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Ein (historischer) Film entsteht in den "Artur Brauner" Studios

von Gert Redlich im Juli 2017 - Im Juli 2017 waren wir mit unseren historischen Fernseh-Kameras zu einem Filmdreh in die CCC Studios (Berlin Spandau) von dem uralten und ehemals sehr bekannten Regisseur Artur Brauner eingeladen. Die Firma, die er 1946 gegründet hatte, hieß „Central Cinema Companie". Und dort in Spandau direkt an der Havel baute er 1949 mehrere riesige große Filmstudios, - für damalige Zeiten nach dem katastrophalen Kriegsende im April 1945 ein sehr mutiges Unterfangen. Doch inzwischen haben wir 2017. Das sind jetzt fast (oder sogar über) 65 Jahre und das sieht man an allen Ecken und Ritzen.
Darum erst mal ein erster vorab fixierter Eindruck, was ich dort vorfand und was ich erlebte.
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Mein NAVI kennt keine Nummer 8

Ich kannte die CCC Studios (noch) nicht und mein NAVI kannte keine Nummer 8 in der Kleinen Eiswerder Straße. Und das, obwohl das Hausschild "Filmatelier Haselhorst" mit der großen Nummer 8 bestimmt schon viele Jahre dort hängt. Und diese (kleine schmale) Neben-Straße mit zwei ungewohnt schmalen Eisen-Brücken über die Havel ist recht lang und hat mehrere verschachtelte Ecken samt einigen verwunschenen "Objekten" oder "Liegenschaften". Das ganze Gelände war ja ehemals (bis Kriegsende 1945) eine Munitions- und Giftgasfabrik.
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nur Mut, so tief kann das nicht sein

Fährt man durch das unscheinbare Tor aus Maschendraht hinein . . .

. . . ist man zuerst mal erschrocken oder entäuscht. Es sieht dort am Eingang so aus wie nach dem Krieg und wie in vielen Städten und Orten auf dem Gebiet des Ossilandes. Doch Spandau gehörte zu West-Berlin. Ein uralter Backsteinbau aus den Trümmerteilen des zerstörten Berlin empfängt den Neuankömmling. Ein erster vorderer Bürotrakt ist aber "bereits" neu verputzt.

Die Beschilderung der Produktionsfirma UFA-Fiction sticht aus dem ungepflegten Studio-Arsenal - völlig konträr zum ersten Eindruck - positiv heraus, denn überall hängen sauber beschriftete Schilder für die Anlieferung und die Komparsen und die Parkplätze sowie zu den Wegen zum Produktionsbüro und dem Studio-Eingang.
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Hat man den kleinen See am Eingang zum Gelände mutig durchfahren . . .

erblickt man ein Highlight. Dort ist es also, das richtige Film-Studio. Sogar neu verputzt und wunderschön auffallend rot/rosa angemalt.
Es sind eigentlich zwei riesige Film-Studios nebeneinander mit einem Verwaltungsgebäude hinten dran. Auf der Rampe kann man ebeneerdig bis an die Hallentüren heran fahren. Die Rampe steht auf Pfeilern und ist somit vermutlich hochwasserfest. Das brauchte ich zum Glück nicht auszuprobieren, die Pfützen auf dem Parkplatz (am 2. und 3. Tag) waren nur 15cm tief. Über die rosaroten Studiobauten kommt weiter hinten (sorry, weiter unten) noch etwas.
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Die Legenden der Vergangenheit

Den Namen Artur Brauner (also doch Artur ohne "h") kennen die jungen Menschen schon lange nicht mehr, aber den von Curd Jürgens (Des Teufels General) und Romy Schneider (als Kaiserin Sissi) schon eher.

Die Studio-Türen sind mit diesen Namen versehen und nicht durchnummeriert, wieder etwas Besonderes.
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Die Lage an der Havel und Berlin Tegel

Die Lage an der Havel war sicher mal genial und optimal ruhig, jedenfalls bis der Flughafen Berlin Tegel in Betrieb ging und Temeplhof stillgelegt wurde. Diese Bild von unten zeigt, daß Air-Berlin mit den Filmstudios keine Gnade kennt.

An dem Winkel des Fotos (über Kopf geschossen) sehen Sie, daß die Ein- und Ausflugsschneise sehr sehr dicht neben den CCC-Filmstudios verläuft. Und die Flugzeuge sind sowohl beim Starten wie auch beim Landen noch sehr niedrig und damit sehr sehr laut.

Ein Blick in die CCC Studios

Auf dem CCC Gelände gibt es 3 große Studios und ein großes Freigelände. Ein Studio - vermutlich das erste Studio von 1947 (Bild rechts) - wird als "Atelier" benannt, die anderen zwei rot verputzten Studios liegen direkt nebeneinander. Die Dimensionen sind schon gewaltig, immer im Hinblichk auf die Zeit nach 1946. Damals war es schwierig, 12m oder sogar 18m lange Stahlträger zu "bekommen" oder zu "schrotteln" oder gar über die Besatzungsadministration zu "requirieren" oder sonstwie "zu klauen". Es gab einfach keine Stahlträger oder nur sehr wenige. Die vorhandenen Doppel-T Träger mußten gestückelt, also genietet oder verschweißt werden.

Andererseits gab es in Berlin jede Menge von den ganz normalen Klinkersteinen. Berlin war so gut wie vollständig zerstört und die Amerikaner und Engländer zwangen die verbliebene Bevölkerung indirekt, diesen Schutt mit der handgeschobenen Lore von den Straßen abzuräumen und auf große Halden zu kippen.

Steine gab es also genügend, doch auch Zement war rar. Und damit sind Dimensionen von 29m x 18m und fast 10m Höhe schon gewaltige Ausmaße. Das größte Film-Studio umfaßt 38m x 27m und das war dann mit fast 13m Höhe riesig. Es soll das größte Film-Studio in Deutschland gewesen sein.
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Ein Blick auf die Dimensionen der Studios

Die Kulissen sind natürlich oben offen - alle -, damit man mit den vielen Scheinwerfern bequem hinein leuchten kann. Und die Scheinwerfer hängen quer an ganz langen Traversen, die wiederum an Ketten von der Decke abgehängt sind. Die freitragende Hallen-Decke muß also schon einiges an Gewicht vertragen können. Aber auch ganze Kulissen werden an diese Ketten gehängt, weil sie oft weniger wiegen als Scheinwerfer.

Der Blick in den Himmel

Ein Blick auf die Schalldämmung

Weiter oben hatte ich den AIR-Berlin Brummer - einen von ganz vielen "Fliegern" - fast senkrecht von unten fotografiert. Wenn also "nebenan" ein Airbus 310 oder eine Boeing 737 startet, kann man draußen vor der Halle nichts mehr verstehen. Sind die Doppeltüren der Studios geschlossen, bekommt man davon (fast) nichts mit. Über der Innendecke des Studios ist ein zweites Dachgeschoß mit Schalldämmaterial vollgestopft und dennoch gibt es dort oben doppelte zu öffnende Dachfenster.

Ab und zu muss man die enorme Wärme der Scheinwerfer mal raus lassen, sonst ist es nicht mehr erträglich. Diese Dachfenster werden von unten pneumatisch geöffnet und geschlossen (aber nur vom Hausmeister).
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Ein Blick rund um die Kulissen

Die Kunst der Kulissen-Designer und Kulissen-Schreiner war mir in den Havel-Studios in Berlin in 2011 bereits aufgefallen. Jeweils von der oder den Kamera(s) aus gesehen war das perfekt. Würde man mit verbunden Augen hineingeführt, käme der Verdacht auf - "Träum ich das alles ?" oder ist das reale echte eine Zeitreise - also reif für die Klapsmühle.

Diese Kulissen hier waren super. Die Fensterrahmen waren echte alte Requisiten, also nicht nachgemacht, die historischen Flügeltüren waren massiv und nicht aus Pappe, sie schwingen (schwangen) vielfach hin und her. Der Fußboden war wirklich komplett mit echtem Parkett ausgelegt, damit der Schritt eines mit Lederschuhen bestückten Schauspielers auch richtg "soundet".

Doch das war ja nur die "halbe Miete". Der wirklich absolut echt nachgbaute Tanzsaal samt Bar und Eingang war bestimmt 120m² groß. Ich habe mir die große Bar, die Zwischen-Wände, die Treppen und die verglasten Flügel-Türen genau angesehen. Auch das war massiv, also super nachgebaut. Diese Bilder darf ich erst nach der ersten Sendung im ZDF veröffentlichen.

(1) die gesamte Kulisse von außen
(2) die Scheinwerfer-Batterie
(3) draußen sind die ganzen Scheinwerfer an
(4) und drinnen scheint die Sonne

Ein Blick auf das Licht bzw. die Beleuchtung von Heute

Bezüglich Licht und Beleuchtung hat sich in den letzten 20 Jahren die Technologie mehrfach um 360 Grad gedreht. Mit Einführung der Chip-Kameras wird bei weitem nicht mehr so viel Helligkeit gebraucht wie bei den alten Film - oder Röhren- Fernsehkameras.

Auch das mit dem "wir drehen" (einen Film) ist inzwischen Quatsch. Da dreht inzwischen gar nichts mehr, schon gar keine Kurbel mehr, es geht so gut wie alles elektrisch elektronisch und ferngesteuert und wird auf Halbleiter-Chips "aufgenommen".

Es ist erstaunlich, mit wie wenig Licht die modernen Digital-Kameras auskommen und einwandfreie Bilder liefern. Natürlich ist der Profi anspruchsvoller und möchte noch mehr raus holen, um für den späteren Schnitt Reserven zu haben. Auch weiß er einen nochmals gesteigerten Kontrast zu schätzen.

Aber viel wichtiger ist, das Licht wird (fast nur noch) für die Stimmung gebraucht. Mit dem Licht wird die Nacht und der Tag und der Sonnenschein oder auch der düstere Regentag "simuliert".

In unseren vier Bildern rechts sieht man ganz deutlich, wenn drinnen die Sonne zum Fenster herein scheinen soll, machen wir draußen eine Menge "Licht" an - und so sieht das dann aus.
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Ein Blick auf den Strom (von 1947)

Hier in den CCC Studios kommt - wie sooft in der Werbung - der Strom noch aus der Steckdose. (In den Havelstudios hatten sie damals 2 Generatoren eingesetzt, weil "die Steckdose" - der Hauptstrom-Anschluß der E-Werke - zu schwach war.) Hier in 8 km Entfernung scheint genügend "Dampf", also genügend Ampere verfügbar zu sein. Ich las dort etwas von 600 + 4mal 200 Ampere. Das ist natürlich eine Menge.

Doch bei den Elektroverteilungen sieht man das Alter ganz deutlich. Das sind nun mal 60 Jahre. Ein wenig wurde zwar modernisiert, weil es die alten (Drehstrom-) Stecker für die alten Steckdosen schon gar nicht mehr gibt. Doch das Auf- und Abbau-Licht in den Hallen wird immer noch an diesen Schaltern bedient.

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Die Lichttechnik ist "mitgebracht"

Für die Beleuchtung der Kulissen - also der geamten Szene - ist natürlich eine ganz andere Technik gefragt als nur Ein- und Ausschalten wie vor 50 Jahren. Auch sind die heutigen Scheinwerfer so gut wie alle elektronisch regelbar, sogar brumm und zwitscherfrei.

Ähnlich wie bei den anderen "Drehs", bei denen ich dabei war, sitzt ein Operator an einem Display oder Tablet und steuert seine Riesendimmer mit dem Zeigefinger.

Und alle Anweisungen bekommt er per Funk durch seine Ohrhörer (man nennt das auch Betriebsfunk) vom Chefbeleuchter und wenn dann die Szene fertig ausgeleuchtet ist, wird der aktuelle Zustand einfach abgespeichert. Heute ist das ein einziger Klick, riesige Licht-Konfigurationen als mit Namen benannte Einstellungen zu sichern.

Hier noch ein Blick auf die Menge der Zuleitungen von den Dimmern (Lichtsteuereinheiten) zu den einzelnen Leuchten (bzw. Steckdosen) innerhalb des Kulissen-Aufbaus.
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Ein kleiner Blick auf die "Film"-Technik

Es gibt da keine analoge "Film"-Technik mehr. In diesem Bild rechts sieht man, wie klein der eigentliche Kamera-Körper der Digitalkamera, der sogenannte Camera-Body geworden ist. Die Optik ist fast genauso groß, denn bei der Optik regiert immer noch die Physik. Bei der Halbleitertechnik jagt eine Innovation die nächste. Kauft man heute eine der besten und modernsten professionellen High-Definition- Kameras, ist die Morgen bereits wieder ganz normal und ein Jahr später schon veraltet.

Diese ARRI- Digital-Kamera "wohnt" hier auf dem Bild im Moment auf dem Dollywagen, kann aber mit wenigen Handgriffen auf ein mobiles Stativ oder eine Steady-Cam (um-) montiert werden.

Die schwarze alte analoge ARRI 35mm Kamera unten drunter (rechts im Bild) hatte schon lange ausgedient und ist heute nur noch Requisite.
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Ein Blick in die Kostüm-Requisiten

Der Requisite der Produktionsfirma gab ich mein Verspechen, über den eigentlichen Filmdreh so wenig wie möglich zu erzählen. Erst, wenn der fertige Film das erste mal gezeigt oder gesendet wurde, gäbe es keine Restriktionen mehr. Darum hier nur ein paar neutrale Einblicke, mit welchem großen Aufwand ein historischer Film versorgt wird, damit das Thema des Films authentisch und glaubwürdig dargestellt ist.

Über die Anzahl der Schauspieler kann ich wenig sagen, über die Anzahl der Komparsen schon mehr. Es müssten mehr als 60 Personen gewesen sein, die optisch alle ins Jahr 1959/1960 zurückversetzt wurden. Es sah jedenfalls sehr authentisch aus.

In dem großen Backsteinbau (das erste Studio am Eingang) war die Kostüm-Requisite untergebracht. Das war beeindruckend. Dort standen mehr "Klamotten" aller Stile, Größen, Farben usw. als in den Textilabteilungen von 3 großen Kaufhäusern.
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Nicht nur Liebe geht durch den Magen

Beim Film war und ist es fast überall üblich, das ("Film"- oder Dreh-) Team mit gutem Essen zu motivieren. Denn allzuoft geht es bis spät in die Nacht, wenn eine Szene einfach nicht klappen will. Die Team-Verpflegung vom Frühstück bis zum frühen Abend war insgesamt gut, aber nicht überragend.

In der Summe war es leider nur befriedigend, denn die räumliche Plazierung des Koch- und Buffet-Wagens war wirklich unglücklich ausgesucht und für den absehbar aufkommenden Regen schlecht gewählt. Bei strahlendem Sonnenschein fing das gesamte Team an, beim Mittagessen in der prallen Sonne fürchterlich zu schwitzen und einen Tag später bei stundenlangem Dauerregen "wateten" alle durch viel Wasser und durch den Schlamm zum Wagen. Da hätten ein paaar wenige Gitterroste oder lange Dielen vom Bau oder von einem Gerüstbauer Wunder gewirkt. Aber das kann man ja noch ändern.

Dafür, daß die Kanalisation auf dem gesamten Studio-Gelände seit vermutlich 40 Jahren verstopft ist und die beiden Hausmeister ihre Saug-Pumpen nicht im Griff haben (hatten), kann der Caterer natürlich nichts. (p.s. - Der lange Dauerregen war vom RBB Wetterdienst schon Tage vorher angekündigt worden.)
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Unser Beitrag - 2 Kameras aus 1959

Unser Beitrag zu dem Dreh waren die beiden optisch gut hergerichteten historischen FESE Kameras auf historischen Max Killi Holz-Stativen. Es klingt zwar noch etwas komisch, aber nach fast 50 Jahren ist solch eine Kamera als historisch zu bezeichnen.

Auf diesem Bild sieht man, es ist schon recht gut gelungen, das historische Ambiente nachzustellen.

Mehr über die alten FESE KOD und KOE Röhren-Kameras finden Sie hier.
Auch über diese Holz-Stative aus jener frühen Fernseh-Zeit finden Sie etwas mehr hier bei Max Killi.
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Bitte etwas Geduld, es geht weiter

Nach der Sendung des fertigen Films im ZDF (zur Zeit unbestimmt) und der Freigabe der restlichen Bilder (vom Set) durch den Produktionsleiter bzw. die Produktionsfirma bekommen Sie einen weiteren Einblick, wie sich diese historischen Kameras in die Kulissen eingefügt haben.

Wir sind natürlich selbst erpicht darauf, zu sehen, wie gut bzw. wie authentisch sich unsere Requisiten im fertigen Film darstellen.

Ich jedenfalls war ganz erschrocken, als in der Udo Jürgens Verfilmung "Der Mann mit dem Fagot" zwei ganz alte Telefunken M5 Studio- Tonbandgeräte mit offenen Bandwickeln senkrecht an der Rückwand des Tonstudios standen und sich die Bandwickel auch noch drehten. Das war mit Sicherheit nicht authentisch, das war Unsinn. Jedem Rundfunk-Mann hatte es den Magen rumgedreht.
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Es lohnt sich, denn es gibt auch dort viel zu erzählen und zu sehen.
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