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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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(32) Und immer wieder E. (mein Klassenkamerd Ewald)

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„Er kann KEIN guter Arzt sein! Er sieht viel zu gut aus!"

„Sie haben, wie jeder Mensch, ein Recht darauf, gesund und schmerzfrei zu sein!" Das sagte mir Dr. Hubertus Hötzl, Chefarzt der Inneren Klinik Wilmersdorf, der ehemaligen Privatklinik des sagenhaften Vorgängers von Sauerbruch, Professor August Bier.

Hötzl sah unbeschreiblich gut aus - eher wie ein Filmheld als ein Arzt. Er war zu Heide gerufen worden, als diese - mitten in einer Serie von „Minna von Barnhelm" - Asthma-Anfälle bekam. Er stand allabendlich mit einer schweren Spritze in der Kulisse.
Heide: „Er kann KEIN guter Arzt sein! Er sieht viel zu gut aus!"
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Hötzl wußte fast immer sehr bald, was los war

Er war aber nicht nur ein guter Arzt, sondern sogar ein vorzüglicher. Er ist ohne Zweifel der beste, den ich je konsultiert habe. Im Verlauf der vielen Jahre, die inzwischen vergangen sind, erwies er sich als ein für mich geradezu fabulöser Diagnostiker.

Ich bin nicht oft krank, aber das eine oder andere stößt einem ja doch im Verlauf der Jahre zu, und das gleiche gilt für die Familie und Freunde. Ich war - bedingt durch meine vielen Reisen - schon in vielen Städten bei vielen Ärzten.

Aber wenn keiner half, schon weil keiner genau wußte, was mir gerade fehlte, flog ich von wo auch immer nach Berlin, und Hötzl wußte fast immer sehr bald, was los war. Und heilte.

Der Grund des Phänomens:

Hötzl ist einer der wenigen Ärzte, die sich für ihre Patienten interessieren. Sehr früh schon, etwa Mitte der 1950er Jahre, als ich einmal in seiner Klinik lag, hörte ich sein Credo, daß jeder Mensch ein Recht auf Gesundheit hat.

Er hätte hinzufügen können: „Und es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, daß er gesund wird." Er gehört zu den Menschen, ohne den ich mir mein Leben gar nicht vorstellen könnte. Hötzl rühmt meine Konstitution - leider haben nicht alle, an denen mir etwas liegt, eine solche Konstitution.
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Oder sollte ich sagen „hatten"?

Denn viele von ihnen leben nicht mehr. Der Preis des Überlebens ist, daß es einsam um einen wird. - Das erstaunliche ist: Der Massentod vieler meiner Lieben in der Hitler-Zeit war für mich vor allem ein Grund zur Empörung, zur Wut. Das Sterben von einzelnen in den letzten Jahren berührte mich tiefer, erschütterte mich, ich muß es gestehen, weit mehr.
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Wir schreiben jetzt 1977 und ich bin 75 Jahre geworden

Fast alle, die ich in Hollywood gekannt habe, sind tot - und das Seltsame daran, zumindest für mich: niemand scheint es zu merken oder gar traurig darüber zu sein.

Mein guter Freund, Peter Lorre, den ich in Berlin kannte, den ich in Paris kannte, den ich in Hollywood kannte, starb ein bißchen zu früh. Aber die vielen Drogen! Und die ständigen Entziehungskuren!

Vicki Baum starb, wohl schon Anfang Siebzig, sehr schnell und wohl so, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie litt seit Jahren an einer Art latenter Leukämie. Die Ärzte warnten: eine besondere Anstrengung oder ein Sturz würden die Leukämie aktivieren, so wenigstens habe ich es verstanden.

Sie tat einen Sturz in ihrer Küche - wenige Stunden später war sie tot. Ihrem Wunsch entsprechend, publizierte ihr Mann eine falsche Stunde für die Beerdigung. Als ihre Freunde kamen, war schon alles vorbei. Nicht einmal ihre Söhne waren benachrichtigt worden. Sie lasen vom Tod ihrer Mutter in der Zeitung oder hörten davon im Radio.
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Und jetzt kommen merkwüdige Fragen auf .....

Manchmal ertappe ich mich dabei, daß ich beim Durchsehen meines privaten Telefonbuches mir die Frage stelle: „Wie lange wird dieser Name noch hier stehen?" Es vergeht kein Jahr, ohne daß ich den einen oder anderen ausstreichen muß.
Wie gesagt: der Preis des Überlebens.

Wenige Wochen, bevor diese Zeilen geschrieben wurden, erfuhr ich vom Tod zweier alter Freunde. Fritz Lang, fast erblindet und kaum noch fähig, sich zu bewegen, starb in seinem Haus in Beverly Hills. Und Arnold Gingrich vom „Esquire" war, nach langer, schwerer Krankheit gestorben.

Vorbei ... vorbei ...
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Da war Pem. (er hieß Paul Markus)

Als der Krieg ausbrach, mußte er das Erscheinen seiner „Bulletins" einstellen, sie wären vielleicht spionageverdächtig geworden. Was sollte ein durchschnittlicher englischer Zensor mit der Unzahl der ihm unbekannten Namen anfangen? Er wußte ja wohl kaum, wer Billy Wilder war, oder Otto Preminger oder Curt Riess. Code-Namen? Agenten?

Außerdem wurde Pem, der Kleine, Schmächtige, Bebrillte, vorübergehend Soldat und völlig ungeeignet. Und es bleibt für mich ein Rätsel, daß Hitler trotzdem den Krieg verlor. 1945: Wiederauferstehung der „Bulletins" - und nun hatten sie mehr Daseinsberechtigung als je zuvor.
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Pem war quasi der Vorläufer des Suchdienstes

Wer wußte noch, wo wer steckte? Wer ein Kriegsopfer geworden war? Wer durch die Nazis umgekommen war? Erstaunlicherweise wollten das jetzt mehr Menschen wissen als je zuvor.

Ich gestehe, daß ich seinem Unternehmen der Privatberichte anfangs reichlich skeptisch gegenüberstand. Ich konnte nicht recht glauben, daß es einen Emigranten besonders interessieren könnte, zu erfahren, was aus den anderen geworden war.

Das hatte damit zu tun, daß ich mir in den USA bewußt eine neues Leben aufbaute, losgelöst von dem alten. Ich wollte ja Amerikaner werden und wurde es in mehr als einem Sinn. Ich heiratete eine Amerikanerin, ich verkehrte mit amerikanischen Autoren und Verlegern. Und doch, ich kann nicht leugnen, daß mich Pems Mitteilungen interessierten. Und das ging auch anderen so.

Durch Pem hielten wir Kontakt.

Wir bedauerten einander, wenn es uns nicht gut ging, wir waren stolz aufeinander, wenn auch nur einer von uns etwas erreichte, sei es ein Drehbuch zu verkaufen oder eine Rolle zu ergattern. Pem wußte ja alles, Pem kannte jede Adresse.

Was Pem uns gewesen war, wurde uns erst klar, als er nicht mehr da war, um Auskunft zu geben. Um Bericht zu erstatten.

Bericht zu erstatten. Tue ich das nicht auch in diesen Erinnerungen, die sich ihrem Ende zuneigen? Eine Bilanz von vielen möglichen Bilanzen.
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Nostalgie?

Warum nicht? „Die Erinnerung", so sagte ja wohl Jean Paul, „ist das Paradies, aus dem wir nicht getrieben werden können."

Ich müßte einmal wieder Jean Paul lesen. Ich habe viel gelesen, aber manchmal scheint mir - nicht genug. Ich stehe vor meiner Bibliothek und sehe die Bände und finde, ich müßte dies oder jenes noch einmal lesen: Shakespeare, natürlich, immer wieder, und Goethe und Balzac und Thackeray und Dostojewsky und ... und ...

Und weiß doch, daß mir nicht mehr so viel Zeit bleibt, um auch nur einen Bruchteil vom dem zu lesen, was ich lesen möchte, sollte, müßte.
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Ich fuhr auch nochmal nach Würzburg .....

Um diese meine Erinnerungen zu schreiben, fuhr ich auch nach Würzburg. Ach, es ist nicht wiederzuerkennen.

Nicht mehr unverwechselbar wie in meiner Jugend. Eine 08/15-Stadt mit Pizza-Kneipen und Einheitspreisläden, mit vielen Taxis und hastenden Menschen und mit fast allem, was man heute in anderen kleinen Städten auch findet.

Das neue Theater ist natürlich technisch dem alten überlegen, aber dieses hatte Stil, das neue nicht. Das neue könnte überall stehen, das alte gehörte zum barocken Würzburg.

Die Synagoge, die 1938 niedergebrannt wurde - im Verlauf der sogenannten Kristall-Nacht -, hat man, sehr verkleinert, an anderer Stelle wieder aufgebaut. Dort, wo die Synagoge stand, ergehen sich jetzt auf einem Sportplatz angehende katholische Priester, die in einem nahegelegenen Seminar untergebracht sind.

Die meisten Würzburger von heute wissen gar nicht mehr, wo die alte Synagoge stand oder daß es überhaupt eine gab. Oder daß es Juden gab - ich glaube in meiner Jugend achthundert Familien.

Auf der Gedenktafel für die Toten zweier Weltkriege ist kein einziger jüdischer Name zu finden. Kein Erinnerungsmal an die unzähligen ermordeten Würzburger Juden. Ja, doch eins! Auf dem jüdischen Friedhof, weit draußen vor der Stadt, wohin kein Würzburger je hinkommt.
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Nein, das ist mein Würzburg nicht mehr.

Nicht das Würzburg, dessen man sich erinnern würde. Das ist tot, wie so viele es sind, deren ich mich hier erinnerte.

Aber schon während ich dies niederschreibe, weiß ich, daß es nicht stimmt. Diejenigen, die heute jung sind, werden sich, wenn sie erst alt werden, mit Vergnügen und vielleicht auch mit Wehmut des Würzburgs ihrer Jugend erinnern.

Etwa die angehenden katholischen Priester, die jetzt Fußball spielen - dort, wo früher die Synagoge stand und meine erste Schule. Das Wort Jean Pauls über die Erinnerung gilt auch für sie. Gilt für alle. Und wird immer für alle gelten. Dies nicht zu begreifen ist eigentlich undankbar. Und das will ich nicht sein.

Ich habe keinen Grund dazu. Mein Leben war vollgepfropft mit bedeutenden, interessanten, amüsanten Menschen, mit seltsamen und oft tragischen Ereignissen. Und am Ende ....

Es ist erst ein paar Jahre her, da stellte sich für mich heraus, daß die Vergangenheit noch gar nicht versunken ist. Das ist eine merkwürdige Geschichte.
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Ich komme zurück auf Ewald, meinen Jugendfreund

Ewald, mein Jugendfreund, der, als Hitler kam, nach Palästina und dann in die Sowjetunion auswanderte, wo er von dem damaligen Volksbeauftragten Lunatscharsky aufs liebenswürdigste empfangen wurde.

Im Zuge der Säuberung wurde er dann verhaftet, in einer Zelle, die sechs Untersuchungsgefangenen kaum genügend Raum bieten würde, mit etwa dreißig eingekerkert; schließlich wegen Spionage zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Spionage! Ewald und Spionage! Fünf Jahre! Völliger Schwachsinn - in Russland.

Das schien indessen seinen Mitgefangenen das große Los. Aber in diese fünf Jahre hinein fiel der Kriegsausbruch, und da war an die Entlassung eines Spions natürlich nicht zu denken. Und auch nachher dachte Stalin nicht daran, Ewald oder seine Mitgefangenen freizugeben.
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Auch Ewalds Frau kam in ein Lager - in ein anderes als er.

Viel, viel später, so Anfang der 1950er Jahre, tauchte sie in Wien auf; sie meldete sich bei mir, in der wohl naheliegenden Hoffnung, ich würde ihr, der es nicht besonders gut ging, aushelfen.

Sie erzählte, sie habe in ihrem Lager vom Tod Ewalds erfahren. Und sie hatte kurz entschlossen einen Wiener, der ebenfalls interniert war, aber in der nächsten Zeit entlassen werden sollte, geheiratet. So war sie auch freigekommen und mit ihrem zweiten Mann nach Wien gefahren.

Sie wiederholte mehrere Male, Ewald sei tot, daran könne gar nicht gezweifelt werden. Und ich hatte keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln.
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Und dann kam ein Brief .........

Und dann kam ein Brief, von meinem Verlag gesandt, und darin lag ein zweiter Brief: ,Lieber Curt, ich hoffe, dies Schreiben erreicht dich. Ich lebe ..."
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Ewald lebt.

Und wieder in Moskau. Er hatte auf einem internationalen Kongreß von Psychiatern einen deutschen Kollegen getroffen und ihn gefragt, ob er zufällig etwas von mir wisse. Der Mann hatte einige meiner Bücher gelesen. Er wußte nicht, wo ich lebte, aber er kannte meinen Verlag, und über den erreichte mich also Ewalds Brief.

In dem war auch vermerkt, man könne mit ihm telephonieren. Und eine Stunde später sprach ich mit ihm. Eine fremde Stimme. Aber je länger ich mit ihm sprach, um so vertrauter wurde sie mir.

Das wiederholte sich, als ich ein paar Wochen später nach Moskau flog.
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Er kam in mein Hotelzimmer. Ewald ... ?

Ein mir fremder Herr. Nicht einmal so alt aussehend, nur leicht ergraut. Sehr schlank. Aber als er mich am selben Abend abholte, um mich in seine Wohnung zu bringen und zu seiner Frau, die er noch im Lager geheiratet hatte, war er für mich schon wieder ganz der alte Ewald.

Er hatte insgesamt achtzehn Jahre Lager hinter sich, verschiedene Lager, auch Sibirien. Es war ihm wohl, wenn man davon absieht, nicht allzu schlecht ergangen, er sagte es wenigstens, man ließ die Menschen zwar auch in sowjetischen Lagern sterben, aber man brachte sie nicht um.

Man wollte sie, wenn möglich, am Leben erhalten, schon um ihre Arbeitskraft zu nutzen. Und Ewald war immer Lagerarzt gewesen, und das war fast so wie König des Lagers, das manchmal um die 60.000 „Bewohner" hatte.

Er lebte allein in einer Baracke oder in einem Zelt, er konnte entscheiden, wer zu krank oder zu schwach war, um zur Arbeit geschickt zu werden, wer zusätzliche Rationen oder Medizinen benötigte.
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Eines Tages wurde Ewald nach Moskau zurückgeholt

Eines Tages - es war schon nach der Chruschtschow-Rede im Februar 1956 vor dem 20. Parteikongreß, in der er sich von Stalin und seinen Methoden distanzierte - wurde Ewald nach Moskau zurückgeholt. Er erklärte, nur mit seiner Frau kommen zu wollen, und auch das wurde ihm gestattet. Ein hoher Beamter des Gesundheitswesens bedeutete ihm, man wünsche, daß er eine leitende Stellung in einer großen Klinik übernehme. Er war verblüfft.

Hatte man ihn denn rehabilitiert?

Der Beamte schien ihn nicht zu verstehen. Er sei, natürlich, nicht rehabilitiert, denn eine Verhaftung, eine Verurteilung, eine Haft - dies alles habe nie stattgefunden.

Und dann? Ewald nahm natürlich die Stelle an, die übrigens verhältnismäßig gut bezahlt war. Auch bekam er drei Monatsgehälter extra für die achtzehn Jahre, die nie stattgefunden hatten.

Und auf seine Reklamation, er brauche auch außerhalb der Arbeitszeit eine gewisse Ruhe - eine Zwei-Zimmer-Wohnung, und das in Moskau, wo immer noch mehrere Familien in einer Wohnung hausen müssen. Das war, in der Tat, eine hohe Auszeichnung!
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Eine Wohnung ? Na ja ....

Auf einem anderen Blatt steht, daß die Wohnung so klein ist und so primitiv, daß man sie einer Putzfrau oder einem Privatchauffeur im Westen nicht anbieten dürfte.

Und daß Ewald und seine Frau nicht hungern müssen, aber immer nur das kaufen können, was es gerade gibt. Und daß jede Mahlzeit lange Reisen durch Moskau voraussetzt und den Besuch von zahlreichen Lebensmittelläden.

Und daß der Erwerb eines Kleides oder eines Anzuges fast unmöglich, obwohl in der Theorie eine Selbstverständlichkeit ist.

Auch darf Ewald das Land nicht verlassen und die Internationalen Kongresse, zu denen er ständig eingeladen wird, nur besuchen, wenn sie in der DDR oder in einem anderen Ostblockland stattfinden. So bleibt er in mancherlei Beziehung weiterhin ein Gefangener.
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„Man gewöhnt sich an alles."

Aber, wie er sagt: „Man gewöhnt sich an alles." Wirklich? Warum muß man das? Warum muß Ewald das? Wo ist da eine Gerechtigkeit? Warum hat er nicht das Leben leben dürfen, für das er doch vorbestimmt war?

Wir sprachen über vieles. Vor allem darüber, wie es uns ergangen war. Und ich fühlte mich ein bißchen beschämt darüber, wie gut es mir eigentlich ergangen ist im Vergleich zu ihm, obwohl ich ja wirklich sein Schicksal nicht verschuldet habe.

Oder doch? Ich war es schließlich gewesen, der die Verbindung mit der Sowjetunion hergestellt hatte. Wenn Ewald in Palästina geblieben wäre ...

Wenn Ewald mir, übrigens keineswegs mit Selbstmitleid, erzählte, wie das Leben in der Sowjetunion vor sich ginge und was alles passierte oder nicht passierte, fragte ich immer wieder: „Warum?"

Und Ewald: „Das ist eben so! Man gewöhnt sich an alles."
Als ich innerhalb der nächsten Tage wohl zum tausendsten Mal
„Warum?" gefragt hatte, brachen er und seine Frau in Gelächter aus. „Du fragst immer nur, warum."

„Aber es ist doch wirklich sehr seltsam, was du mir da erzählst ..."
„Man gewöhnt sich an alles."
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Ewald wußte wirklich nur wenig was gerade in der Welt vor sich ging

Wir sprachen auch über das, was gerade in der Welt vor sich ging, und von dem wußte Ewald wirklich nur wenig. Zum Beispiel wußte er noch zwei Jahre nach dem Einfall der sowjetischen Soldaten in die Tschechoslowakei nichts von dieser Geschichte und auch fast nichts von der Unterdrückung des ungarischen Aufstandes durch die Russen.

Er wußte also wirklich nicht viel, aber er ahnte manches, denn was die Nachrichten in den sowjetischen Zeitungen anbetraf, war er recht skeptisch. Und das waren auch die Russen, die ich durch ihn kennenlernte, darunter Solschenizyn, der schon damals, drei Jahre bevor er abgeschoben wurde, einen erstaunlichen Mut entwickelte, wenn es galt, Kritik am Regime zu üben.

Kaum einer von den Russen, die ich kennenlernte, hatte Angst, seine Meinung zu äußern. Auch nicht mir gegenüber, einem „Westlichen". Sie alle schienen zu denken, was Solschenizyn mir gegenüber in die Worte kleidete: „Was können sie mir schon noch tun?"
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Solschenizyn sagte „Was können sie mir schon noch tun?"

Aber Ewald redete wenig über Politik - damals, als ich ihn wiederfand - und tut es auch seither nicht, wenn ich ihn sehe. Denn ich besuche ihn fast jedes Jahr.

Wir sprechen meist von längst vergangenen Zeiten. Von unserer Jugend. Wir erinnern uns der Lehrer, die lange tot sein müssen, und ihrer Schrullen, und der Mitschüler, die auch nicht mehr leben. Und wir reden von unseren ersten Mädchen und Frauen. Und von den Opern, die wir damals hörten.

Manchmal frage ich mich, ob ich nicht etwas versäumt habe und wie und wann ich sterben werde - und mit mir werden ja auch meine Erinnerungen sterben. Vielleicht habe ich nicht zuletzt deshalb dies alles aufgeschrieben.

Ist es nicht ein Happyend? Der erste Freund meines Lebens, der mir wichtigste, der mir liebste - verloren und wiedergefunden.

Wenn man das in einem Roman läse, würde man darüber lachen. Zu unwahrscheinlich! Aber das Leben ist immer ein wenig unwahrscheinlich.
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„Weißt du noch, damals . . ."

Vielleicht war Ewalds Leben voller als das meine, weil er so vieles erleiden mußte und Menschen - in Gefängnissen und Lagern -so intensiv kennenlernte wie kaum jemand sonst. Vielleicht hat er darum eine so genaue Erinnerung an unsere gemeinsame Jugend behalten.



„Weißt du noch, damals . . ."

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Geschrieben in 1977 - Curt Riess ist 91 Jahre alt geworden.

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