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Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 19/1950 (1. Okt. Heft)
Das Editorial

BERLIN . FRANKFURT/M. • Nr. 19/1950/5.JAHRGANG FUNK­TECHNIK CHEFREDAKTEUR CURT RINT

Endlich - Die Industrie beginnt die Fernsehentwicklung

Das Fehlen des Fernsehens auf der Deutschen Funkausstellung in Düsseldorf hat die Kritiker auf den Plan gerufen. Die Extremisten unter ihnen beschuldigen den Nordwestdeutschen Rundfunk, mit der Industrie zusammen eine „Verschwörung des Schweigens" eingegangen zu sein und vorerst nichts über die Tätigkeit beider Gruppen auf dem Fernsehgebiet zu sagen. Dieses Geplänkel am Rande kann nicht darüber hinweg­täuschen, daß sich die westdeutsche und Westberliner Radio­industrie dem Fernsehen mit großer Energie zuwendet.

Daß Veröffentlichungen über ihre Tätigkeit gleich Null sind, darf uns nicht wundern und ist schließlich eine Privatangelegenheit der Firmen. Der NWDR hat nunmehr seine Pläne bekannt­gegeben, über die wir demnächst ausführlich berichten. Wir stehen am Beginn einer Entwicklung, deren Ausmaß nur annähernd abzuschätzen ist, und deren Bedeutung weit über den Einfluß hinausgeht, den der UKW-Rundfunk in letzter Zeit gewonnen hat.

UKW = eine Nebensache ? Fernsehen = eine Hauptsache ?

FM ist nichts mehr als eine erfreu­liche Ergänzung und auf lange Sicht eine Entlastung des Mittelwellen-Rundfunks. Fernsehen dagegen ist eine Revolu­tion, deren wirtschaftliche und psychologische Einflüsse kaum zu überschätzen sind.

Man muß nicht immer das amerika­nische Beispiel mit seinen Monster-Zahlen anführen, ein unseren Verhältnissen mehr entsprechendes Beispiel liegt direkt vor der Haustür. Wir meinen Großbritannien, dessen wirtschaftliche und soziale Auffassung uns Europäern trotz der Unterschiede näher steht als die amerikanische (Auffassung). In England erfolgt der Aufbau des Fernsehens seit 1946 „nach Plan" in einem Tempo, das möglicherweise der kommenden deutschen Intensität entspricht. Dieses englische Beispiel gibt uns einige Lehren, die wir nicht übersehen sollten.

Zuerst erfahren wir die Binsenwahrheit (die wir beim UKW-Rundfunk schon einmal überhörten), daß das Fernsehen in seiner Gesamtentwicklung von Schnelligkeit und Umfang des Senderbaues abhängt. Der Radiowirtschaft ist in dieser Anfangsphase tatsächlich nur eine Nebenrolle zugewiesen. Ganz am Anfang aller Überlegungen steht die Senderplanung, und sie darf sich nicht nur auf dem Papier wirkungsvoll aus­nehmen, sondern sie muß eingehalten werden, damit die „Fahrpläne" der Radiowirtschaft nicht durcheinanderkommen.

Unerfreuliche Auseinandersetzungen zwischen der Radio­industrie und den Sendegesellschaften bezüglich Aufbau von UKW-Sendern, 2. Programm usw. sind noch in guter Erinne­rung und reizen nicht zu einer Wiederholung. Schließlich sind die beim Aufbau des Fernsehens von beiden Seiten anzu­legenden Summen viel höher als beim UKW-Rundfunk. Das englische Beispiel gibt auch bei diesem Punkt zu denken. Wir hörten von Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Radio Industrial Council (entspricht der deutschen „Fachgemein­schaft 14 FUNK") und der BBC, wobei letztere mit Vor­würfen wegen Verzögerungen im Aufbau der Fernsehsender in Mittel- und Nordengland sowie in Schottland überhäuft wurde.

Somit gilt für Westdeutschland als Gebot Nr. 1: Abstimmung der Pläne für den Senderbau mit den Produktionsplänen der Industrie auf lange Sicht, um Pannen zu vermeiden.

Die Großindustrie

Die Industrie weiß, daß sie am Scheideweg steht. Eigene Fernsehlabors sind sehr teuer und verlangen neben einem Park von kostspieligen Meßgeräten auch eine Gruppe von Fachleuten, die in Deutschland dünn gesät sind und auf die daher förmlich Jagd gemacht wird. Die Fabriken überbieten sich, damit ihre „Fernseh-Mannschaften" auf „Sollstärke" kommen.

Nun bestehen innerhalb der Industrie Unterschiede in der Aus­gangslage. Einige Firmen besitzen einen Vorsprung, weil sie oder ihre Tochtergesellschaften (bzw. Mutter-Häuser) seit Jahr und Tag auf dem Fernsehgebiet arbeiten, oder weil sie ausgezeichnete Verbindungen zu Firmen und Ländern unter­halten, die mit der kommerziellen Auswertung des Fernsehens weiter sind als wir. Eine zweite Gruppe von Firmen verfügt zwar über die Mittel, um mit guten Aussichten in das Fern­sehen einzusteigen. Sie bemüht sich daher, Labors und Arbeits­gruppen aufzustellen und vor allem die Patentlage zu stu­dieren. Sie muß aber befürchten, mit der Eigenentwicklung zu spät zu kommen und steht daher vor der Entscheidung: beschleunigte eigene Forschung — oder Lizenzbau. An An­geboten für den letztgenannten Fall soll es dem Vernehmen nach nicht fehlen.

Die "Kleinen"

Die dritte Gruppe aber, jene große Zahl von mittleren und kleinen Gerätefabriken, kann sich noch nicht am großen Wett­rennen beteiligen. Es fehlen die finanziellen Kräfte, so daß ein Eingreifen vorerst unmöglich ist. Vielleicht ist das noch nicht tragisch zu nehmen, denn auch das Verkaufsgeschäft mit Fernsehempfängern wird langsam anlaufen und in den ersten Jahren den Absatz von Rundfunkgeräten nur wenig beeinflussen. Erst später dürften die Umsätze in Radio­empfängern schneller absinken.

Auf alle Fälle ist es falsch, das Fernsehen im Verborgenen blühen zu lassen und es als ausgewachsene Pflanze der staunen­den öffentlichkeit an irgendeinem Tage X vorzustellen. Neben allerlei sonstigen stichhaltigen Einwendungen gegen diese Praxis steht der Einwand, daß sich die Radiowirtschaft selber schadet. Der Bedarf an erfahrenen Fernsehleuten für Fabri­kation, Vertrieb und Service wird sehr groß werden, und der Radiomechaniker bringt auf Grund seines heutigen Aus­bildungsstandes nicht mehr als die wichtigsten technischen Grundlagen mit, so daß Schulung not tut! Nichts aber wirbt mehr für eine Beschäftigung mit den neuen Problemen, als eine gewisse Publizität, die erkennen läßt, wie wichtig Fern­sehen in Zukunft für unseren Berufsstand und darüber hinaus für jeden Teilnehmer werden wird.

Karl Tetzner

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