Das Buch der "Filmspiegel" aus Wien "aus dem Jahr 1941 !!"
Österreich war 1941 bereits an das grossdeutsche Reich von Hitlers Gnaden angeschlossen, aber als kleines Anhängsel. Und der Wiener Autor Rudolf Oertel faßt die bis dato bekannte Historie des Kino-Films aus Wiener Sicht zusammen. Bis etwa Seite 120 (von 310) kommen zwangsläufig NAZI-Kultur-Gedanken moderat zum Vorschein, dann aber wird es überraschenderweise sehr befremdlich nationalsozialistsch judenfeindlich, genau wie überall im 3.Reich auch. Die einführende Seite finden Sie hier.
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DAS LEBENSRAD
Der Mensch empfindet es als selbstverständlich, daß er sieht, und nur die wenigsten sind sich dessen bewußt, daß diesem scheinbar so einfachen Sehen ein komplizierter optischer Vorgang zugrunde liegt; wie viele denken schon daran, daß wir eigentlich verkehrt sehen, daß auf unserer Netzhaut die Dinge buchstäblich „auf dem Kopf" stehen und nur unser Bewußtsein sie als aufrecht empfinden läßt?
Und ist es nicht mit vielen anderen Selbstverständlichkeiten ebenso, mit dem Gleichgewichtssinn, dem Empfinden von Farben, von Heiß und Kalt, von Hoch und Tief und so fort? Wie rätselhaft sind doch die einfachsten Dinge!
Wie das mit dem "Kino" funktioniert
Wenn wir im Kino sitzen und vor uns auf der Leinwand sich Leben zu regen scheint, so sind wir an dieses Wunder bereits so sehr gewöhnt, daß wir uns der Tatsache kaum bewußt werden, daß nur eine ganz bestimmte Eigenschaft unseres Auges uns befähigt, diese Täuschung für Wirklichkeit zu nehmen.
Wir sehen ja tatsächlich keine bewegten Bilder, sondern nur eine rasche Aufeinanderfolge verschiedener unbewegter Bilder, von denen jedes einzelne den Bruchteil einer Sekunde von der Netzhaut unseres Auges empfangen wird, dort aber nicht so schnell verschwindet wie das Bild selbst, sondern darüber hinaus noch eine zwanzigstel bis eine halbe Sekunde festgehalten wird.
Auf diesen festgehaltenen Eindruck, „auf diese Erinnerung des Auges", fällt nun schon der Eindruck des nächsten Bildes, vermengt sich mit diesem zu einer Einheit, und zwar so, daß die unverändert gebliebenen Teile des Bildes als ein und dasselbe Bild, die Unterschiede aber als Bewegung empfunden werden. Man nennt diese Erscheinung Nachbildwirkung, und schon Ptolemäus hat sie in seinem Werk „Optik" um 150 n. Ch. beschrieben.
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Es muß geradezu unbegreiflich erscheinen, daß die Beobachtungen des ägyptischen Gelehrten gänzlich begraben und im folgenden eineinhalb Jahrtausend auch in keiner Richtung hin weiter ausgebaut worden sind.
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Der Physiker d'Arcy im Jahre 1654 .....
Denn wirklich erst nach 1500 Jahren gewann der Physiker d'Arcy im Jahre 1654 dieselben Ergebnisse, als er im dunklen Raum ein Stückchen glühende Kohle an einem Draht im Kreise schwang. Er sah bei diesem Experiment nicht mehr das einzige Stück Kohle als glühenden Punkt, sondern bei schneller Drehung einen glühenden in sich geschlossenen Kreis.
Professor Tindall hat experimentell festgestellt, daß die „Persistenz der Gesichtswahrnehmung" für den Durchschnittsmenschen etwa eine Sechzehntelsekunde währt. Darauf fußt das ganze Wesen der Kinematographie.
Es kommt also auf weiter nichts an, als von einer Bewegung, die sich in einer Sekunde abspielt, sechzehn Bilder, entweder Zeichnungen oder Photographien, herzustellen und diese sechzehn Bilder in einer Sekunde dem Auge in irgendeiner Form wieder wahnehmbar zu machen. Wer das kann, kann lebende Bilder herstellen und zeigen. (Oskar Kalbus.)
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..... und Goethes Farbenlehre :
So einfach für uns diese Feststellung ist, so lange hat es doch gedauert, bis man ihr Wesen erkannte und sie praktisch erprobte.
Es gibt eine Menge von Versuchen, die in dieser Richtung angestellt wurden. Wenn man eine weiße Scheibe, von der ein Drittel rot ist, rasch dreht, so erscheint die ganze Scheibe rot. Dreht man umgekehrt eine Scheibe mit den Regenbogenfarben, so erscheint sie einfarbig grau.
Goethes Farbenlehre und sein Kampf gegen Newton beruht zum Teil auf dieser Beobachtung.
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Im Jahre 1821 - eine merkwürdige Erscheinung
Im Jahre 1821 wies in einer englischen Zeitschrift ein J. M. (John Murray?) auf eine merkwürdige Erscheinung hin. Wenn man das Speichenrad eines rasch fahrenden Wagens durch ein feststehendes Gitter hindurch betrachtet, beobachtet man ein mit dem Rad fest verbundenes, aber nicht rollendes, strauchartiges Gebilde krummer Streifen.
Diese „Zaunphänomen" benannte Erscheinung führte über komplizierte Untersuchungen zu weiteren Erkenntnissen, die Paul Liesegang in seiner „Erfindungsgeschichte des Lebensrades" anschaulich schildert.
So beobachtete Michael Faraday um 1830 in den Bleimühlen Maltbys zwei Zahnräder, die so schnell liefen, daß man bei gewöhnlichem Zusehen nichts von den Zähnen sehen konnte, betrachtete man sie aber hintereinander und ließ sie mit der gleichen Geschwindigkeit entgegengesetzt laufen, so erhielt man das schattenhafte Bild eines gleichmäßig in derselben Richtung sich drehenden Zahnkranzes.
Diese Erscheinung untersuchte Faraday experimentell mit Hilfe zweier Scheiben, die er sich aus Kartonpapier zuschnitt, jedes Rad bekam sechzehn Zähne, und siehe da, der Schattenkranz schien bei entgegengesetzter Geschwindigkeit die doppelte Anzahl, also zweiunddreißig Zähne zu haben. Verlangsamte man das eine Rad, so schien sich das Schattenrad ebenfalls zu bewegen, und zwar langsamer in einer Richtung, verminderte man beim anderen die Zahl der Zähne, entstand ebenfalls eine Scheinbewegung.
Die stroboskopische Bewegungstäuschung
In dieser Erscheinung haben wir den ersten uns bekannt gewordenen Fall einer stroboskopischen Bewegungstäuschung. Auf der gleichen optischen Täuschung dieser bescheidenen Papierräder beruht der Grundgedanke des Films.
An sonnenbeschienenen Wegrändern macht Faraday die Erfahrung, daß das Schattenbild einer Zahnscheibe in gewissem Maße die zweite Scheibe ersetzen könne. Hieran knüpft er die Erkenntnis, daß in gleicher Weise wie das Schattenbild auch das Spiegelbild wirke. Auf die vor dem Spiegel kreisende Zahnscheibe wendet er nun die mit den stroboskopischen Scheinbewegungen verbundenen Versuche an, indem er Kränze von Öffnungen verschieden großer Zahl anbringt. So entsteht die „Faradayische Scheibe".
Faradays weitere Experimente mit Spiegelbildern und „Faradayischer Scheibe" führten noch nicht bis zum Lebensrad, ihm blieb „die eigentliche Bedeutung dessen, was er geschaffen, verborgen, er ahnte noch nicht, daß er den Schlüssel zum Tore eines viel herrlicheren Reiches in der Hand hielt", wie Liesegang sagt.
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Das Thaumatrop (die Wunderscheibe)
Schon im Jahre 1825 konstruierten unabhängig voneinander Doktor Paris und Doktor Fitton das Thaumatrop (die Wunderscheibe), eine Papierscheibe, die auf der einen Seite zum Beispiel einen Vogel, auf der anderen Seite einen leeren Käfig zeigt; wird eine solche Scheibe mit Hilfe zweier Fäden rasch gedreht, so sitzt der Vogel plötzlich im Käfig.
Solche Spielereien haben sich bis in die Gegenwart erhalten. Noch heute schenken sich Liebende gelegentlich Ringe oder Amulette, die eine solche goldene Scheibe in der Fassung tragen. Auf jeder Scheibe stehen einzelne, scheinbar sinnlose Buchstaben, dreht man die Scheibe, so erscheint die Schrift „ich liebe dich". Es gibt auch Ringe, die sich nicht Liebespaare schenken, auf diesen Scheiben steht das Götzzitat.
Das Lebensrad von 1933
Für den Entwicklungsgang entscheidend war eine andere Erfindung: das Lebensrad, das unabhängig voneinander 1833 Simon Stampfer in Wien (1792-1864), Professor der praktischen Physik an dem polytechnischen Institut, und Josef Plateau (1801-1883), Professor an der Universität Gent, konstruierten.
Von Faradays Spiegelversuch ausgehend, erkannte Stampfer, „daß die bisher bekanntgewordenen Erscheinungen nur ein Element der unzähligen zum Teil überraschendsten Phänomene sind, indem sich nach diesem Prinzip die mannigfaltigsten Handlungen und Bewegungen an Menschen und Tieren der Natur getreu darstellen lassen".
Gleich ihm hat Plateau auf der Scheibe nicht mehr die Zähne ausgeschnitten, sondern ist zur Zeichnung übergegangen. Statt den Lücken legt er schwarze Flächen an, an Stelle der Zähne setzt er Spalten vor.
Liesegang beschreibt diesen Versuch: „Der Leser möge sich vorstellen, auf die Scheibe sei zu jedem Spalt eine Figur gezeichnet, und zwar immer wieder genau dieselbe Figur. Der Beobachter wird dann bei rasch rotierender Scheibe im Spiegel das ruhende Bild der Scheibe mit den gleichfalls unbewegten Figuren erblicken.
Nun stelle man sich aber vor, daß jede Figur von der nächsten etwas abweicht, derart, daß sie von Bild zu Bild allmählich ihre Stellung ändert. In diesem Falle wird das Auge an ein und derselben Stelle des Spiegelbildes von Moment zu Moment immer eine andere Stellung der Figur wahrnehmen, und diese rasch aufeinanderfolgenden Eindrücke rufen nun die Empfindung einer bewegten Figur hervor."
Plateau hatte bereits eine solche Bilderreihe für die Scheibe gezeichnet, und zwar einen Tänzer, der eine Tanzumdrehung in sechzehn Stellungen ausführt.
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Die Scheiben von Stampfer
Stampfers Scheiben sind zum Teil im Deutschen Museum München aufbewahrt. Es gibt da folgende Entwürfe: Springender Knabe, Absägen eines Holzes, Reiter, Ball werfender Chinese, tanzendes Paar mit Geiger, Frau am Ziehbrunnen, Karussell mit zwei Reitern.
Noch im gleichen Jahre der Erfindung ließ er seine Zauberscheiben vervielfältigen und Februar 1833 in den Handel bringen. Der Erfolg war so groß, daß sein Verleger folgende Mitteilung herausgeben mußte:
„Der außerordentliche Beifall, mit welchem unsere neuen optischen Täuschungsphänomene aufgenommen wurden, machten es der unterzeichneten Verlagshandlung unmöglich, die erste Auflage zu versenden, welche innerhalb vier Wochen rein vergriffen war."
Im Juli 1833 erschien dann „die zweite, verbesserte und vermehrte Auflage in acht Doppelscheiben", die (nach Poggendorf) zu einer „allgemein verbreiteten artigen Spielerei" wurden.
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So schnell wie es kam, verschwand es wieder
Aber so rasch das Lebensrad Verbreitung gefunden hatte, so bald verschwand es wieder. Dazu trugen wohl die vielen schlechten Nachahmungen bei. Jedenfalls wird es kaum ein Jahr später „als jetzt fast wieder vergessenes Spielzeug" bezeichnet.
Die am meisten verbreitete Form des Lebensrades ist die von Horner erfundene Wundertrommel. Die Bilder sitzen hier in einem mit Schlitzen versehenen Hohlzylinder, der um eine senkrechte Achse gedreht wird.
Die Dinge sind nun im Fluß. Der Kuriosität halber und nur um zu zeigen, welch weitverzweigten und mühsamen Weg so eine Erfindung geht, wie viele Verbesserungen Stück um Stück von den verschiedensten Erfindern zusammengetragen werden müssen, bis endlich einmal das entsteht, was wir als ersten Kinematographen bezeichnen können, möchte ich an Hand des Materials, das Paul Liesegang mustergültig in seinen „Zahlen und Quellen zur Geschichte der Projektionskunst und Kinematographie" gesammelt hat, die Entwicklung verfolgen. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, wohlgemerkt, bei weitem nicht alles.
Die Entwicklung der Projektionskunst und der Kinematographie
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1846. J. Müller aus Freiburg benützt das Lebensrad zur Veranschaulichung der Grundgesetze der Wellenlehre.
1852. Der Pariser Optiker Duboscq verbindet das Lebensrad mit dem Stereoskop.
1868. Der Engländer Wheatstone verfertigt ein Lebensrad, dessen Bildscheibe sprungweise und unmittelbar ohne Schlitze und Spiegel betrachtet wird.
1868. Linett erfindet den Taschenkinematograph. Die Bilder sind zu einem Büchelchen zusammengeheftet, das abgeblättert wird.
Zwei Jahrzehnte später erlebt dieses Spielzeug, nunmehr schon mit photographischen Reihen, nochmals eine große Verbreitung durch Skladanowsky in Berlin. Diese Büchelchen gibt es heute noch.
Ein vergrößerter Taschenkinematograph war das Mutoskop, das lange noch in Passagen und Bahnhöfen usw. als Schauapparat stand und für zehn Pfennig „pikante Szenen" zeigte.
1877. Der Amerikaner Dolbear macht das Lebensrad für Vorführungen im Auditorium tauglich.
Das Phenakistiskop von Plateau, eine verbesserte Form des Lebensrades
Man sieht förmlich, wie es Schritt für Schritt dem Kinematographen entgegengeht. Für uns scheint es ein kurzer Schritt, aber wieviel Gedankenarbeit, Erfinderphantasie und wie viele Kämpfe sind darin enthalten!
Vierzig bis fünfzig ähnliche Erfindungen, Prioritätsstreitigkeiten, Konkurrenzkampf, Enttäuschungen. Es ist ein Bild des Menschengeistes im kleinen, der ruhelos und auf tausend Wegen der Natur Stück für Stück von ihrem Geheimnis entreißt.
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Zwei Ideen auf dem Weg zur Kinematographie
So weit war es nun, jetzt mußte jemand auf den Gedanken kommen, die Projektionskunst der Laterna magica mit dem stroboskopischen Effekt des Lebensrades zu verbinden, und die Kinematographie war im Prinzip gefunden.
Da das stroboskopische Prinzip allgemein gültig ist, so muß es natürlich auch für die Projektion gelten. Man kann das leicht überprüfen. O. Kaibus führt hierfür ein Beispiel an. Wenn wir mit einer Laterna magica einen auf der Spitze stehenden einfachen Winkel (v) auf die Leinwand projizieren und nun mit einem zweiten Apparat eine senkrecht stehende Linie in das gleiche Bild leuchten, so daß sie einander decken, und diese beiden Figuren in rascher Abwechslung projizieren, so wird man zum größten Erstaunen nicht mehr zwei Figuren, sondern nur noch eine einzige Figur, die sich in deutlicher Bewegung befindet, beobachten können: einen Winkel nämlich, der zu einer Linie zusammenklappt und wieder zum Winkel auseinanderfällt.
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Franz Freiherr von Uchatius
Der erste, der nun das Lebensrad mit der Projektion verband und damit einen der allerwichtigsten Schritte vorwärts tat, war ein "Deutscher", Franz Freiherr von Uchatius, (Hierzu eine Anmerkung : Dieses Buch ist aus 1941, als Niederösterreich bereits heim ins Reich geholt worden war); geboren 1811 zu Theresienfeld in Niederösterreich, kaiserlich österreichischer Artillerieoffizier, gestorben 1881 als Feldmarschallleutnant zu Wien.
Er hat sich einen Namen gemacht als Erfinder eines Stahlbereitungsverfahrens, einer Vorrichtung zur Messung des Gasdruckes in Geschützen, eines Sprengpulvers aus nitriertem Stärkemehl, ballistischer Apparate, der Stahlbronzegeschütze (Uchatius-Metall) und der Ringgranaten.
Um seiner Verdienste um die kaiserliche Feldartillerie in den Freiherrnstand erhoben, beschäftigte er sich sozusagen nur nebenbei auch mit unseren Problemen und verband 1845 das Lebensrad erstmalig mit der Laterna magica, verbesserte 1853 seine Erfindung und führte lebende Bilder einem größeren Zuschauerkreis auf dem Schirm vor.
Auch er hat seine wichtigste Erfindung wie so viele andere, wie gesagt, nur nebenbei gemacht und kaum eine Ahnung von ihren Folgen gehabt. Als er gelegentlich dem seinerzeit berühmten Taschenspieler und Wiener Vortragskünstler Ludwig Dobler von seinem Apparat erzählte, war dieser sofort Feuer und Flamme, fuhr mit Uchatius sogleich in die Kaserne und erstand ihn für hundert Gulden.
Mit diesem Apparat reiste Dobler dann durch die größten Städte Europas und hat so als erster berufsmäßig lebende Bilder gezeigt. Er hat sich damit ein Vermögen erworben. Liesegang nennt diesen interessanten Mann, dem er eine eigene Abhandlung (Kinotechnik 1919, Band I) gewidmet hat, . den Vorfahren der Kinounternehmer.
Uchatius selbst hat sich mit seiner Erfindung nicht weiter beschäftigt. Aber andere griffen die Idee auf und versuchten auch schon die Photographie in den Dienst der Sache zu stellen. Aber noch fehlte die Momentaufnahme. Man half sich daher mit gestellten Zeitaufnahmen. So mußte eine Kaffee trinkende Dame neunmal eine sorgfältig vorbereitete Stellung einnehmen und jedesmal für die Belichtung stillhalten, im Endeffekt schien sie dann die Schale an den Mund zu führen. Das Prinzip war gefunden.
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