte Film der laufenden Jugendsendung. Der Filmabtaster ist eine Vorführmaschine, wie man sie in den Lichtspieltheatern verwendet. Das Bild wird allerdings nicht auf eine Leinwand geworfen, sondern in einem Spezialgerät durch den Elektronenstrahl abgetastet und damit in ein sendbares Fernsehbild umgesetzt.

Der Film ist auch im Hauptschaltraum zu sehen, in dem alle Leitungen des ganzen Fernsehgeländes zusammenlaufen. Im Schaltraum können die verschiedenen Studios untereinander oder mit den Geräten des Filmabtasters oder der Magnetaufzeichnung verbunden werden. Er ist das Herz des gesamten Studiobereiches. Von hier aus wird übrigens auch jede Sendung an die Post übergeben, die für den ,Transport' der Ultrakurzwellen auf den Richtfunkstrecken verantwortlich ist.

Auch das vom Sender über Luft ankommende Bild wird genau verfolgt. Diapositive mit bestimmten Texten wie ,Kurze Unterbrechung', .Bildstörung', ,Tonstörung' liegen für den Notfall bereit.

Blick ins Studio 3

Das Studio 3 liegt noch im Dunkel. Es ist ein verhältnismäßig kleiner Raum, in dem nur Scheinwerfer, ein paar Dekorationswände, ein Tisch, ein Stuhl und eine Kamera Platz haben. Von hier aus wird nach der Tagesschau die Sprecherin das Abendprogramm ansagen, in dem heute die Magnetaufzeichnung eines Fernsehspiels gesendet wird, das vor wenigen Wochen im Studio 1 produziert worden ist. Die Techniker im "Ampexraum" - so nennt man den Raum nach der Magnetaufzeichnungsmaschine - haben das Fernsehspiel bereits durchgeprüft. Es sind vier stattliche Rollen aus dem gleichen Material, wie man es von Tonbändern her kennt, nur etwa 8 mal so breit.

Die Jugendstunde ist inzwischen zu Ende gegangen. Mitwirkende und Techniker strömen ins Freie, und aus den Büros kommen Redakteure und Sekretärinnen, Produktionsassistenten und Organisationsfachleute. Sie alle gehören zum Fernsehen, denn mit Darstellern und Kameraleuten allein würde der große Betrieb nicht laufen.

Alles, was im einzelnen gearbeitet wird, muß vorher genau geplant, überlegt und vorbereitet sein.

Jedes Fernsehstudio, ob in Berlin oder Saarbrücken, in Frankfurt oder in München, ist so etwas wie eine kleine Stadt für sich, mit pausenloser, wohlgeordneter Betriebsamkeit, mit vielen fleißigen Helfern, deren Namen nie auf dem Bildschirm erscheinen, ohne die es aber kein Fernsehprogramm gäbe.

Die Außenübertragung - Beispiel Schwimmbad

Es war im Hochsommer. An einem Wochenende machten sich etwa zwei Dutzend Mitarbeiter des Fernsehens auf den Weg. Es galt, von Würzburg aus die deutschen Meisterschaften der Schwimmer und Springer zu übertragen. Im Laufe der Woche hatten Techniker der Bundespost bereits die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die geplante Übertragung auf alle Bildschirme der Bundesrepublik gelangen konnte. Das heißt: sie hatten eine Parabolspiegel-Antenne aufgestellt, von der aus die Fernsehbilder in Form elektromagnetischer Wellen vom Stadion drahtlos in das Netz der Richtfunkstrecken und Sender geschickt werden konnten.

Als die Fernsehleute eintrafen und mit ihnen der Übertragungs- und der Kamerawagen - beides LKWs vom Format ausgewachsener Möbelwagen - ging es sofort ans Auspacken und Aufbauen.

Verteilung und Aufbau der Kameras

Der Produktionsleiter hatte schon Wochen vorher zusammen mit dem Regisseur das Schwimmstadion besichtigt und die Standpunkte der einzelnen Kameras genau festgelegt.

Jetzt konnte er mit dem Plan des Stadions in der Hand seine Anweisungen geben: "Kamera 1 übernimmt das Springbecken und gehört also oben links hin. Kamera 2 wird ebenfalls hoch oben auf der Tribüne aufgestellt und erfaßt die Schwimmbahnen. Kamera 3 und 4 werden auf Rollstativen direkt unten am Beckenrand eingesetzt."

Die Verbindung zum Studio

Während die Kameraleute und ihre Helfer sich an den genannten Stellen einrichteten, zerlegbare Podeste aufschlugen, Stative und Kameras aufbauten und die Kabel zum Übertragungswagen zogen, schlössen der Bildingenieur und seine Techniker den Übertragungswagen - sie nennen ihn kurz ,Ü-Wagen' - an den Parabolspiegel der Bundespost an. Der Ü-Wagen ist ein rollendes Studio, genauer gesagt eine rollende Bild- und Tonregie mit allen Einrichtungen, die in einem normalen Studio in verschiedenen Nebenräumen untergebracht sind.

Im Ü-Wagen ist es sehr eng

Auf engstem Raum arbeiten hier Regisseur, Bildmischerin, Bildingenieur und Toningenieur, sowie vier Technikerinnen der Kamerakontrolle. Diese vier überprüfen nämlich anhand von Testbildern vor der Übertragung die Kameras und steuern während der Sendung das Bild ihrer jeweiligen Kamera elektronisch auf beste Bildgüte aus. Der Kameramann draußen braucht ,nur' für die optische Schärfe seines Bildes zu sorgen.

Der Ton beim Fernsehen

Über den Tribünen werden unterdessen Mikrofone eingebaut, die den Beifall und die Anteilnahme der Zuschauer aufnehmen - die "Geräuschkulisse". In der Nähe einer Kamera wird für den Sportreporter ein Platz eingerichtet, von dem aus er das ganze Stadion überblicken kann. Damit er aber nicht über Vorgänge berichtet, die die Zuschauer daheim nicht auf dem Bildschirm sehen, erhält er einen kleinen Fernsehapparat, den Monitor. So behält er immer den großen Überblick und spricht doch nur das an, was sich gerade auf dem Bildschirm ereignet.

3 Kameras und eine ganz Besondere

Drei Kameras haben inzwischen ihre verschiedenen im Revolversystem auswechselbaren Objektive erhalten. Mit ihnen können sie zum Beispiel einen Schwimmer im Wasser nah, halbnah, halbtotal und total zeigen. Das heißt, sie können verschiedene Bildausschnitte liefern, vom Schwimmer, der groß das ganze Bild ausfüllt, bis zu der Einstellung, in der man ihn klein neben allen anderen Wettbewerbsteilnehmern durch die Bahn des Schwimmbeckens krawlen sieht. Eine solche Übersicht nennt man eine ,Totale'.

Die vierte Kamera ist mit einer Gummilinse (Anmerkung : einer sehr teuren Vario-Optik - auch Zoom genannt) ausgerüstet, einer Optik, die den Wechsel von Naheinstellung zur Totalen stufenlos bewältigt. Mit ihr kann man aus der Totalen ohne Objektiv Wechsel bis zur Naheinstellung auf einen Schwimmer ,zufahren'.

10 Minuten vor Sendebeginn

Am Sonntagnachmittag, 10 Minuten vor Sendebeginn, werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Ü-Wagenbesatzung, Sportreporter, Kameraleute und Kamerahelfer sind auf ihren Posten. Die Gegensprechanlage zwischen Bildmischerin und Regisseur einerseits und den Kameraleuten andererseits wird noch einmal überprüft. Über diese Verständigungsanlage wird der ganze komplizierte Apparat während der Übertragung gesteuert.

16.00 Uhr

16.00 Uhr! Die Sendung beginnt und mit ihr das Zusammenspiel von Menschen und Technik.

Im Ü-Wagen weiß jeder, was er zu tun hat: Der Toningenieur regelt den Ton des Reporters und die Geräuschkulisse, der Bildingenieur und seine Helferinnen sorgen für die elektronische Bildqualität, und der Regisseur gibt die Anweisungen, auf welche Vorgänge sich die verschiedenen Kameras einzurichten haben. Die Bildmischerin neben ihm übermittelt diese Anweisungen über Mikrofon und Kopfhörer den Kameraleuten.

Ihre Zusammenarbeit ist ein unaufhörliches Gespräch, das so lange währt, wie die Sendung dauert. Außerdem muß die Bildmischerin von den angebotenen Bildern der vier Kameras jeweils das geeignetste ,auf Sendung geben', denn übertragen und empfangen kann man ja immer nur ein Bild. Das alles vollzieht sich auf engstem Raum. Die Sommersonne läßt die Temperatur im Wagen trotz Klimaanlage bis auf Saunahöhe ansteigen.

Die AÜ gegenüber dem Film

Während man einen Sportfilm vom gleichen Ereignis erst nach Tagen oder Wochen sehen könnte, erlebt man eine Direktübertragung des Fernsehens im Augenblick des Geschehens. Da kommt es auf äußerste Genauigkeit und Konzentration aller an. Einer ist auf den anderen angewiesen. Pannen müssen in Sekunden behoben sein. Das alles ist nur durch Gemeinschaftsarbeit, durch Team-work, im besten Sinne möglich.

Und was für dieses Beispiel gilt, trifft ebenso auf alle anderen Arten von Außenübertragungen zu: auf politische Veranstaltungen, Theater- Übertragungen, Konzerte und kirchliche Sendungen. Ein großes Team von Fachleuten und eine komplizierte Technik lassen uns, die Zuschauer, immer in der ersten Reihe dabei sein.

Live, Film und Aufzeichnung
Eine Klärung fachlicher Begriffe

Mit dem schönen Wort "Fernsehen" hat es so etwas auf sich: es wird heute von vielen Leuten gebraucht und oft versteht jeder darunter etwas anderes.

„Stell mir mal das Fernsehen an", sagt der Vater am Abend und meint damit den FERNSEHEMPFANGER. „Mein Onkel war schon im Fernsehen", sagt der kleine Klaus, weil er ihn in einer SENDUNG auf dem Bildschirm gesehen hat. Der Professor einer technischen Hochschule hält Vorlesungen über das ,Fernsehen' und behandelt dabei reine FERN-SEHTECHNIK. Frau Waldmoser aus Gumperdingen meint dagegen die FERNSEHREDAKTEURE, wenn sie auf ihren Brief schreibt: „Sehr geehrtes Fernsehen!"

Über das Fernsehen schimpfen

Wer über das Fernsehen schimpft, denkt dabei an das PROGRAMM, das von den Fernsehleuten gemacht und mit den fernsehtechnischen Mitteln ausgestrahlt wird. Und endlich kann man vom Fernsehen sprechen, als einer ganz besonderen FORM DER HERSTELLUNG EINER SENDUNG, etwa im Gegensatz zur Herstellung eines Films. Was damit gemeint ist, ist in wenigen Worten zu erklären.

Es beginnt vor der Kamera mit der Kamera

Die eigentliche Arbeitsweise des Fernsehens geht von der Fernsehkamera aus, besser gesagt, von drei oder vier Fernsehkameras, die ein und dieselbe Szene gleichzeitig erfassen. Eine von ihnen bringt eine ganze Tischrunde, die zweite zeigt nebeneinander sitzende Gäste und die dritte hat sich bereits auf einen Brief eingestellt, den einer der beiden Gäste aufheben und vorlesen wird.

Was ist "live" ?

Die drei verschiedenen Bilder kommen gleichzeitig auf das Mischpult der Bildmischerin und werden von ihr in sinnvoller Reihenfolge nacheinander über den Sender geschickt. So etwas nennt man eine Direkt- oder Live-Sendung (vom englischen Wort ,alive' = lebendig). Die elektrischen Impulse jedes einzelnen Bildes werden über Ultrakurzwellen ausgesandt und in der Bildröhre zu Hause wieder in Bilder zurückverwandelt.

Der Film im Fernsehen

Eine Spielhandlung also, die bei der Produktionsweise des Filmes mit einer Kamera nacheinander Stück um Stück auf den Filmstreifen aufgenommen wird (eine Arbeit, die sich über Wochen erstreckt), kann im Fernsehstudio in einem Zug aufgenommen und gesendet werden. Wie kommt es aber dann, daß auch im Fernsehprogramm Filme gezeigt werden ? Wäre es nicht einfacher, immer nur mit Fernsehkameras zu arbeiten?

Die Frage : live, Film oder Aufzeichnung ?

Dort, wo ein Fernsehspiel in zwei oder drei Innenräumen spielt, die ein Bühnenbildner im Studio aufbauen kann, ist die eigentliche Arbeitsweise des Fernsehens angebracht. Das gleiche gilt für überblickbare Außenübertragungen, wie Skispringen, Fußballspiele, Schwimmwettbewerbe, in solchen Fällen lohnt sich der große technische Aufwand mit Leitungen, Ü-Wagen usw. -

Wo eine Handlung an verschiedenen Schauplätzen spielt, zum Beispiel nacheinander auf einem großen Bahnhof, auf einem Flugplatz und in den Bergen, also an Orten, die man auch im größten Studio nicht naturgetreu nachbauen kann, empfiehlt sich die Produktionsweise des Films, weil es sich nicht lohnen würde, mit Ü-Wagen und allen technischen Einrichtungen dorthin zu fahren. Mit der Filmkamera kann man ohne große Schwierigkeiten an die erwünschten Orte gelangen, seine Aufnahmen ,in den Kasten' bringen und dann daheim den Film schneiden und zu einem Ganzen zusammenstellen.

Sportreportagen

Das gleiche gilt für Sportreportagen wie etwa für ein Straßenrennen der Radsportler. Die Strecke wäre viel zu groß, als daß man sie lückenlos mit Fernsehkameras besetzen könnte. Der technische Aufwand für eine solche Direktübertragung wäre kaum zu bewältigen. Also schickt man einige Filmkameraleute auf die Reise, die leichter beweglich sind und in der Nacht den Rennfahrern vorauseilen können zur nächsten Tagesetappe. Daheim wird dann das Material zusammengestellt. Im einzelnen ist es also immer eine Frageder Zweckmäßigkeit und des Aufwandes, die sich stellt, ehe entschieden wird, ob man ,per Fernsehen' oder ,per Film' produziert.

Einen notwendigen Zeitversatz planen

Zur Zweckmäßigkeit gehört noch ein weiterer Gesichtspunkt: Da soll morgens früh um 10 Uhr eine neue Brücke eingeweiht werden. Um 10 Uhr am Vormittag kann kaum jemand am Bildschirm sitzen. Also nimmt ein Filmkameramann die Einweihungs-Feierlichkeiten auf, eine Cutterin schneidet über Tag den Film zu einer kurzen Reportage, und am Abend läuft er im Programm zu einer Zeit, da die meisten Zuschauer zu Hause sein können.

Die Aufzeichnung (Wir haben erst 1964 !)

Nun geistert aber noch ein anderer, häufig unverstandener Begriff durch Zeitungen und Gespräche: Aufzeichnung. Was ist eine Fernsehaufzeichnung? Ist sie dasselbe wie ein Film? Nein! Eine Aufzeichnung kommt zustande wie eine Livesendung: mit Fernsehkameras. Aber die Bilder werden nicht über den Sender ausgestrahlt, sondern stattdessen auf ein spezielles (Video-) Magnetband aufgenommen und dort gespeichert bis zum Tag der Sendung.

Das Ampex-Band, eine amerikanische Erfindung, ist mit 2" etwa achtmal so breit wie ein normales Tonband. Auf ihm lassen sich Bild und Ton gleichzeitig festhalten. Man kann dieses Band wie ein Tonband ,bespielen', beliebig oft ,abspielen' und ,löschen', wenn man die Aufzeichnung nicht mehr braucht.

Wozu gibt es so etwas?

Erstens, damit man einmalige Produktionen gleichzeitig mit der Sendung aufzeichnen kann, so daß sie für die Zukunft nicht verloren sind, und zweitens, um Terminschwierigkeiten zu entgehen. Das heißt, wenn für den ersten Weihnachtsfeiertag ein Fernsehspiel geplant ist, so kann man sich ausrechnen, daß zu diesem Zeitpunkt die meisten Schauspieler unabkömmlich sind, weil sie an ihren Theatern auftreten müssen.

Im Sommer aber, wenn Theaterferien sind, haben sie Zeit. Also macht man einen Termin aus, zu dem alle Mitwirkenden frei sind, hält die Proben und zeichnet die Fernsehspiel-Produktion auf. Dabei herrscht die gleiche Konzentration, als wäre es eine Live-Sendung, denn es ist die Aufführung. Und doch nimmt die Methode der Aufzeichnung den Schauspielern eine große Belastung ab: Obschon jeder sein Bestes gibt, weiß er, daß notfalls immer noch eine Wiederholung möglich ist. Er braucht also bei der gewaltigen Anspannung, die das Spielen ohne Souffleur zwischen fahrenden Kameras mit sich bringt, nicht noch zusätzlich die Angst zu haben, daß die Sendung durch einen kleinen Fehler unwiederbringlich ,geschmissen' wäre.

Fassen wir also zusammen:

Fernsehsendung meint im engeren Sinne immer eine Sendung mit Fernsehkameras und Fernsehtechnik. Der Film hat bei entsprechenden äußeren Erfordernissen seinen Platz im Fernsehprogramm. Die Fernsehaufzeichnung ist weder Film noch Live-Sendung, sondern eine Sendung, die zwar mit Fernsehkameras produziert, aber auf Magnetband gespeichert wird, damit sie zu einem späteren Zeitpunkt ausgestrahlt werden kann.

Schauspieler ohne Publikum
Von der Arbeit bei einem Fernsehspiel

"Du, weißt du schon das Neueste? Es gibt Schauspieler ohne Publikum." Das sagte Christoph zu seinem Freund Michael. "Was? Schauspieler ohne Publikum? Daß ich nicht lache! Wo hast du denn diesen Unsinn her?" - „Von wegen Unsinn, das gibt es!" setzte sich Christoph zur Wehr. Er nahm seinen Verstand zu Hilfe, der ihm sagte: kein Schauspieler spielt für nichts und niemanden! Also gibt es keine Schauspieler ohne Publikum.

Natürlich spielt jeder Schauspieler für Zuschauer, und insofern ist das Schlagwort falsch. Andererseits spielen seit einigen Jahrzehnten Schauspieler nicht nur auf Theaterbühnen, sondern auch in Hörspielen, beim Film und beim Fernsehen. In allen diesen Fällen hat der Schauspieler sein Publikum, aber er hat es nicht immer zu der Zeit, da er seine Rolle spielt, und er hat es vor allem nicht dort, wo die Aufführung stattfindet.

Der Schauspieler im Fernsehen

Bleiben wir beim Schauspieler im Fernsehen. Ob er es besonders schwer hat, sei dahingestellt. Er muß jedenfalls, andersals beim Film, das ganze Stück oder zumindest ganze Akte ohne Unterbrechung durchspielen. Einen Souffleur gibt es nicht. Jedes Flüstern würde durch die Mikrofone hörbar werden. Der Text muß einfach ,sitzen'. Wenn einer in seiner Rolle stecken bleibt, bleibt das ganze Fernsehspiel stecken.

Der Schauspieler spielt auch nicht auf einen Zuschauerraum hin, sondern nach allen Seiten; eine Bühnenrampe gibt es nicht. Die Dekoration erfüllt das ganze Studio. Seine unmittelbaren Zuschauer sind die gläsernen Objektive derdrei oder vier Kameras, die während eines Fernseh-Spiels unaufhörlich durch das Studio kurven, um hier eine weite Totale, da die Gesichter zweier Gegner und dort eine wichtige Handbewegung in Großaufnahme einzufangen.

Es fehlt die Atmosphäre, die den Schauspieler im Theater trägt, das Echo eines aufmerksamen Publikums. Ja, nicht nur das: Die vielfältigen Erfordernisse der Fernseh-Technik legen jeden Gang, jede Bewegung und Haltung so genau fest, daß der Schauspieler sich sowohl auf seine Rolle und ihre Darstellung, als auch auf die Schwenks und Fahrten der Kameras einstellen muß.

Die stummen "Zuhörer"

Die ,Zuhörer' im Studio sind Mikrofone, technische Instrumente, kalt wie die Augen der Kameras. Sie nehmen jede geringste Regung der Stimme auf, aber auch den winzigsten Fehler und verbreiten ihn millionenfach. Von sehenden und hörenden Menschen sind im Studio nur zugegen: Beleuchter, Kameraleute, Aufnahmeleiter und viele andere Helfer, von denen jeder an seinem Platz sein Bestes leisten muß. Sie alle sind an das Werk gefesselt, so sehr, daß sie nach der Sendung genauso abgekämpft sind, wie die Schauspieler selbst. Von ihnen ist nicht das Echo eines Theaterpublikums zu erwarten. Ihre erste Pflicht ist es, stumm zu sein, und ihr großer Vorzug liegt in der Unauffälligkeit ihrer Arbeit.

Kann die Mitwirkung bei einem Fernsehspiel unter solchen Bedingungen einen Schauspieler reizen, wo er sich in seinem Spiel auf den Zentimeter genau auf Kameras, Mikrofone und Scheinwerfer einzustellen hat, wo er auf die Sekunde genau an vorher festgelegten Punkten stehen muß, wenn nicht der ganze Ablauf aus den Fugen geraten soll? Kann er da noch seine volle Kunst und freie Ausdruckskraft entfalten, von der man doch glaubt, daß sie sich erst durch die lebendige Partnerschaft mit dem Publikum zu höchster Vollendung steigere? Gewiß, eine leichte Arbeit ist das nicht. Aber sie hat doch ihren Reiz. Und dieser Reiz liegt darin, daß das Fernsehspiel die Vorzüge aller bisher bekannten Formen schauspielerischer Arbeit in sich vereinigt.

Der Unterschied zum Film

Mit dem Film hat es zum Beispiel die künstlerischen Möglichkeiten der Kameraführung gemeinsam, den Schnitt, die Fahrt, die Überblendung. Aber während beim Film mit einer Kamera das ganze Werk in kleinen Einstellungen, oft genug in völlig veränderter Reihenfolge gedreht wird, spielen die Schauspieler beim Fernsehen, ähnlich wie auf der Bühne, das ganze Stück oder zumindest große Teile in einem Zuge durch. Vom Funk dagegen hat das Fernsehspiel die Art der Verbreitung. Im Augenblick der Sendung sehen Millionen zu, um ein Vielfaches mehr, als in tausend Vorstellungen des größten Theaters der Welt.

Diese neuen Möglichkeiten erscheinen vielen Schauspielern so verlockend, daß berühmte Stars selbst Filmverträge ausschlagen, um für geringere Gage auch einmal in einem Fernsehspiel mitzuwirken: Als Schauspieler für 90 Minuten, ohne Plakate, ohne Jubel und Blumensträuße nach der Premiere.

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