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Historisches Wissen aus Heften, Zeitschriften, Magazinen

Artikel, Zitate und Infos stammen aus der Funk-Technik, der Funkschau, den RTMs, Kameramann, der FKT, den Schriften von Philips und Zeiss Ikon und Anderen. Mehr über die verfälschten historischen Informationen ab 1933 über 1945 bis weit in die 80er Jahre.

aus der FUNK-TECHNIK Nr. 04/1950 (2. Feb. Heft)
Das Editorial

Nr. 4/1950 - 5. JAHRGANG - CHEFREDAKTEUR CURT RINT

Ungenutzte Möglichkeiten

In den letzten Jahren hatten wir mancherlei Merkwürdig­keiten im Wirtschaftsleben zu bestaunen: Verbrauchsgüter, die früher typisch für die deutsche Ausfuhr waren, erschienen mit einem Male als „made in USA oder anderswo" in den Schaufenstern, angefangen von amerikanischen Streichhölzern bis zu französischen Radioröhren. Immerhin, dieser Zustand, der inzwischen wieder so gut wie überwunden ist, war schließ­lich nur eine Folge echten Mangels, ungenügender Eigen­produktion oder fehlender Rohstoffe. Bedenklicher ist schon, wenn vorhandene Entwicklungs- und Produktionsmöglichkeiten nicht ausgenutzt werden, obwohl sie sich geradezu auf­drängen.

Wir denken dabei tatsächlich an die Funkindustrie! Oder soll man es als selbstverständlich und vielleicht erfreulich betrach­ten, wenn einem Prospekte auf den Schreibtisch flattern, die in gutem und schönem Deutsch elektronische Geräte aus­ländischer Firmen anbieten? Ein Trost, es sind keineswegs Ramschbestände aus irgendeiner Kriegsfertigung, sondern durchaus neuzeitliche wichtige und nützliche Dinge wie Garn­prüfer für die Textilindustrie, Meßgeräte für die Bautechnik u. a. m., die hier angeboten werden, alles durchaus bemerkens­werte Schöpfungen der Industrieelektronik.

Dürfen wir uns abschotten ?

Wohlgemerkt, es ist nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß das Ausland an die deutsche Industrie Einrichtungen zu verkaufen sucht, die ihre Erzeugnisse zu verbessern geeignet sind. Wir möchten es im Gegenteil sogar als ein hocherfreu­liches Zeichen dafür ansehen, daß man jenseits unserer Grenzen vieles zu vergessen bereit ist, auch bei Unternehmen, die eine Besatzungszeit mit Treuhändern und allen Schikanen erleben mußten.

So also ist es nicht gemeint. Nehmen wir ruhig den technischen Fortschritt, wo wir ihn finden, denn wir möchten ja auch, daß andere ebenso denken und handeln. Aber sind wir Deutschen nicht - ganz ähnlich wie die Ameri­kaner - mit einiger Berechtigung stolz auf unsere technische Intelligenz ? Und hat nicht gerade die deutsche Hochfrequenz­technik viel ausländisches Lob für ihre Forschungs- und Ent­wicklungsarbeit erhalten?

Und nun sehen wir uns Angeboten gegenüber, die wir eigentlich anderen machen müßten! Gewiß, die Auswirkungen des Zusammenbruchs sind sehr schwer und haben uns ein ganzes Stück zurückgeworfen, aber auf der anderen Seite hat die Industrie doch schon gezeigt, daß sie aufzuholen vermag und von ihren schöpferischen Fähigkeiten nichts eingebüßt hat.

Gibt es bei uns einen Nachholbedarf an Entwicklung ?

Warum aber hat sie auf dem Gebiete der Industrieelektronik so wenig anzubieten? Ja, warum eigentlich? Es ist wirklich nicht schwierig, elektronische Regelgeräte und Ähnliches zu bauen, und ohne Zweifel leichter, als beispielsweise einen anständigen Superhet, geschweige denn einen Fernseh­empfänger herauszubringen. An der Schwierigkeit der Auf­gabenstellung kann es demnach nicht liegen, zumal bis in die Kriegszeit hinein von einigen Firmen grundlegende und wohl heute noch vorbildliche Entwicklungsarbeit in der elektro­nischen Schalt- und Regeltechnik geleistet wurde.

Wahr­scheinlich spielt die Tatsache eine Rolle, daß man von solchen Geräten keine Serien a la Volksempfänger auflegen kann, obwohl diese Überlegung nicht einmal stichhaltig ist. Denn schließlich gelten ja auch für den Preis andere Voraussetzun­gen, und es soll ja auch einmal eine Zeit gegeben haben, da man dem elektrischen Bügeleisen keine großen Chancen gab.

Der tiefere Grund aber - dafür liegen handgreifliche Bei­spiele vor - scheint darin zu liegen, daß selbst angesehene Unternehmen den Fragen der Industrieelektronik ziemlich ahnungslos und daher auch gleichgültig gegenüberstehen. Das ist wirklich zu bedauern, denn unter den tausend Zauber­kunststücken, die sich mit Elektronenröhren und Fotozellen vollbringen lassen, gibt es mehr als genug, die industriell von größter Bedeutung sind. Man braucht hier nicht nur Zähl­einrichtungen, Rolltreppenschalter und ähnliche harmlose Dinge im Auge zu haben. Vielmehr sei besonders an den Bereich, der Fertigungstechnik und des Werkzeugmaschinen­baues gedacht, bei demo elektronische Meß-, Prüf- und Regelver­fahren beachtliche Fortschritte hinsichtlich Genauigkeit und Ausschußverminderung mit sich bringen könnten. Auch in der chemischen Industrie gibt es kaum einen Vorgang, der sich nicht elektronisch überwachen und regeln ließe.

Nach der Einsicht sollte der Mut folgen

Was fehlt, ist offenbar die genügende Einsicht in die vor­liegenden Probleme auf der einen Seite und die ausreichende Kenntnis von den Fähigkeiten elektronischer Arbeitsverfah­ren auf der anderen Seite. Könnte man dem aber nicht sehr leicht abhelfen ? Ingenieurtagungen sind doch im allgemeinen nicht unbeliebt. Wie wäre es, die Hochfrequenzingenieure würden einmal zusammen mit den Maschinenbauern, Ferti­gungsingenieuren, Chemikern, Hüttenleuten usw. gemeinsam über das Thema „Industrieelektronik" beraten. Die einen würden dann erfahren, was es alles an nicht oder nur unvoll­kommen gelösten Prüf- und Regelaufgaben gibt, und die anderen, welche Aufgaben die moderne Elektronik überhaupt bewältigen kann. Schon dies allein wäre ein großer Fort­schritt.

Die verschiedenen bescheidenen Bemühungen um eine Entwicklung in dieser Richtung, die heute im Westen und Osten Deutschlands zu beobachten sind, würden durch eine Aussprache der Fachleute sicher ermutigt, und wir sind über­zeugt, daß daraus einmal ein fruchtbarer Zweig der Hochfrequenztechnik erwachsen kann, der der Nachrichtentechnik an Bedeutung nicht nachsteht.

Noch sind die Importe marginal . . .

Um noch einmal auf den Wettbewerb des Auslandes zurück­zukommen: es ist natürlich nicht übermäßig wichtig, ob einige oder sogar einige tausend elektronische Geräte dieser oder jener Art eingeführt werden. Wofür man aber kein Ver­ständnis aufbringen könnte, das wäre, wenn die deutsche Funkindustrie nicht von ihren großen Fähigkeiten auf einem Gebiet Gebrauch machen würde, das doch eigentlich gerade in Deutschland eine gesunde Grundlage und eine gewisse Tradition besitzt.

Vergessen wir nicht, daß wir Fertigwaren exportieren müssen, um leben zu können. Daher sollte alles, was der Qualitätsverbesserung dienen kann, der Industrie nutzbar gemacht werden, die in dieser Beziehung gern jede brauchbare Neuerung aufgreift.

Die Elektronik hat hier nicht nur eine Chance, sondern auch eine Verpflichtung. Sie wird wesentlich dazu beitragen können, die industrielle Rationalisierung weiterzutreiben, und zwar weniger von der menschensparenden als von der gütesteigern­den Seite her, ein nicht ganz unwichtiger Faktor bei der Beurteilung rationalisierender Maßnahmen. Daß sich Elek­tronik im Betrieb bezahlt macht, darüber kann es nach den Erfahrungen, die bereits vorliegen, keinen Zweifel mehr geben, ebensowenig wie über das Bedürfnis. W. R. S.


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