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Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 21/1950 (1. Nov. Heft)
Das Editorial

BERLIN . FRANKFURT/M. • Nr. 21/1950/5.JAHRGANG FUNK­TECHNIK CHEFREDAKTEUR CURT RINT

Nachträgliche Rechtfertigung
(UKW wird kommen, flächendeckend)

Die Empfangsverhältnisse werden besser und der Rundfunkempfang wird schlechter. Wer's nicht glaubt, darf es nach­prüfen und bekommt deshalb seine monatlichen zwei Mark noch lange nicht zurück.

Mittel­wellen-Empfang mehr als kümmerlich

Ernsthaft gesprochen: auf Mittel­wellen ist der Empfang mehr als kümmerlich, und je weiter die Jahreszeit fortschreitet, desto mehr Kanäle fallen aus. Der deutsche Hörer möchte deutsche Sender aufnehmen — das ist sein gutes Recht und dafür bezahlt er. Kann er deutsche Stationen empfangen ? Nun, die Probe aufs Exempel wird jeder unserer Leser schon gemacht haben.

Wenn der (hoffent­lich . . .) brauchbar hereinkommende, nächstgelegene Orts- ­oder Bezirkssender kein passendes Programm bringt, was vor­kommen soll, dann beginnt wieder einmal die vergebliche Kurbelei am Rundfunkgerät. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob unser Wellenjäger einen Vierkreis-Super, einen soliden 6/7-Kreiser oder gar einen großen Ätherkreuzer besitzt. Ja, um es ehrlich zu sagen: wer mit einem modernen Großsuper das Wellenmeer durchpflügt, wird vielleicht mehr Ärger haben als sein Kollege, der mit einem billigeren Gerät fischt. Während das schmale ZF-Band des Sechskreisers manchen hohen Überlagerungspfiff abschneidet, pickt das Luxusgerät dank seiner blendenden Wiedergabe einer Lupe gleich auch die letzten tickenden Telegrafiestörungen und sonst unhörbare Schwe­bungen heraus. Dabei soll man dem Gerät nichts nachsagen, denn es tut sein Bestes . . .

Deutliche Verschlechterung zum Winter zu

Guter Fernempfang gehört in den Abendstunden zu den wenigen Glückszufällen des Daseins. Die Wellenlage ist fast verzweifelt zu nennen, zumindest auf den Frequenzen zwischen 520 und 1.602kHz. Die pessimisti­schen Vorhersagen unserer "Schwarzseher" (Anmerkung: hatte damals  noch nichts mit Fernsehen zu tun) über die Folgen der Kopenhagener Wellenverteilung treffen mit einiger Verspätung nun doch noch ein. Während des Sommers ging es noch so einigermaßen, denn die ungünstigeren Ausbreitungsbedingungen hielten die Feldstärken störender Sender aus Europas Rand­gebieten usw. meist so klein, daß die deutschen Stationen halbwegs klar und und sauber blieben.

Jetzt aber, mitten in der „besten Empfangsperiode des Jahres", darf man höchstens noch RIAS-Berlin, Leipzig und den Rheinsender (Wolfsheim) des Südwestfunks als fernempfangsbrauchbar bezeichnen. Fragen wir nicht nach München, Frankfurt, Stuttgart, Langenberg/Hamburg. Nichts als Pfeifen, Telegrafiestörungen, Wellensalat, selektive Verzerrungen und wie diese Mißtöne heißen mögen, die man dem geduldigen Rundfunkhörer an Stelle verständlicher Worte und klarer Musik anbietet.

Wer auf ausländische Sender ausweichen will, wird ebenfalls enttäuscht werden. Wir haben uns die Mühe gemacht, mit einem guten Gerät alle 142 Kanäle auf Mittel- und Lang­wellen nach Einbruch der Dunkelheit durchzukurbeln.

Hier ist das Ergebnis:

38 Kanäle klar oder nahezu klar, 7 Kanäle eben noch brauchbar, der Rest. . . siehe oben! In dieser Zählung sind natürlich auch alle deutschen Sender enthalten. Dabei ist leider zu befürchten, daß einige der noch guten Kanäle in Kürze ebenfalls zu den gestörten gehören werden, sobald der Frequenzbesitzer auftaucht und die inzwischen okkupierte Welle beansprucht, von der der Eindringling mög­licherweise nicht weichen will. Übrigens sind in vielen Fällen spanische Stationen die Sündenböcke, die sich zwischen zwei Kanäle setzen und beide verheulen. Es sind also Sender eines Landes, das man in Kopenhagen ignorierte.

Kehren wir zur deutschen Lage zurück, die inmitten des Wellenchaos besonders traurig ist — erstens wegen der Wellen­verteilung und zweitens aus der geografischen Lage im Zentrum Europas heraus. Die Sendegesellschaften haben nach Bekannt­werden der Kopenhagener Beschlüsse nach einem Ausweg ge­sucht, weil sie die heutigen Verhältnisse ungefähr vorhersahen. Sie sind zur Ultrakurzwelle (UKW) gelangt und haben parallel dazu den Bau von kleinen Mittelwellen-Relaissendern vorangetrieben in dem Bestreben, die Lage auf dem Mittelwellenbereich so gut es eben geht zu verbessern. Man betrieb also bisher im Sender­bau eine zweigleisige Politik.

Prioritäten setzen wird empfohlen

Das ist in mancher Beziehung verständlich, denn das Hemd ist näher als der Rock. Zuerst einmal muß man dem Radioabonnenten das Mittelwellenpro­gramm störungsfrei ins Haus schicken, dann erst darf man sich um ein zweites und drittes Programm bemühen. Die Ausbreitungsbedingungen dieses Herbstes haben aber ge­lehrt, daß schwache Mittelwellensender ein recht begrenztes Versorgungsgebiet besitzen. Sie müssen aus verständlichen Gründen stets auf Gemeinschaftsfrequenzen betrieben werden, die von vielen anderen Stationen mit unterschiedlichen Pro­grammen besetzt sind und mit fortschreitender Jahreszeit steigende Feldstärken liefern. Zu einem häßlichen Pfeifton langt es daher immer. Schwache Stationen auf einer Gemein­schaftsfrequenz (z.B. 1484 kHz) können im Winter wohl eine Stadt versorgen, niemals aber ein größeres Gebiet.

Diese Be­hauptung ist keine neue Erfindung, sondern beispielsweise in den USA bis zum bitteren Ende durchexerziert. Es tut uns leid, an dieser Stelle eine Lanze für die heute mancherorts so sehr geschmähte Ultrakurzwelle brechen zu müssen, aber was bleibt übrig, als aus den Zuständen dieser Herbstmonate die Konsequenzen zu ziehen ? Wenn im Winter ein 3kW Mittelwellensender (auf einer Gemeinschaftsfrequenz betrieben) ein viel kleineres Versorgungsbereich als erwartet hat, so besitzt umgekehrt ein gleichstarker UKW-Sender ein größeres als berechnet!

Mit UKW aus der Kriese

Die Moral von der Geschichte ist eben­so einfach wie überzeugend: es führt nur ein Weg aus der Krise, und der ist der forcierte Ausbau des UKW-Netzes! Der Hörer wird mitmachen, denn er muß es. Hat er erst einmal das ganze Elend des winterlichen Mittelwellenempfanges kennengelernt, so dürfte er von alleine zur weisen Einsicht gelangen, daß nur noch UKW helfen kann, zumal wir im Winter 1951 noch schlimmere Zustände erwarten müssen. Noch in diesem Sommer hatten wir den Eindruck, daß der UKW-Rundfunk eine erfreuliche Programmergänzung zur Mittelwelle darstellen wird — heute nähern wir uns der Auf­fassung, daß er vielleicht die Stütze der gesamten Rundfunk­versorgung Westdeutschlands sein wird.

So bitter sind die Er­fahrungen aus der besten Empfangszeit des Jahres.

K. Tetzner

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