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Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 05/1950 (1. März Heft)
Das Editorial

Nr. 5/1950 - 5. JAHRGANG - CHEFREDAKTEUR CURT RINT

ERP-Hilfe für die Elektroindustrie

Die Berliner Elektroindustrie hatte gegenüber dem Stand von 1939 etwa 24.000 Maschinen aller Art und dazu noch Zehntausende von Arbeitsplätzen mit ihrer gesamten Aus­stattung an Vorrichtungen und Werkzeugen usw. verloren. Die unmittelbar nach dem Zusammenbruch einsetzende Selbst­hilfe der Betriebe und ihrer Mitarbeiter konnte die Verluste zu einem Teil wettmachen. Im großen Durchschnitt wurden etwa 30% ausgeglichen.

Die Kapazität der Berliner Elektroindustrie betrug nach dem Zusammenbruch etwa 15% des Wertes von 1936 und wurde schrittweise verbessert. Gegen Ende des Jahres 1949 lag der monatliche Produktionswert bei etwa 40 Millionen DM (West), die rund 30% des Friedenswertes ausmachen. Die Zahl der Beschäftigten ging nicht in gleichem Maße zurück, und das bedeutet, daß die Wirtschaftlichkeit längst noch nicht den früheren Stand erreicht hat. Kurz gesagt, es werden viele Dinge noch mit der Hand oder mit unzulänglichen maschinellen Hilfsmitteln hergestellt.

Das ERP (European Recovery Programm) umfaßt 760 Millionen

Hier setzt jetzt das große Investitionsprogramm ein, das unter der Bezeichnung ERP (European Recovery Programm) läuft und einen Teil des Marshall-Planes darstellt. Es geht von der Voraussetzung aus, daß manche Industriezweige, darunter auch die Elektroindustrie, grundsätzlich gesund sind und mit Ertrag arbeiten können, wenn man ihnen die Mittel gibt, ihre maschinelle und sonstige Ausstattung den neuzeitlichen An­forderungen anzupassen.

In Westdeutschland sollen ungefähr 760 Millionen DM vergeben werden
, von denen 220 Millio­nen DM auf den Kraftwerkbau, 312 Millionen DM auf die Industrie, 82 Millionen DM auf den Wohnungsbau und der Rest auf landwirtschaftliche Zwecke entfällt.

Für Berlin sind rund 95 Millionen DM bereitgestellt, von denen 35 Millionen DM dem Wohnungsbau, 15 Millionen DM dem Handwerk, 5 Millio­nen DM der Post und der Bahn sowie 40 Millionen DM der Industrie zugute kommen sollen. An diesen 40 Millionen DM ist die Elektroindustrie mit 21 Millionen DM beteiligt, wodurch bewiesen ist, welchen Wert man gerade auf diesen Sektor legt. Hohe Einzelbeträge werden naturgemäß den Großfirmen zufließen, (Die AEG erhält 5 Millionen DM, die Siemens-Schuckertwerke 4,9 Millionen DM, Siemens & Halske 3 Millio­nen DM, Osram 1,7 Millionen DM, Lorenz 1,25 Millionen DM und Telefunken 1 Million DM. Einzelbeträge von 500 000 DM entfallen auf Blaupunkt, Mix & Genest, DeTeWe und Sanitas. Ferner sind noch Märkische Kabelwerke, Opta-Radio, Heliowatt und andere Firmen beteiligt.)

Überall fehlt Liquidität

Die für die einzelnen Firmen ausgeworfenen Summen sind Höchstbeträge, bis zu denen die benötigten Gelder nach Maßgabe des Fortschreitens der Investierungen abgerufen werden können. Ohne Zweifel ist der Bedarf an Elektrotechnik aller Art sehr groß, was jedoch nicht bedeuten kann, daß er schon in allen Fällen zu Aufträgen führt. Es ist einfach so, daß die Auftrag­geber nicht über die nötigen Mittel verfügen, um Bestellungen aufgeben zu können. Am meisten bekannt ist das von Bahn und Post. Sie müßten dringend ihre elektrotechnische Aus­stattung ergänzen und können sogar nachweisen, daß sich die Investitionen gut rentieren würden.

Allerdings sind sie nicht in der Lage, aus ihren laufenden Einnahmen Mittel für die Beschaffung neuer Anlagen abzu­zweigen. Die Berliner Telefonindustrie lebte früher vom Bedarf der Reichspost und muß jetzt besonders darunter leiden, daß Neubestellungen nur in kleinstem Rahmen erfolgen können. Wesentlich besser sind die Betriebe gestellt, die den mannigfachen Bedarf der Kraftwerke decken. Das Maschinenwerk der Siemens & Schuckertwerke in Berlin-Siemensstadt konnte z. B. unlängst bekanntgeben, daß es mit seiner gegenwärtigen Kapazität von rd. 60% des Friedens­wertes auf ein Jahr voll beschäftigt ist.

Von den gesamten Aufträgen entfallen 40% allerdings auf den Export. Der Rest verteilt sich überwiegend auf Aufträge der westdeutschen Elektrizitätsunternehmungen und der dortigen Zechen- und Hüttenbetriebe, die ihrerseits entweder ERP-Kredite be­kommen haben oder ihre Aufträge aus eigenen Mitteln finan­zieren.

Berlin hat einen Sonderstatus - dauerhaft

Die Kapitalausstattung der Berliner Elektrofirmen mit rd. 21 Millionen DM entspricht noch keineswegs dem tatsächlichen Bedarf. Bekanntlich bildet die Berliner Elektroindustrie den Schwerpunkt der gesamten Berliner Fertigungsindustrie, so daß eigentlich eine größere Summe hätte erwartet werden können. Die westdeutschen Elektrobetriebe erhalten wesentlich größere Summen. So hat z. B. die AEG für ihre Bauvorhaben in Mülheim 15 Millionen DM erhalten, während die Siemens-Werke, bestehend aus den Firmen Siemens & Halske und Siemens-Schuckertwerke, in Westdeutschland insgesamt 17 Millionen DM investieren können. Telefunken erhält für sein Röhrenwerk in Ulm rd. 3 Millionen DM. Für Westdeutschland sind also mehr als doppelt so hohe Beträge bewilligt.

Vom Berliner Standpunkt aus ist es sehr zu bedauern, daß in Westdeutschland mit den ERP-Mitteln eine Konkurrenz auf einem Gebiete verstärkt wird, auf dem Berlin früher führend war. Nun läßt sich allerdings die Entwicklung nicht rückwärts­drehen, denn schon vom Jahre 1939 an, nach dem Zusammen­bruch und insbesondere in der Zeit der Blockade konnte die westdeutsche Elektroindustrie teils durch Verlagerungen aus Berlin und teils durch Neugründungen viel Boden gewinnen. Immerhin sind Berlin noch einige Spezialgebiete verblieben, auf denen es seine führende Stellung beibehalten wird. Hierzu gehören vor allem die schweren.Maschinen, Bahnmotoren und Hochspannungszubehör. Die Telefonindustrie Berlins wird ebenfalls neues Leben gewinnen, wenn erst Bahn und Post wieder große Aufträge vergeben können.

Das ist unsere Perspektive

Von einem höheren Gesichtspunkt betrachtet, wird die Elektro­industrie durch die ERP-Mittel, die ihr entweder unmittelbar oder durch Aufträge der Abnehmer zufließen, großen Gewinn haben. Sie ist in der Lage, ihre Ausstattung an Maschinen und Laboratorien so zu ergänzen, daß sie wirtschaftlich arbei­ten und die Entwicklung in technischer und wissenschaftlicher Hinsicht weiterzutreiben in der Lage ist. Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt, daß der Abstand gegenüber dem Ausland bereits weitgehend aufgehoben ist und auch die Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht so erdrückend ist, wie man ursprünglich dachte. G. H. N.


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