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Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 08/1950 (2. April Heft)
Das Editorial

Nr. 8/1950 - 5. JAHRGANG - CHEFREDAKTEUR CURT RINT

1950 - Deutsche Fernsehexperten in Paris

Von unserem nach Frankreich entsandten westdeutschen Redakteur KARL TETZNER

Als die Einladung des französischen hohen Kommissars zur Besichtigung des französischen Fernsehens in Paris erging, derzufolge elf westdeutsche und Berliner Fernsehexperten und zwei Fachjournalisten für einige Tage die französische Hauptstadt besuchten, war der Zweck dieses ersten offiziellen Treffens deutscher und französischer Fernsehfachleute nicht ganz klar.

Auch der rührige Organisator der Reise, Dipl. Ing. Weingärtner vom Südwestfunk, konnte keine rechte Auskunft geben, warum man ausgerechnet uns haben wollte. Erst später ging uns ein Licht auf. Im Rahmen der europäischen Fernsehentwicklung drängen die Fragen der Vereinheitlichung von Übertragungs- und Abtastnormen zur Lösung. Wenn wir von England absehen, sind alle anderen Länder noch immer in der Lage, ihre zukünftige Fernsehnorm frei zu wählen.

Die Diskussionen darüber sind im Gange, und sie müssen sehr gründlich geführt werden, denn wenn sich der Fernsehdienst eines Landes auf eine bestimmte Norm festgelegt hat und der Verkauf von Empfängern einsetzt, ist eine Änderung außerordentlich schwierig und für die Teilnehmer kostspielig.

Englands Fernsehen begann bereits 1946

Das Beispiel Englands zeigt dies sehr deutlich: dort begann der Fernsehbetrieb 1946 mit 405 Zeilen, d. h. der Vorkriegsnorm, und inzwischen sind nahe an 200.000 Geräte für 405 Zeilen verkauft worden - ein Zurück oder, besser gesagt, ein Vorwärts zu höheren Zeilenzahlen wird in absehbarer Zeit unmöglich sein, obgleich gewichtige technische Gründe für eine Erhöhung sprechen - und dies trotz englischer Dementis!

Unsere Leser wissen aus der FUNK-TECHNIK, wie sich die europäischen Länder inzwischen entschieden haben, bzw. dies zu tun im Begriff sind. Italien und Westdeutschland probieren mit 625 Zeilen. Rußland benutzt die gleiche Zeilenzahl für seinen Programmbetrieb in mehreren Städten und die Ostzone (Ostberlin) wird folgen. Der Fernsehbetrieb in Holland soll ebenfalls auf 625 Zeilen abgewickelt werden*), desgleichen der Versuchsbetrieb in Dänemark.

Auch Frankreich experimentiert mit Fernsehen

Frankreich steht zur Zeit allein. Man sendet in Paris mit 441/450 Zeilen; parallel dazu laufen Versuche mit 819 Zeilen - und eben diese Zeilenzahl war der Anlaß zur Einladung deutscher Experten. Zur Erklärung sei noch beigefügt, daß eine einheitliche europäische Zeilenzahl die Voraussetzung für einen wirksamen Programmaustausch ist, und der Programmaustausch wiederum die Vorbedingung für das Fernsehen überhaupt, wenigstens in kleineren, finanzschwachen Ländern. Fernsehprogramme sind so teuer, daß für kleine Länder keine Aussichten bestehen, gute Darbietungen zu liefern, ohne in ernste finanzielle Schwierigkeiten zu kommen.

Durch Regierungsdekret vom November 1948 ist in Frankreich entschieden worden, das niederzeilige Fernsehen unverändert bis 1958 fortzuführen, parallel dazu den Dienst mit 819 Zeilen aufzubauen und diesen schließlich alleinverbindlich zu machen. Man erkennt, daß sich Frankreich festgelegt hat und in einen Gegensatz zu der zentral- und osteuropäischen Entwicklung geraten ist.

England ist es ähnlich ergangen, ohne daß auf den britischen Inseln allein schon aus geografischen Gründen gleiche schwerwiegende Folgen wie im Fall Frankreich eintreten können.

Die (spätere) "Gerber-Norm" mit 625 Zeilen

Wir erwähnten, daß die „europäische Norm" mit 625 Zeilen vorerst außer in Rußland noch nirgends endgültig eingeführt worden ist. Alle Länder, einschließlich Westdeutschlands (NWDR) bezeichnen ihre Unternehmen als Versuchsbetriebe, denen noch nicht der Bleiklotz von Zehntausenden verkaufter Empfänger am Bein hängt. Man wird verstehen, wenn Frankreich versucht, „einen Nagel einzuschlagen", wie denn die "Television Franchise" bereits in Italien, der Schweiz (bei Genf) und in den Nordstaaten Europas mit Hilfe ihres fahrbaren Fernsehsenders Vorführungen des 819 Zeilen-Bildes veranstaltete.

Deutschland als Zentrale für einen intereuropäischen Programmaustausch ist daher für die europäische Fernsehentwicklung sehr wichtig, zumal - wie unsere Leser aus Heft 7/1950 der FUNK-TECHNIK erfahren haben - die Aktivität des NWDR und einiger Industriefirmen beachtlich wächst.

Zeittafel des französischen Fernsehens

  • 1929 Rene Barthelemy führt eine Fernsehanlage mit Nipkowscheibe und Neonlampe vor. Die Zeilenzahl betrug 30.
  • 1931 Henry de Frapce macht über einen Sender auf 220m in Le Havre drahtlose Fernsehversuche mit 38 Zeilen. Am 14.4. führt R. Barthelemy in der L'Ecole Superieur d'Electricite das Fernsehen erstmals öffentlich vor.
  • 1932 Auf Anregung des Postministers Georges Mandel wird in Paris ein ständiges Fernsehstudio eingerichtet. Der erste Sender wird auf dem Eiffelturm errichtet. Seine Wellenlänge beträgt 5m. Die Zeilenzahlen liegen zwischen 60 und 180.
  • 1937 Vorführung von Bildern mit 455 Zeilen auf der Pariser Weltausstellung; Projektion auf 1qm.
  • 1939 Am 31.März wird im Theater Marigny ein Großbild von 4qm Fläche vorgeführt. Bau des Eiffelturmsenders mit 30 kW für 441... 455 Zeilen.
  • 1940 Fernsehentwicklung ab 1940 unter Leitung Prof. Schröter.
  • 1943 In der Rue de Cognacq-Jay entsteht ein Fernsehstudio. Studium der Einseitenbandübertragung auf der 2m Welle. Konstruktion des Isophots und des Isokops bei der Comp. des Compteurs.
  • 1944 Am 1. Oktober Wiederaufnahme der regelmäßigen Fernsehsendungen unter französischer Leitung.
  • 1945 Beginn von Schulfunksendungen.
  • 1947 Werbefahrt eines fahrbaren Fernsehsenders mit 819 Zeilen durch die Schweiz und Skandinavien.
  • 1948 Am 20.11. Erlaß der französischen Regierung: 441- bzw. 450-Zeilen-System wird bis 1958 fortgeführt, 819 Zeilen als neue Norm.
  • 1949 Entwicklung des Gleichwellen-Fernsehrundfunks mit verschiedenen Programmen.

*) Die Entwicklung in Holland ist durch den Einfluß von Philips von besonderem Interesse. Wir entsandten unseren westdeutschen Redakteur daher, auch nach Eindhoven und berichten in Kürze über die dortige Situation.

IMPONIERENDER AUFBAU

Zum deutschen Teilnehmerkreis an der Frankreichfahrt gehörten Herren aus der Industrie (Fernseh GmbH., C. Lorenz AG., Siemens, Telefunken), den Sendegesell­schaften (NWDR, Südwestfunk) und des Fernmeldetechnischen Zentralamts der Bun­despost in Darmstadt.

Zusammen mit dem Chef der Radioabteilung beim französischen Hochkommissar, Commandant Ponelle, und einem weiteren hohen Beamten dieser Dienst­stelle, M. Eydoux, ging die Reise höchst be­quem im Leichtmetall- Versuchszug via Straß­burg vonstatten. Gummiräder dämpfen das Fahrgeräusch und verringern die Schienen­stöße, so daß die durchschnittliche Geschwindig­keit von 120 km/h nicht weiter auffiel.

1950 - Paris ist eine Reise wert

Paris und die Champs-Elysees empfingen die Reisegesellschaft in unzerstörter Schön­heit. La Belle Paris lag im verhangenen Glanz der kühlen Vorfrühlingssonne - aber das ellenlange Besichtigungsprogramm ließ wenig Zeit, das Bild der Stadt aufzunehmen. Erschreckend war der unerhörte Autover­kehr, doch lernte man rasch die elegante Kühnheit der Pariser Taxichauffeure und Herrenfahrer bewundern. Ich habe noch in keiner Stadt so viele Sünden wider die Ver­kehrsordnung gesehen wie eben in Paris. Aber Fahrer wie Verkehrsschutzleute, diese mit ihren koketten weißen Knüppelchen als Richtstock, quittieren alle Verstöße mit einem Lächeln. Es passierte nichts ... es ist ein Wunder und nicht zu erklären.

Das Mittagessen war vorsichtshalber bereits im Speisewagen eingenommen worden (wo­bei wir erschraken, als die Kellner unsere Rechnungen auf das Tischtuch notierten), so daß es nach Ankunft im Hotel ohne viele Vorbereitungen sofort zur ersten Station der Besichtigungstour ging.

Unser Bus steuerte 180, rue de l'Universite an, das Fernseh­zentrum der Television Franchise, in dem inmitten eines Bauplatzes - oder wie man es nennen mag - aus drei Häusern das zen­trale Fernsehstudio entsteht. Der erste Ein­druck war ein materieller: hier steckt neben viel Geist und technischem Können noch mehr Geld dahinter! Jahrelang mußte sich das französische Fernsehen mit so wenig Mitteln begnügen, daß man praktisch auf der Stelle trat. 1949 wurde es anders. Der Jahresetat soll gegen 220 Millionen ffr betragen haben, während für 1950 ein Vielfaches davon zur Verfügung stehen wird - wenn auch die anderwärts genannte Summe von 2 Milliar­den Franken übertrieben sein mag.

Bisher nur ein einziges Studio

Bisher gab es nur ein einziges Studio (No. 1) mit etwa 7.500 Kubikmeter Rauminhalt und 265 Sitzen für Zuschauer, dessen Anlagen einen recht veralteten und verstaubten Ein­druck machten - und daneben eine Frei­lichtbühne mit 56 qm. Die Bauarbeiten schreiten schnell voran. Mitte 1950 soll Studio No. 2 fertig sein. Es wird eine Grundfläche von 24x17m und eine Höhe von 7,5m haben und vorbildlich aufgebaute Beleuchtungs­einrichtungen mit Seilzügen und Beleuchter­bühnen. Im Bau und fertig bis Ende dieses Jahres - sind Studio No. 6 und 8, jedes 16x15m groß und 9m hoch. Weitere Pläne betreffen kleinere Sprecherräume (No. 3 und 5) mit rund 40qm. Modernisierung von Studio 1 und Aufbau einer weiteren Frei­lichtbühne (No. 10), die 20x50m groß sein dürfte und auf der Reportageanlagen ein­gesetzt werden sollen.

Die Kontrollräume der neuen Studios sind großzügig und etwa dem englischen System entsprechend ausgebaut. So können bei­spielsweise im Regieraum für Studio 2 nicht weniger als 10 Bilder wiedergegeben werden, darunter die Kontrollbiider für vier unab­hängig arbeitende Kameras, ein abgehendes (produziertes) Bild, das Kurzschlußbild, ab­genommen hinter dem Endverstärker, und schließlich das drahtlos vom Sender aufge­nommene. Bild- und Toningenieure sitzen vorn, dahinter der Regisseur mit seinem Stab, wobei alle Anwesenden neben den ver­schiedenen Kontrollbildern auch die Szene im Studio direkt durch schalldichte Glas­wände beobachten können.

Alles doppelt mit 441 und 819 Zeilen

Weitere Räume bergen die technischen Ein­richtungen. Die alte, .von der Comp. des Compteurs gelieferte Anlage für 441 Zeilen (wir verweisen auf die Abbildung auf S. 164 in Heft 6/1949 der FUNK-TECHNIK) ist noch in Betrieb und daneben die von der CTF ersteilten Verstärkerfelder und Impuls­geber für Filmübertragungen von 819 und 441 Zeilen.

Die beigefügten Abbildungen zeigen die Methode der Filmübertragung. Zwei Kino­maschinen sichern pausenlosen Ablauf und saubere Überblendung bei Aktschluß, ihr Bild wird über zwei in der Mitte ange­brachte Umlenkspiegel (siehe unten) direkt auf die Fotokatode der Bildröhre geworfen.

In Deutschland bereits modernere Filmataster

Diesen Weg hat man in Deutschland seit langem verlassen; bei uns erzeugt eine Katodenstrahlröhre einen sehr hellen und kleinen Lichtfleck, der zellenförmig über den abzutastenden Film geführt wird. Schwärzungsunterschiede werden von einer Foto­zelle in Stromschwankungen umgeformt. Die deutschen Fachleute waren von dem französischen Verfahren nicht überzeugt, und möglicherweise ist die starke Plastik bei den gezeigten Filmübertragungen auf Mängel des Systems zurückzuführen.

Die Vorführungen im Fernsehhaus am ersten Tag und die abschließenden Vergleichsdar-bietungen am letzten Tag ließen zumindest beim 819-Zeilen-Bild eine deutliche Überlegenheit der direkten Aufnahme mittels Bildröhre gegenüber der Filmsendung er­kennen. Die Filme zeigten neben Plastik oftmals Moirebildung und zu wenig Kon­traste. Unterschiede bestanden ferner - und das ist ganz natürlich - zwischen Kurz­schlußbildern und drahtlosen Aufnahmen über den Eiffelturmsender. Insbesondere scheint die Bandbreite von rund 12MHz beim 819 Zeilen-Bild nicht immer sauber durch den Empfänger zu kommen, so daß u. a. die Schärfe leidet.

Bildgüte kontra Aufwand

Die Vorführungen in Paris sollten eindeutig die Überlegenheit der 819 Zeilen gegenüber 441 oder 450 beweisen. Nun, das taten sie, zugegeben. Aber man darf nicht nach dem Aufwand fragen, der empfangsseitig er­forderlich ist (der Aufwand auf der Sende­seite ist einmalig und daher immer zu ver­treten). Es sei vorangeschickt, daß wir zwar beide Bilder (819 und 441 Zeilen) direkt nebeneinander sehen konnten, unglücklicher­weise paßten aber immer wieder die beiden Raster (Halbbilder) des 441-Zeilen-Bildes nicht ineinander, so daß die Zeilen oftmals paarig erschienen. Mit anderen Worten: die Bilder wirkten in solchen Fällen wie Aus­sendungen von 220 Zeilen! Der gleiche Feh­ler trat bei 819 Zeilen nicht auf bzw. konnte nicht erkannt werden.

Unsere deutschen Experten hatten genügend Stoff, das Für und Wider beider Systeme nicht nur zu prüfen, sondern auch zu dis­kutieren, und es soll ihnen überlassen bleiben, die letzte technische De­finition zu finden . . . Mir sei es gestattet, ganz schlicht mei­nen Eindruck zu schildern, etwa so, wie es ein Rundfunk­hörer tun würde, der sich einen Fernsehempfänger kaufen will und nun nicht weiß, welches System er wählen soll.

819 Teilen sind schon toll

Objektiv und ohne zuviel tech­nische Belastung betrachtet, ist das 819 Zeilen-Bild absolut überlegen, selbst unter Berück­sichtigung jener Fehler im Raster beim Bild mit 441 Zei­len. Die Auflösung ist so gut, wie wir sie vom Kinobild her gewohnt sind, und die Halbtöne kommen gut heraus. Bei entsprechendem Schaltungsauf­wand sind Helligkeit und Kontraste keine Frage. Die Spitzenleistung bildete die Vor­führung des hochzeiligen Bildes mit einem Sondergerät, das eine DuMont-Bildröhre mit 50cm Durchmesser enthielt.

Hier war ohne Rücksicht auf Kosten ein Gerät konstruiert worden, das absolut klare, ruhig stehende Bilder mit einer verblüffend guten Halbton­wiedergabe lieferte. Die 441 Zeilen-Bilder wirkten dagegen recht armselig. Eine be­sondere Delikatesse wäre es gewesen, da­neben die deutschen Bilder mit 625 Zeilen zu sehen, die ich wenige Tage vorher in den Räumen der Fernseh GmbH. betrachten konnte und die mir außergewöhnlich gut er­schienen.

Doch alles hat zwei Seiten

Soweit also die eine, die bessere Seite! Was Kosten und Aufwand anbetrifft, war jener Vormittag lehrreich, der im Kellerlabor von Thomson-Houston unter der freundlichen Führung von M. Delvaux, Chefingenieur der Abteilung Hochfrequenz, verbracht wurde. Die genannte Firma ist eine von nur drei Fabriken, die beide Typen von Fernseh­empfängern hersteilen, also Geräte für 441 und für 819 Zeilen. Das einfache Tischgerät für 441 Zeilen heißt „Dalila" und ist ein Geradeausempfänger mit einer gemeinsamen HF-Vorstufe für Bild- und Ton, zwei HF-Verstärker für das Bild mit anschließender Gleichrichtung und einstufiger „Video"-Nachverstärkung, ferner zwei HF-Stufen für den Ton, Gleichrichtung und NF-Endstufe mit Lautsprecher.

Er enthält insgesamt 16 Röh­ren vom Typ EF 50, EB 4, EBC 3, EF 6, EE3N, 4654, 6 N 7, 5X4 und 18S3 sowie eine Bildröhre von 9" = 22,8cm Durch­messer. Dieses Modell würde vergleichsweise in England etwa 50 Guineas kosten, während sein gegenwärtig verlangter Preis in Frank­reich 120.000 ffr beträgt oder etwa 1.500 DM. Es ist überflüssig zu sagen, daß er fest auf die Frequenz des Eiffelturmsenders abge­stimmt ist (Bildträger 46MHz, Tonträger 42MHz), so daß der Aufwand für Abstimm­mittel im Gegensatz zu amerikanischen Ge­räten minimal ist. Sobald die Serienferti­gung auf vollen Touren läuft, soll der Ver­kaufspreis auf 80.000 ffr = etwa DM 1.000,- ermäßigt werden.

„625 Zeilen ist ein ordentlicher Kompromiß"

Das Gegenstück ist das Modell für 819 Zei­len, bisher nur in kleinsten Stückzahlen auf­gelegt. Ton- und Bildträger liegen beim hochzeiligen Fernsehen in Paris auf 185,25 und 174,1MHz, so daß sich Geradeausver­stärkung von selbst verbietet. Man macht von der Überlagerungsschaltung Gebrauch und baut ein Gerät mit etwa 400 uV Emp­findlichkeit. Das 31cm-Bildrohr mit Aluminiumhinterlegung des Bildschirmes erhält 10kV Anodenspannung. Die ZF-Bandbreite liegt bei etwa 12 MHz (ZF-Band 43 ... 55 MHz), so daß die Kreise stark bedämpft sind und die Verstärkung je Stufe nur gering ist. Man muß daher vier ZF-Stufen benutzen, so daß der Aufwand ansteigt und das Gerät nicht unter 250.000ffr zu liefern ist.

Die vorge­führten Bilder konnten befriedigen, zumal unter Beachtung der ungünstigen Empfangs­verhältnisse im Herzen von Paris im Keller eines siebenstöckigen Hauses. Die Antennen­spannung wurde vom Dipol über ein dünnes Coaxialkafoel niedergeführt, wobei eine Dämpfung von rund 17db entstand. Möglicherweise genügen diese Angaben für das Verständnis des Problems: hochzeilige und gute, aber teure Bilder - oder nieder-zeilige, billige und wenig befriedigende Bil­der. Es war daher kein Wunder, daß der Eindruck auf deutscher Seite mit den Wor­ten ausgedrückt wurde „625 Zeilen ist ein ordentlicher Kompromiß".

Sender und Reportagewagen

Halb unterirdisch am Fuß des Eiffelturms steht der 30kW Fernsehsender für 441 Zei­len. Er wurde 1939 erbaut und galt bis zur Errichtung von Sutton Coldfield als der stärkste TV-Sender der Welt. Allerdings kommen oben auf dem Turm jene 30kW Trägerleistung nicht mehr an, 8kW ver­schluckt das 300m lange und 10Tonnen schwere Antennenkabel. Der Bildsender ist siebenstufig und entnimmt dem Netz die Kleinigkeit von 200 kW! Der Träger läuft auf 46MHz = 6,52m und übermittelt beide Seitenbänder. Der Ton wird mit 5kW amplitudenmoduliert auf 42MHz (= 7,15m) ausgestrahlt. Oben auf der letzten Plattform des imposanten Turmes steht der Versuchs­sender mit 500Watt für 819 Zeilen, der nur ein Seitenband mit etwa 12MHz Bandbreite überträgt; für später ist eine Erhöhung der effektiven Strahlungsleistung auf 3kW vor­gesehen.

Ein Über­tragungswagen

Besonderen Eindruck hinterließ ein Über­tragungswagen der Television Francaise, der für Reportagen in der Umgebung von Paris eingesetzt wird, Obgleich in den Kameras nur einfache Iconoscope der RCA benutzt werden und wir am Morgen der Vorführung diesiges Wetter hatten, waren die vorgeführ­ten Kurzschlußbilder von größter Brillanz, außerdem befriedigte die Tiefenschärfe in jeder Hinsicht.

Die Einrichtungen des Wagens stammen teilweise von SADIR. Be­merkenswert war ferner die Dezi-Strecke, mit deren Hilfe Bild und Ton zum Sende­haus gelangen. Der Bildkanal läuft auf 164MHz mit Amplitudenmodulation, wäh­rend zwei Tonlinien (eine für den Begleit­ton, die andere als Dienstverbindung zum Kontrollraum) mit Phasen-Impulsmodulation in den Synchronisierungslücken der Zeilen übertragen werden!

Eine andere Richtstrecke wurde bei der Companie des Compteurs in Montrouge bei Paris gezeigt. Sie benutzt ein amerikanisches Kly­stron auf 9.000MHz in FM mit ±6MHz Hub zur Übertragung des Bildinhaltes (819 Zei­len). Diese Anlage, bei der der Ton über Kabel läuft, war u. a. in Turin eingesetzt gewesen und überbrückte eine Strecke von 8km zwischen Fernsehstudio und Bildsender.

Zwei Programme auf einen Fernsehkanal ?

15 km nördlich von Paris liegt in einem Park das Schloß Monmorency, das heute als Forschungsstelle der PTT dient. Hier wurde uns eine technische Delikatesse serviert: Gleichwellenbetrieb zweier Fernsehsender mit verschiedenem Programm! Der Vorschlag geht auf M. Delvaux zurück und wurde vom Generaldirektor der Vereinigung der Radio­industrie, M. de France, ausgearbeitet. Man arbeitet mit „umgekehrten Kanälen** und benötigt keinerlei Sondergeräte zur Sendersynchronisation.

Die Versuchsanordnung war die folgende: Sender 1 wurde vom Eiffel­turm mit 500Watt / 819 Zeilen dargestellt (Bild: 185,25MHz, Ton: 174,1MHz). Sen­der 2 war die erwähnte fahrbare Station (Bild: 176,75MHz, Ton: 187,9MHz) - beide Sender liegen also „seitenverkehrt" zuein­ander.

Jede Station übertrug ein anderes Film­programm, und entsprechend den uns ge­machten Angaben müssen die Antennen­spannungen, die jeder Sender an der Antennenbuchse des gemeinsamen Empfängers erzeugt, wenigstens 6db Unterschied haben. In einem solchen Fall kann man von an­nähernd störungsfreier Wiedergabe beider Programme sprechen, die somit nur eine - Kanalbreite beanspruchen. Bei normalem Aufbau muß der Spannungsunterschied bis­her zwischen 25 und 40db liegen, sollen gegenseitige Störungen vermieden werden.

Man hatte uns freundlicherweise ein Feld­stärkemeßgerät hingestellt, und so konnten wir uns überzeugen, daß (immer gemessen an der Antennenbuchse) der fahrbare Sender 3,2mV und der Eiffelturm 4,6mV erzeugten. Das waren weniger als 6db, und so wan­derten immer noch leichte Störschatten quer durch das Bild beider Programme, die man sehr einfach durch Umschalten eines Hebels auswählen konnte.

Im Empfänger vollzieht sich der Übergang vom normalen auf den umgekehrten Kanal einfach durch Umschalten der Überlagerungsfrequenz. Außerdem liegen in der Zwischenfrequenz Sperrkreise, die den Träger und den Mittelteil der Seitenbänder des nichtgewünschten Senders entfernen, wobei diese auszusiebenden Frequenzen um etwa 35 ... 40db bedämpft werden. Je nach gewählter Überlagerungsfrequenz werden auch die Sperrkreise umgeschaltet. Wir werden hierüber demnächst in aller Ausführ­lichkeit in FUNK UND TON berichten.

"Plastisches Fernsehen"

Sollte dieses in aller Kürze geschilderte Ver­fahren die Probe in der Praxis bestehen, so ist ein Vorwurf gegen das hochzeilige Bild entkräftet. Man bemängelte nämlich u. a., daß die große Bandbreite von rd. 12MHz die Anzahl der verfügbaren Kanäle zu klein hält.

Zuletzt sei noch auf eine kleine Vorführung an Rande hingewiesen. Man zeigte uns "Plastisches Fernsehen". Hierbei wird das zu übertragende Objekt in üblicher Form von einer Bildkamera aufgenommen. Diese trug jedoch eine Spezial-Doppellinse und projizierte derart ein stereoskopisch ver­setztes Doppelbild auf die Fotokatode. Auf dem Bildschirm sahen wir denn auch zwei normalbreite Bilder in halber Höhe über­einander, die mit einem Betrachtungsgerät anzusehen und nach Art der Raumbilder zur Deckung und damit zur Plastik zu bringen waren. Unsere französischen Führer, voran M. Mallein, betonten allerdings, daß es sich lediglich um Versuche handelt, die ander­wärts (England, Rußland) auch durchgeführt werden.

Die Wirtschaft ...

Unser Besuch in Paris galt so sehr den technischen Grundlagen und Fortschritten, daß die wirtschaftliche Seite arg zu kurz kam. Wir erfuhren schließlich, daß es in Paris 15.000 Fernsehteilnehmer geben . . . soll! Jeder von ihnen muß (theoretisch . . .) jähr­lich 3.000ffr Gebühren zahlen, aber das tun in der Praxis höchstens 400 von ihnen! Alle anderen betätigen sich als „Schwarzseher".

Der Verkauf von Fernsehgeräten ist schlep­pend, teils aus Preisgründen, teils als Folge der oftmals wenig befriedigenden Pro­gramme. Neuerdings verweigert die Film­industrie die Hergabe neuer Spielfilme und es gibt allerlei Ärger mit dem französischen Gegenstück zur deutschen GEMA (Gesell­schaft für Autorenschutzrechte). Wie überall befürchten die französische Filmindustrie und die Kinobesitzer die Konkurrenz des Fernsehens.

Frankreich, das ist Paris ...... und in der Provinz ?

In der Provinz sind einige Sender vorge­sehen, aber über das Planungsstadium ist noch keiner hinausgekommen. Möglicher­weise beschleunigt sich das Tempo der Ent­wicklung, nachdem genügend Gelder zur Verfügung stehen. Das in der deutschen Fachpresse häufig erwähnte Abkommen zwi­schen Frankreich und England, demzufolge der Eiffelturmsender in Zukunft 405 Zeilen an Stelle von 441 aussenden soll, so daß direkt Programme von der BBC übernommen werden können, ist noch nicht ausgeführt.

Nach wie vor beherrschen Debatten um die Zeilenzahlen das Feld, wie auch die letzte Fernsehkonferenz in London im Januar dieses Jahres bewies. Man sagte sich freund­liche Worte, faßte aber keine Beschlüsse. M. Forche, Generaldirektor der Radio­diffusion et Television Francaise, läßt jedoch nicht locker und versucht weiterhin, „seine" Zeilenzahl von 819 in Europa durchzusetzen.

Ihm verdankt übrigens die FUNK-TECHNIK den reichen Bilderschatz dieses Beitrages, und für die freundliche Vermittlung sei an dieser Stelle M. Hebarrt vom Informationsministerium in Paris gedankt.

Uns fiel weiter auf, daß . . .

. . , die mittägliche Vorführung eines ein­fachen Tisch-Fernsehempfängers für 441 Zeilen in einem Radiogeschäft auf dem Boulevard Haussmann keine Offenbarung darstellte. Trotz Vorsatzlinse (die viel Licht wegnahm und den Betrachtungswinkel ein­engte und völliger Abdunklung der Vorführ­kabine blieb das Bild flau. Man übertrug eine Wochenschau, deren rasche Über­blendungen von Szene zu Szene nicht unserem Geschmack entsprach,

. , . das Radiogeschäft sehr mäßig ist. Be­fragte Rundfunkhändler klagten und wiesen daraufhin, daß „alle Welt schon einen Rund­funkempfänger hat". Technisch hat sich seit zehn Jahren nichts geändert, so daß der Reiz zum Neukauf fehlt, nachdem der kriegs­bedingte Nachholbedarf gesättigt ist.


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