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Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 12/1950 (2. Juni Heft)
Das Editorial

Nr. 12/1950 - 5. JAHRGANG - CHEFREDAKTEUR CURT RINT

Arbeit an der Zukunft - Über die Fernsehnorm

Deutschlands Eintritt in die europäische Fernseharbeit trifft mit einer Periode gesteigerter Aktivität auf diesem Gebiet zusammen. England wird in wenigen Monaten Fernsehteil­nehmer Nummer 500.000 buchen. In Frankreich wurde im April der zweite Fernsehsender eröffnet. Unsere Leser kennen aus unserem Beitrag in FUNK-TECHNIK Bd. 5 (1950), Heft8, den Stand und die Problematik der französischen Fernseh­entwicklung.

Holland installiert in diesen Monaten seinen ersten Fernsehsender in Lopik bei Amsterdam. Auch die Schweiz beginnt sich ernsthaft mit der Realisierung ihrer Fernsehprojekte zu befassen. In Dänemark läuft stundenweise der Versuchssender der Postverwaltung. Die spanische Regie­rung zeigt gesteigertes Interesse am Fernsehen, so daß die Übersiedlung der deutschen Experten Kleen und Schröter von Paris nach Madrid nicht von ungefähr kommt: In Osteuropa ist die Entwicklung ebenfalls in Fluß; Moskau hat einen neuen Sender erhalten, und die Produktion von Empfängern soll in einem größeren Rahmen angelaufen sein.

Schließlich ist die Lage in Hamburg zur Genüge bekannt, hier wird man bald mit den ersten drahtlosen Versuchssendungen beginnen. Ost­berlin und Leipzig, vielleicht auch der Brocken, werden neue Standorte von Fernsehstationen sein.

So weit zur Theorie - jetzt zur Realität

Das Fernsehen wird in Europa seinen Weg machen, unauf­haltsam und unbeschadet aller wirtschaftlichen und politischen Hemmungen. Leider ist die Einigkeit in technischer Hinsicht betrüblich gering. Wir hören täglich von neuem, welche Schwierigkeiten in der so wichtigen Frage der Zeilenzahl auftreten. Um es kurz zu wiederholen: Fernsehprogramme erfordern etwa fünfmal mehr Personal und einen siebenmal so großen finanziellen Aufwand als ein vergleichbares Rund­funkprogramm.

Diese finanzielle Belastung ist für eine Anzahl kleinerer Staaten nur tragbar, wenn ein Programmaustausch im großen Stil gepflegt wird. Gute Fernsehprogramme sind teuer, und weniger gute, also billigere, bilden keinen Anreiz für den Rundfunkhörer, sich einen Fernsehempfänger zu kaufen.

Alles spricht daher für einen forcierten Programm­austausch, dessen Voraussetzung jedoch eine einheitliche Fernsehnorm innerhalb Europas ist. Zeilen- und Bildwechsel- zahlen müssen gleich sein ... sonst bleibt nur die weniger empfehlenswerte Möglichkeit, Filme auszutauschen und auf alle Direktsendungen von Land zu Land zu verzichten.

Eine Frage der Politik, nicht der Technik

Seit Jahren bemühen sich die europäischen Experten um eine Einigung in der Zeilenzahl. Drei sich bekämpfende Gruppen sind zu unterscheiden. Zuerst ist England zu nennen. Man begann dort im Jahre 1946 mit der Vorkriegs-Zeilenzahl von 405 und den gleichen Geräten auf der Sendeseite. Die Steige­rung der Teilnehmerzahl ging besonders nach Eröffnung der Station in den Midlands zu Ende des vergangenen Jahres schnell vonstatten. Jeden Monat melden sich zwischen 30.000 und 40.000 neue Fernsehteilnehmer an, so daß im Laufe des Sommers, wie anfangs erwähnt ist, die Grenze von 1/2 Million überschritten werden dürfte.

0,5 Millionen Fernsehempfänger für 405 Zeilen sind ein Argument, dem nichts entgegengesetzt werden kann. Allerdings gibt man dies in England nicht gern zu, sondern verteidigt seine Norm mit vielerlei technischen Hinweisen, ohne im Herzen ganz überzeugt zu sein. Man kann jedoch nicht mehr zurück . . , jene 1/2 Million Empfänger sind ein Bleiklotz am Bein.

Wenn die englische Entwicklung halbwegs logisch ist, so ist die französische kapriziös. Aber noch kann Frankreich von seiner Zeilenzahl 819 zurück; denn die Zahl der für diese Norm einge­richteten Empfänger ist nur gering; sie steigt jedoch rasch an, zumal der neue 300-Watt-Sender in Lille ebenfalls mit 819 Linien arbeitet.

Sind wir Vorreiter und doch Aussenseiter

Diesen beiden Staaten gegenüber steht der Block der Länder, die sich für 625 Zeilen entschieden haben. Es handelt sich neben den östlichen Staaten (Rußland, Tschechoslowakei usw. einschließlich der Ostzone Deutschlands) um jene, die ihre Fernsehsendungen gerade beginnen wollen und somit noch volle Handlungsfreiheit haben.

Mit der Linienzahl und allen damit zusammenhängenden Fragen haben sich die europäischen Fachleute erneut be­schäftigt. In der Zeit vom März bis Mai dieses Jahres reiste die Studiengruppe Nr. 11 (Fernsehen) der CCIR (einer Unter­gruppe der International Telecommunication Union) nach Frankreich, Holland, den USA und anschließend nach England zum nochmaligen Studium der angedeuteten Probleme.

Nach Abschluß der Besichtigungen traten Mitte Mai die fünfzig Mitglieder der Studiengruppe, die elf Staaten repräsentierten, in London zu Beratungen zusammen, deren Ergebnis nach­stehend zusammengefaßt ist:
„Die europäischen Staaten werden ersucht, in Zukunft folgende technischen Einzelheiten der Fernsehübertra­gungen einzuhalten:

  • Bildformat 4:3,
  • Zwischenzeilenfrequenzen 2:1,
  • Unabhängigkeit der Bildfrequenzen von der Netzfrequenz,
  • Sendungen mit einem teilweise unterdrückten Seitenband.

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Alle wollen 625, nur England und Frankreich nicht.

Hinsichtlich der Zeilenzahl als Thema Nr. 1 sind keine ver­bindlichen Beschlüsse zustande gekommen. Großbritannien und Frankreich halten an 405 bzw. 819 Linien pro Bild fest, während sich die Vertreter von Belgien, Dänemark, Holland, Italien, Österreich, Schweden und der Schweiz für 625 Zeilen ausgesprochen haben. Diese letztgenannte Gruppe hat an den französischen Vertreter das Ansinnen gestellt, „seiner Regie­rung den Wunsch vorzutragen, Frankreich möge sich der europäischen Norm von 625 Linien anschließen..." Als Gesamtbandbreite bei der Bildaussendung wurde 7 ... 7,5 MHz empfohlen, endgültige Beschlüsse sollen jedoch erst später gefaßt werden.

Eine besondere Unterkommission unter dem Vorsitz von Dr. Walter Gerber, TV-Experte bei der schweizerischen PTT, wird noch im Laufe dieses Sommers zusammen­treten und die noch nicht festgelegten Einzelheiten der 625-Zeilen-Norm verbindlich auf einer Sitzung in Genf bestimmen. Deutsche Vertreter konnten an der Studienreise der Gruppe 11 der CCIR nicht teilnehmen, da Deutschland noch immer nicht ordentliches Mitglied der International Telecommunication Union (ITU) ist. Dr. Gerber beabsichtigt jedoch, in aller Kürze Fühlung mit maßgebenden deutschen Fernsehexperten auf privater Basis aufzunehmen, so daß das heikle politische Problem der Mitgliedschaft elegant umgangen wird.

Und was weiter ?

Anscheinend werden sich die 625 Linien auf dem Kontinent durchsetzen, vielleicht ohne, vielleicht eines Tages auch mit Frankreich — bestimmt jedoch ohne England. Dort hat man ein neues Argument vorbereitet: warum sich noch um 405 oder 625 oder meinetwegen 819 Zeilen streiten. Das Fernsehen wird sich nicht zum hochzeiligen Schwarz/ Weiß-Verfahren entwickeln, sondern das vorläufige Endziel dürfte das Fernsehen in natürlichen Farben sein. Dann aber ist aus Gründen der Bandbreite ein niederzeiliges System (lies 405!) vorteilhafter. Falsch, lassen sich die Verteidiger des hochzeiligen Systems vernehmen, die RCA sendet farbiges Fernsehen nach der USA-Norm von 525 Linien mit genau der gleichen Bandbreite wie gleichartige Schwarz/Weiß-Bilder. Soweit also sind wir im Sommer 1950 gekommen.

Karl Tetzner

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