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Die Lebensbiografie von Curt Riess - geschrieben 1977

Der Schriftsteller Curt Riess (1902-1993 †) hatte 1956/57 und 1958 zwei Bücher über den Deutschen Film geschrieben. Als Emigrant in den USA und dann Auslands-Korrspondent und später als Presseoffizier im besetzten Nachkriegs-Berlin kam er mit den intessantentesten Menschen zusammen, also nicht nur mit Filmleuten, auch mit Politikern. Die Biografien und Ereignisse hat er - seit 1952 in der Schweiz lebend - in mehreren Büchern - wie hier auch - in einer umschreibenden - nicht immer historisch korrekten - "Roman-Form" erzählt. Auch in diesem Buch gibt es neben den "Aufzählungen von Tatsachen" jede Menge Hintergrund- Informationen über seinen Werdegang, seine Reisen und das Entstehen der Filme, über die Schauspieler und Stars, das jeweilige politische Umfeld und die politische Einflußnahme. Die einführende Seite finden Sie hier.

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(3) Was man so Spionage nennt

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OSS - "Office of Strategie Service"

Allen Dulles war, um es gleich hier zu sagen, einer der leitenden Männer des OSS - "Office of Strategie Service". Unter diesem Decknamen verbarg sich das häßliche Wort Spionage. Die OSS gehörte, respektive unterstand der Armee. Die Idee zur Schaffung dieser außerordentlich interessanten und auch nützlichen Organisation hatte ein Oberst namens Donovan gegeben, der früher bei der Intelligence gewesen war.

Das Entscheidende der OSS bestand darin, daß sie überall stationiert wurde, wo es möglich war - also in der Schweiz, nicht in Deutschland, also in Schweden, aber nicht in Norwegen et cetera -, und daß ihr Apparat denkbar klein war. So entfiel die zeitraubende Bürokratie.

Allen Dulles arbeitete fast unsichtbar

Allen Dulles war ein geradezu idealer Mann für die OSS. Er war nämlich gescheit, er hatte eine außerordentliche Kenntnis der Welt, und zwar nicht nur vom Schreibtisch her. Er arbeitete fast unsichtbar. Ihn interessierte überhaupt keine persönliche Publicity oder eine für die OSS.

Amüsant ist, daß ich viel später, als ich nach Berlin eingerückt war, zufällig in Zehlendorf ein Gebäude sah, in dem die OSS Quartier finden wollte. Allen Dulles war noch nicht in Berlin. Zu meiner Verblüffung sah ich, daß deutsche Arbeiter im Begriff standen - wohl auf Geheiß irgendwelcher amerikanischen Militärs, die nicht bei Tröste waren -, die Buchstaben OSS über den Eingang des Gebäudes zu malen. Ich unternahm sofort Schritte, damit dies unterblieb.

Allen Dulles war ziemlich entsetzt, als ich ihm das ein paar Tage später, als er - im Spätsommer 1945 - nach Berlin kam, erzählte.

Er war der Mann, der die CIA gründete

Aber er selbst verfiel nachher gerade in diesen Fehler, sich und seine Organisation bekanntzumachen, nämlich als er nach dem Krieg die CIA gründete. Man bedenke: Jahrelang war im Telefonbuch von Washington zu finden, wo die CIA stationiert war und welche Telefonanschlüsse sie hatte.

Man wird einwenden, das hätten die Gegner - zum Beispiel die Russen - auch so herausgekriegt. Aber soll man es den Gegnern allzu leicht machen? Überhaupt war die CIA genau das Gegenteil von dem, was Allen Dulles mit seiner OSS zum Erfolg verholfen hatte: eine Unmenge von Agenten und damit das Aufhören jeder Diskretion oder gar Geheimhaltung.

Aber die OSS - das ist eine andere Geschichte.
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Hier komme ich zurück in den November 1943 in Bern

Ich hatte nie viel von der amerikanischen Intelligence, zu deutsch Spionageorganisation, gehalten. Meine Skepsis sollte sich auch 1943 in Bern bewahrheiten.

Allen Dulles wollte wissen: „Hat man Ihnen Geld mitgegeben?" - „Ja, tausend Dollar und an die hundert Schweizer Franken." - Er schimpfte: „Diese Idioten! Was soll ich mit Dollars?"

Er erklärte mir dann, der Dollar sei augenblicklich (Ende 1943) in der Schweiz kaum zu verkaufen. Bei den Banken erhielte man knapp die Hälfte seines Wertes in Franken. „Die Schweiz ist ja eingeschlossen und kann also mit Dollars nichts anfangen, das heißt, keine Waren dafür importieren. Was sie liebend gern täte. Nach Kriegsende wird sich das natürlich schlagartig ändern. Aber bis dahin ..."

Er schob mir ein Paket Schweizer Franken über den Tisch, ich glaube, es waren fünfhundert oder vielleicht etwas mehr. „Das müßten die Kerle in London und Washington doch wissen! Aber die wissen offenbar überhaupt nichts!"
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Auch der Chef Allen Dulles wußte natürlich nicht alles .......

..... - und das hätte mich den Kopf kosten können. Zum Beispiel, daß der Inhaber eines deutschen Passes, den er mir übergab, ein Mann, der vor ungefähr einem Vierteljahr zu uns übergelaufen war, längst von den Nazibehörden, vermutlich der Gestapo, gesucht wurde, jedenfalls auf allen Fahndungslisten stand. Hätte ich den Paß öfter vorzeigen müssen ...

Darum ging es nämlich: Ich sollte von der Schweiz aus nach Deutschland einreisen. Und dort spionieren. Nein, keine geheimen Papiere einsehen oder gar an mich bringen, nicht das Vertrauen hochgestellter Persönlichkeiten oder deren Untergebenen erschleichen - so abenteuerlich war das alles doch nicht.

Ich sollte die Stimmung der Bevölkerung erkunden. War man kriegsmüde? Was dachten oder äußerten die Ausgebombten? Standen sie noch immer hinter ihrem Führer oder hatten sie die Nase voll? Wie würden sie sich im Falle eines Militärputsches oder einer alliierten Invasion verhalten? Würden sie eingeschleuste Agenten oder auch nur feindliche Piloten verbergen oder ausliefern? Hatten sie Angst vor ihrem Blockwart? Hatten sie überhaupt Angst?
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Die Aufgabe war schon etwas schwierig bzw. riskant

Alles in allem ein paar Dutzend Fragen, die auswendig zu lernen nicht weiter schwierig war - eine ergab sich aus der anderen.
Ich sollte herausfinden, wie die Leute in Deutschland dachten, der sogenannte Mann auf der Straße, die durchschnittliche Hausfrau. Das war gar nicht so einfach, wie sich das jetzt liest.


Nach so vielen Jahren Hitler-Regime waren die Leute vorsichtig in ihren Äußerungen. Ich fand in der Zeit, in der ich in Deutschland dergestalt „arbeitete", keinen einzigen Menschen, der mir ohne weiteres die Wahrheit darüber gesagt hätte, was er dachte, was er glaubte, was er befürchtete.
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Der direkte Kontakt zu den Deutschen war sehr selten

Aber ich trat ja nicht als völlig Fremder an sie heran. Durch Vermittlung unserer in Deutschland stationierten Agenten sprach ich mit Menschen, die wußten oder zumindest ahnten, was ich war.

Und die hatten wiederum mit anderen Leuten gesprochen. Wenn man mit einem Menschen in einer kleinen Stadt richtig reden konnte, so bedeutete das, daß man erfuhr, was zwei oder drei Dutzend Menschen dachten, die er gut genug kannte, um zu wissen, wie sie zu der Hitler-Regierung und zum Krieg standen.
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Was die Leute sagten? Sie waren alle sehr kriegsmüde.

Aber die meisten - und das faszinierte mich immer wieder - waren der Überzeugung, der Krieg sei etwas Unabänderliches. Wenn man ihnen entgegenhielt, der Krieg könnte ja an dem Tag zu Ende sein, an dem Hitler und Himmler und Goebbels nichts mehr zu sagen hätten, zuckten sie mit den Achseln. Sie glaubten einfach nicht, daß dieser Tag je kommen würde.

Die Zahl derer, die an einen hundertprozentigen deutschen Sieg glaubten, war gering. Ich vermute, daß nach meinem privaten Gallup-Poll (das waren die ersten professionellen Meinungsumfragen / Meinungsforschungen) etwa einer unter fünfundzwanzig oder dreißig ernstlich an einen deutschen Endsieg glaubte.
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Und immer wieder die Geschichte mit der „Wunderwaffe"

Dann war da auch die Geschichte mit der „Wunderwaffe". Um die Zeit, da ich meine Reisen nach Deutschland unternahm, war schon von ihr die Rede. Allerdings nicht in dem Maße wie später. An die Existenz einer neuen Geheimwaffe, die Hitler noch einsetzen würde, glaubten mehr Menschen als an den Endsieg. Und sie
dachten, diese Waffe würde vielleicht doch noch ein honoriges Ende ermöglichen.

Aber die weitaus große Majorität, ich würde sagen etwa neunzig Prozent aller Menschen, deren Ansichten ich kennenlernte, wollten über die Zukunft überhaupt nicht nachdenken.
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Die Menschen interessierten sich nicht mehr viel für Politik

Und dies war das wirklich Erstaunliche - oder, wenn man will, auch gar nicht so erstaunlich: die Menschen interessierten sich nicht mehr für die „großen Ereignisse", sie interessierten sich nur noch für die kleinen.

Würde ihre Stadt bombardiert werden? Würde es nächste Woche auf die Lebensmittelkarten wieder mehr Fleisch geben oder mehr Butter oder was immer es gerade nicht gab? Wann würde endlich mal wieder eine Nachricht von ihrem Sohn kommen, der an irgendeiner Front war?

Verständlich, daß die Menschen Angst um ihre Väter und Söhne hatten, die ja stündlich oder täglich fallen konnten. Aber den einen Schritt weiter taten sie nicht: nämlich diejenigen zu verdammen, die schließlich schuld waren an dem Einsatz ihrer Nächsten an der Front.
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Die Indoktrination der NS-Propaganda hatte Erfolg

Einige, ich würde sagen, etwa zwanzig Prozent derer, deren Ansichten ich direkt oder indirekt zu hören bekam, glaubten nach wie vor, alles sei die Schuld der Engländer oder der Juden. Bei den meisten setzte der Verstand aus, wenn es um die Schuldfrage ging.
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Die Menschen wurden nur noch gleichgültig

Wenn ich fragte: „Kann man denn damit nicht Schluß machen?" - was ich 1943, immerhin zu einer Zeit, da deutsche Städte schon heftig bombardiert wurden, Stalingrad schon dreihunderttausend Deutschen das Leben gekostet hatte, eigentlich jeden Tag an drei oder vier verschiedenen Orten tat -, war die Antwort ein Achselzucken. Und allenfalls ein: „Ich weiß nicht."

Wohlgemerkt, es handelte sich bei den Antwortenden keineswegs um Leute, die ich auf der Straße ansprach - das hätte ich nicht riskieren können, sie hätten mir, wie schon oben gesagt, natürlich gar keine Antwort gegeben.

Es handelte sich um die Leute, die mir vertrauen durften oder jedenfalls glaubten, mir vertrauen zu dürfen, von unseren Agenten Ausgesuchte.

Heute glaube ich, daß der Grund dafür, daß der Krieg so lange dauerte, unter anderem auch in der Tatsache zu suchen ist, daß die Menschen gleichgültig wurden.
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Nach Deutschland hinein zu kommen war recht einfach.

Es gab ja noch Züge rein nach Deutschland, wenn auch nur wenige, und sie wurden, erstaunlicherweise, nicht besonders genau kontrolliert.

Im Gegensatz zu den Zügen in umgekehrter Richtung raus aus Deutschland. Die Gefahr aufzufallen war nicht allzu groß, denn damals, im Spätherbst 1943, wurden bereits so viele Städte in Deutschland bombardiert, daß überall, besonders auf den schwerbeschädigten Bahnhöfen, ein unbeschreiblicher Wirrwarr herrschte.

Papiere? Bei eventuellen Kontrollen mußte man nur sagen, sie seien verbrannt, das war auch in vielen Fällen so und konnte ja in der Eile nicht nachgeprüft werden. So weit, so gut.

Die Schwierigkeiten begannen damit, daß durch diese Bombardements viele Treffs unserer Agenten sich verzögerten oder ganz ins Wasser fielen. Die Wohnung, das Haus, wo wir uns hätten sprechen sollen, lag oft in Trümmern. Meist fand ich trotzdem die Gesuchten, oder sie mich. Wenn auch mit Verspätung.
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Keine Besuche in Berlin, Heidelberg, Würzburg

Damals suchten so viele Deutsche Angehörige oder Freunde, daß diesbezügliche Fragen in der Nachbarschaft nicht weiter auffielen. Eine gewisse Gefahr drohte, zumindest theoretisch, in Städten, in denen man mich hätte erkennen können, also in Berlin, Heidelberg, Würzburg, aber die blieben begreiflicherweise ausgespart. Das hatte ich zur Bedingung gemacht.

Ein nicht zu unterschätzendes Problem bestand darin, daß ich mir keinerlei Notizen machen durfte. Ich mußte alles im Kopf behalten. Problem Nummer zwei war, daß ich an keinem Ort lange, oder jedenfalls nicht länger als vierundzwanzig Stunden bleiben sollte - sonst hätte ich doch auffallen können.

Und es war nicht immer leicht, pünktlich abzureisen oder anzukommen, es war in den Stunden nach oder während der Bombardierungen geradezu unmöglich. Manchmal hätte man denken können, die alliierten Luftstreitkräfte besäßen eine Kopie meiner Reiseroute und bombardierten immer nur dort, wohin ich gerade fahren wollte.
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Mein erster deutscher Pass war schlecht "gefälscht"

Das Schlimmste - für mich - waren die in den Berner „Küchen" begangenen Fehler. Nachdem man dort zwei Tage nach meiner ersten Abfahrt entdeckt hatte, daß ich mit einem „heißen Paß" unterwegs war, und während des Rests meiner Reise doch etwas um mich zitterte - die Erkundigungsfahrten dauerten jeweils fünf bis sechs Tage -, gab man mir den frisierten Paß eines Schweizers.

Niemand, auch ich nicht, kam auf die doch naheliegende Idee, daß bei einer Kontrolle auch nur eine einzige Frage auf Schwyzerdütsch mich entlarvt hätte. Keine der mehr als zwanzig Abarten dieser Sprache kann man nämlich als Ausländer erlernen, es sei denn im zartesten Kindesalter, in dem ich mich ja nun nicht mehr befand.

Erst bei der dritten Fahrt war ich im Besitz eines von uns selbst fabrizierten synthetischen Passes, mit dem ich mich einigermaßen sicher fühlen durfte.

Dafür besaß ich Lebensmittelkarten, die erst in ein oder zwei Wochen zur Ausgabe gelangen sollten. Das fiel einer Kellnerin auf, die den Besitzer des Restaurants benachrichtigte. Ich sah, wie die beiden miteinander tuschelten, und schmerzhaft wurde mir der Unterschied bewußt zwischen Realität und Film, wo der Zuschauer immer auch darüber im Bilde ist, was die „andere Seite" vermutet, weiß oder beschließt.

Übrigens geschah nichts weiter. Der Restaurateur vermutete wohl, daß ich eine sehr hochgestellte Persönlichkeit in der Partei sei, die ihre Marken schon früher als gewöhnliche Sterbliche bekam. Aber vielleicht hielt er mich auch für das, was ich war, und war insgeheim auf meiner Seite.

Ich habe das nie herausbekommen. Ich bezahlte sehr schnell meine Zeche und entfernte mich. Und als ich aus dem Lokal und um die Ecke war, begann ich zu rennen.
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Die Rückreise: Sie fand nie per Bahn statt.

Ich hatte ja keine für jeden Bewohner Deutschlands notwendige Ausreisegenehmigung. Ich ging an einem vorher verabredeten Abend gegen 20 Uhr an eine Stelle des dort sehr schmalen Rheins, an der er die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz bildet, unweit des Schweizer Städtchens Stein am Rhein. Dort sollte ich bis 21 Uhr warten.

In dieser Zeit würde ein Ruderboot erscheinen, um mich abzuholen. Falls eine deutsche Grenzkontrolle des Weges käme, sollte ich einen Spaziergänger mimen - bei völliger Finsternis übrigens! - und dann wieder zu der ursprünglichen Stelle zurückkehren.

Kam das Ruderboot nicht bis 21 Uhr, sollte ich im nächsten Städtchen übernachten und es am folgenden Abend wieder probieren. Das mit dem Übernachten war gar nicht so einfach, denn jedes Hotel war mit Flüchtlingen vollgestopft. Aber irgendwie fand ich stets etwas.

Und wenn es am nächsten Abend wieder nicht klappte, sollte es der folgende sein. Übrigens klappte es immer gleich beim ersten Mal.
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Beim 7.Mal bing es beinahe schief

Nur bei der letzten, der siebenten Exkursion, nicht. Ich wartete an dem Abend vergeblich. Am zweiten Abend ebenfalls. Am dritten ergriff mich Panik. Ich hatte von weitem eine Grenzkontrolle gesehen und war nicht sicher, ob man mich nicht aufgespürt hatte.

Und ich war überzeugt, daß ich nicht mehr an den Ort meiner letzten Übernachtung zurückkehren konnte - das würde auffallen, man würde mir Fragen stellen, mich festnehmen.

Zweifellos waren meine Nerven doch etwas zu strapaziert, denn ich wartete nicht bis 21 Uhr, zog mich aus, machte ein Bündel von meinen Sachen und stürzte mich in die Fluten.

Es waren nur wenige Meter, ich würde sagen etwa dreißig oder vierzig, aber es war sehr, sehr kalt. Nur wenige Grade über Null.

Das Durchschwimmen des Rheins dauerte sicher nicht mehr als eine knappe Minute, dann war ich am anderen Ufer und in der Schweiz. Just in diesem Augenblick sprangen drei unserer Leute aus einem soeben ankommenden Auto, wollten das Boot vom Dach nehmen, hörten meine leisen Rufe, stürzten sich auf mich, zogen mich in den Wagen, rieben mich mit Decken ab, und los ging's in Richtung Bern. Fast die ganze Zeit über rieben sie mich warm und trocken.

Aber meine Zähne hörten nicht auf zu klappern.
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In der "Küche" gabs erst mal einen Whisky

Allen Dulles empfing mich in seiner Küche und drückte mir einen Whisky in die Hand. Einer unserer Leute holte trockene Sachen für mich. Noch während ich mich anzog, besser, noch während man mich anzog, begann ich zu diktieren, der Sekretärin, die sich eingefunden hatte.

Ich diktierte - ich weiß es, als wäre es gestern gewesen - knapp drei Stunden, pausenlos, alles, was ich erlebt, beobachtet, herausgefunden hatte. Vier Sekretärinnen, die sich immer wieder abwechselten.

Ich war entschlossen, alles „loszuwerden" - morgen würde ich vielleicht das eine oder andere vergessen haben.

Allen verließ keinen Augenblick den Raum - die Küche also. In regelmäßigen Abständen versorgte er mich mit Whisky. Als ich fertig war, fühlte ich mich erstaunlich wohl.
„Noch einen Drink?" - „Ich mache mir selbst einen", sagte ich, stand auf und ging auf das Büfett zu. Zwei, drei Schritte. Das war das letzte, woran ich mich noch erinnere.
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Auch als Agent kann man krank werden

Als ich wieder aufwachte, in einem fremden Zimmer, in einem fremden Bett, wußte ich nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Eine Stunde? Eine Nacht? Wie ich von Allen Dulles erfuhr: mehr als zwei Tage. „In einem fort . . ."

Ich fühlte mich elend. Kein Wunder, ich war sehr krank.
„Nützt nichts. Du mußt hier fort. Denn die Behörden haben Wind bekommen. Ich schlage vor - Zürich."

Ich zog mich mühsam mit seiner Hilfe an. Einer seiner Männer war zum „Metropole" gefahren, hatte meine Rechnung bezahlt, das wenige, das ich mir inzwischen angeschafft hatte, zusammengepackt.

Allen Dulles: „Mein Rat! Geh in ein Hotel, in dem du unbekannt bist." - „Ich wohnte in den letzten Wochen im ,Bellerive*, wenn ich in Zürich war." - „Also nicht das ,Bellerive'. Geh ins ,Urban'. Ein kleines Hotel, fünfzig Meter vom Bellevue. Aber verläßlich. Du weißt, was ich meine."

Ich verstand. Ich bestieg mühsam ein Taxi. Ich setzte mich auf eine Bank im Berner Hauptbahnhof. Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Sie kamen mir vor wie zehn Jahre. Ich glaubte, sterben zu müssen. Vor Schwäche. Endlich der Zug. Ein junger Mann half mir beim Einsteigen. Er setzte sich dann ins selbe Abteil - schräg gegenüber von mir. Wir waren und blieben allein.
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Offensichtlich waren die schweizer Behörden gut informiert

„Die Behörden!" hatte Allen Dulles gesagt. Was konnte er damit gemeint haben? Sicher nicht die Schweizer. Die wußten längst von meiner Aufgabe. Das wiederum wußte ich.

Denn ungefähr zehn Tage nach meiner Ankunft in der Schweiz hatte ich - übrigens in Zürich, eben im Hotel „Bellerive", einen Besuch erhalten. Der ältere, hagere Mann hatte nicht einmal angeklopft.

Er sagte: „Es fällt uns auf, daß Sie immer denselben Anzug tragen."
Ich sagte, ich besäße keinen anderen.
„Und amerikanische Militärhemden und amerikanische Militärschuhe."
„Ich trage gelbe Hemden und braune Schuhe."
„Sie haben natürlich keine anderen?" Dies ohne Sarkasmus.
„Ich kann keine kaufen. In der Schweiz ist ja alles rationiert."

Der Mann schwieg. Dann grüßte er kurz und verschwand.
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Und ganz schnell kam ein ein misteröser Umschlag

Eine Stunde später wurde beim Portier ein Umschlag für mich abgegeben. Er enthielt Marken für mindestens drei Anzüge, Hemden, Strümpfe, Schuhe. Die Sendung war von keinem Kommentar begleitet. Auch kein Absender war genannt.

Es gab nur eine Erklärung: Der Mann kam von einer Schweizer Stelle. Und warum wollte man dort, daß ich mich „neutraler" anziehen konnte? Der einzig mögliche Grund: Man wollte sich nicht von den Deutschen sagen lassen, daß man einen amerikanischen Agenten beherberge. Und die Behörden, von denen Allan Dulles gesprochen hatte, konnten also nur deutsche Agenten sein.

Mein Blick fiel auf den jungen Mann im Coupe. Kein Zweifel: Über den Rand seiner Zeitung hinweg beobachtete er mich. Ich wurde panisch. Die Gestapo? Würde man es wagen, hier, mitten in einem neutralen Land . . .?
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Zürich. Ich stieg aus.

Ich fand ein Taxi, ein mit Holzkohle getriebenes Gefährt. „Hotel Urban!" Ein kleines Hotel, ein freundlicher Portier, der mich besorgt betrachtete. Später erzählte er mir, ich hätte mehr tot als lebendig ausgesehen. Das Zimmer. Behutsam öffnete ich den kleinen Koffer, holte meinen Pyjama heraus, kroch ins Bett und bekam einen Schüttelfrost.

Dann horchte ich auf. Schritte auf dem Korridor. Hatte ich die Tür abgeschlossen? Ich hatte sie nicht abgeschlossen. Sie öffnete sich. Der junge Mann aus dem Coupe stand vor mir. Ich wollte schreien. Er legte den Finger auf seinen Mund. „Schönen Gruß von Mr. D. Ich wollte nur sehen, ob Sie gut angekommen sind."

Ich wußte nicht, ob ich ihm glauben sollte. Er musterte mich. „Mein Gott, wie sehen Sie aus! Ein Arzt muß her."

Er telefonierte mit dem Portier. Dann mit einem Arzt in der Nachbarschaft. Meier hieß er oder Müller. Er sagte, er habe jetzt keine Zeit für einen Besuch. Aber vom Hotel zu seiner Praxis seien es nur fünfzig Meter. Ich sollte am besten gleich kommen.

Mühsames Anziehen. Ein paar Schritte, vorbei an dem erstaunten Portier, auf die Straße hinaus, die nächste Straße links hinunter, vorbei an dem Restaurant Kronenhalle, das in späteren Jahren zu einer Art Hauptquartier für mich werden sollte.

Dr. Meier oder Müller praktizierte im dritten Stock eines Hauses ohne Fahrstuhl. Es war für mich der Himalaja. Er ließ mich übrigens sofort vor. „Mein Gott! In diesem Zustand gehen Sie auf die Straße?" rief er, nach meinem Puls greifend.
Ich war zu schwach, ihm zu antworten, daß er es ja so verlangt habe.
„Sie gehen sofort wieder ins Hotel zurück. Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen!"

Und plötzlich war ich in einem Krankenhaus

Übrigens, ich habe ihn nie wieder gesehen. Was nicht ausschließt, daß er mich gesehen hat. Sicher ist er ins Hotel gekommen, um mich zu untersuchen. Er veranlaßte, daß ich in ein Krankenhaus überführt wurde. Ich selbst wußte davon nichts. Ich war nur halb bei Bewußtsein oder gar nicht. Ich delirierte.

Ich weiß noch: ein stets wiederkehrender Traum war, daß ich über Würzburg mit dem Fallschirm absprang. Und daß ich dort von zahlreichen Familienmitgliedern umringt wurde, die, wie ich wußte, längst tot waren - von einigen wußte ich es freilich noch nicht, sie waren gerade in jenen Tagen, im Herbst 1943 also, von Würzburg in das Konzentrationslager Theresienstadt und von dort nach Auschwitz gebracht worden.
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Noch ein Fiebertraum im Krankenhaus

Ein anderer Traum: Ich komme mit dem Fallschirm nach Berlin. Aber dort erkennt mich niemand. Es gab zwar viele Bekannte auf der Straße, aber keiner wußte, wer ich war, und keiner schien es unnatürlich zu finden, daß da einer mit einem Fallschirm herunterkam. Viele der mir wohlbekannten Straßen und Häuser waren zerbombt.

Ein Traum, der mich später oft verwunderte. Denn ich hatte dieses im Krieg zerbombte Berlin ja noch nicht gesehen. Ich wußte nur aus den Kriegsberichten, daß Berlin ziemlich häufig von Bombern heimgesucht wurde.

Ich nahm also im Traum vorweg, was ich rund achtzehn Monate später mit eigenen Augen sehen sollte ............
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Berlin aus heutiger Sicht (aus der Sicht von 1977 !)

Berlin. Ich sehe es heute, da ich diese Zeilen schreibe, nicht in Schutt und Asche ... auch nicht so, wie die Stadt in den fünfziger Jahren wieder erstand .. . Ich sehe die Stadt, wie ich sie als Zwölfjähriger zum ersten Mal in meinem Leben sah ...
Berlin faszinierte mich. Freilich, ich hatte auch ein wenig Angst vor dieser Stadt, die doch um einiges größer war als Würzburg.

Man hatte es mir vorher gesagt. Aber so groß! Die Fahrt vom Anhalter Bahnhof, unweit des Potsdamer Platzes, bis zum Bayrischen Platz, dort wohnten wir, hatte mit dem elektrischen Automobil, das, wie ich glaube, soeben erst erfunden war und nicht lange leben sollte, fast eine halbe Stunde gedauert. Dabei fuhr das Taxi zuweilen bis zu dreißig Stundenkilometer - man bedenke!

Und gleich am Potsdamer Platz - das erste Wunder. Ein Schutzmann, der, auf einem Podest stehend, den Verkehr regelte. Den Verkehr!

Dieses Wort hatte man in Würzburg nicht einmal dem Namen nach gekannt. Und auch nicht gewußt, daß alle Fahrzeuge rechts fahren mußten. In Würzburg fuhr man, wenn überhaupt, wo und wie man wollte. Nur an der Löwenbrücke sorgte ein behelmter Schutzmann, der einzige, den ich in der Stadt je gesehen hatte, dafür, daß wir Schüler stets auf der rechten Seite gingen. Es bereitete ihm offenbar Vergnügen, uns seine Macht spüren zu lassen, will sagen, uns auf die „richtige" Seite zu jagen; vielleicht wäre die Brücke sonst unter unserem Gewicht eingestürzt.
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In Berlin gab es nun wirklich Verkehr

Hier auf dem Potsdamer Platz gab es nun wirklich Verkehr, viele Autos, oft zehn oder fünfzehn zur gleichen Zeit aus vier Richtungen; und sie wurden von dem Schutzmann dirigiert wie das Orchester im Würzburger Stadttheater.

Auf dem Weg nach Hause kamen wir an vielen Schildern vorbei, die ein großes U zeigten. Dies, so erklärte man mir, sei die Untergrundbahn. Ich hatte nie eine solche gesehen, nicht einmal gewußt, daß es so etwas gab. Rosa übrigens auch nicht.

Eine Bahn, die sozusagen immer durch einen Tunnel fuhr. Das mußte ich sehen! Und ging schon am nächsten Morgen, trotz ausdrücklichen Verbots meiner Mutter, die mir versprach, mich demnächst in die Untergrundbahn mitzunehmen - aber was war schon „demnächst"? -, die Stufen zu der nahe gelegenen Untergrundbahnstation Bayrischer Platz hinunter, entrichtete zehn Pfennige und war also im Tunnel.

Ich hatte mir vorgenommen, zwei Stationen in einer Richtung zu fahren und dann in der entgegengesetzten Richtung zurückzufahren - da konnte doch wahrhaftig nichts passieren!

Trotzdem - ich fand den Ausgang nicht mehr. Jedenfalls kam er mir anders vor als beim Einstieg. Kein Wunder, die Station Bayrischer Platz hatte zwei Ein- respektive Ausgänge. Ich irrte umher, fuhr von neuem los, sah mich bereits „auf ewig" verloren wie das Kind in einem Buch von Charles Dickens, das sich in London verläuft, und war den Tränen nah.
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Eine sehr elegante und komfortable Wohnung mit Zentralheizung

Bis ich dann doch nach Hause kam. Das war eine sehr elegante und komfortable Sechszimmerwohnung mit Zentralheizung, wie es sie in Würzburg natürlich nicht gab, durch die aber Rosa stark entlastet wurde. Mich interessierte weniger die Zentralheizung, um so mehr der Lift.

Man bedenke: ein Mietshaus mit Lift! Diese Maschinerie war an sich für mich nichts Neues - ich hatte sie in den Hotels in Ostende, Blankenberge, St. Moritz, Marienbad und wohin immer ich mitgenommen wurde gebührend bestaunt. Aber nun konnte ich sogar ganz allein in einem Lift hinauf- oder hinunterfahren.

Davon machte ich ausgiebig Gebrauch. Ich zweifle nicht, daß viele Bewohner unseres Hauses mich verfluchten, wenn ich hemmungs- und unterbrechungslos von dem Beförderungsmittel Gebrauch machte, nur zu meinem Vergnügen, und sie zwang, den Aufstieg zu ihren Wohnungen zu Fuß vorzunehmen.

Meine Mutter hatte früher oft die Bemerkung gemacht - im Scherz natürlich und lange vor dem Unfall und der Erkrankung meines Vaters, ich habe diese Worte noch im Ohr: „Wenn einer von uns beiden stirbt, ziehe ich nach Berlin."
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Wenn einer von uns beiden stirbt, ziehe ich nach Berlin

Und das tat sie auch. - Sie hatte viele und gute Gründe dafür. In Würzburg war sie die Witwe schlechthin. Man - vor allem natürlich die Familie meines Vaters, geführt von meinem cholerischen Onkel Adolf - konnte sich nicht vorstellen, daß eine hübsche Frau, Mitte Dreißig, bei aller Liebe zu ihrem verstorbenen Mann, sich nun nicht, ähnlich den indischen Witwen, verbrennen oder doch zumindest lebendig begraben lassen wollte.

Und nichts anderes wäre für sie ein Leben in Würzburg gewesen. Denn wenngleich sie - dies sage ich aus späterer Sicht - durchaus kein Kind von Traurigkeit war, befand sie sich doch in der kleinen Stadt ständig unter Aufsicht. Nicht zuletzt durch Onkel Adolf und seine ihr nicht sehr gewogene Frau, der schönen Tante Thekla, die nun wiederum durchaus ein Kind von Traurigkeit, will sagen, eine ganz entsetzliche Spießerin war - was ich damals alles nicht ahnte.
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Mutter "werde" demnächst wieder heiraten

Meine Mutter fuhr also gelegentlich auf Besuch zu ihrer dort lebenden, ebenfalls verwitweten Schwester in die Hauptstadt. Und kehrte eines Tages mit der Nachricht zurück, sie werde demnächst wieder heiraten.

Ein recht wohlhabender Kaufmann, Mitinhaber eines Geschäftes ähnlicher Art wie das unsrige in Würzburg, hatte sich in sie verliebt. Erkundigungen, die ihre Familie - ich fürchte, gar nicht allzu diskret - einholte, dürften befriedigend verlaufen sein, was Vermögen und Einkommen des Bräutigams anging. Aber da blieb noch eine Frage von Bedeutung. War er . . .?

Er war, wie ein Bruder meiner Mutter, der stets witzige Onkel Rudolf, schließlich aufatmend bekräftigen konnte. Um diese Feststellung zu machen, war er während eines Abendessens in irgendeinem Restaurant Herrn Carl Riess auf die Herrentoilette gefolgt. Er hatte sich sofort mit Späherblicken davon überzeugt, daß mein zukünftiger Stiefvater kein Christ sein konnte.
So war das damals noch.
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Unser Mädchen Rosa mußte mit nach Berlin

Ich erfuhr die Neuigkeit, nicht die soeben angedeutete, sondern die von der bevorstehenden Verheiratung meiner Mutter, durch Rosa. Die war ganz in Tränen. Die Vorstellung, sich von mir trennen zu müssen, ging über ihre Kräfte. Aber dahin sollte es gar nicht kommen.

Selbstverständlich würde sie nach Berlin mitgehen, dekretierte meine Mutter. Für Rosa, die aus einem Dorf kam, war schon Würzburg eine recht große Stadt. Und nun gar Berlin! Eine Stadt, von der man sich im Kloster sicher nicht viel Vertrauenerweckendes erzählte.

Aber Rosa hatte keine Wahl. Da war ja ich. Ich, der überhaupt nicht begriff, welches Opfer sie meinetwillen brachte. Denn, um es gleich zu sagen: in Berlin wurde sie nie recht heimisch. Dort waren nicht die ihr vertrauten Schwestern, nicht das Kloster, nicht die Kirche, nicht das Kirchengeläute.
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Mehr als eine Reise für Rosa und mich -ab nach Berlin

Ich fuhr also nach Berlin, das heißt, "ich und Rosa" fuhren. Und das war mehr als eine Reise, ein Umzug, eine Umschulung. Das war der Anfang eines Schicksals, das ich immer wieder erleiden sollte.

Das war der Beginn des roten Fadens, der sich durch alle folgenden Jahre zog. Das Schicksal! Vielleicht ist der Ausdruck ein wenig pathetisch. War es nicht Schicksal, keine eigentliche Heimat zu besitzen, keinen festen Standort, immer wieder emigrieren zu müssen, wenn ich das damals auch nur „reisen" nannte?

Ich bekam zu den zwei Familien, die ich ja schon hatte, noch eine dritte; eine dritte Großmutter, zwei neue Tanten und zumindest einen Onkel, ganz zu schweigen von den anderen zahlreichen Mitgliedern der Familie Riess und den ihr verwandten und verschwägerten Familien.

Ich bekam, natürlich, neue Schulkameraden und Freunde meines Alters. Und neue Lehrer.
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Nur eine neue Heimat bekam ich nicht.

Es sollte lange dauern, fast ein Vierteljahrhundert, bis ich begriff, daß ich zu denen zählte, die im tiefsten Sinne des Wortes keine Heimat haben dürfen. Das empfand ich übrigens niemals als Tragödie - und damals schon gar nicht.

Die Schule war für mich entgegen den Befürchtungen meiner Mutter kein Problem. Ich durfte eine Schülermütze tragen, die prompt gekauft wurde, mit dem Kennzeichen für Quarta.

Das Lernen fiel mir nicht schwer. Das war auch früher nicht der Fall gewesen, ich hatte schon immer die Begabung, etwas sehr schnell aufzufassen, allerdings wenn möglich noch schneller wieder zu vergessen, falls ich es nicht mehr brauchte.

Die Lehrer waren viel netter als die betont-angeberischen und manchmal sadistisch strengen königlich-bayrischen Professoren in Würzburg. Die in Berlin waren lustig, aufgeschlossen, fanden alles halb so wichtig.
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Mein Freund Ewald - ein Leben lang

Was es ja auch war : Das Wichtigste, ....... oder soll ich sagen: das Beste an meiner Schule war für mich Ewald, einer meiner Klassenkameraden. Wir mochten uns auf Anhieb. Schon am zweiten oder dritten Tag lud ich ihn nachmittags zu mir ein - in Berlin gab es nachmittags keine Schule, im Gegensatz zu Würzburg -, und einen Tag später war ich sein Gast, zum Abendessen, Stullen natürlich, was anderes wäre in Berlin undenkbar gewesen! Meine Mutter wiederum hielt auf warmes Abendbrot nach Würzburger Art, viele, viele Jahre lang.

Ewald. Ein ungemein aufgeweckter und sehr klug aussehender Knabe mit Brille. Wir wurden bald unzertrennlich. Ich hatte bisher viele Freundschaften gehabt, aber keinen Freund. Jetzt hatte ich einen. Ich konnte mir das Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen.

Wir hatten auch die gleichen Interessen - Musik, Literatur. Aber das war nicht das Entscheidende. Entscheidend war, ja, was eigentlich? Sicher ist es nicht übertrieben zu sagen, daß trotz vieler Zwischenfälle in unserem Leben wir, obwohl heute (1977) durch Welten getrennt und durch einen eisernen Vorhang, Freunde geblieben sind.
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Steinam sieht immer aus, als ob er sich gewaschen hätte

Viele beneideten mich, weil ich eigentlich immer sehr sauber aussah. Ich sage: aussah, denn ich war es wohl ebensowenig wie meine Kameraden. Sie sagten auch: „Steinam sieht immer aus, als ob er sich gewaschen hätte." Wohlgemerkt: als ob. Kaum ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Jahren wäscht sich, zumindest nicht freiwillig. Und ich bildete da keine Ausnahme.

Vielleicht hatte mein äußeres Aussehen auch damit zu tun, daß ich nie Pickel hatte, wie sie in den Jahren der Pubertät so oft die Gesichter der Jungens verunstalten.

Nicht nur Ewald mochte mich. Man darf sagen, daß alle in der Klasse mich mochten, die Lehrer und auch die Mitschüler. Ich stelle das fest, ohne mir darauf etwas einzubilden. Der Grund dafür war nämlich nicht ich, sondern mein fränkisch-bayrischer Dialekt. Den fanden die kleinen wie die großen Berliner sehr drollig, und sie konnten nie genug davon zu hören bekommen.
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Mein Berliner Fahrer meines Jeeps

Dreißig Jahre später hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Ich fuhr in amerikanischer Uniform durch die amerikanische Zone des geteilten Deutschland - aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun.

Jeden Abend, gleichgültig ob in Frankfurt, Nürnberg, München oder kleineren Städten, gab ich dem Berliner Fahrer meines Jeeps die Liste der Adressen, die ich am nächsten Tag aufsuchen mußte.

Seine Aufgabe: sich zurechtzufragen, so daß es dann am folgenden Tag keine Verzögerungen gab.

Einmal, in München, hielt der Jeep plötzlich an, und mein Fahrer fragte einen Passanten nach einer bestimmten Adresse.

„Aber das hätten Sie doch gestern abend feststellen müssen!"
Und er: „Ick weess, ick wees ja ooch, wo wir hinfahren. Ick wollte bloß nochmal frajen. Ick hör' die Leute jar zu jerne."
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Warum sind Bayern in Berlin oder Hamburg so populär

Damals, in meiner Jugend, dauerte es einige Zeit, bis ich die Ursache meiner unbestreitbaren Popularität herausfand; und noch viel länger, zwanzig, dreißig Jahre länger, bis ich ein Phänomen feststellte, dessen Erklärung ich bis heute nicht gefunden habe.

Nämlich: Warum sind Österreicher oder Bayern in Berlin oder Hamburg so populär, warum sind die Berliner in Bayern Saupreußen, in Wien Piefkes?

Warum lächelt jeder Pariser, wenn einer aus Marseille den Mund auftut? Warum findet man in Marseille - ich meine im Volk - die Pariser unerträglich? Warum kann ein Automobilist aus Atlanta New Yorker Einbahnstraßen in verbotener Richtung fahren, ohne sich mehr als einen leichten Verweis einzuhandeln, während ein New Yorker in Memphis bei einem minderen Vergehen auf die Polizeiwache muß? Warum ist der Süden im Norden so populär und der Norden im Süden so unbeliebt?

Ich war jedenfalls lange Zeit Nutznießer dieses Tatbestandes, zumindest bis auch ich zu berlinern begann.
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Ich lebte mich schnell in Berlin ein

...., und es gefiel mir ungemein. Kein Kopf Steinpflaster, sondern asphaltierte Straßen. Verkehr, Betrieb. Alles so groß! Alles so modern! Würzburg kam mir im Vergleich dazu wie ein altes Kaff vor.

Ich wußte es damals nicht besser. Ich war, schon lange vor Kennedy, ein Berliner- und zwar mit Herz und Seele.

Schwieriger war schon mein Verhältnis zu dem neuen Vater, wenn auch nicht annähernd so schwierig, wie es hätte sein können. Natürlich gab es keinen Vergleich zu dem verstorbenen Vater, der eben ein sehr attraktiver Mann gewesen war- das hatte ich ja noch mitbekommen -, und dem neuen, der klein und glatzköpfig war.

Aber da er mich wohl ganz nett fand - auch hier, und überhaupt bei seiner Familie, spielte meine Mundart eine Rolle - und da er entschlossen war, mich nicht fühlen zu lassen, daß ich ein Stiefkind war, verwöhnte er mich fast hemmungslos.

Übrigens hatte er viel Verständnis für meine sogenannten künstlerischen Interessen, die noch in den Kinderschuhen steckten (welch fürchterliche Metapher!), ging selbst gern in Konzerte, interessierte sich für Theater, war auch in anderer Hinsicht aufgeschlossen - in welchem Maße, sollte ich erst später ganz erfassen.
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Unsere Rosa haßte ihn, und er mochte Rosa nicht ...

Er war ihr zu preußisch, und die Tatsache, daß er mir gegenüber, wenn auch in mildester Form, eine gewisse Autorität zu wahren trachtete, brachte sie der Raserei nahe. Wenn ich noch ein drittes Stück Braten haben wollte und er fand, ich hätte genug gegessen - und das hatte ich fast immer und oft ein bißchen zuviel -, gab sie mir ostentativ noch ein Stück.

„Wenn er doch Hunger hat!" war ihre Begründung. Mein neuer Vater mochte Sauerbraten nicht, den er, übrigens fälschlicherweise, für ein süddeutsches Gericht hielt, aber er mußte es, mein Leibgericht, oft essen, bis er ziemlich entschieden dagegen protestierte.

Darauf bekam er jeweils ein Schnitzel vorgesetzt, wenn meine Mutter und ich Sauerbraten aßen. Etwas anderes: Er erhielt nie einen besonderen Teller für den Salat, obwohl er sich das sehnlichst wünschte, denn Rosa fand: „Im Magen kommt doch alles zusammen!"

Es konnte nicht gut gehen und ging letzten Endes auch nicht gut. Eines Tages packte Rosa weinend ihre Koffer. Ich war damals übrigens schon siebzehn und nicht mehr der kleine Junge, als den sie mich stets behandelt hatte. Trotzdem: ich heulte wie ein Kind, als sie uns verließ.
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